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Full text of "Grundlagen der geometrie"

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BERKEI 

LIBR  A 

UNJVERSITY  OF 
\CAUFORNJA 


V 


6 


MATH.- 
ST  AT. 


GRUNDLAGEN  DER  GEOMETRIE 


VON 


Dr.  DAVID  HILBERT, 

O.    PROFESSOR    AN    DER    UNIVERSITÄT    GÖTTINGEN. 


ZWEITE,  DURCH  ZUSÄTZE  VERMEHRTE  UND  MIT  FÜNF  ANHÄNGEN 
VERSEHENE  AUFLAGE. 


MIT   ZAHLREICHEN   IN   DEN   TEXT   GEDRUCKTEN   FIGUREN. 


LEIPZIG, 
DRUCK  UND  VERLAG  VON  B.  ö.  TEUBNER. 

1903. 


MATH-STAT. 


ALLE  EECHTE,  EINSCHLIESZLICH  DBS  ÜBEESETZUNGSEECHTS,  VOBBEHALTEN. 


TU,. 

.T. 
L132ARY 


Inhalt. 

Grundlagen  der  Geometrie. 

Aus  der  Festschrift  zur  Feier  der  Enthüllung  des  Gauß  -Weber  -  Denkmals  in  Göttingen,  Leipzig  1899. 

Seite 

Einleitung 1 

Kapitel  I.   Die  fünf  Axiomgruppen. 

§     1.     Die  Elemente  der  Geometrie  und  die  fünf  Axiomgruppen 2 

§     2.     Die  Axiomgruppe  I:    Axiome  der  Verknüpfung 2 

§     3.     Die  Axiomgruppe  II:    Axiome  der  Anordnung 4 

§     4.     Folgerungen  aus  den  Axiomen  der  Verknüpfung  und  der  Anordnung    .    .  5 

§     5.     Die  Axiompruppe  III:    Axiome  der  Kongruenz 7 

§     6.     Folgerungen  aus  den  Axiomen  der  Kongruenz 10 

§     7.     Die  Axiomgruppe  IV:    Axiom  der  Parallelen  (Euklidisches  Axiom)     ...  15 

§     8.     Die  Axiomgruppe  V:   Axiome  der  Stetigkeit 16 

Kapitel  IL   Die  Widerspruchslosigkeit  und  gegenseitige  Unabhängigkeit 

der  Axiome. 

§     9.     Die  Widerspruchslosigkeit  der  Axiome 18 

§  10.     Die  Unabhängigkeit  des  Parallelenaxioms  (Nicht-Euklidische  Geometrie)  .  20 

§  11.     Die  Unabhängigkeit  der  Kongruenzaxiome 20 

§  12.     Die    Unabhängigkeit     der     Stetigkeitsaxiome    V     (Nicht  -  Archimedische 

Geometrie) 22 

Kapitel  III.   Die  Lehre  von  den  Proportionen. 

§  13.     Komplexe  Zahlensysteme 24 

§  14.     Beweis  des  Pascalschen  Satzes 26 

§  15.     Die  Streckenrechnung  auf  Grund  des  Pascalschen  Satzes 31 

§  16.     Die  Proportionen  und  die  Ähnlichkeitssätze 35 

§  17.     Die  Gleichungen  der  Geraden  und  Ebenen 36 

Kapitel  IV.   Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene. 

§  18.     Die  Zerlegungsgleichheit  und  Inhaltsgleichheit  von  Polygonen 39 

§  19.     Parallelogramme  und  Dreiecke  mit  gleicher  Grundlinie  und  Höhe  ....  41 

§  20.     Das  Inhaltsmaß  von  Dreiecken  und  Polygonen 42 

§  21.     Die  Inhaltsgleichheit  und  das  Inhaltsmaß 45 

Kapitel  V.   Der  Desarguessche  Satz. 
§  22.     Der  Desarguessche  Satz  und  der  Beweis  desselben  in  der  Ebene  mit  Hilfe 

der  Kongruenzaxiome 47 

§  23.     Die  Nichtbeweisbarkeit   des  Desarguesschen  Satzes    in  der  Ebene    ohne 

Hilfe  der  Kongruenzaxiome 49 


M775838 


IV  Inhalt. 

Seite 

§  24.     Einführung  einer  Streckenrechnung  ohne  Hilfe  der  Kongruenzaxiome  auf 

Grund  des  Desarguesschen  Satzes 53 

§  25.     Das   kommutative   und    assoziative    Gesetz    der   Addition   in    der   neuen 

Streckenrechnung 55 

§  26.     Das   assoziative  Gesetz   der  Multiplikation   und  die  beiden   distributiven 

Gesetze  in  der  neuen  Streckenrechnung 56 

§  27.  Die  Gleichung  der  Geraden  auf  Grund  der  neuen  Streckenrechnung  ...  60 
§  28.  Der  Inbegriff  der  Strecken  aufgefaßt  als  komplexes  Zahlensystem  ....  63 
§  29.     Aufbau    einer   räumlichen    Geometrie    mit    Hilfe    eines    Desarguesschen 

Zahlensystems 64 

§  30.     Die  Bedeutung  des  Desarguesschen  Satzes 66 

Kapitel  VI.  Der  Pascalsche  Satz. 

§  31.     Zwei  Sätze  über  die  Beweisbarkeit  des  Pascalschen  Satzes 67 

§  32.  Das  kommutative  Gesetz  der  Multiplikation  im  Archimedischen  Zahlen- 
system  68 

§  33.     Das   kommutative   Gesetz    der   Multiplikation   im  Nicht -Archimedischen 

Zahlensystem 69 

§  34.     Beweis  der  beiden  Sätze   über  den  Pascalschen  Satz  (Nicht -Pascalsche 

Geometrie) 71 

§  35.     Beweis  eines  beliebigen    Schnittpunktsatzes   mittels    des   Desarguesschen 

und  des  Pascalschen  Satzes 72 

Kapitel  VII.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I— IV. 
§  36.     Die  geometrischen  Konstruktionen  mittels  Lineals  und  Eichmaßes  ....     73 
§  37.     Analytische  Darstellung  der  Koordinaten  konstruierbarer  Punkte    ....     76 
§  38.     Die  Darstellung  algebraischer  Zahlen  und  ganzer  rationaler  Funktionen 

als  Summe  von  Quadraten 78 

§  39.     Kriterium  für  die  Ausführbarkeit  geometrischer    Konstruktionen    mittels 

Lineals  und  Eichmaßes 79 

Schlußwort 82 

Anhang  I. 

Über    die   gerade   Linie    als   kürzeste   Verbindung    zweier   Punkte,    aus    Math. 

Ann.  Bd.  46 83 

Anhang  II. 
Über  den  Satz  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck, 

aus  den  Proceedings  of  the  London  Math.  Society  Vol.  35 88 

Anhang  III. 
Neue   Begründung   der  Bolyai-Lobatschefsky sehen  Geometrie,    aus  Math.  Ann. 

Bd.  57  1903 107 

Anhang  IV. 
Über  die  Grundlagen  der  Geometrie,  aus  Math.  Ann.  Bd.  56  1902 121 

Anhang  V. 
Über  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung,  aus  den  Transactions  of  the 

Americain  Math.  Society  Vol.  2  1901 162 


Verzeichnis  der  Begriffsnamen. 


Verzeichnis  der  Begriffsnamen. 


Die   den  Begriffsnamen  beigefügten  Zahlen  bezeichnen   diejenigen   Seiten   des   Buches,    auf   denen   der 

Begriff  erklärt  ist. 


Axiom  der  Abgeschlossenheit  des  Systems 
der  Bewegungen  125. 

—  Archimedisches  16,  92. 

—  der  Gruppeneigenschaft   des    Systems 
der  Bewegungen  124. 

—  der  Dreiv  ikskongruenz  9. 

—  der  Dreieckskongruenz  in  engerer  Fas- 
sung 91. 

—  der  Nachbarschaft  92. 

—  Parallelen-  15,  92. 

—  sich  schneidender   und   nicht   schnei- 
dender Geraden  109. 

—  der  unendlichen  Anzahl  der  Drehungen 
124. 

—  Vollständigkeits-  16. 

Axiome  der  Anordnung  4,  83,  89,  108. 

—  der  Kongruenz  7,  90,  108. 

—  der  Stetigkeit  16,  84,  92. 

—  der  Verknüpfung  2,  83,  89,  107. 

Bewegung  124. 

Desarguesscher  Satz  (Satz  33)  48. 
Drehung  124. 

Ebene  2,  122,  123. 

—  Zahlen-  122. 
Eichmaß  74. 

Elemente  der  linearen  Geometrie  2. 

—  —  ebenen  Geometrie  2. 

räumlichen  Geometrie  2. 

Ende  einer  Halbgeraden  110. 

Figur  14. 

Geometrie,  Nicht-Archimedische  22. 

—  Nicht-Desarguessche  49. 

—  Nicht-Euklidische  20. 

—  Nicht-Pascalsche  71. 

—  Nicht-Pythagoräische  102* 
Gerade  2. 

—  wahre  158. 

Halbdrehung  150. 


Inhaltsgleichheit  39,  101. 
Inhaltsmaß  des  Dreiecks  43. 
Polygons  44. 

Jordansche  Kurve  122. 
Jordansches  Gebiet  122. 

Kongruenz  von  Strecken  7. 

Winkeln  8. 

■*-  —  Dreiecken  10. 

Figuren  14. 

Kreis  16. 

—  wahrer  124. 

—  Zahlen-  128. 

Nebenwinkel  10. 

Parallelenaxiom  15,  92. 
Pascalscher  Satz  (Satz  21)  27. 
Polygon  6. 

—  Zerfallen  und  Zusammensetzen  39. 
Punkt  2,  123. 

Rechter  Winkel  10. 

Scheitelwinkel  10. 

Seite  eines  Punktes  auf  einer  Geraden  6. 

—  einer  Geraden  in  einer  Ebene  6. 

—  einer  Ebene  7. 
Spiegelbild  110. 
Strecke  4. 

Streckenprodukt  32. 
Streckenzug  6. 

Winkel  8. 

Zahlenebene  122. 
Zahlenkreis  128. 
Zahlensystem,  komplexes  26. 

—  Archimedisches  26. 

—  Nicht-Archimedisches  26. 

—  Desarguessches  64. 
Zerlegungsgleichheit  39,  101. 
Zwischen  4. 


So  fängt  denn  alle  menschliche  Erkenntnis 
mit  Anschauungen  an,  geht  von  da  zu  Begriffen 
und  endigt  mit  Ideen. 

Kant,  Kritik  der  reinen  Vernunft, 
Elementarlehre  2.  T.  2.  Abt. 


Einleitung. 

Die  Geometrie  bedarf  —  ebenso  wie  die  Arithmetik  —  zu  ihrem 
folgerichtigen  Aufbau  nur  weniger  und  einfacher  Grundsätze.  Diese  Grund- 
sätze heißen  Axiome  der  Geometrie.  Die  Aufstellung  der  Axiome  der 
Geometrie  und  die  Erforschung  ihres  Zusammenhanges  ist  eine  Aufgabe, 
die  seit  Euklid  in  zahlreichen  vortrefflichen  Abhandlungen  der  mathe- 
matischen Literatur1)  sich  erörtert  findet.  Die  bezeichnete  Aufgabe  läuft 
auf  die  logische  Analyse  unserer  räumlichen  Anschauung  hinaus. 

Die  vorliegende  Untersuchung  ist  ein  neuer  Versuch,  für  die  Geometrie 
ein  vollständiges  und  möglichst  einfaches  System  von  Axiomen  auf- 
zustellen und  aus  denselben  die  wichtigsten  geometrischen  Sätze  in  der 
Weise  abzuleiten,  daß  dabei  die  Bedeutung  der  verschiedenen  Axiom- 
gruppen und  die  Tragweite  der  aus  den  einzelnen  Axiomen  zu  ziehenden 
Folgerungen  möglichst  klar  zu  Tage  tritt. 


1)  Man  vergleiche  die  zusammenfassenden  und  erläuternden  Berichte  von 
G.  Veronese,  „Grundzüge  der  Geometrie",  deutsch  von  A.  Schepp,  Leipzig  1894  (An- 
hang), und  F.  Klein,  „Zur  ersten  Verteilung  des  Lobatschefsky-Vreisea",  Math.  Ann. 
Bd.  50. 


Hilbert,  Grundlagen  der  Geometrie. 


Kapitel  I. 
Die  fünf  Axiomgruppen. 

§  1. 

Die  Elemente  der  Geometrie  und  die  fünf  Axiomgruppen. 

Erklärung.  Wir  denken  drei  verschiedene  Systeme  von  Dingen: 
die  Dinge  des  ersten  Systems  nennen  wir  Punkte  und  bezeichnen  sie  mit 
A,  B,  Ct ...;  die  Dinge  des  zweiten  Systems  nennen  wir  Gerade  und 
bezeichnen  sie  mit  a,b,c,...;  die  Dinge  des  dritten  Systems  nennen 
wir  Ebenen  und  bezeichnen  sie  mit  a,  ß,  f, . . ; ;  die  Punkte  heißen  auch 
die  Elemente  der  linearen  Geometrie,  die  Punkte  und  Geraden  heißen  die 
Elemente  der  ebenen  Geometrie  und  die  Punkte,  Geraden  und  Ebenen  heißen 
die  Elemente  der  räumlichen  Geometrie  oder  des  Raumes. 

Wir  denken  die  Punkte,  Geraden,  Ebenen  in  gewissen  gegenseitigen 
Beziehungen  und  bezeichnen  diese  Beziehungen  durch  Worte  wie  „liegen", 
„zwischen",  „parallel",  „kongruent",  „stetig";  die  genaue  und  voll- 
ständige Beschreibung  dieser  Beziehungen  erfolgt  durch  die  Axiome  der 
Geometrie. 

Die  Axiome  der  Geometrie  gliedern  sich  in  fünf  Gruppen;  jede  ein- 
zelne dieser  Gruppen  drückt  gewisse  zusammengehörige  Grundtatsachen 
unserer  Anschauung  aus.  Wir  benennen  diese  Gruppen  von  Axiomen  in 
folgender  Weise: 

I  1 — 8.  Axiome  der  Verknüpfung, 
II  1 — 4.  Axiome  der  Anordnung, 

EU  1 — 6.  Axiome  der  Kongruenz, 

IV.  Axiom  der  Parallelen, 

V  1 — 2.  Axiome  der  Stetigheit. 

§  2. 
Die  Axiomgruppe  I:  Axiome  der  Verknüpfung. 

Die  Axiome  dieser  Gruppe  stellen  zwischen  den  oben  erklärten  Be- 
griffen Punkte,  Geraden  und  Ebenen  eine  Verknüpfung  her  und  lauten 
wie  folgt: 


Kap.  I.   Die  fünf  Axiomgruppen.     §  2.  3 

I  1.  Zwei  von  einander  verschiedene  Punkte  A,  B  bestimmen  stets  eine 
Gerade  a. 

Statt  „bestimmen"  werden  wir  auch  andere  Wendungen  gebrauchen, 
z.  B.  a  „geht  durch"  A  „und  durch"  B,  a  „verbindet"  A  „und" 
oder  „mit"  B.  Wenn  A  ein  Punkt  ist,  der  mit  einem  anderen  Punkte 
zusammen  die  Gerade  a  bestimmt,  so  gebrauchen  wir  auch  die  Wen- 
dungen: A  „liegt  auf"  a,  A  „ist  ein  Punkt  von"  a,  „es  gibt  den 
Punkt"  A  „auf"  a  u.  s.  w.  Wenn  A  auf  der  Geraden  a  und  außerdem 
auf  einer  anderen  Geraden  b  liegt,  so  gebrauchen  wir  auch  die  Wendung: 
„die  Geraden"  a  „und"  b  „haben  den  Punkt  A  gemein"  u.  s.  w. 

I  2.  Irgend  zwei  voneinander  verschiedene  Punkte  einer  Geraden  be- 
stimmen diese  Gerade. 

I  3.  Auf  einer  Geraden  gibt  es  stets  wenigstens  zwei  Punkte,  in  einer 
Ebene  gibt  es  stets  wenigstens  drei  nicht  auf  einer  Geraden  gelegene  Punkte. 

I  4.  Drei  nicht  auf  ein  und  derselben  Geraden  liegende  Punkte  A,  B,  C 
bestimmen  stets  eine  Ebene  cc. 

Wir  gebrauchen  auch  die  Wendungen:  A,  B,  C  „liegen  in"  cc; 
A,  B,  C  „sind  Punkte  von"  cc  u.  s.  w. 

I  5.  Irgend  drei  Punkte  einer  Ebene,  die  nicht  auf  ein  und  derselben 
Geraden  liegen,  bestimmen  die  Ebene  cc. 

I  6.  Wenn  zwei  Punkte  A,  B  einer  Geraden  a  in  einer  Ebene  cc 
liegen,  so  liegt  jeder  Punkt  von  a  in  der  Ebene  cc. 

In  diesem  Falle  sagen  wir:  die  Gerade  a  liegt  in  der  Ebene  cc 
u.  s.  w. 

I  7.  Wenn  zwei  Ebenen  cc,  ß  einen  Punkt  A  gemein  haben,  so  haben 
sie  wenigstens  noch  einen  weiteren  Punkt  B  gemein. 

18.     Es  gibt  wenigstens  vier  nicht  in  einer  Ebene  gelegene  Punkte. 

Die  Axiome  I  1 — 3  mögen  die  ebenen  Axiome  der  Gruppe  I  heißen 
zum  Unterschied  von  den  Axiomen  I  4 — 8,  die  ich  als  die  räumlichen 
Axiome  der  Gruppe  I  bezeichne. 

Von  den  Sätzen,  die  aus  den  Axiomen  I  1 — 8  folgen,  erwähne  ich 
nur  diese  beiden: 

Satz  1.  Zwei  Geraden  einer  Ebene  haben  einen  oder  keinen  Punkt 
gemein;  zwei  Ebenen  haben  keinen  Punkt  oder  eine  Gerade  gemein;  eine 
Ebene  und  eine  nicht  in  ihr  liegende  Gerade  haben  keinen  oder  einen 
Punkt  gemein. 

Satz  2.  Durch  eine  Gerade  und  einen  nicht  auf  ihr  liegenden  Punkt, 
sowie  auch  durch  zwei  verschiedene  Geraden  mit  einem  gemeinsamen 
Punkt  gibt  es  stets  eine  und  nur  eine  Ebene. 


1* 


4  Kap.  I.   Die  fünf  Axiomgruppen.     §  3. 

§  3. 
Die  Axiomgruppe  II:  Axiome  der  Anordnung1). 

Die  Axiome  dieser  Gruppe  definieren  den  Begriff  „zwischen"  und  er- 
möglichen auf  Grund  dieses  Begriffes  die  Anordnung  der  Punkte  auf  einer 
Geraden,  in  einer  Ebene  und  im  Räume. 

Erklärung.  Die  Punkte  einer  Geraden  stehen  in  gewissen  Be- 
ziehungen zueinander,  zu  deren  Beschreibung  uns  insbesondere  das  Wort 
^wischen"  dient. 

II  1.    Wenn  A,  B,  C  Funkte 

A  7?  C 

-f: ~ einer  Geraden  sind,  und  B  zwi- 


schen A  und  C  liegt,  so  liegt  B 

auch  zwischen  C  und  A. 

II  2.     Wenn  A  und  C  zwei  Punkte  einer   Geraden  sind,  so  gibt  es 

stets  wenigstens   einen  Punkt 

■A                 JB       C             D  B,    der   zwischen   A   und   C 
1                      i 1 1 

liegt,    und    ivenigstens    einen 
Punkt  D,  so  daß  C  zwischen  A  und  T>  liegt. 

II  3.     Unter  irgend  drei  Punkten  einer  Geraden  gibt  es  stets  einen  und 
nur  einen,  der  zwischen  den  beiden  andern  liegt. 

Erklärung.  Wir  betrachten  auf  einer  Geraden  a  zwei  Punkte  A 
und  2?;  wir  nennen  das  System  der  beiden  Punkte  A  und  B  eine  Strecke 
und  bezeichnen  dieselbe  mit  AB  oder  mit  BA.  Die  Punkte  zwischen  A 
und  B  heißen  Punkte  der  Strecke  AB  oder  auch  innerhalb  der  Strecke 
AB  gelegen;  die  Punkte  A,  B  heißen  Endpunkte  der  Strecke  AB.  Alle 
übrigen  Punkte  der  Geraden  a  heißen  außerhalb  der  Strecke  AB  gelegen. 
II  4.     Es  seien  A,  B,  C  drei  nicht  in  gerader  Linie  gelegene  Punkte 

und  a  eine  Gerade  in  der  Ebene  ABC,  die 
keinen  der  Punkte  A,  B,  C  trifft:  wenn  dann 
die  Gerade  a  durch  einen  Punkt  der  Strecke 
AB  geht,  so  geht  sie  gewiß  auch  entweder 
durch  einen  Punkt  der  Strecke  BC  oder 
durch  einen  Punkt  der  Strecke  AC. 

Die  Axiome  II  1 — 3  enthalten  nur  Aus- 
sagen über  die  Punkte  auf  einer  Geraden 
und  mögen  daher  die  linearen  Axiome  der 


1)  Diese  Axiome  hat  zuerst  M.  Pasch  in  seinen  Vorlesungen  über  neuere  Geo- 
metrie, Leipzig  1882,  ausführlich  untersucht.  Insbesondere  rührt  das  Axiom  II  4  in- 
haltlich von  M.  Pasch  her. 


Kap.  I.   Die  fünf  Axiomgruppen.     §  3,  4.  5 

Gruppe  II  heißen;  das  Axiom  II  4  enthält  eine  Aussage  über  die  Elemente 
der  ebenen  Geometrie  und  heiße   daher  das  ebene  Axiom  der  Gruppe  II. 

§4. 
Folgerungen  ans  den  Axiomen  der  Verknüpfung  und  der  Anordnung. 

Aus  den  Axiomen  I  und  II  folgen  die  nachstehenden  Sätze: 

Satz  3.  Zwischen  irgend  zwei  Punkten  einer  Geraden  gibt  es  stets 
unbegrenzt  viele  Punkte. 

Satz  4.  Sind  irgend  vier  Punkte  einer  Geraden  gegeben,  so  lassen 
sich  dieselben  stets  in  der  Weise  mit  A,  B,  C,  D  bezeichnen,  daß  der  mit 
B  bezeichnete  Punkt  zwischen  A  und  C  und  auch  zwischen  A  und  D 
und  ferner  der  mit  C  bezeichnete  Punkt  zwischen  A  und  _D  und  auch 
zwischen  B  und  D  liegt1). 

Satz  5  (Verallgemeinerung  von  Satz  4).  Sind  irgend  eine  endliche 
Anzahl  von  Punkten  einer  Geraden  gegeben,  so  lassen  sich  dieselben  stets 
in  der  Weise  mit  A,  B,  C,  B,  E,  .  .  . ,  K  bezeichnen,  daß  der  mit  B  be- 
zeichnete Punkt  zwischen  A  einerseits  und   C,  B,  E,  .  .  . ,  K  andererseits, 

A         B      C  D     E  K 

*■ »- — . — h — i 1 1 > — 

ferner  C  zwischen  A,  B  einerseits  und  D,  E,  .  .  . ,  K  andererseits,  sodann 
B  zwischen  A,  B,  C  einerseits  und  E,  .  .  . ,  K  andererseits  u.  s.  w.  liegt. 
Außer  dieser  Bezeichnungsweise  gibt  es  nur  noch  die  umgekehrte  Be- 
zeichnungsweise K,  .  .  . ,  E,  B,  C,  B,  A,  die  von  der  nämlichen  Beschaffen- 
heit ist. 

Satz  6.  Jede  Gerade  a,  welche  in  einer  Ebene  a  liegt,  trennt  die  nicht 
auf  ihr  liegenden  Punkte  dieser  Ebene  a  in  zwei  Gebiete,  von  folgender  Be- 
schaffenheit: ein  jeder  Punkt  A 
des  einen  Gebietes  bestimmt 
mit  jedem  Punkt  B  des  an- 
deren  Gebietes   eine   Strecke 

AB,     innerhalb     derer     ein  „^ **L 

Punkt  der  Geraden  a  liegt; 
dagegen  bestimmen  irgend 
zwei  Punkte  A  und  A'  ein 
und  desselben  Gebietes  eine 
Strecke  AA',  welche  keinen  Punkt  von  a  enthält2). 

1)  Dieser  in  der  ersten  Auflage  als  Axiom  bezeichnete  Satz  ist  von  E.  H.  Moore, 
Transactions  of  the  American  Mathematical  Society  1902,  als  eine  Folge  der  auf- 
gestellten ebenen  Axiome  der  Verknüpfung  und  der  Anordnung  erkannt  worden. 

2)  Vgl.  den  Beweis  bei  M.  Pasch  1.  c.  S.  25. 


B 


Kap.  I.   Die  fünf  Axiomgruppen.     §  4. 


Erklärung.  Es  seien  A,  A',  0,  B  vier  Punkte  einer  Geraden  a,  so 
daß  0  zwischen  A  und  B,  aber  nicht  zwischen  A  und  A'  liegt;  dann 
sagen  wir:  die  Punkte  A,  A'  liegen  in  der  Geraden  a  auf  ein  und  der- 
selben Seite  vom  Punkte  0> 

-4         A  O  Jß  und  die  Punkte  A,  B  liegen 

4 1 — , 1 & 

in  der  Geraden  a  auf  ver- 
schiedenen Seiten  vom  Punkte  0.  Die  sämtlichen  auf  ein  und  derselben 
Seite  von  0  gelegenen  Punkte  der  Geraden  a  heißen  auch  ein  von  0 
ausgehender  HaTbstrahl;  somit  teilt  jeder  Punkt  einer  Geraden  diese  in 
zwei  Halbstrahlen. 

Erklärung.  Indem  wir  die  Bezeichnungen  des  Satzes  6  benutzen, 
sagen  wir:  die  Punkte  A,  A'  liegen  in  der  Ebene  a  auf  ein  und  derselben 
Seite  von  der  Geraden  a  und  die  Punkte  A,  B  liegen  in  der  Ebene  a  auf 
verschiedenen  Seiten  von  der  Geraden  a. 

Erklärung.  Ein  System  von  Strecken  AB,  BC,  CD,  .  ..,  KL  heißt 
ein  Streckenzug,  der  die  Punkte  A  und  L  miteinander  verbindet;  dieser 
Streckenzug  wird  auch  kurz  mit  AB  CD  .  .  .  KL  bezeichnet.  Die  Punkte 
innerhalb  der  Strecken  AB,BC,CD,. .  ,KL,  sowie  die  Punkte  A,B,C,D, 
.  .  .,  K,  L  heißen  insgesamt  die  Punkte  des  Streckenzuges.  Fällt  insbeson- 
dere der  Punkt  L  mit  dem  Punkt  A  zusammen,  so  wird  der  Streckenzug 
ein  Polygon  genannt  und  als  Polygon  ABCD  .  .  .  K  bezeichnet.  Die 
Strecken  AB,  BC,  CD,  .  .  . ,  KA  heißen  auch  die  Seiten  des  Polygons. 
Die  Punkte  A,  B,  C,  D,  .  .  . ,  K  heißen  die  Ecken  des  Polygons.  Polygone 
mit  3,  4,  .  .  . ,  n  Ecken  heißen  bez.  Dreiecke,  Vierecke,  .  .  .,  n-Ecke. 

Erklärung.  Wenn  die  Ecken  eines  Polygons  sämtlich  voneinander 
verschieden  sind  und  keine  Ecke  des  Polygons  in  eine  Seite  fällt  und 
endlich  irgend  zwei  Seiten  eines  Polygons  keinen  Punkt  miteinander 
gemein  haben,  so  heißt  das  Polygon  einfach. 

Mit  Zuhilfenahme  des  Satzes  6  gelangen  wir  jetzt  ohne  erhebliche 
Schwierigkeit  zu  folgenden  Sätzen: 

Satz  7.  Ein  jedes  einfache  Po- 
lygon, dessen  Ecken  sämtlich  in  einer 
Ebene  a  liegen,  trennt  die  Punkte 
dieser  Ebene  a,  die  nicht  dem  Strecken- 
zuge des  Polygons  angehören,  in  zwei 
Gebiete,  ein  Inneres  und  ein  Äußeres, 
von  folgender  Beschaffenheit:  ist  A 
ein  Punkt  des  Inneren  (innerer 
Punkt)  und  B  ein  Punkt  des  Äuße- 
ren (äußerer  Punkt),  so  hat  jeder 
Streckenzug,  der  A  mit  B  verbindet, 


Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  4,  5.  7 

mindestens  einen  Punkt  mit  dem  Polygon  gemein;  sind  dagegen  A,  A' 
zwei  Punkte  des  Inneren  und  B,  B'  zwei  Punkte  des  Äußeren,  so  gibt 
es  stets  Streckenzüge,  die  A  mit  Ä  und  B  mit  B'  verbinden  und  keinen 
Punkt  mit  dem  Polygon  gemein  haben.  Es  gibt  Gerade  in  cc,  die  ganz 
im  Äußeren  des  Polygons  verlaufen,  dagegen  keine  solche  Gerade,  die 
ganz  im  Inneren  des  Polygons  verläuft. 

Satz  8.  Jede  Ebene  a  trennt  die  übrigen  Punkte  des  Raumes  in 
zwei  Gebiete  von  folgender  Beschaffenheit:  jeder  Punkt  A  des  einen  Ge- 
bietes bestimmt  mit  jedem  Punkt  B  des  andern  Gebietes  eine  Strecke  AB, 
innerhalb  derer  ein  Punkt  von  a  liegt;  dagegen  bestimmen  irgend  zwei 
Punkte  von  A  und  A  eines  und  desselben  Gebietes  stets  eine  Strecke  A Ä, 
die  keinen  Punkt  von  a  enthält. 

Erklärung,  Indem  wir  die  Bezeichnungen  dieses  Satzes  8  benutzen, 
sagen  wir:  die  Punkte  A,  Ä  liegen  im  Räume  auf  ein  und  derselben  Seite 
von  der  Ebene  a  und  die  Punkte  A,  B  liegen  im  Räume  auf  verschiedenen 
Seiten  von  der  Ebene  a. 

Der  Satz  8  bringt  die  wichtigsten  Tatsachen  betreffs  der  Anordnung 
der  Elemente  im  Räume  zum  Ausdruck;  diese  Tatsachen  sind  daher 
lediglich  Folgerungen  aus  den  bisher  behandelten  Axiomen  und  es  be- 
durfte in  der  Gruppe  II  keines  neuen  räumlichen  Axioms. 

§  5- 
Die  Axiomgruppe  III:    Axiome  der  Kongruenz. 

Die  Axiome  dieser  Gruppe  definieren  den  Begriff  der  Kongruenz 
und  damit  auch  den  der  Bewegung. 

Erklärung.  Die  Strecken  stehen  in  gewissen  Beziehungen  zu- 
einander, zu  deren  Beschreibung  uns  die  Worte  „kongruent"  oder  „gleich" 
dienen. 

III.  1.  Wenn  A,  B  zwei  Tunkte  auf  einer  Geraden  a  und  ferner  Ä 
ein  Punkt  auf  derselben  oder  einer  anderen  Geraden  a  ist,  so  kann  man 
auf  einer  gegebenen  Seite  der  Geraden  a  von  Ä  stets  einen  und  nur 
eitlen  Punkt  B'  finden,  so  daß  die  Strecke  AB  der  Strecke  AB'  kongruent 
oder  gleich  ist,  in  Zeichen: 

AB  =  ÄB. 

Jede  Strecke  ist  sich  selbst  kongruent,  d.  h.  es  ist  stets: 

AB  =  AB    und    AB  =  BA. 

Wir  sagen  auch  kürzer:  eine  jede  Strecke  kann  auf  einer  gegebenen 
Seite  einer  gegebenen  Geraden  von  einem  gegebenen  Punkte  in  eindeutig 
bestimmter  Weise  abgetragen  werden. 


8  Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  6. 

III.  2.  Wenn  eine  Strecke  AB  soivohl  der  Strecke  A'B'  als  auch 
der  Strecke  A"B"  kongruent  ist,  so  ist  auch  A'B'  der  Strecke  A"B"  kon- 
gruent, d.  h.  wenn 

AB  =  A'B    und    AB  =  A"B", 
so  ist  auch 

A'B'  =  A"B". 

III.  3.  Es  seien  AB  und  BC  zwei  Strecken  ohne  gemeinsame  Punkte 
auf  der    Geraden  a  und  ferner   A'B'  und  B'C   zwei  Strecken   auf  der- 

A.  B  C  cu 

— . — f —  i ■  » — 


A'  B'  C  a' 

1 1 1 1 

selben  oder   einer  anderen   Geraden  a   ebenfalls  ohne  gemeinsame  Punkte; 
wenn  dann  , 

AB  =  A'B    und    BC=B'C 
ist,  so  ist  auch  stets 

AC=A'C. 

Erklärung.  Es  sei  cc  eine  beliebige  Ebene  und  h,  k  seien  irgend 
zwei  verschiedene  von  einem  Punkte  0  ausgehende  Halbstrahlen  in  a,  die 
verschiedenen  Geraden  angehören.  Das  System  dieser  beiden  Halb- 
strahlen h,  k  nennen  wir  einen  Winkel  und  bezeichnen  denselben  mit 
<^  (]i,  k)  oder  mit  <^  (k,  h).  Aus  den  Axiomen  II  1 — 4  kann  leicht  ge- 
schlossen werden,  daß  die  Halbstrahlen  h  und  k,  zusammengenommen 
mit  dem  Punkte  0  die  übrigen  Punkte  der  Ebene  a  in  zwei  Gebiete 
von  folgender  Beschaffenheit  teilen:  Ist  A  ein  Punkt  des  einen  und  B 
ein  Punkt  des  anderen  Gebietes,  so  geht  jeder  Streckenzug,  der  A  mit  B 
verbindet,  entweder  durch  0  oder  hat  mit  h  oder  k  wenigstens  einen 
Punkt  gemein;  sind  dagegen  A,  AI  Punkte  desselben  Gebietes,  so  gibt 
es  stets  einen  Streckenzug,  der  A  mit  Ä  verbindet  und  weder  durch  0, 
noch  durch  einen  Punkt  der  Halbstrahlen  h,  k  hindurchläuft.  Eines 
dieser  beiden  Gebiete  ist  vor  dem  anderen  ausgezeichnet,  indem  jede 
Strecke,  die  irgend  zwei  Punkte  dieses  ausgezeichneten  Gebietes  ver- 
bindet, stets  ganz  in  demselben  liegt;  dieses  ausgezeichnete  Gebiet  heiße 
das  Innere  des  Winkels  (h,  k)  zum  Unterschiede  von  dem  anderen  Ge- 
biete, welches  das  Äußere  des  Winkels  (h,  k)  genannt  werden  möge. 
Die  Halbstrahlen  h,  k  heißen  Schenkel  des  Winkels  und  der  Punkt  0 
heißt  der  Scheitel  des  Winkels. 

Erklärung.  Die  Winkel  stehen  in  gewissen  Beziehungen  zueinander, 
zu  deren  Bezeichnung  uns  ebenfalls  die  Worte  „kongruentf1  oder  „gleich11 
dienen. 


Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  5.  9 

III.  4.  Es  sei  ein  Winkel  «$C  (h,  &)  w*  ***«"  -E&ewß  «  und  eine 
Gerade  a  in  einer  Ebene  a,  sowie  eine  bestimmte  Seite  von  a  auf  a  ge- 
geben. Es  bedeute  h'  einen  Halbstrahl  der  Geraden  a,  der  vom  Punkte  0' 
ausgeht:  dann  gibt  es  in  der  Ebene  a  einen  und  nur  einen  Halb- 
strahl k',  so  daß  der  Winkel  (h,  k)  kongruent  oder  gleich  dem  Winkel  (Ji,  kf) 
ist  und  zugleich  alle  inneren  Punkte  des  Winkels  (Ji,  k')  auf  der  gegebenen 
Seite  von  a   liegen,  in  Zeichen: 

^{h}k)^^{h',kr). 

Jeder  Winkel  ist  sich  selbst  kongruent,  d.  h.  es  ist  stets 

-£(Ä,  *)==«£(*,*)    und    ^(h,k)  =  ^C(k,h). 

Wir  sagen  auch  kurz:  ein  jeder  Winkel  kann  in  einer  gegebenen 
Ebene  nach  einer  gegebenen  Seite  an  einen  gegebenen  Halbstrahl  auf 
eine  eindeutig  bestimmte  Weise  abgetragen  werden. 

III.  5.  Wenn  ein  Winkel  (h,  k)  sowohl  dem  Winkel  (Ji,  V)  als  auch 
dem  Winkel  (h",  k")  kongruent  ist,  so  ist  auch  der  Winkel  (Ji,  k')  dem 
Winkel  (h",  k")  kongruent,  d.  h.  wenn 

^(h,k)  =  ^(h',k')     und    ^Qi,k)  =  ^(h",k") 

ist,  so  ist  auch  stets 

^:{hf,k')^^{h",k"). 

Erklärung.  Es  sei  ein  Dreieck  ABC  vorgelegt;  wir  bezeichnen 
die  beiden  von  A  ausgehenden  durch  B  und  C  laufenden  Halbstrahlen 
mit  h  und  k.  Der  Winkel  (h,  k)  heißt  dann  der  von  den  Seiten  AB 
und  AC  eingeschlossene  oder  der  der  Seite  BC  gegenüberliegende  Winkel 
des  Dreieckes  ABC]  er  enthält  in  seinem  Inneren  sämtliche  innere  Punkte 
des  Dreieckes  ABC  und  wird  mit  ^BAC  oder  <£  A  bezeichnet. 

III.  6.     Wenn  für  zwei  Breiecke  ABC  und  ÄHC  die  Kongruenzen 
AB  =  ÄB,    AC  =  A'C,    ^BAC  =  ^B'A'C 
gelten,  so  sind  auch  stets  die  Kongruenzen 

^ABC  =  ^A'BC    und    ^ACB  =  ^ÄC'B' 

erfüllt. 

Die  Axiome  III  1 — 3  enthalten  nur  Aussagen  über  die  Kongruenz 
von  Strecken;  sie  mögen  daher  die  linearen  Axiome  der  Gruppe  III  heißen. 
Die  Axiome  III  4,  5  enthalten  Aussagen  über  die  Kongruenz  von  Winkeln. 
Das  Axiom  III  6  knüpft  das  Band  zwischen  den  Begriffen  der  Kongruenz 
von  Strecken  und  von  Winkeln.  Die  Axiome  III  4—6  enthalten  Aus- 
sagen über  die  Elemente  der  ebenen  Geometrie  und  mögen  daher  die 
ebenen  Axiome  der  Gruppe  HI  heißen. 


10  Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  6. 

§  6. 
Folgerungen  aus  den  Axiomen  der  Kongruenz. 

Erklärung.  Es  sei  die  Strecke  AB  kongruent  der  Strecke  A'B '. 
Da  nach  Axiom  III  1  auch  die  Strecke  AB  kongruent  AB  ist,  so  ist 
nach  Axiom  III  2  auch  AB'  kongruent  AB;  wir  sagen:  die  beiden 
Strecken  AB  und  A'B  sind  untereinander  kongruent. 

Erklärung.  Sind  A,  B,  C,  D}  .  .  .  ,  K,  L  auf  a  und  Ä,  B', 
G,  D',  .  .  .  ,  IC,  L'  auf  a  zwei  Reihen  von  Punkten,  so  daß  die  sämtlichen 
entsprechenden  Strecken  AB  und  AB',  AG  und  A'C,  BC  und  B'C',..., 
KL  und  K'  L'  bez.  einander  kongruent  sind,  so  heißen  die  beiden  Reihen 
von  Punkten  untereinander  kongruent;  A  und  Ä,  B  und  B,  .  .  . ,  L  und  L' 
heißen  die  entsprechenden  Punkte  der  kongruenten  Punktreihen. 

Aus  den  linearen  Axiomen  III  1 — 3  schließen  wir  leicht  fol- 
gende Sätze: 

Satz  9.  Ist  von  zwei  kongruenten  Punktreihen  A,  B,  .  .  . ,  K,  L  und 
Af,  B,  .  .  . ,  K',  L'  die  erste  so  geordnet,  daß  B  zwischen  A  einerseits  und 
C,  D,  .  .  .  ,  K,  L  andererseits,  C  zwischen  A,  B  einerseits  und  I),  .  .  . ,  K,  L 
andererseits,  u.  s.  w.  liegt,  so  sind  die  Punkte  A',  B ,  .  .  .  . ,  K',  L'  auf  die 
gleiche  Weise  geordnet,  d.  h.  B'  liegt  zwischen  A'  einerseits  und  C, 
D'}  .  .  .  ,  K',  L'  andererseits,  G  zwischen  A ,  B'  einerseits  und  U,  .  .  . , 
IT,  1!  andererseits  u.  s.  w. 

Erklärung.  Es  sei  Winkel  Qi,  k)  kongruent  dem  Winkel  (Ji,  k'). 
Da  nach  Axiom  III  4  der  Winkel  Qi,  k)  kongruent  ^£i(h,k)  ist,  so  folgt 
aus  Axiom  III  5,  daß  -^  (Ji,  k')  kongruent  <£  (h,  k)  ist;  wir  sagen:  die 
beiden  Winkel  (h,  k)  und  (Ji,  1c)  sind  untereinander  kongruent. 

Erklärung.  Zwei  Winkel,  die  den  Scheitel  und  einen  Schenkel 
gemein  haben  und  deren  nicht  gemeinsame  Schenkel  eine  gerade  Linie 
bilden,  heißen  Nebenwinkel.  Zwei  Winkel  mit  gemeinsamem  Scheitel, 
deren  Schenkel  je  eine  Gerade  bilden,  heißen  Scheitelwinkel.  Ein  Winkel, 
welcher  einem  seiner  Nebenwinkel  kongruent  ist,  heißt  ein  rechter  Winkel. 

Zwei  Dreiecke  ABC  und  A'B'G  heißen  einander  kongruent,  wenn 
sämtliche  Kongruenzen 

AB  =  ÄB,     ac-äg,     bc=bc, 
^:a  =  ^:ä,  <£#  =  <£#,    «£c  =  ^c 

erfüllt  sind. 

Satz  10  (Erster  Kongruenzsatz  für  Dreiecke).  Wenn  für 
zwei  Dreiecke  ABC  und  A'B G  die  Kongruenzen 

AB=AB,    AC~A'G,    <£A  =  <$:A' 
gelten,  so  sind  die  beiden  Dreiecke  einander  kongruent. 


Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  6.  11 

Beweis.     Nach  Axiom  III  6  sind  die  Kongruenzen 

$:B  =  $:B'   und   ^c  =  ^.c 

erfüllt  und  es  bedarf  somit  nur  des  Nachweises ,  daß  die  Seiten  BC  und 
B'C  einander  kongruent  sind.  Nehmen  wir  nun  im  Gegenteil  an,  es 
wäre    etwa    BC   nicht   kongruent  B'C,   und    bestimmen    auf   B'C    den 

c  c 


Punkt  IX,  so  daß  BC  =  B'D'  wird,  so  stimmen  die  beiden  Dreiecke  ABC 
und  A'B'D'  in  zwei  Seiten  und  dem  von  ihnen  eingeschlossenen  Winkel 
überein;  nach  Axiom  III  6  sind  mithin  insbesondere  die  beiden  Winkel 
^BAC  und  <£  B'A'D'  einander  kongruent.  Nach  Axiom  III  5  müßten 
mithin  auch  die  beiden  Winkel  ^fiB'A'C  und  ^ZB'A'D'  einander  kon- 
gruent ausfallen;  dies  ist  nicht  möglich,  da  nach  Axiom  III  4  ein  jeder 
Winkel  an  einen  gegebenen  Halbstrahl  nach  einer  gegebenen  Seite  in 
einer  Ebene  nur  auf  eine  Weise  abgetragen  werden  kann.  Damit  ist  der 
Beweis  für  Satz  10  vollständig  erbracht. 

Ebenso  leicht  beweisen  wir  die  weitere  Tatsache: 

Satz  11  (Zweiter  Kongruenzsatz  für  Dreiecke).  Wenn  in  zwei 
Dreiecken  je  eine  Seite  und  die  beiden  anliegenden  Winkel  kongruent 
ausfallen,  so  sind  die  Dreiecke  stets  kongruent. 

Wir  sind  nunmehr  im  stände,  die  folgenden  wichtigen  Tatsachen  zu 
beweisen: 

Satz  12.  Wenn  zwei  Winkel  ^C  ABC  und  ^A'B'C  einander 
kongruent  sind,  so  sind  auch  ihre  Nebenwinkel  <£;  CBD  und  ^C  CB  D 
einander  kongruent. 


c 


B 


D 


A' 


B' 


B' 


Beweis.    Wir  wählen  die  Punkte  A,  C,  D'  auf  den  durch  B'  gehenden 
Schenkel  derart,  daß 

ÄB'  =  AB,    C'B'  =  CB,    D'B'  =  DB 
wird.      In    den    beiden    Dreiecken    ABC    und    A'B'C    sind    dann    die 


a. 


Im*J    ''l'^xl^.    II      ^"  t-W^*    <\A^-4XA*A-^     L^Xf     £    )X*~uJlX     Zu>-    f-  <~  <Xa.<*,L.     (Li*. 


12 


Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  6. 


Seiten  AB  und  CB  bez.  den  Seiten  AB'  und  C'B'  kongruent  und,  da 
überdies  die  von  diesen  Seiten  eingeschlossenen  Winkel  nach  Voraus- 
setzung kongruent  sein  sollen,  so  folgt  nach  Satz  10  die  Kongruenz  jener 
Dreiecke,  d.  h.  es  gelten  die  Kongruenzen 

AC=A'C     und     $:BÄC    und     ^B'A'C. 

Da  andererseits  nach  Axiom  III  3  die  Strecken  AB  und  AB'  einander 
kongruent  sind,  so  folgt  wiederum  aus  Satz  10  die  Kongruenz  der  Drei- 
ecke  CAB  und  C AB',  d.  h.  es  gelten  die  Kongruenzen 

CB-C'B'    und    ^ABC=3zÄB'C 

und  hieraus  folgt  mittels  Betrachtung  der  Dreiecke  BGB  und  B'C'B' 
nach  Axiom  III  6  die  Kongruenz  der  Winkel  <^  CBB  und  ^  G'B'B'. 

Eine  unmittelbare  Folgerung  aus  Satz  12  ist  der  Satz  von  der  Kon- 
gruenz der  Scheitelwinkel. 

Satz  13.  Es  sei  der  Wickel  (h,  jfc)  in  der  Ebene  cc  dem  Winkel  (Ji,  Je) 
in  der  Ebene  cc  kongruent  und  ferner  sei  l  ein  Halbstrahl  der  Ebene  cc, 
der  vom  Scheitel  des  Winkels  (Ji,  Je)  ausgeht  und  im  Inneren  dieses  Winkels 
verläuft:  dann  gibt  es  stets  einen  Halbstrahl  V  in  der  Ebene  cc',  der  vom 


Scheitel  des  Winkels  (Ji,  Je)  ausgeht^und  im  Inneren  dieses  Winkels  (Ji,  Je) 
verläuft,  so  daß 

wird. 

Beweis.  Wir  bezeichnen  die  Scheitel  der  Winkel  (h,  Je)  und  Qi,  Je) 
bez.  mit  0,  0'  und  bestimmen  dann  auf  den  Schenkeln  h,k,Ji',Je  die 
Punkte  A,  B,  Ä,  B'  derart,  daß  die  Kongruenzen 

OA=0'Ä    und     OB~0'B' 

erfüllt  sind.  Wegen  der  Kongruenz  der  Dreiecke  OAB  und  O'A'B' 
wird 

AB  =  A'B',    <£  0 AB  =  £  O'A'B',    «£  OBA  =  <£  O'B'Ä. 

Die  Gerade  AB  schneide  l  in  (7;  bestimmen  wir  dann  auf  der  Strecke 
AB'  den  Punkt  C,  so  daß  A'C'  =  AC  wird,  so  ist  O'C  der  gesuchte 
Halbstrahl  V.    In  der  Tat,  aus  AC=A'C  und  AB=  AB'  kann  mittels 


Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  6. 


13 


Axiom  III  3  leicht  die  Kongruenz  BC  =  B'C  geschlossen  werden;  nun- 
mehr erweisen  sich  die  Dreiecke  OAC  und  O'A'C,  sowie  ferner  die 
Dreiecke  OBC  und  O'B'C  untereinander  kongruent;  hieraus  ergeben  sich 
die  Behauptungen  des  Satzes  13. 

Auf  ähnliche  Art  gelangen  wir  zu  folgender  Tatsache: 
Satz  14.     Es  seien  einerseits  h,k,l  und  andererseits  h',k',V  je  drei 
von    einem    Punkte    ausgehende    und  je    in    einer  Ebene    gelegene  Halb- 
strahlen: wenn  dann  die  Kongruenzen 

£(A,0==3:(Ä',r)  und  £(*,  0=^(^0 

erfüllt  sind,  so  ist  stets  auch 

^(h,k)^^(h',k'). 

Auf  Grund  der  Sätze  12  und  13  gelingt  der  Nachweis  des  folgenden 
einfachen  Satzes,  den  Euklid  —  meiner  Meinung  nach  mit  Unrecht  — 
unter  die  Axiome  gestellt  hat: 

Satz  15.     Alle  rechten  Winkel  sind  einander  kongruent. 

Beweis.  Der  Winkel  BAD  sei  seinem  Nebenwinkel  CAD  kongruent 
und  desgleichen  sei  der  Winkel  B'A'D'  seinem  Nebenwinkel  C'A'D'  kon- 
gruent; es  sind  dann  <£  BAD,  <£  CAD,  <£  B'A'D',  <£  C'A'D'  sämtlich 
rechte  Winkel.  Wir  nehmen  im  Gegensatz  zu  unserer  Behauptung  an, 
es    wäre     der    rechte     Winkel    B'A'D'    nicht    kongruent    dem    rechten 


B"  $    D 

i 


B 


B' 


\U 


C    B' 


Ä 


C 


Winkel  BAD,  und  tragen  dann  <£;  B'A'D'  an)[den  Halbstrahl  AB  an, 
so  daß  der  entstehende  Schenkel  AD"  entweder  in  das  Innere  des 
Winkels  BAD  oder  des  Winkels  CAD  fällt;  es  treffe  etwa  die  erstere 
Möglichkeit  zu.  Wegen  der  Kongruenz  der  Winkel  B'A'D'  und  BAD" 
folgt  nach  Satz  12,  daß  auch  der  Winkel  C'A'D'  dem  Winkel  CAD" 
kongruent  ist,  und  da  die  Winkel  B'A'D'  und  C'A'D'  einander  kon- 
gruent  sein  sollen,  so  lehrt  Axiom  IV  5,  daß  auch  der  Winkel  BAD'' 
dem  Winkel  CAD"  kongruent  sein  muß.  Da  ferner  <C  BAD  kongruent 
4£  CAD  ist,  so  können  wir  nach  Satz  13  innerhalb  des  Winkels  CAD 
einen  von  A  ausgehenden  Halbstrahl  AD'"  finden,  so  daß  <£  BAD"  kon- 


14  Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  6. 

gruent  ^C  CAD'"  und  zugleich  <^C  DAD"  kongruent  <£  BAD'"  wird. 
Nun  war  aber  <C  BAD"  kongruent  <£  CAD"  und  somit  müßte  nach 
Axiom  III  5  auch  <^  CAD"  kongruent  CAD"  sein;  das  ist  nicht 
möglich,  weil  nach  Axiom  III  4  ein  jeder  Winkel  an  einen  gegebenen 
Halbstrahl  nach  einer  gegebenen  Seite  in  einer  Ebene  nur  auf  eine 
Weise  abgetragen  werden  kann;  hiermit  ist  der  Beweis  für  Satz  15 
erbracht. 

Wir  können  jetzt  die  Bezeichnungen  „spitzer  Winkel"  und  „stumpfer 
Winkel"  in  bekannter  Weise  einführen. 

Der  Satz  von  der  Kongruenz  der  Basiswinkel  <^C  A  und  <^  B  im 
gleichschenkligen  Dreieck  ABC  folgt  unmittelbar  durch  Anwendung  des 
Axioms  III  6  auf  Dreieck  ABC  und  Dreieck  BAC.  Mit  Hilfe  dieses 
Satzes  und  unter  Hinzuziehung  des  Satzes  14  beweisen  wir  dann  leicht 
in  bekannter  Weise  die  folgende  Tatsache: 

Satz  16  (Dritter  Kongruenzsatz  für  Dreiecke).  Wenn  in 
zwei  Dreiecken  die  drei  Seiten  entsprechend  kongruent  ausfallen,  so  sind 
die  Dreiecke  kongruent. 

Erklärung.  Irgend  eine  endliche  Anzahl  von  Punkten  heißt  eine 
Figur;  liegen  alle  Punkte  der  Figur  in  einer  Ebene,  so  heißt  sie  eine 
ebene  Figur. 

Zwei  Figuren  heißen  kongruent,  wenn  ihre  Punkte  sich  paarweise 
einander  so  zuordnen  lassen,  daß  die  auf  diese  Weise  einander  zugeord- 
neten Strecken  und  Winkel  sämtlich  einander  kongruent  sind. 

Kongruente  Figuren  haben,  wie  man  aus  den  Sätzen  12  und  9  er- 
kennt, folgende  Eigenschaften:  Drei  Punkte  einer  Geraden  liegen  auch 
in  jeder  kongruenten  Figur  auf  einer  Geraden.  Die  Anordnung  der  Punkte 
in  entsprechenden  Ebenen  in  Bezug  auf  entsprechende  Gerade  ist  in  kon- 
gruenten Figuren  die  nämliche;  das  gleiche  gilt  von  der  Reihenfolge  ent- 
sprechender Punkte  in  entsprechenden  Geraden. 

Der  allgemeinste  Kongruenzsatz  für  die  Ebene  und  für  den  Raum 
drückt  sich  wie  folgt  aus: 

Satz  17.  Wenn  (A,  B,C,..  .)  und  (Ä,  B',  C ,  .  .  .)  kongruente 
ebene  Figuren  sind  und  P  einen  Punkt  in  der  Ebene  der  ersten  bedeutet, 
so  läßt  sich  in  der  Ebene  der  zweiten  Figur  stets  ein  Punkt  P'  finden 
derart,  daß  (A,  B,  C,  .  .  .  ,  P)  und  (Ä,  B',  C", .  .  . ,  P')  wieder  kongruente 
Figuren  sind.  Enthält  die  Figur  (A,  B,  C,  .  .  .)  wenigstens  drei  nicht  auf 
einer  Geraden  liegende  Punkte,  so  ist  die  Konstruktion  von  P'  nur  auf 
eine  Weise  möglich. 

Satz  18.  Wenn  (A,  B,  C,  .  .  .)  und  (A',  B',  C,  .  .  .)  kongruente 
Figuren  sind  und  P  einen  beliebigen  Punkt  bedeutet,  so  läßt  sich 
stets   ein   Punkt    P'   finden,    so  daß  die  Figuren  (A,  B,  C,  .  .  . ,  P)    und 


? 


Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  7.  15 

(A'f  B',  C,  .  .  . ,  P')  kongruent  sind.  Enthält  die  Figur  (A,B,C,..  .) 
mindestens  vier  nicht  in  einer  Ebene  liegende  Punkte,  so  ist  die  Kon- 
struktion von  P'  nur  auf  eine  Weise  möglich. 

Der  Satz  18  spricht  das  wichtige  Resultat  aus,  daß  die  sämtlichen 
räumlichen  Tatsachen  der  Kongruenz  und  mithin  der  Bewegung  im 
Räume  —  unter  Hinzuziehung  der  Axiomgruppen  I  und  II  —  Folge- 
rungen aus  den  sechs  oben  aufgestellten  linearen  und  ebenen  Axiomen 
der  Kongruenz  sind. 

§  7. 
Die  Axiomgruppe  IV:    Axiom  der  Parallelen. 

Aus  den  bisherigen  Axiomen  folgt  in  bekannter  Weise  der  Euklidische 
Satz,  daß  der  Außenwinkel  eines  Dreieckes  stets  größer  ist,  als  jeder  der 
beiden  inneren  Winkel. 

Es  sei  nun  a  eine  beliebige  Ebene,  a  eine  beliebige  Gerade  in  a  und 
A  ein  Punkt  in  a  und  außerhalb  a.  Ziehen  wir  dann  in  a  eine  Gerade  c, 
die  durch  A  geht  und  a  schneidet,  und  sodann  in  a  eine  Gerade  b  durch 
A,  so  daß  die  Gerade  c  die  Geraden  a,  b  unter  gleichen  Gegenwinkeln 
schneidet,  so  folgt  leicht  aus  dem  erwähnten  Satze  vom  Außenwinkel, 
daß  die  Geraden  a,  b  keinen  Punkt  miteinander  gemein  haben,  d.  h. 
in  einer  Ebene  a  läßt  sich  durch  einen  Punkt  A  außer  einer  Geraden  a 
stets  eine  Gerade  ziehen,  welche  jene  Gerade  a  nicht  schneidet. 

Das  Parallelenaxiom  lautet  nun: 

IV  (Euklidisches  Axiom).  Es  sei  a  eine  beliebige  Gerade  und  A 
ein  Punkt  außerhalb  a:  dann  gibt  es  in  der  durch  a  und  A  bestimmten 
Ebene  a  nur  eine  Gerade  b,  die  durch  A  läuft  und  a  nicht  schneidet;  die- 
selbe heißt  die  Parallele  zu  a  durch  A. 

Das  Parallelenaxiom  IV  ist  gleichbedeutend  mit  der  folgenden  Forderung: 

Wenn  zwei  Geraden  a,  b  in  einer  Ebene  eine  dritte  Gerade  c  der- 
selben Ebene  nicht  treffen,  so  treffen  sie  sich  auch  einander  nicht. 

In  der  Tat,  hätten  a,  b  einen  Punkt  A  gemein,  so  würden  durch  A 
in  derselben  Ebene  die  beiden  Geraden  a,  b  möglich  sein,  die  c  nicht 
treffen;  dieser  Umstand  widerspräche  dem  Parallelenaxiom  IV.  Ebenso  leicht 
folgt  umgekehrt  das  Parallelenaxiom  IV  aus  der  genannten  Forderung. 

Das  Parallelenaxiom  IV  ist  ein  ebenes  Axiom. 

Die  Einführung  des  Parallelenaxioms  vereinfacht  die  Grundlagen 
und  erleichtert  den  Aufbau  der  Geometrie  in  erheblichem  Maße. 

Nehmen  wir  nämlich  zu  den  Kongruenzaxiomen  das  Parallelenaxiom 
hinzu,  so  gelangen  wir  leicht  zu  den  bekannten  Tatsachen: 

Satz  19.  Wenn  zwei  Parallelen  von  einer  dritten  Geraden  ge- 
schnitten werden,  so  sind  die  Gegenwinkel  und  Wechselwinkel  kongruent, 


16  Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §  7,  8. 

und  umgekehrt:  die  Kongruenz  der  Gegen-  und  Wechselwinkel  hat  zur 
Folge,  daß  die  Geraden  parallel  sind. 

Satz  20.  Die  Winkel  eines  Dreiecks  machen  zusammen  zwei 
Rechte  aus1). 

Erklärung.  Wenn  M  ein  beliebiger  Punkt  in  einer  Ebene  a  ist, 
so  heißt  die  Gesamtheit  aller  Punkte  A,  für  welche  die  Strecken  MA 
einander  kongruent  sind,  ein  Kreis;  M  heißt  der  Mittelpunkt  des  Kreises. 

Auf  Grund  dieser  Erklärung  folgen  mit  Hilfe  der  Axiomgruppen  III 
— IV  leicht  die  bekannten  Sätze  über  den  Kreis,  insbesondere  die  Mög- 
lichkeit der  Konstruktion  eines  Kreises  durch  irgend  drei  nicht  in  einer 
Geraden  gelegene  Punkte  sowie  der  Satz  über  die  Kongruenz  aller 
Peripheriewinkel  über  der  nämlichen  Sehne  und  der  Satz  von  den 
Winkeln  im  Kreisviereck. 

§  8. 
Die  Axiomgruppe  V:   Axiome  der  Stetigkeit. 

V  1  (Axiom  des  Messens  oder  Archimedisches  Axiom).  Es 
sei  At  ein  beliebiger  Punkt  auf  einer  Geraden  zwischen  den  beliebig  ge- 
gebenen Punkten  A  und  B;  man  konstruiere  dann  die  Punkte  A%,  Aä,  Ai} ..., 
so  daß  A1  zwischen  A  und  A%,  ferner  A2  zwischen  Ax  und  A3,  ferner  A3 
zwischen  A%  und  A±  u.  s.  w.  liegt  und  überdies  die  Strecken 

AAX,  A1A%,  A2A3,  A3Ai} . .  . 

A       A,      Az      A3     A^  An.tBAw 

— , . 1 1 , . 1 . — . 

einander  gleich  sind:  dann  gibt  es  in  der  Beihe  der  Punkte  A2,  A3,  A±  .  .  . 
stets  einen  solchen  Punkt  An,  daß  B  zwischen  A  und  An  liegt. 

V  2  (Axiom  der  Vollständigkeit).  Die  Elemente  (Punkte,  Ge- 
raden, Ebenen)  der  Geometrie  bilden  ein  System  von  Bingen,  welches  bei 
Aufrechterhaltung  sämtlicher  genannten  Axiome  keiner  Erweiterung  mehr 
fähig  ist,  d.  h.:  zu  dem  System  der  Punkte,  Geraden,  Ebenen  ist 
es  nicht  möglich,  ein  anderes  System  von  Dingen  hinzuzufügen, 
so  daß  in  dem  durch  Zusammensetzung  entstehenden  System 
sämtliche  aufgeführten  Axiome  I — IV,  V  1  erfüllt  sind. 

Das  Archimedische  Axiom  V  1  ist  ein  lineares  Axiom. 


1)  Betreffs  der  Frage,  inwieweit  dieser  Satz  umgekehrt  das  Parallelenaxiom  zu 
ersetzen  vermag,  vergleiche  man  die  Bemerkungen  am  Schluß  von  Kap.  II  §  12. 


Kap.  I.    Die  fünf  Axiomgruppen.    §8.  17 

Hinsichtlich  des  Axioms  der  Vollständigkeit  V  2  füge  ich  hier  folgende 
Bemerkungen  hinzu. 

Die  Aufrechterhaltung  sämtlicher  Axiome,  von  der  in  diesem  Axiom  die 
Rede  ist,  hat  man  so  zu  verstehen,  daß  nach  der  Erweiterung  sämtliche 
früheren  Axiome  in  der  früheren  Weise  gültig  bleiben  sollen,  d.  h. 
sofern  man  die  vorhandenen  Beziehungen  der  Elemente,  nämlich  die  vor- 
handene Anordnung  und  Kongruenz  der  Strecken  und  Winkel  nirgends 
stört,  also  z.  B.  ein  Punkt,  der  vor  der  Erweiterung  zwischen  zwei  Punkten 
liegt,  dies  auch  nach  der  Erweiterung  tut,  Strecken  und  Winkel,  die 
vorher  einander  kongruent  sind,  dies  auch  nach  der  Erweiterung  bleiben. 

Die  Erfüllbarkeit  des  Vollständigkeitsaxioms  ist  wesentlich 
durch  die  Voranstellung  des  Archimedischen  Axioms  bedingt; 
in  der  Tat  läßt  sich  zeigen,  daß  zu  einem  System  von  Punkten,  Geraden 
und  Ebenen,  welche  die  Axiome  I — IV  erfüllen,  stets  noch  auf  mannig- 
fache Weise  solche  Elemente  hinzugefügt  werden  können,  daß  in  dem 
durch  Zusammensetzung  entstehenden  Systeme  die  Axiome  I — IV  ebenfalls 
sämtlich  gültig  sind;  d.  h.  das  Vollständigkeitsaxiom  würde  einen  Wider- 
spruch einschließen,  wenn  man  den  Axiomen  I — IV  nicht  noch  das  Archi- 
medische Axiom  hinzufügt. 

Das  Vollständigkeitsaxiom  ist  nicht  eine  Folge  des  Archi. 
medischen  Axioms.  In  der  Tat  reicht  das  Archimedische  Axiom  allein 
nicht  aus,  um  mit  Benutzung  der  Axiome  I — IV  unsere  Geometrie  als  iden- 
tisch mit  der  gewöhnlichen  analytischen  „Cartesischen"  Geometrie  nachzu- 
weisen (vgl.  §  9  und  §  12).  Dagegen  gelingt  es  unter  Hinzunahme  des 
Vollständigkeitsaxioms  —  obwohl  dieses  Axiom  unmittelbar  keine  Aussage 
über  den  Begriff  der  Konvergenz  enthält  — ,  die  Existenz  der  einem  Dede- 
kindschen  Schnitte  entsprechenden  Grenze  und  den  Bolzanoschen  Satz  vom 
Vorhandensein  der  Verdi chtungs stellen  nachzuweisen,  womit  dann  unsere 
Geometrie  sich  als  identisch  mit  der  Cartesischen  Geometrie  erweist. 

Durch  die  vorstehende  Betrachtungsweise  ist  die  Forderung  der  Stetig- 
keit in  zwei  wesentlich  verschiedene  Bestandteile  zerlegt  worden,  nämlich 
in  das  Archimedische  Axiom,  dem  zugleich  die  Rolle  zukommt, 
die  Forderung  der  Stetigkeit  vorzubereiten,  und  in  das  Voll- 
ständigkeitsaxiom, das  den  Schlußstein  des  ganzen  Axiomen- 
systems bildet1). 

In  den  nachfolgenden  Untersuchungen  stützen  wir  uns  wesentlich  nur 
auf  das  Archimedische  Axiom  und  setzen  im  allgemeinen  das  Vollständig- 
keitsaxiom nicht  voraus. 


1)  Man  vergleiche  auch  die  Bemerkungen  am  Schluß  von  §  17  sowie  meinen  Vor- 
trag über  den  Zahlbegriff:  Berichte  der  Deutschen  Mathematiker- Vereinigung,  1900.  — 
Bei    der   Untersuchung   des    Satzes    von    der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleich- 

Hilbert,  Grundlagen  der  Geometrie.  2 


18         Kap.  II.    Die  Widerspruchslosigkeit  und  Unabhängigkeit  der  Axiome.    §9. 

Kapitel  IL 

Die  Widerspruchslosigkeit  und  gegenseitige  Unabhängigkeit 

der  Axiome. 

§  9. 
Die  Widerspruchslosigkeit  der  Axiome. 

Die  Axiome  der  fünf  in  Kapitel  I  aufgestellten  Axiomgruppen  stehen 
miteinander  nicht  in  Widerspruch,  d.  h.  es  ist  nicht  möglich,  durch  logische 
Schlüsse  aus  denselben  eine  Tatsache  abzuleiten,  welche  einem  der  auf- 
gestellten Axiome  widerspricht.  Um  dies  einzusehen,  genügt  es,  eine  Geo- 
metrie anzugeben,  in  der  sämtliche  Axiome  der  fünf  Gruppen  erfüllt  sind. 

Man  betrachte  zunächst  den  Bereich  £1  aller  derjenigen  algebraischen 
Zahlen,  welche  hervorgehen,  indem  man  von  der  Zahl  1  ausgeht  und 
eine  endliche  Anzahl  von  Malen  die  vier  Rechnungsoperationen:  Addition, 
Subtraktion,  Multiplikation,  Division  und  die  fünfte  Operation  |  yl  -j-  c2 1 
anwendet,  wobei  ra  jedesmal  eine  Zahl  bedeuten  kann,  die  vermöge  jener 
fünf  Operationen  bereits  entstanden  ist. 

Wir  denken  uns  ein  Paar  von  Zahlen  (x,  y)  des  Bereiches  £1  als 
einen  Punkt  und  die  Verhältnisse  von  irgend  drei  Zahlen  (u  :  v  :  w)  aus  £1, 
falls  u,  v  nicht  beide  Null  sind,  als  eine  Gerade;  ferner  möge  das  Be- 
stehen der  Gleichung 

ux  +  vy  +  w  —  0 

ausdrücken,  daß  der  Punkt  (x,  y)  auf  der  Geraden  (u  :  v  :  w)  liegt;  damit 
sind,  wie  man  leicht  sieht,  die  Axiome  I  1 — 3  und  IV  erfüllt.  Die  Zahlen 
des  Bereiches  £1  sind  sämtlich  reell;  indem  wir  berücksichtigen,  daß 
dieselben  sich  ihrer  Größe  nach  anordnen  lassen,  können  wir  leicht  solche 
Festsetzungen  für  unsere  Punkte  und  Geraden  treffen,  daß  auch  die 
Axiome  II  der  Anordnung  sämtlich  gültig  sind.  In  der  Tat,  sind  (xt,  yj, 
(x2>  Vi)>  (x3)  y$)>  •  •  •  irgend  welche  Punkte  auf  einer  Geraden,  so  möge 
dies  ihre  Reihenfolge  auf  der  Geraden  sein,  wenn  die  Zahlen  xlf  Xi)  x3,  .  .  . 
oder  y1}y2,  y3  .  .  .  in  dieser  Reihenfolge  entweder  beständig  abnehmen  oder 
wachsen;  um  ferner  die  Forderung  des  Axioms  II  4  zu  erfüllen,  haben 
wir  nur  nötig  festzusetzen,  daß  alle  Punkte  {x,  y),  für  die  ux  -\-  vy  -\-  w 
kleiner   oder    größer   als  0  ausfällt,    auf  der  einen  bez.  auf  der   anderen 


schenkligen  Dreieck  bin  ich  anf  ein  weiteres  Stetigkeitsaxiom  geführt  worden,  das 
ich  Axiom  der  Nachbarschaft  genannt  habe;  man  sehe  meine  im  Anhang  ab- 
gedruckte Abhandlung  „Über  den  Satz  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleich- 
schenkligen Dreieck".  Proceedings  of  the  London  Mathematical  Society  XXXV  1903. 
Vgl.  S.  92  und  S.  107. 


Kap.  II.    Die  Widerspruchslosigkeit  und  Unabhängigkeit  der  Axiome.    §  9.         19 


Seite  der  Geraden  (u  :  v  :  tv)  gelegen  sein  sollen.  Man  überzeugt  sich 
leicht,  daß  diese  Festsetzung  sich  mit  der  vorigen  Festsetzung  in  Über- 
einstimmung befindet,  derzufolge  ja  die  Reihenfolge  der  Punkte  auf  einer 
Geraden  bereits  bestimmt  ist. 

Das  Abtragen  von  Strecken  und  Winkeln  erfolgt  nach  den  bekannten 
Methoden  der  analytischen  Geometrie.  Eine  Transformation  von  der 
Gestalt 

x  =  x  +  a, 

y  =  y  +  b 

vermittelt  die  Parallelverschiebung  von  Strecken  und  Winkeln.  Wird 
ferner  der  Punkt  (0,  0)  mit  0,  der  Punkt  (1,  0)  mit  E  und  ein  beliebiger 
Punkt  (a,  b)  mit  G  bezeichnet,  so  entsteht  durch  Drehung  um  den  Winkel 
<£  COE,  wenn  0  der  feste  Drehpunkt  ist,  aus  dem  beliebigen  Punkte  (x,  y) 
der  Punkt  (x,  y)}  wobei 

b 


x  = 


y 


b 


—  x  — 


-[/ä*  +  P 


y, 


x  + 


yä*  -f  fr"  yä*  +  b 


V 


zu  setzen  ist.     Da  die  Zahl 


y^  +  p»a|/l+(|y 


O(o,o) 


E(i,o) 


wiederum  dem  Bereiche  £1  angehört, 
so  gelten  bei  unseren  Festsetzungen 
auch  die  Kongruenzaxiome  III  und 
offenbar  ist  auch  das  Archimedische 
Axiom  V  1  erfüllt.  Das  Axiom  der 
Vollständigkeit  V  2  ist  nicht  erfüllt. 

Jeder  Widerspruch    in  den  Fol- 
gerungen   aus   unseren  geometrischen  Axiomen  I — IV,  V  1    müßte    dem- 
nach auch  in  der  Arithmetik  des  Bereiches  Si  erkennbar  sein1). 

Wählen  wir  in  der  obigen  Entwicklung  statt  des  Bereiches  Sl  den 
Bereich  aller  reellen  Zahlen,  so  erhalten  wir  eine  Geometrie,  in  der 
sämtliche  Axiome  I — V  gültig  sind;  diese  Geometrie  ist  die  gewöhnliche 
Cartesische  Geometrie. 

Jeder  Widerspruch  in  den  Folgerungen  aus  den  Axiomen  I — V  müßte 
demnach  in  der  Arithmetik  des  Systems  der  reellen  Zahlen  erkennbar  sein. 


1)  Betreffs  der  Frage  nach  der  Widerspruchslosigkeit  der  arithmetischen  Axiome 
vergleiche  man  meine  Vorträge  über  den  Zahlbegriff:  Berichte  der  deutschen  Mathe- 
matiker-Vereinigung, 1900,  sowie  Mathematische  Probleme,  gehalten  auf  dem  inter- 
nationalen Mathematikerkongreß  1900,  Göttinger  Nachr.  1900,  insbesondere  Problem  No.  2. 


20       Kap.  II.   Die  Widerspruchslosigkeit  und  Unabhängigkeit  der  Axiome.   §  10,  11. 

Die  entsprechende  Betrachtungsweise  für  die  räumliche  Geometrie 
bietet  keine  Schwierigkeit. 

Wie  man  erkennt,  gibt  es  unendlich  viele  Geometrien,  die  den 
Axiomen  I — IV,  V  1  genügen,  dagegen  nur  eine,  nämlich  die  Cartesische 
Geometrie,  in  der  auch  zugleich  das  Vollständigkeitsaxiom  V  2  gültig  ist. 

§  io. 

Die  Unabhängigkeit  des  Parallelenaxioms  (Nicht-Euklidische  Geometrie). 

Nachdem  wir  die  Widerspruchslosigkeit  der  Axiome  erkannt  haben, 
ist  es  von  Interesse,  zu  untersuchen,  ob  sie  sämtlich  voneinander  unab- 
hängig sind.  In  der  Tat  zeigt  sich,  daß  keine  wesentlichen  Bestandteile 
der  genannten  Axiomgruppen  durch  logische  Schlüsse  aus  den  jedesmal 
voranstehenden  Axiomgruppen  abgeleitet  werden  können. 

Was  zunächst  die  einzelnen  Axiome  der  Gruppen  I,  II  und  III  be- 
trifft, so  ist  der  Nachweis  dafür  leicht  zu  führen,  daß  die  Axiome  ein 
und  derselben  Gruppe  je  unter  sich  unabhängig  sind. 

Die  Axiome  der  Gruppen  I  und  II  liegen  bei  unserer  Darstellung 
den  übrigen  Axiomen  zu  Grunde,  so  daß  es  sich  nur  noch  darum  handelt, 
für  jede  der  Gruppen  III,  IV  und  V  die  Unabhängigkeit  von  den  übrigen 
nachzuweisen. 

Das  Parallelenaxiom  IV  ist  von  den  übrigen  Axiomen  unabhängig; 
dies  zeigt  man  in  bekannter  Weise  am  einfachsten,  wie  folgt.  Man  wähle 
die  Punkte,  Geraden  und  Ebenen  der  gewöhnlichen  in  §  9  konstruierten 
(Cartesischen)  Geometrie,  soweit  sie  innerhalb  einer  festen  Kugel  ver- 
laufen, für  sich  allein  als  Elemente  einer  räumlichen  Geometrie  und  ver- 
mittle die  Kongruenzen  dieser  Geometrie  durch  solche  lineare  Trans- 
formationen der  gewöhnlichen  Geometrie,  welche  die  feste  Kugel  in  sich 
überführen.  Bei  geeigneten  Festsetzungen  erkennt  man,  daß  in  dieser 
„NichtrEuklidischen"  Geometrie  sämtliche  Axiome  außer  dem  Euklidischen 
Axiom  IV  gültig  sind,  und  da  die  Möglichkeit  der  gewöhnlichen  Geo- 
metrie in  §  9  nachgewiesen  worden  ist,  so  folgt  nunmehr  auch  die  Mög- 
lichkeit der  Nicht-Euklidischen  Geometrie. 

§  IL 
Die  Unabhängigkeit  der  Kongruenzaxiome. 

Wir  werden  die  Unabhängigkeit  der  Kongruenzaxiome  erkennen,  indem 
wir  den  Nachweis  führen,  daß  das  Axiom  III  6  oder,  was  auf  das  nämliche 
hinausläuft,  der  erste  Kongruenzsatz  für  Dreiecke,  d.  i.  Satz  10  durch 
logische  Schlüsse  nicht  aus  den  übrigen  Axiomen  I,  II,  III  1 — 5,  IV,  V 
abgeleitet  werden  kann. 


Kap.  IL    Die  Widerspruchslosigkeit  und  Unabhängigkeit  der  Axiome.    §  11.         21 

Wir  wählen  die  Punkte,  Geraden,  Ebenen  der  gewöhnlichen  Geometrie 
auch  als  Elemente  der  neuen  räumlichen  Geometrie  und  definieren  das 
Abtragen  der  Winkel  ebenfalls  wie  in  der  gewöhnlichen  Geometrie,  etwa 
in  der  Weise,  wie  in  §  9  auseinandergesetzt  worden  ist;  dagegen  definieren 
wir  das  Abtragen  der  Strecken  auf  andere  Art.  Die  zwei  Punkte  Ax,  A2 
mögen  in  der  gewöhnlichen  Geometrie  die  Koordinaten  xx,  yx,  zx  bez. 
x2,  y2,  z2  haben;  dann  bezeichnen  wir  den  positiven  Wert  von 


Y(xx  -x2  +  yx-  y2f  +  (yx  -  y2f  -f  Oi  -  *2)2 
als  die  Länge  der  Strecke  Ax  A2 ,  und  nun  sollen  zwei  beliebige  Strecken  AXA2 
und  Ax  A2    einander  kongruent   heißen,    wenn   sie  im   eben  festgesetzten 
Sinne  gleiche  Längen  haben-    . 

Es  leuchtet  unmittelbar  ein,  daß  in  der  so  hergestellten  räumlichen 
Geometrie  die  Axiome  I,  II,  III  1 — 2,  4 — 5,  IV,  V  gültig  sind. 

Um  zu  zeigen,  daß  auch  das  Axiom  III  3  erfüllt  ist,  wählen  wir 
eine  beliebige  Gerade  a  und  auf  ihr  drei  Punkte  Ax,  A2,  A3,  so  daß  A2 
zwischen  Ax  und  A3  liegt.     Die  Punkte  x,  y,  z  der  Geraden  a  seien  durch 

die  Gleichungen  . .  ,    , , 

°  x  —  Xt  -f  X, 

y  =  lit  +  [i', 

z  =  vt  -f  V 
gegeben,  worin  X,  X',  p,  ii,v,  v    gewisse  Konstante  und  t  einen  Parameter 
bedeutet.     Sind  tx,  t2  (<  tx),  t3  (<  t2)  die  Parameterwerte,  die  den  Punkten 
Ax,  A2,  A3  entsprechen,    so   finden  wir  für  die  Längen  der  drei  Strecken 
AXA2,  A2A3  und  AXA3  bez.  die  Ausdrücke: 

(k  -  Ü  i  y(T+^2T7T^  | , 


&  -  Q  !  V(*  +  K>2  +  ^  +  "2 


^-QiYix  +  py  +  ^  +  vti, 

und  mithin  ist  die  Summe  der  Längen  der  Strecken  AXA2  und  A2A3 
gleich  der  Länge  der  Strecke  AXA2\  dieser  Umstand  bedingt  die  Gültig- 
keit des  Axioms  III  3. 

Das  Axiom  III  6  oder  vielmehr  der  erste  Kongruenzsatz  für  Drei- 
ecke ist  in  unserer  Geometrie  nicht  immer  erfüllt.  Betrachten  wir  näm- 
lich z.  B.  in  der  Ebene  z  =  0  die  vier  Punkte  3(o,l) 

0  mit  den  Koordinaten  x  =  0,     y  =  0, 
Jk.     „      ,,  „  x  =  1 1     y  =  u, 

B    „      „  „  x  =  0,    y=l,         Vz  yC(i,i) 

G    »      n  77  x  =  t 7     y  =  T> 

so  sind  in  den  beiden  (rechtwinkligen)  Drei- 
ecken OAC  und  OBC  die  Winkel  bei  C  und      O(o,o)  A(l,0) 


22    Kap.  II.  Die  Widerspruehslosigkeit  tind  Unabhängigkeit  der  Axiome.  1 11,  12. 

die  anliegenden  Seiten  entsprechend  kongruent,  da  die  Seite  OC  beiden 
Dreiecken  gemeinsam  ist  und  die  Strecken  AC  und  BC  die  gleiche 
Länge  y  besitzen.  Dagegen  haben  die  dritten  Seiten  OA  und  OB  die 
Länge  1,  bez.  "j/2   und  sind  daher  nicht  einander  kongruent. 

Es  ist  auch  nicht  schwer,  in  dieser  Geometrie  zwei  Dreiecke  zu  finden, 
für  welche  das  Axiom  III  6  selbst  nicht  erfüllt  ist. 

§  12. 

Die  Unabhängigkeit  der  Stetigkeitsaxiome  V 

(Nicht-Archimedische  Geometrie). 

Um  die  Unabhängigkeit  des  Archimedischen  Axioms  V  1  zu  beweisen, 
müssen  wir  eine  Geometrie  herstellen,  in  der  sämtliche  Axiome  mit  Aus- 
nahme der  Axiome  V,  diese  letzteren  aber  nicht  erfüllt  sind1). 

Zu  dem  Zwecke  konstruieren  wir  den  Bereich  Sl(f)  aller  derjenigen 
algebraischen  Funktionen  von  t,  welche  aus  t  durch  die  fünf  Rechnungs- 
operationen  der  Addition,  Subtraktion,  Multiplikation,  Division  und  durch 
die  Operation  |]/l  +  co2|  hervorgehen;  dabei  soll  w  irgend  eine  Funk- 
tion bedeuten,  die  vermöge  jener  fünf  Operationen  bereits  entstanden  ist. 
Die  Menge  der  Elemente  von  £l(f)  ist  —  ebenso  wie  von  &  in  §  9  —  eine 
abzählbare.  Die  fünf  Operationen  sind  sämtlich  eindeutig  und  reell  aus- 
führbar; der  Bereich  £l(t)  enthält  daher  nur  eindeutige  und  reelle  Funk- 
tionen von  t. 

Es  sei  c  irgend  eine  Funktion  des  Bereiches  &(£);  da  die  Funktion  c 
eine  algebraische  Funktion  von  t  ist,  so  kann  sie  jedenfalls  nur  für  eine 
endliche  Anzahl  von  Werten  t  verschwinden  und  es  wird  daher  die  Funk- 
tion c  für  genügend  große  positive  Werte  von  t  entweder  stets  positiv 
oder  stets  negativ  ausfallen. 

Wir  sehen  jetzt  die  Funktionen  des  Bereiches  £l(f)  als  eine  Art 
komplexer  Zahlen  an;  offenbar  sind  in  dem  so  definierten  komplexen 
Zahlensystem  die  gewöhnlichen  Rechnungsregeln  sämtlich  gültig.  Ferner 
möge,  wenn  a,  b  irgend  zwei  verschiedene  Zahlen  dieses  komplexen  Zahlen- 
systems sind,  die  Zahl  a  größer  oder  kleiner  als  b,  in  Zeichen:  a  >  b 
oder  a  <  &,  heißen,  je  nachdem  die  Differenz  c  =  a  —  b  als  Funktion  von  t 
für  genügend  große  positive  Werte  von  t  stets  positiv  oder  stets  negativ 
ausfällt.  Bei  dieser  Festsetzung  ist  für  die  Zahlen  unseres  komplexen 
Zahlensystems  eine  Anordnung  ihrer  Größe  nach  möglich,  die  der- 
jenigen bei  reellen  Zahlen  analog  ist;  auch  gelten,  wie  man  Reicht  er- 
kennt,  für    unsere    komplexen  Zahlen  die  Sätze,    wonach    Ungleichungen 

1)  G.  Veronese  hat  in  seinem  tiefsinnigen  Werke:  Grundzüge  der  Geometrie, 
deutsch  von  A.  Schepp,  Leipzig  1894,  ebenfalls  den  Versuch  gemacht,  eine  Geometrie 
aufzubauen,  die  von  dem  Archimedischen  Axiom  unabhängig  ist. 


Kap.  II.   Die  Widerspruchslosigkeit  und  Unabhängigkeit  der  Axiome.    §  12.      23 

richtig    bleiben,  wenn    man    auf   beiden   Seiten    die  gleiche   Zahl  addiert 
oder  beide  Seiten  mit  der  gleichen  Zahl  >  0  multipliziert. 

Bedeutet  n  eine  beliebige  positive  ganze  rationale  Zahl,  so  gilt  für 
die  beiden  Zahlen  n  und  t  des  Bereiches  Sl(t)  gewiß  die  Ungleichung 
n  <  £,  da  die  Differenz  n  —  t,  als  Funktion  von  t  betrachtet,  für  genügend 
große  positive  Werte  von  t  offenbar  stets  negativ  ausfällt.  Wir  sprechen 
diese  Tatsache  in  folgender  Weise  aus:  Die  beiden  Zahlen  1  und  t  des 
Bereiches  Sl{ß),  die  beide  >  0  sind,  besitzen  die  Eigenschaft,  daß  ein  be- 
liebiges Vielfaches   der  ersteren  stets  kleiner  als  die  letztere  Zahl  bleibt. 

Wir  bauen  nun  aus  den  komplexen  Zahlen  des  Bereiches  £l(t)  eine 
Geometrie  genau  auf  dieselbe  Art  auf,  wie  dies  in  §  9  unter  Zugrunde- 
legung des  Bereiches  &  von  algebraischen  Zahlen  geschehen  ist:  wir 
denken  uns  ein  System  von  drei  Zahlen  (x,  y,  z)  des  Bereiches  £l(t)  als 
einen  Punkt  und  die  Verhältnisse  von  irgend  vier  Zahlen  («  :  v  :  w  :  r)  aus 
&(t),  falls  u,  v,  w  nicht  sämtlich  Null  sind,  als  eine  Ebene;  ferner  möge 
das  Bestehen  der  Gleichung 

ux  -f  vy  +  wz  -f  r  =  0 
ausdrücken,  daß  der  Punkt  (x,  y,  z)  in  der  Ebene  (n  :  v:  w  :  r)  liegt,  und 
die  Gerade  sei  die  Gesamtheit  aller  in  zwei  Ebenen  mit  verschiedenen 
H  :  v  :  w  gelegenen  Punkte.  Treffen  wir  sodann  die  entsprechenden  Fest- 
setzungen über  die  Anordnung  der  Elemente  und  über  das  Abtragen  von 
Strecken  und  Winkeln,  wie  in  §  9,  so  entsteht  eine  „Nicht- Archimedische" 
Geometrie,  in  welcher,  wie  die  zuvor  erörterten  Eigenschaften  des  komplexen 
Zahlensystems  £l(t)  zeigen,  sämtliche  Axiome  mit  Ausnahme  der  Stetig- 
keitsaxiome erfüllt  sind.  In  der  Tat  können  wir  die  Strecke  1  auf  der 
Strecke  t  beliebig  oft  hintereinander  abtragen,  ohne  daß  der  Endpunkt  der 
Strecke  t  überschritten  wird;  dies  widerspricht  der  Forderung  des  Archi- 
medischen Axioms. 

Daß  auch  das  Vollständigkeitsaxiom  V  2  von  allen  voranstehenden 
Axiomen  I — IV,  V  1  unabhängig  ist,  zeigt  die  erste  in  §  9  aufgestellte 
Geometrie,  da  in  dieser  das  Archimedische  Axiom  erfüllt  ist. 

Auch  die  Nicht -Archimedischen  und  zugleich  Nicht -Euklidischen 
Geometrien  sind  von  prinzipieller  Bedeutung  und  insbesondere  erschien 
mir  die  Frage  nach  der  Winkelsumme  im  Dreiecke  und  nach  der  Ab- 
hängigkeit dieser  Sätze  vom  Archimedischen  Axiom  von  hohem  Interesse. 
Die  Untersuchung,  die  M.  Dehn1)  auf  meine  Anregung  hin  über  diesen 
Gegenstand  unternommen  hat,  führte  zu  einer  vollen  Aufklärung  dieser 
Frage.  Den  Untersuchungen  von  M.  Dehn  liegen  die  Axiome  I — III  zu 
Grunde.     Nur    zum    Schlüsse    der   Dehnschen   Arbeit  —   damit  auch  die 

1)  Die  Legendreschen  Sätze  über  die  Winkelsumme  im  Dreieck.  Math.  Ann. 
Bd.  53.  1900. 


24  Kap.  III.   Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  13. 

Riemannsche  (elliptische)  Geometrie  in  den  Bereich  der  Untersuchung 
hineinfällt  —  sind  die  Axiome  II  der  Anordnung  allgemeiner,  als  in  der 
gegenwärtigen  Abhandlung,  nämlich  etwa  wie  folgt  zu  fassen: 

Vier  Punkte  A,  B,  C,  B  einer  Geraden  zerfallen  stets  in  zwei  Paare 
A,  C  und  B,  B,  so  daß  A,  G  durch  B,  B  getrennt  sind  und  umgekehrt. 
Fünf  Punkte  auf  einer  Geraden  können  immer  in  der  Weise  mit  A,  B, 
C,  D,  E  bezeichnet  werden,  daß  A,  C  durch  B,  B  und  durch  B,  E,  ferner 
daß  A,  B  durch  B,  E  und  durch  C,  E  u.  s.  f.  getrennt  sind. 

Die  hauptsächlichsten  von  M.  Dehn  auf  Grund  der  Axiome  I — III, 
also  ohne  Benutzung  der  Stetigkeit,  bewiesenen  Sätze  sind  folgende: 

Wenn  in  irgend  einem  Dreieck  die  Summe  der  Winkel  größer 
bezüglich  gleich  oder  kleiner  als  zwei  Rechte  ist,  so  ist  sie  es 
in  jedem  Dreieck1). 

Aus  der  Annahme  unendlich  vieler  Parallelen  zu  einer  Ge- 
raden durch  einen  Punkt  folgt,  wenn  man  das  Archimedische 
Axiom  ausschließt,  nicht,  daß  die  Winkelsumme  im  Dreieck 
kleiner  als  zwei  Rechte  ist.  Es  gibt  vielmehr  sowohl  eine  Geo- 
metrie (die  Nicht-Legendresche  Geometrie),  in  der  man  durch 
einen  Punkt  zu  einer  Geraden  unendlich  viele  Parallelen  ziehen 
kann  und  in  der  trotzdem  die  Sätze  der  Riemannschen  (ellip- 
tischen) Geometrie  gültig  sind.  Andererseits  gibt  es  eine  Geo- 
metrie (die  Semi-Euklidische  Geometrie),  in  welcher  es  unend- 
lich viele  Parallelen  durch  einen  Punkt  zu  einer  Geraden  gibt 
und  in  der  dennoch  die  Sätze  der  Euklidischen  Geometrie  gelten. 

Aus  der  Annahme,  daß  es  keine  Parallelen  gibt,  folgt  stets, 
daß  die  Winkelsumme  im  Dreieck  größer  als  zwei  Rechte  ist. 

Ich  bemerke  endlich,  daß,  wenn  man  das  Archimedische  Axiom 
hinzunimmt,  das  Parallelenaxiom  durch  die  Forderung  ersetzt  werden 
kann,  es  solle  die  Winkelsumme  im  Dreieck  gleich  zwei  Rechten  sein. 


Kapitel  III. 
Die  Lehre  von  den  Proportionen. 

§  13. 
Komplexe  Zahlensysteme2). 

Am  Anfang  dieses  Kapitels  wollen  wir  einige  kurze  Auseinander- 
setzungen über  komplexe  Zahlensysteme  vorausschicken,  die  uns  später 
insbesondere  zur  Erleichterung  der  Darstellung  nützlich  sein  werden. 

1)  Einen  Beweis  für  diesen  Satz  hat  später  auch  F.  Schur  erbracht,  Math.  Ann.  Bd.  55. 

2)  Vgl.  meinen  Vortrag:  Über  den  Zahlbegriff,  Jahresbericht  der  Deutschen 
Mathematiker- Vereinigung,  Bd.  8.  1900. 


Kap.  III.   Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  13.  25 

Die  reellen  Zahlen  bilden  in  ihrer  Gesamtheit  ein  System  von  Dingen 
mit  folgenden  Eigenschaften: 

Sätze  der  Verknüpfung  (1 — 6): 

1.  Aus  der  Zahl  a  und  der  Zahl  b  entsteht  durch  „Addition"  eine 
bestimmte  Zahl  c,  in  Zeichen 

a  -f  b  =  c     oder     c  =  a  +  b  . 

2.  Wenn  a  und  b  gegebene  Zahlen  sind,  so  existiert  stets  eine  und 
nur  eine  Zahl  x  und  auch  eine  und  nur  eine  Zahl  y,  so  daß 

a  +  x  =  b     bez.     y  -f  a  =  6 
wird. 

3.  Es  gibt  eine  bestimmte  Zahl  —  sie  heiße  0  — ,  so  daß  für  jedes 

a  zugleich 

a  -\-  0  =  a     und     0  -\-  a  =  a 
ist. 

4.  Aus  der  Zahl  a  und  der  Zahl  b  entsteht  noch  auf  eine  andere 
Art  durch  „Multiplikation"  eine  bestimmte  Zahl  c,  in  Zeichen 

ab  =  c     oder     c  =  ab . 

5.  Wenn  a  und  b  beliebig  gegebene  Zahlen  sind  und  a  nicht  0  ist, 
so  existiert  stets  eine  und  nur  eine  Zahl  x  und  auch  eine  und  nur  eine 
Zahl  y,  so  daß 

ax  =  b     bez.     ya  =  b 
wird. 

6.  Es  gibt  eine  bestimmte  Zahl  —  sie  heiße  1  — ,  so  daß  für  jedes 
a  zugleich 

a  '  1  —  a     und     1  •  a  =  a 
ist. 

Regeln  der  Rechnung  (7 — 12): 
Wenn  a,  b,  c  beliebige  Zahlen  sind,   so   gelten  stets   folgende  Rech- 
nungsgesetze: 

7.  a  +  (b  +  c)  -  (a  +  b)  +  c 

8.  a+b  =&  +  a 

9.  a(bc)  =  (ab)c 

10.  a(b -\- c)        =  ab -\- ac 

11.  (a  +  b)c       =  ac  +  bc 

12.  ab  =ba. 
Sätze  der  Anordnung  (13 — 16): 

13.  Wenn  a,  b  irgend  zwei  verschiedene  Zahlen  sind,  so  ist  stets  eine 
bestimmte  von  ihnen  (etwa  a)  größer  (>)  als  die  andere;  die  letztere 
heißt  dann  die  kleinere,  in  Zeichen: 

a  >  b     und     b  <  a . 


26  Kap.  III.  Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  13,  14. 

14.  Wenn  a  >  b  und  b  >  c,  so  ist  auch  a  >  c. 

15.  Wenn  a  >  b  ist,  so  ist  auch  stets 

a  -f  c  >  6  4-  c     und     c  -f  a  >  c  -\-  b. 

16.  Wenn  <x  >  b  und  c  >  0  ist,  so  ist  auch  stets 

ac>bc    und     ca>cb. 
Sätze  von  der  Stetigkeit  (17 — 18): 

17.  (Archimedischer  Satz.)  Wenn  a>0  und  &>0  zwei  belie- 
bige Zahlen  sind,  so  ist  es  stets  möglich,  a  zu  sich  selbst  so  oft  zu  ad- 
dieren, daß  die  entstehende  Summe  die  Eigenschaft  hat 

a  +  a  -\-  •  •  ■  -\-  a>b. 

18.  (Satz  von  der  Vollständigkeit.)  Es  ist  nicht  möglich,  dem 
System  der  Zahlen  ein  anderes  System  von  Dingen  hinzuzufügen,  so  daß 
auch  in  dem  durch  Zusammensetzung  entstehenden  Systeme  die  Sätze  1 — 17 
sämtlich  erfüllt  sind;  oder  kurz:  die  Zahlen  bilden  ein  System  von  Dingen, 
welches  bei  Aufrechterhaltung  sämtlicher  aufgeführten  Sätze  keiner  Er- 
weiterung mehr  fähig  ist. 

Ein  System  von  Dingen,  das  nur  einen  Teil  der  Eigenschaften  1 — 18 
besitzt,  heiße  ein  komplexes  Zahlensystem.  Ein  komplexes  Zahlensystem 
heiße  ein  Archimedisches  oder  ein  Nicht-Archimedisches,  jenachdem  das- 
selbe der  Forderung  17  genügt  oder  nicht. 

Von  den  aufgestellten  Eigenschaften  1 — 18  sind  einige  Folgen  der 
übrigen.  Es  entsteht  die  Aufgabe,  die  logische  Abhängigkeit  dieser  Eigen- 
schaften zu  untersuchen1).  Wir  werden  im  Kapitel  VI  §  32  und  §  33 
zwei  bestimmte  Fragen  der  angedeuteten  Art  wegen  ihrer  geometrischen 
Bedeutung  beantworten  und  wollen  hier  nur  darauf  hinweisen,  daß  jeden- 
falls die  Forderung  17  keine  logische  Folge  der  voranstehenden  Eigen- 
schaften ist,  da  ja  beispielsweise  das  in  §  12  betrachtete  komplexe  Zahlen- 
system Sl(t)  sämtliche  Eigenschaften  1 — 16  besitzt,  aber  nicht  die  Forde- 
rung 17  erfüllt. 

Im  übrigen  gelten  betreffs  der  Sätze  von  der  Stetigkeit  (17 — 18)  die 
entsprechenden  Bemerkungen,  wie  sie  in  §  8  über  die  geometrischen 
Axiome  der  Stetigkeit  gemacht  worden  sind. 

§  14. 
Beweis  des  Pascalschen  Satzes. 

In  diesem  und  dem  folgenden  Kapitel  legen  wir  unserer  Untersuchung 
die  ebenen  Axiome  sämtlicher  Gruppen  mit  Ausnahme  der  Stetigkeits- 

1)  Vgl.  meinen  bereits  citierten  Vortrag  über  den  Zahlbegriff. 


Kap.  III.   Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  14. 


27 


axiome,  d.  h.  die  Axiome  I  1 — 3  und  II — IV  zu  Grunde.  In  dem  gegen- 
wärtigen Kapitel  LU  gedenken  wir  Euklids  Lehre  von  den  Proportionen 
mittels  der  genannten  Axiome,  d.  h.  in  der  Ebene  und  unabhängig 
vom  Archimedischen  Axiom  zu  begründen. 

Zu  dem  Zwecke  beweisen  wir  zunächst  eine  Tatsache,  die  ein  beson- 
derer Fall  des  bekannten  Pascalschen  Satzes  aus  der  Lehre  von  den 
Kegelschnitten  ist  und  die  ich  künftig  kurz  als  den  Pascalschen  Satz 
bezeichnen  will.  Dieser  Satz 
lautet:  t»* 

Satz  21  *)  (Pascalscher 
Satz).  Es  seien  A,  B,  C  bez. 
Ä,  B',  C  je  drei  Punkte  auf 
zwei  sich  schneidenden  Geraden, 
die  vom  Schnittpunkte  der  Ge- 
raden verschieden  sind;  ist  dann 
CB'  parallel  BG'  und  CA 
parallel  AG ',  so  ist  auch  BÄ 
parallel  AB'. 

Um  den  Beweis  für  diesen  Satz  zu  erbringen,  führen  wir  zunächst 
folgende  Bezeichnungsweise  ein.  In  einem  rechtwinkligen  Dreiecke  ist 
offenbar  die  Kathete  a  durch  die  Hypotenuse  c  und  den  von  a  und  c 
eingeschlossenen  Basiswinkel  cc  eindeutig  bestimmt: 
wir  setzen  kurz 

a  =  ccc, 

so  daß  das  Symbol  ac  stets  eine  bestimmte  Strecke 
bedeutet,  sobald  c  eine  beliebig  gegebene  Strecke  und 
cc  ein  beliebig  gegebener  spitzer  Winkel  ist. 

Nunmehr  möge  c  eine  beliebige  Strecke  und  cc,  ß  mögen  zwei  be- 
liebige spitze  Winkel  bedeuten;  wir  behaupten,  daß  allemal  die  Strecken- 
kongruenz 

ccßc  s  ßccc  j. 

besteht  und  somit  die  Symbole  cc,  ß 
stets  miteinander  vertauschbar  sind. 

Um  diese  Behauptung  zu  beweisen, 
nehmen  wir  die  Strecke   c  =  AB  und  /     jr        -p\ 

tragen  an  diese  Strecke  in  A  zu  beiden 
Seiten  die  Winkel  cc  bez.  ß  an.  Dann 
fällen  wir  von  B  aus  auf  die  anderen     ■" 


1)  F.  Schur  hat  einen  interessanten  Beweis  des  Pascalschen  Satzes  auf  Grund 
der  ebenen  und  räumlichen  Axiome  I— III  in  den  Math.  Ann.  Bd.  51  veröffentlicht. 


28 


Kap.  III.   Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  14. 


Schenkel  dieser  Winkel  die  Lote  BC  und  BD,  verbinden  C  mit  D  und 
fällen  schließlich  von  A  aus  das  Lot  AE  auf  CD. 

Da  die  Winkel  <£  ACB  und  <=£  ADB  Rechte  sind,  so  liegen  die 
vier  Punkte  A,  B,  C,  D  auf  einem  Kreise  und  demnach  sind  die  beiden 
Winkel  <fiACD  und  <fiABD  als  Peripheriewinkel  auf  derselben  Sehne 
AD  einander  kongruent.  Nun  ist  einerseits  <£  ACD  zusammen  mit  dem 
<3C  CAE  und  andererseits  ^C  ABD  zusammen  mit  <t  BAD  je  ein  Rechter 
und  folglich  sind  auch  die  Winkel  <^C  CAE  und  <£  BAD  einander  kon- 
gruent, d.  h.  es  ist 

^CAE=ß 
und  daher 

^CDAE=a. 

Wir  gewinnen  nun  unmittelbar  die  Streckenkongruenzen 


ßc  =  AD 

ußc  =  a(AD) 


AE 


ac  =  AC 
ßac  =  ß(AC) 


AE, 


und  hieraus  folgt  die  Richtigkeit  der  vorhin  behaupteten  Kongruenz. 

Wir  kehren  nun  zur  Figur  des  Pascalschen  Satzes  zurück  und  be- 
zeichnen den  Schnittpunkt  der  beiden  Geraden  mit  0  und  die  Strecken 
OA,  OB,  OC,  OA',  OB',  OC,  CB ',  BC,  AC,  CA,  BA',  AB'  bez.  mit 
a,  b,  c,  a,  b ',  c,  l,  l*,  m,  m*,  n,  n*.     Sodann   fällen   wir   von    0   Lote   auf 

l,  m*}  n)    das  Lot    auf  l 
C'l  schließe  mit  den  beiden  Ge- 

raden OA,  OA'  die  spitzen 
Winkel  k',  k  ein  und  die 
Lote  auf  m  bez.  n  mögen 
mit  den  Geraden  OA  und 
OA' die  spitzen  Winkel  [i',[i 
bez.  v',  v  bilden.  Drücken 
wir  nun  diese  drei  Lote 
in  der  vorhin  angegebenen 
Weise  mit  Hilfe  der  Hy- 
potenusen und  Basiswinkel  in  den  betreffenden  rechtwinkligen  Dreiecken 
auf  doppelte  Weise  aus,  so  erhalten  wir  folgende  drei  Streckenkongruenzen 

(1)  kb'=k'c, 

(2)  na'^ti'c, 

(3)  j/ft'=  v'b. 

Da  nach  Voraussetzung  l  parallel  l*  und  m  parallel  m*  sein  soll,  so  stim- 
men die  von  0  auf  l*  bez.  m  zu  fällenden  Lote  mit  den  Loten  auf  l  bez. 
m*  überein  und  wir  erhalten  somit 


Kap.  IIL  Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  14.  29 

(4)  Xc'^X'b, 

(5)  fic'  =  p' a. 

Wenn  wir  auf  die  Kongruenz  (3)  links  und  rechts  das  Symbol  X'fi 
anwenden  und  bedenken,  daß  nach  dem  vorhin  Bewiesenen  die  in  Rede 
stehenden  Symbole  miteinander  vertauschbar  sind,  so  finden  wir 

vX'[ia'  =  v'pX'b. 
In  dieser  Kongruenz    berücksichtigen  wir   links   die  Kongruenz   (2)    und 

rechts  (4);  dann  wird 

vX'p'c  =  v'{iXc 

oder 

v\i  X  c  =  y  Xpc  . 

Hierin  berücksichtigen  wir  links  die  Kongruenz  (l)  und  rechts  (5);  dann 

wird 

v[i  XV '  =  v'Xp'a 
oder 

Xp'vb'  ss  Xfi'v'a. 

Wegen    der  Bedeutung    unserer   Symbole    schließen   wir    aus    der   letzten 
Kongruenz  sofort 

p'vb'  es  fi'v'a 
und  hieraus 

(6)  vb'==v'a. 

Fassen  wir  nun  das  von  0  auf  n  gefällte  Lot  ins  Auge  und  fällen 
auf  dasselbe  Lote  von  A  und  B'  aus,  so  zeigt  die  Kongruenz  (6),  daß 
die  Fußpunkte  der  letzteren  beiden  Lote  zusammenfallen,  d.  h.  die  Gerade 
w*==  AB'  steht  zu  dem  Lote  auf  n  senkrecht  und  ist  mithin  zu  n  parallel. 
Damit  ist  der  Beweis  für  den  Pascalschen  Satz  erbracht. 

Wir  benutzen  im  folgenden  zur  Begründung  der  Geometrie  lediglich 
denjenigen  speziellen  Fall  des  Pascalschen  Satzes,  in  dem  die  Strecken- 
kongruenz 

OC-OÄ 
und  folglich  auch 

OA=OC 

gilt.     In    diesem    speziellen   Fall    gelingt    der    Beweis    besonders    einfach, 
nämlich  folgendermaßen  (Figur  S.  30): 

Wir  tragen  auf  OÄ  von  0  aus  die  Strecke  OB  bis  B'  ab,  so  daß 
die  Verbindungsgerade  BD'  parallel  zu  CA'  und  AG'  wird.     Wegen  der 
Kongruenz  der  Dreiecke  OC'B  und  0 AB'  wird 
(lf)  ^OC'B  =  ^OAD'. 

Da  GB'  und  BC'  nach  Voraussetzung  einander  parallel  sind,  so  ist 
(2f)  ^OC'B  =  ^OBG; 


30 


Kap.  III.   Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  14. 


aus  (lf )  und  (2f)  folgern  wir 

<£OAD'=<^OB'C- 
dann  aber  ist  nach  der  Lehre 
vom    Kreise     ACD'B'    ein 
Kreis viereck  und  mithin  gilt 
nach  einem  bekannten  Satze 
von   den  Winkeln  im  Kreis- 
viereck die  Kongruenz 
(3f)     ^OB'C  =  ^OAB'. 
Andererseits    ist    wegen    der 
Kongruenz       der       Dreiecke 
OD'C  und  OBÄ  auch 
(4f)     ^OD'G-^OBA'^ 
aus  (3f )  und  (4f )  folgern  wir 
^OAB'=^OBÄ 

und  diese  Kongruenz  lehrt,    daß   AB'  und   BA'  einander    parallel    sind, 
wie  es  der  Pascalsche  Satz  verlangt. 

Wenn  irgend  eine  Gerade,  ein  Punkt  außerhalb  derselben  und  irgend 
ein  Winkel  gegeben  ist,  so  kann  man  offenbar  durch  Abtragen  dieses 
Winkels  und  Ziehen  einer  Parallelen  eine  Gerade  finden,  die  durch  den 
gegebenen  Punkt  geht  und  die  gegebene  Gerade  unter  dem  gegebenen 
Winkel  schneidet.   Im  Hinblick  auf  diesen  Umstand  dürfen  wir  endlich  zum 

Beweise  des  allgemeineren 
Pascalschen  Satzes  auch  das 
folgende  einfache  Schluß- 
verfahren anwenden,  das  ich 
einer  Mitteilung  von  anderer 
Seite  verdanke. 

Man  ziehe  durch  B  eine 
Gerade,  die  OÄ  im  Punkte 
D'  unter  dem  Winkel  OCÄ 
trifft,  so  daß  die  Kongruenz 
(1*)  ^OCA=^OD'B 
gilt;  dann  ist  nach  einem  be- 
kannten Satze  aus  der  Lehre 


A 


C        B 

vom  Kreise   CBD'A'  ein  Kreisviereck  und  mithin  gilt  nach  dem   Satze 

von    der    Kongruenz    der    Peripheriewinkel    auf   der   nämlichen   Seite   die 

Kongruenz 

(2*)  «£  OBA=s$:  OD'C. 


Kap.  III.    Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  14,  15.  31 

Da  CA'  und  AC  nach  Voraussetzung  einander  parallel  sind,  so  ist 
(3*)  ^.OCA'^^OAC'; 

aus  (1*)  und  (3*)  folgern  wir  die  Kongruenz 

^.OD'B  =  ^  OAC- 
dann  aber  ist  auch  BAD'C  ein  Kreisviereck  und  mithin  gilt  nach  dem 
Satze  von  den  Winkeln  im  Kreisviereck  die  Kongruenz 
(4*)  ^OAD'  =  ^  OC'B. 

Da  ferner  nach  Voraussetzung  CB'  parallel  BC  ist,   so   haben  wir  auch 
(5*)  <£OB'C  =  <$:OC'B; 

aus  (4*)  und  (5*)  folgern  wir  die  Kongruenz 

^OAD'  =  ^OB'C; 

diese  endlich  lehrt,    daß  CAD' B'  ein  Kreisviereck  ist,    und    mithin    gilt 

auch  die  Kongruenz 

(6*)  ^OAB'  =$:OD'C. 

Aus  (2*)  und  (6*)  folgt 

<£  OBÄ  ~  «£  OAB' 

und  diese  Kongruenz  lehrt,  daß  BÄ  und  AB'  einander  parallel  sind,  wie 
es  der  Pascalsche  Satz  verlangt. 

Fällt  B'  mit  einem  der  Punkte  A',  B',  C  zusammen,  so  wird  eine 
Abänderung  dieses  Schluß  Verfahrens  notwendig,  die  leicht  ersichtlich  ist1). 

§  15. 
Die  Streckenrechnung  auf  Grund  des  Pascalschen  Satzes. 

Der  im  vorigen  Paragraph  bewiesene  Pascalsche  Satz  setzt  uns 
in  den  Stand,  in  die  Geometrie  eine  Rechnung  mit  Strecken  einzu- 
führen, in  der  die  Rechnungsregeln  für  reelle  Zahlen  sämtlich  unverändert 
gültig  sind. 

Statt  des  Wortes  „kongruent"  und  des  Zeichens  =  bedienen  wir  uns 
in  der  Streckenrechnung  des  Wortes  „gleich"  und  des  Zeichens  =. 

Wenn  A,  B,  C  drei  Punkte  einer  Geraden  sind  und  B  zwischen  A 
und  C  liegt,  so  bezeichnen  wir  c  =  AC  _.  w  l 

als    die    Summe    der    beiden    Strecken       . — 

a  =  AB  und  b  =  BC  und  setzen  < C*  CL  +  b   > 

c  =  a  +  &• 

1)  Interesse  verdient  auch  die  Verwendung,  die  der  Satz  vom  gemeinsamen  Schnitt- 
punkt der  Höhen  eines  Dreieckes  zur  Begründung  des  Pascalschen  Satzes  bez.  der  Pro- 
portionenlehre findet;  man  vergleiche  hierüber  F.  Schur,  Math.  Ann.  Bd.  57  und 
J.  Mollerup,  Studier  over  den  plane  geometrics  aksiomer,  Kopenhagen  1903. 


32  Kap.  III.    Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  15. 

Die  Strecken  a  und  b  heißen  kleiner  als  c,  in  Zeichen: 

a  <  c,     b  <  c, 
und  c  heißt  größer  als  a  und  b,  in  Zeichen: 

c  >  a,     c  >  &. 

Aus  den  linearen  Kongruenzaxiomen  III  1 — 3  entnehmen  wir  leicht, 
daß  für  die  eben  definierte  Addition  der  Strecken  das  assoziative 
Gesetz 

a  +  (b  +  c)  -  0  +  6)  +  c 

sowie  das  kommutative  Gesetz 

gültig  ist. 

Um  das  Produkt  einer  Strecke  a  in  eine  Strecke  b  geometrisch  zu 
definieren,  bedienen  wir  uns  folgender  Konstruktion.  Wir  wählen  zu- 
nächst eine  beliebige  Strecke,  die  für  die  ganze  Betrachtung  die  nämliche 
bleibt,    und   bezeichnen    dieselbe    mit    1.     Nunmehr  tragen  wir  auf  dem 

einen  Schenkel  eines  rechten  Winkels 
vom  Scheitel  0  aus  die  Strecke  1 
und  ferner  ebenfalls  vom  Scheitel  0 
die  Strecke  b  ab;  sodann  tragen  wir 
auf  dem  anderen  Schenkel  die  Strecke  a 
ab.  Wir  verbinden  die  Endpunkte 
der  Strecken  1  und  a  durch  eine 
Gerade  und  ziehen  zu  dieser  Geraden 
durch  den  Endpunkt  der  Strecke  b  eine  Parallele;  dieselbe  möge 
auf  dem  anderen  Schenkel  eine  Strecke  c  abschneiden:  dann  nennen  wir 
diese  Strecke  c  das  Produkt  der  Strecke  a  in  die  Strecke  b  und  be- 
zeichnen sie  mit 

c  =  ab. 

Wir  wollen  vor  allem  beweisen,  daß  für  die  eben  definierte  Multi- 
plikation der  Strecken  das  kommutative  Gesetz 

ab  =  ba 

gültig  ist.  Zu  dem  Zwecke  konstruieren  wir  zuerst  auf  die  oben  fest- 
gesetzte Weise  die  Strecke  ab.  Ferner  tragen  wir  auf  dem  ersten  Schenkel 
des  rechten  Winkels  die  Strecke  a  und  auf  dem  anderen  Schenkel  die 
Strecke  b  ab,  verbinden  den  Endpunkt  der  Strecke  1  mit  dem  Endpunkt 
von  b  auf  dem  anderen  Schenkel  durch  eine  Gerade  und  ziehen  zu  dieser 
Geraden  durch  den  Endpunkt  von  a  auf  dem  ersten  Schenkel  eine  Pa- 
rallele:   dieselbe  schneidet  auf  dem  anderen  Schenkel  die  Strecke  ba  ab; 


Kap.  III.    Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  15. 


33 


in  der  Tat  fällt  diese  Strecke  ba,  wie  untenstehende  Figur  zeigt,  wegen 
der  Parallelität  der  punktierten  Hilfslinien  nach  dem  Pascalschen  Satze 
(Satz  21)  mit  der  vorhin  konstruierten  Strecke  ab  zusammen.  Auch  um- 
gekehrt folgt,  wie  man  sofort  sieht,  aus  der  Gültigkeit  des  kommutativen 
Gesetzes  in  unserer  Streckenrechnung  der  Pascalsche  Satz. 

Um  für  unsere  Multiplikation  der  Strecken  das  assoziative   Gesetz 

a(bc)  =  (ab)c 
zu  beweisen,  tragen  wir  auf  dem  einen  Schenkel  des  rechten  Winkels  vom 
Scheitel  0   aus    die    Strecken   1    und   b   und    auf   dem   anderen   Schenkel 
ebenfalls  von  0  aus  die  Strecken  a  und  c  ab.      Sodann  konstruieren  wir 


0         cu    1  5 

ab  =  ba 


e-cb 

\\ 

ae-cd 

\    \ 

\ 

c 

d-ab 

\ 

v\    \ 

\ 

a 

S.      V^ 

\\ 

\  ^\  *N 

/    d 


die  Strecken  d  =  ab  und  e  =  cb  und  tragen  diese  Strecken  d  und  e  auf 
dem  ersteren  Schenkel  von  0  aus  ab.  Konstruieren  wir  sodann  ae  und 
cd,  so  ist  wiederum  auf  Grund  des  Pascalschen  Satzes  aus  vorstehender 
Figur    ersichtlich,    daß    die    Endpunkte    dieser    Strecken  zusammenfallen, 

ae  =  cd     oder     a(cb)  =  c(ab) 
und  hieraus  folgt  mit  Zuhilfenahme  des  kommutativen  Gesetzes  auch 

a(bc)  =  (ab)c  1). 

1)  Man  vergleiche  hierzu  auch  die  Methoden  zur  Begründung  der  Proportionen- 
lehre, die  neuerdings  von  A.  Kneser,  Archiv  für  Math,  und  Phys.,  R.  III,  Bd.  2,  und 
J.  Mollerup,  Math.  Ann.,  Bd.  56  sowie  Studier  over  den  plane  geometrics  aksiomer, 
Kopenhagen  1903,  angegeben  worden  sind  und  bei  denen  die  Proportionengleichung 
vorangestellt  wird.  F.  Schur,  Zur  Proportionenlehre,  Math.  Ann.  Bd.  57  bemerkt,  daß 
bereits  Kupffer  (Sitzungsber.  der  Naturforscherges.  zu  Dorpat  1893)  das  kommutative 
Gesetz  der  Multiplikation  richtig  bewiesen  hat.  Jedoch  ist  Kupffers  weitere  Begrün- 
dung der  Proportionenlehre  als  unzureichend  anzusehen. 

Hubert,  Grundlagen  der  Geometrie.  3 


34 


Kap.  III.    Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  15. 


Wie  man  sieht,  haben  wir  im  vorstehenden  beim  Nachweise  sowohl 
des  kommutativen  wie  des  assoziativen  Gesetzes  der  Multiplikation  ledig- 
lich denjenigen  speziellen  Fall  des  Pascalschen  Satzes  benutzt,  dessen  Be- 
weis auf  S.  29 — 30  (§  14)  in  besonders  einfacher  Weise  durch  einmalige 
Anwendung  des  Kreisvierecksatzes  gelang. 

Durch  eine  geringe  Umordnung  des  obigen  Schluß  Verfahrens  erhält 
man  folgende  ebenfalls  sehr  kurze  Begründung  der  Multiplikationsgesetze 
der  Streckenrechnung. 

Auf  dem  einen  Schenkel  eines  rechten  Winkels  trage  man  vom 
Scheitel  0  aus  die  Strecken  a  =  OA  und  b  =  OB  und  außerdem  auf 
dem  anderen  Schenkel  die  Einheitsstrecke  1  =  OC  ab.    Der  durch  A,  B,  C 

gelegte  Kreis  schneide  den  letzteren 
Schenkel  noch  im  Punkte  D.  Der 
Punkt  D  wird  leicht  in  elementarer 
Weise  gewonnen,  indem  man  vom 
Mittelpunkt  des  Kreises  das  Lot  auf 
0  C  fällt  und  an  diesem  den  Punkt  C 
spiegelt.  Die  Strecke  OD  heiße  das 
Produkt  der  beiden  Strecken  a  und  &; 
es  gilt  dann  offenbar  das  kommuta- 
tive  Gesetz  der  Multiplikation 

ab  =  ba. 

Wegen  der  Gleichheit  der  Winkel 
OCA  und  OBJ)  stimmt  diese  Definition  des  Produktes  mit  der  auf 
S.  32  angegebenen  überein.     Die  Gleichung 

ab  =  ba 
beweist  nunmehr  nach  S.  33  oben  den  speziellen  Fall  (S.  29)  des  Pascal- 
schen  Satzes  und  aus  diesem  wiederum  folgt  nach   S.  33   das    assoziative 

Gesetz  der  Multiplikation 

a(bc)  =  (ab)c. 


CL(btC) 


b      t        c 

a  (b  +  c)  =  ab  -f  bc 


bi-c 


Endlich  gilt  in  unserer 
Streckenrechnung  auch'  das 
distributive  Gesetz 

a  (b  -J-  c)  —  ab  -f-  ac. 
Um  dasselbe  zu  beweisen, 
konstruieren  wir  die  Strecken 
ab,  ac  und  a  (b  -f-  c)  und 
ziehen  dann  durch  den  End- 
punkt der  Strecke  c  (s.  neben- 
stehende Figur)  eine  Parallele 


Kap.  HI.    Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  15,  16. 


35 


zu  dem  anderen  Schenkel  des  rechten  Winkels.  Die  Kongruenz  der  beiden 
rechtwinkligen  in  der  Figur  schraffierten  Dreiecke  und  die  Anwendung 
des  Satzes  von  der  Gleichheit  der  Gegenseiten  im  Parallelogramm  liefert 
dann  den  gewünschten  Nachweis. 

Sind  b  und  c  zwei  beliebige  Strecken,  so  gibt  es  stets  eine  Strecke  a, 

sodaß    c  =  ab   wird:    diese    Strecke    a   wird    mit   ■=-   bezeichnet   und    der 

o 

Quotient  von  c  durch  b  genannt. 


§  16. 
Die  Proportionen  und  die  Ähnlichkeitssätze. 

Mit  Hilfe  der  eben  dargelegten  Streckenrechnung  läßt  sich  Euklids 
Lehre  von  den  Proportionen  einwand sfrei  und  ohne  Archimedisches  Axiom 
in  folgender  Weise  begründen. 

Erklärung.  Sind  a,  b,  d,  b'  irgend  vier  Strecken,  so  soll  die 
Proportion 

a  :b  =  d  :b' 

nichts  anderes  bedeuten  als  die  Streckengleichung 

ab'  =  bd. 

Erklärung.  Zwei  Dreiecke  heißen  ähnlich,  wenn  entsprechende 
Winkel  in  ihnen  kongruent  sind. 

Satz  22.  Wenn  a,  b  und  d,  b'  entsprechende  Seiten  in  zwei  ähn- 
lichen Dreiecken  sind,  so  gilt  die  Proportion 

a:b  =  d  :b'. 

Beweis.     Wir  betrachten  zunächst  den  besonderen  Fall,   wo   die  von 
a,  b  und  d,  b'  eingeschlossenen  Winkel  in  beiden  Dreiecken  Rechte  sind, 
und  denken  uns  die  beiden  Dreiecke  in  ein  und  denselben  rechten  Winkel 
eingetragen.     Wir    tragen    sodann    vom 
Scheitel    aus    auf    einem    Schenkel    die 
Strecke    1    ab    und    ziehen    durch    den 
Endpunkt  dieser  Strecke  1  die  Parallele 
zu    den    beiden    Hypotenusen;    dieselbe 
schneide  auf  dem  anderen  Schenkel  die 
Strecke    e    ab;    dann    ist    nach    unserer 
Definition  des  Streckenproduktes 


b  —  ea,     b'  =  ed] 


3* 


36 


Kap.  III.    Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  16,  17. 


mithin  haben  wir 
d.  h. 


ab'  =  bd 


a  :b  =  d  :b'. 

Nunmehr  kehren  wir  zu  dem  allgemeinen  Falle  zurück.  Wir  kon- 
struieren in  jedem  der  beiden  ähn- 
lichen Dreiecke  den  Schnittpunkt  S 
bez.  ST  der  drei  Winkelhalbierenden, 
dessen  Existenz  aus  dem  Satze  vom 
gleichschenkligen  Dreiecke  leicht  abzu- 
leiten ist,  und  fällen  von  diesen  die  drei 
Lote  r  bez.  r  auf  die  Dreiecksseiten; 
die  auf  diesen  entstehenden  Abschnitte 
bezeichnen  wir  mit 

aö,  »«I  K,  K,  °a,  Cb 

<h'j  ac'>  Vi  Vi  ca',  K- 
Der  vorhin  bewiesene   spezielle   Fall  unseres   Satzes  liefert  dann  die 
Proportionen 


bez. 


ah:r  =  ah 


bc:r  =  bc' :  / 
b„:r==bJ:  r' 


ac:r  =  ac  :r 
aus  diesen  schließen  wir  mittels  des  distributiven  Gesetzes 

a  :  r  =  d  :  r,     b  :  r  =  b' :  / 
und  folglich  mit  Rücksicht  auf  das  kommutative  Gesetz  der  Multiplikation 

a  :b  =  d  :b\ 
Aus  dem  eben  bewiesenen  Satze  22  entnehmen  wir  leicht  den  Fun- 
damentalsatz in  der  Lehre  von  den  Proportionen,  der  wie  folgt  lautet: 

Satz  23.  Schneiden  zivei  Parallele  auf  den  Schenkeln  eines  beliebigen 
Winkels  die  Strecken  a,  b  bez.  d,  V  ab,  so  gilt  die  Proportion 

a  :b  —  d \V . 

Umgekehrt,  wenn  vier  Strecken  a,  b,  d,  b'  diese  Proportion  erfüllen  und 
a,  d  und  b,  b'  je  auf  einem  Schenkel  eines  beliebigen  Winkels  abgetragen 
werden,  so  sind  die  Verbindungsgeraden  der  Endpunkte  von  a,  b  bez.  von 
d,  V  einander  parallel. 

§  17. 

Die  Gleichungen  der  Geraden  und  Ebenen. 

Zu  dem  bisherigen  System  von  Strecken  fügen  wir  noch  ein  zweites 
ebensolches  System  von  Strecken  hinzu;  die  Strecken  des  neuen  Systems 
denken  wir  uns    durch    ein    Merkzeichen    kenntlich   gemacht  und  nennen 


Kap.  III.    Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  17. 


37 


sie  dann  „negative"  Strecken  zum  Unterschiede  von  den  bisher  betrach- 
teten „positiven11  Strecken.  Führen  wir  noch  die  durch  einen  einzigen 
Punkt  bestimmte  Strecke  0  ein,  so  gelten  bei  gehörigen  Festsetzungen 
in  dieser  erweiterten  Streckenrechnung  sämtliche  Rechnungsregeln  für 
reelle  Zahlen,  die  in  §  13  zusammengestellt  worden  sind.  Wir  heben 
folgende  spezielle  Tatsachen  hervor: 

Es  ist  stets  a  •  1  —  1  •  a  —  a. 

Wenn  ab  =  0,  so  ist  entweder  a  =  0  oder  b  =  0. 

Wenn  a>&  und  c  >  0,  so  folgt  stets  ac>bc. 

Wir  nehmen  nun  in  einer  Ebene  a  durch  einen  Punkt  0  zwei  zu- 
einander senkrechte  Gerade  als  festes  rechtwinkliges  Achsenkreuz  an 
und  tragen  dann  die  beliebigen  Strecken  x,  y  von  0  aus  auf  den  beiden 
Geraden  ab,  und  zwar  nach  der  einen  oder  nach  der  anderen  Seite  hin, 
je  nachdem  die  abzutragende  Strecke  x  bez.  y  positiv  oder  negativ  ist; 
sodann  errichten  wir  die  Lote  in  den  Endpunkten  der  Strecken  x,  y  und 
bestimmen  den  Schnittpunkt  P  dieser  Lote:  die  Strecken  x,  y  heißen  die 
Koordinaten  des  Punktes  P;  jeder  Punkt  der  Ebene  a  ist  durch  seine 
Koordinaten  x,  y,  die  positive  oder  negative  Strecken  oder  0  sein  können, 
eindeutig  bestimmt. 

Es  sei  l  irgend  eine  Gerade  in  der  Ebene  a,  die  durch  0  und  durch 
einen  Punkt  C  mit  den 
Koordinaten  a,  b  gehe. 
Sind  dann  x,  y  die  Ko- 
ordinaten irgend  eines 
Punktes  von  l,  so  finden 
wir  leicht  aus  Satz  22 

a  :  b  —  x  :  y 
oder 

bx  —  ay  =  0 

als     die     Gleichung    der 

Geraden   l.      Ist   V    eine 

zu  l  parallele  Gerade,  die 

auf   der    £-Achse    die    Strecke   c   abschneidet,    so    gelangen    wir    zu    der 

Gleichung  der  Geraden  V,  indem  wir  in  der  Gleichung  der  Geraden  l  die 

Strecke  x   durch   die  Strecke  x  —  c   ersetzen;    die    gewünschte    Gleichung 

lautet  also 

bx  —  ay  —  bc  =  0. 

Aus  diesen  Entwicklungen  schließen  wir  leicht  auf  eine  Weise,  die 
von  dem  Archimedischen  Axiom  unabhängig  ist,  daß  jede  Gerade  in  einer 
Ebene   durch  eine  lineare  Gleichung  in  den  Koordinaten  x,  y  dargestellt 


38  Kap.  III.    Die  Lehre  von  den  Proportionen.    §  17. 

wird  und  umgekehrt  jede  solche  lineare  Gleichung  eine  Gerade  darstellt, 
wobei  die  Koeffizienten  derselben  in  der  betreffenden  Geometrie  vor- 
kommende Strecken  sind. 

Die  entsprechenden  Resultate  beweist  man  ebenso  leicht  in  der 
räumlichen  Geometrie. 

Der  weitere  Aufbau  der  Geometrie  kann  von  nun  an  nach  den 
Methoden  geschehen,  die  man  in  der  analytischen  Geometrie  gemeinhin 
anwendet. 

Wir  haben  bisher  in  diesem  Kapitel  III  das  Archimedische  Axiom 
nirgends  benutzt;  setzen  wir  jetzt  die  Gültigkeit  desselben  voraus,  so 
können  wir  den  Punkten  einer  beliebigen  Geraden  im  Räume  reelle  Zahlen 
zuordnen  und  zwar  auf  folgende  Art. 

Wir  wählen  auf  der  Geraden  zwei  beliebige  Punkte  aus  und  ordnen 
diesen  die  Zahlen  0  und  1  zu;  sodann  halbieren  wir  die  durch  sie  be- 
stimmte Strecke  Ol  und  bezeichnen  den  entstehenden  Mittelpunkt  mit  -§-, 
ferner  den  Mittelpunkt  der  Strecke  0^  mit  \  u.  s.  w.;  nach  w-maliger 
Ausführung  dieses  Verfahrens   gelangen  wir  zu   einem   Punkte,    dem    die 

Zahl  —  zuzuordnen  ist.    Nun  tragen  wir  die  Strecke  0 —  an  den  Punkt  0 

sowohl  nach  der  Seite  des  Punktes  1  als  auch  nach  der  anderen  Seite 
hin  etwa  m  mal  hintereinander  ab  und  erteilen  den  so  entstehenden  Punkten 

die  Zahlenwerte  —  bezw.  —  — .     Aus  dem  Archimedischen  Axiom  kann 

2n  2n 

leicht  geschlossen  werden,  daß  auf  Grund  dieser  Zuordnung  sich  jedem 
■fc*v-Ai  beliebigen  Punkte  der  Geraden  in  eindeutig  bestimmter  Weise  eine  reelle 
Zahl  zuordnen  läßt  und  zwar  so,  daß  dieser  Zuordnung  folgende  Eigen- 
schaft zukommt:  wenn  A,  B,  C  irgend  drei  Punkte  der  Geraden  und  bez. 
a,  ß,  y  die  zugehörigen  reellen  Zahlen  sind  und  B  zwischen  A  und  G 
liegt,  so  erfüllen  diese  Zahlen  stets  entweder  die  Ungleichung  a  <  ß  <  y 
oder  a  >  ß  >  y. 

Aus  den  Entwicklungen  im  Kap.  II  §  9  leuchtet  ein,  daß  dort  für 
jede  Zahl,  die  dem  algebraischen  Zahlkörper  Sl  angehört,  notwendig  ein 
Punkt  der  Geraden  existieren  muß,  dem  sie  zugeordnet  ist.  Ob  auch 
jeder  anderen  reellen  Zahl  ein  Punkt  entspricht,  hängt  davon  ab,  ob  in  der 
vorgelegten  Geometrie  das  Vollständigkeitsaxiom  V  2  gilt  oder  nicht  gilt. 
Dagegen  ist  es,  auch  wenn  man  nur  die  Gültigkeit  des  Archimedischen 
Axioms  annimmt,  stets  möglich,  das  System  von  Punkten,  Geraden  und 
Ebenen  so  durch  „irrationale"  Elemente  zu  erweitern,  daß  auf  jeder 
Geraden  der  entstehenden  Geometrie  jedem  System  von  drei  reellen 
Zahlen  ohne  Ausnahme  ein  Punkt  zugeordnet  ist.  Durch  gehörige  Fest- 
setzung kann  zugleich  erreicht  werden,   daß  in  der  erweiterten  Geometrie 


Kap.  IV.    Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene.    §  18.  39 

sämtliche  Axiome  I— V  gültig  sind.  Diese  (durch  Hinzufügung  der 
irrationalen  Elemente)  erweiterte  Geometrie  ist  keine  andere  als  die  ge- 
wöhnliche analytische  Cartesische  Geometrie  des  Raumes,  in  welcher  auch 
das  Vollständigkeitsaxiom  V  2  gilt1). 


Kapitel  IV. 
Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene. 

§  18. 
Die  Zerlegungsgleichheit  und  Inhaltsgleichheit  von  Polygonen. 

Wir  legen  den  Untersuchungen  des  gegenwärtigen  Kapitels  IV  die- 
selben Axiome  wie  im  Kapitel  III  zu  Grunde,  nämlich  die  linearen  und 
ebenen  Axiome  sämtlicher  Gruppen  mit  Ausnahme  der  Stetigkeitsaxiome, 
d.  h.  die  Axiome  I  1 — 3  und  II—  IV. 

Die  im  Kapitel  III  erörterte  Lehre  von  den  Proportionen  und  die  da- 
selbst eingeführte  Streckenrechnung  setzt  uns  in  den  Stand,  die  Euklidische 
Lehre  von  den  Flächeninhalten  mittels  der  genannten  Axiome,  d.  h.  in 
der  Ebene  und  unabhängig  von  den  Stetigkeitsaxiomen  zu  be- 
gründen. 

Da  nach  den  Entwicklungen  im  Kapitel  III  die  Lehre  von  den 
Proportionen  wesentlich  auf  dem  Pascalschen  Satze  (Satz  21)  beruht 
so  gilt  dies  auch  für  die  Lehre  von  den  Flächeninhalten;  diese  Begrün- 
dung der  Lehre  von  den  Flächeninhalten  erscheint  mir  als  eine  der 
merkwürdigsten  Anwendungen  des  Pascalschen  Satzes  in  der  Elementar- 
geometrie. 

Erklärung:  Verbindet  man  zwei  Punkte  eines  Polygons  P  durch 
irgend  einen  Streckenzug,  der  ganz  im  Innern  des  Polygons  verläuft,  so 
entstehen  zwei  neue  Polygone  P,  und  P2,  deren  innere  Punkte  alle  im 
Innern  von  P  liegen;  wir  sagen:  P  zerfällt  in  Px  und  P2,  oder  Px 
und  P2  setzen  P  zusammen. 

Erklärung.  Zwei  Polygone  heißen  zerlegungsgleich,  wenn  sie  in 
eine  endliche  Anzahl  von  Dreiecken  zerlegt  werden  können,  die  paar- 
weise einander  kongruent  sind. 

Erklärung.  Zwei  Polygone  heißen  inhaltsgleich  oder  von  gleichem 
Inhalte,   wenn    es    möglich    ist,    zu  denselben  zerlegungsgleiche  Polygone 


1)  Vgl.  die  Bemerkungen  am  Schluß  von  §  8. 


40 


Kap.  IV.    Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene.    §  18. 


hinzuzufügen,  so  daß  die  beiden  zusammengesetzten  Polygone  einander 
zerlegungsgleich  sind. 

Aus  den  letzteren  Erklärungen  folgt  sofort:  durch  Zusammenfügung 
zerlegungsgleicher  Polygone  entstehen  wieder  zerlegungsgleiche  Poly- 
gone, und  wenn  man  zerlegungsgleiche  Polygone  von  zerlegungsgleichen 
Polygonen  wegnimmt,  so  sind  die  übrigbleibenden  Polygone  inhalts- 
gleich. 

Ferner  gelten  folgende  Sätze: 

Satz  24.  Sind  zwei  Polygone  Pt  und  P2  mit  einem  dritten  Po- 
lygon P3  zerlegungsgleich,  so  sind  sie  auch  untereinander  zerlegungs- 
gleich. Sind  zwei  Polygone  mit  einem  dritten  inhaltsgleich,  so  sind  sie 
untereinander  inhaltsgleich. 

Beweis.  Nach  Voraussetzung  läßt  sich  sowohl  für  Pu  als  auch 
für  P2    eine    Zerlegung    in    Dreiecke    angeben,    so  daß  einer  jeden  dieser 


beiden  Zerlegungen  je  eine  Zerlegung  des  Polygons  P3  in  kongruente 
Dreiecke  entspricht.  Indem  wir  diese  Zerlegungen  von  P3  gleichzeitig  in 
Betracht  ziehen,  wird  im  allgemeinen  jedes  Dreieck  der  einen  Zerlegung 
durch  Strecken,  welche  der  anderen  Zerlegung  angehören,  in  Polygone 
zerlegt.  Wir  fügen  nun  noch  so  viele  Strecken  hinzu,  daß  jedes  dieser 
Polygone  selbst  wieder  in  Dreiecke  zerfällt,  und  bringen  dann  die  zwei 
entsprechenden  Zerlegungen  in  Dreiecke  in  Px  und  in  P2  an;  dann  zer- 
fallen offenbar  diese  beiden  Polygone  Pt  und  P2  in  gleich  viele  paar- 
weise einander  kongruente  Dreiecke  und  sind  somit  nach  der  Erklärung 
einander  zerlegungsgleich. 

Der  Beweis  der  zweiten  Aussage  des  Satzes  24  ergibt  sich  nunmehr 
ohne  Schwierigkeit. 

Wir  erklären  in  der  üblichen  Weise  die  Begriffe:  Rechteck,  Grund- 
linie und  Höhe  eines  Pardllelogrammes,  Grundlinie  und  Höhe  eines  Dreiecks. 


Kap.  IV.    Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene.    §  19.  41 

§  19. 
Parallelogramme  und  Dreiecke  mit  gleicher  Grundlinie  und  Höhe. 

Die  bekannte  in  den  untenstehenden  Figuren  illustrierte  Schlußweise 
Euklids  liefert  den  Satz: 

Satz  25.  Zwei  Parallelogramme  mit  gleicher  Grundlinie  und  Höhe 
sind  einander  inhaltsgleich. 


Ferner  gilt  die  bekannte  Tatsache: 

Satz  26.    Ein  jedes  Dreieck  ABC  ist  stets  einem  gewissen  Parallelo- 
gramm   mit    gleicher    Grundlinie    und    halber 
Höhe  zerlegungsgleich. 

Beweis.  Halbiert  man  AC  in  B  und 
BC  in  E  und  verlängert  dann  DE  um  sich 
selbst  bis  F,  so  sind  die  Dreiecke  BEC 
und  FBE   einander   kongruent    und   folglich 

sind  Dreieck  A  B  C  und  Parallelogramm  ^41?  i<7_D            /  \      / 

einander  inhaltsgleich.  / ]/ 

Aus  Satz  25  und  Satz  26  folgt  mit  Hin- 
zuziehung von   Satz  24  unmittelbar: 

Satz  27.  Zwei  Dreiecke  mit  gleicher  Grundlinie  und  Höhe  sind 
einander  inhaltsgleich. 

Bekanntlich  zeigt  man  leicht,  daß  zwei  Dreiecke  mit  gleicher  Grund- 
linie und  Höhe  auch  stets  zerlegungsgleich  sind.  Wir  bemerken  jedoch, 
daß  dieser  Nachweis  ohne  Benutzung  des  Archimedischen  Axioms  nicht  mög- 
lich ist;  in  der  Tat  lassen  sich  in  unserer  Nicht- Archimedischen  Geo- 
metrie (vgl.  Kap.  II  §  12)  ohne  Schwierigkeit  zwei  solche  Dreiecke  an- 
geben, die  gleiche  Grundlinie  und  Höhe  besitzen  und  folglich  dem  Satze  27 
entsprechend  inhaltsgleich,  aber  die  dennoch  nicht  zerlegungsgleich 
sind.  Als  Beispiel  mögen  zwei  Dreiecke  ABC  und  ABB  mit  der  ge- 
meinsamen Grundlinie  AB  =  1  und  der  gleichen  Höhe  1  dienen,  wenn 
die  Spitze  C  des  ersteren  Dreiecks  senkrecht  über  A  und  im  zweiten 
Dreiecke  der  Fußpunkt  F  der  von  der  Spitze  B  gefällten  Höhe  so  ge- 
legen ist,  daß  AF  =  t  wird. 

Wir  erwähnen  noch  den  leicht  zu  beweisenden  Satz: 

Satz  28.     Zu  einem  beliebigen  Dreiecke  und  mithin  auch  zu  einem 


42  Kap.  IV.    Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene.    §  19,  20 

beliebigen  Polygon  kann  stets  ein  rechtwinkliges  Dreieck  konstruiert 
werden,  das  eine  Kathete  1  besitzt  und  das  mit  dem  Dreiecke  bez.  Po- 
lygon inhaltsgleich  ist. 

Auch  die  übrigen  Sätze  aus  der  elementaren  Geometrie  über  die 
Inhaltsgleichheit  von  Polygonen,  insbesondere  der  Pythagoräische  Lehr- 
satz sind  leichte  Folgerungen  der  eben  aufgestellten  Sätze.  Wir  begegnen 
aber  dennoch  bei  der  weiteren  Durchführung  der  Theorie  der  Flächen- 
inhalte einer  wesentlichen  Schwierigkeit.  Insbesondere  lassen  es  unsere 
bisherigen  Betrachtungen  dahingestellt,  ob  nicht  etwa  alle  Polygone  stets 
einander  inhaltsgleich  sind.  In  diesem  Falle  wären  die  sämtlichen  vorhin 
aufgestellten  Sätze  nichtssagend  und  ohne  Bedeutung.  Hiermit  hängt  die 
Frage  zusammen,  ob  zwei  inhaltsgleiche  Rechtecke  mit  einer  gemein- 
schaftlichen Seite  auch  notwendig  in  der  anderen  Seite  übereinstimmen, 
d.  h.,  ob  ein  Rechteck  durch  eine  Seite  und  den  Flächeninhalt  eindeutig 
bestimmt  ist. 

Wie  die  nähere  Überlegung  zeigt,  bedarf  man  zur  Beantwortung 
der  aufgeworfenen  Fragen  der  Umkehrung  des  Satzes  27,  die  folgender- 
maßen lautet: 

Satz  29.  Wenn  zwei  inhaltsgleiche  Dreiecke  gleiche  Grundlinie  haben, 
so  haben  sie  auch  gleiche  Höhe. 

Dieser  fundamentale  Satz  29  findet  sich  im  ersten  Buch  der  Elemente 
des  Euklid  als  39ster  Satz;  beim  Beweise  desselben  beruft  sich  jedoch 
Euldid  auf  den  allgemeinen  Größensatz:  „Kai  tö  olov  tov  [isgovg  iielt,6v 
itfTLv"  —  ein  Verfahren,  welches  auf  die  Einführung  eines  neuen  geo- 
metrischen Axioms  über  Flächeninhalte  hinausläuft. 

Es  gelingt  nun,  den  Satz  29  und  damit  die  Lehre  von  den  Flächen- 
inhalten auf  dem  hier  von  uns  in  Aussicht  genommenen  Wege,  d.  h. 
lediglich  mit  Hilfe  der  ebenen  Axiome  ohne  Benutzung  des  Archimedischen 
Axioms  zu  begründen.  Um  dies  einzusehen,  haben  wir  den  Begriff  des 
Inhaltsmaßes  nötig. 

§  20. 
Das  Inhaltsmaß  von  Dreiecken  nnd  Polygonen. 

Erklärung:  Wenn  wir  in  einem  Dreieck  ABC  mit  den  Seiten 
a,  b,  c  die  beiden  Höhen  ha  =  AD,  hb  =  JBE  konstruieren,  so  folgt 
aus  der  Ähnlichkeit  der  Dreiecke  BCE  und  ACD  nach  Satz  22  die 
Proportion 

a:hb  =  b:ha, 
d.  h. 


Kap.  IV.    Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene.    §  20. 


43 


mithin  ist  in  jedem  Dreiecke  das  Produkt  aus  einer  Grundlinie  und  der 
zu  ihr  gehörigen  Höhe  davon  unabhängig,  welche  Seite  des  Dreiecks  man 
als  Grundlinie  wählt.  Das  halbe  Produkt  aus 
Grundlinie  und  Höhe  eines  Dreiecks  z/  ist 
also  eine  für  das  Dreieck  charakteristische 
Strecke;  sie  heiße  das  InJidltsmaß  des  Drei- 
ecks z/  und  werde  mit  J  (z/)  bezeichnet. 

Erklärung.  Eine  Strecke,  welche  eine 
Ecke  eines  Dreiecks  mit  einem  Punkte  der 
gegenüberliegenden  Seite  verbindet,  heißt 
Transversale  des  Dreiecks;  dieselbe  zerlegt  das  Dreieck  in  zwei  Dreiecke 
mit  gemeinsamer  Höhe,  deren  Grundlinien  in  dieselbe  Gerade  fallen;  eine 
solche  Zerlegung  heiße  eine  transversale  Zerlegung  des  Dreiecks. 

Satz  30.  Wenn  ein  Dreieck  z/  durch  beliebige  Gerade  irgendwie  in 
eine  gewisse  endliche  Anzahl  von  Dreiecken  zlk  zerlegt  wird,  so  ist  stets 
das  Inhaltsmaß  des  Dreiecks  z/  gleich  der  Summe  der  Inhaltsmaße  der 
sämtlichen  Dreiecke  zlk. 

Beweis.     Aus    dem    distributiven    Gesetze    in    unserer    Streckenrech- 
nung   folgt    unmittelbar,    daß    das    Inhaltsmaß    eines    beliebigen    Dreiecks 
gleich    der    Summe    der    Inhaltsmaße    zweier 
solcher  Dreiecke  ist,   die   durch  irgendwelche 
transversale    Zerlegung    aus     jenem     Dreieck 
hervorgehen.      Die    wiederholte     Anwendung 
dieser    Tatsache    zeigt,    daß    das    Inhaltsmaß 
eines    beliebigen    Dreiecks    auch    gleich    der 
Summe  der  Inhaltsmaße  der  sämtlichen  Drei- 
ecke   ist,    die    aus     dem     vorgelegten    Dreiecke     entstehen,    wenn    man 
nacheinander    beliebig    viele    transversale    Zerlegungen    ausführt. 

Um  nun  den  entsprechenden  Nachweis  für 
die  beliebige  Zerlegung  des  Dreiecks  z/  in  Drei- 
ecke Ak  zu  erbringen,  ziehen  wir  von  der  einen 
Ecke  A  des  Dreieckes  z/  durch  jeden  Teilpunkt 
der  Zerlegung,  d.  h.  durch  jeden  Eckpunkt  der 
Dreiecke  Ak  eine  Transversale;  durch  diese  Trans- 
versalen zerfällt  das  Dreieck  z/  in  gewisse  Drei- 
ecke z/r  Jedes  dieser  Dreiecke  At  zerfällt  durch 
die  Teilstrecken  der  gegebenen  Zerlegung  in 
gewisse  Dreiecke  und  Vierecke.  Wenn  wir  in  A1 
den  Vierecken  noch  je  eine  Diagonale  kon- 
struieren, so  zerfällt  jedes  Dreieck  At  in  gewisse  Dreiecke  Ats.  Wir  wollen 
nun  zeigen,  daß  die  Zerlegung  in  Dreiecke  Ju  sowohl  für  die  Dreiecke  At 


44  Kap.  IV.    Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene.    §  20. 

als  auch  für  die  Dreiecke  /ik  nichts  anderes  als  eine  Kette  von  transver- 
salen Zerlegungen  bedeutet. 

In  der  Tat,  zunächst  ist  klar,  daß  jede  Zerlegung  eines  Dreiecks  in 
Teildreiecke  stets  durch  eine  Reihe  von  transversalen  Zerlegungen  be- 
wirkt werden  kann,  wenn  bei  der  Zerlegung  im  Inneren  des  Dreiecks 
keine  Teilpunkte  liegen  und  überdies  wenigstens  eine  Seite  des  Dreiecks 
von  Teilpunkten  frei  bleibt. 

Nun  ist  für  die  Dreiecke  dt  unsere  Behauptung  aus  dem  Umstände 
ersichtlich,  daß  für  jedes  derselben  das  Innere  sowie  eine  Seite,  nämlich 
die  dem  Punkte  A  gegenüberliegende  Seite  von  weiteren  Teilpunkten 
frei   ist. 

Aber  auch  für  jedes  zfk  ist  die  Zerlegung  in  Au  auf  transversale 
Zerlegungen  zurückführbar.  Betrachten  wir  nämlich  ein  Dreieck  zJk,  so 
wird  es  unter  den  von  A  ausgehenden  Transversalen  im  Dreieck  A  eine 
bestimmte  Transversale  geben,  in  welche  entweder  eine  Seite  von  /ik 
hineinfällt  oder  welche  selbst  das  Dreieck  /ik  in  zwei  Dreiecke  zerlegt. 
Im  ersten  Falle  bleibt  die  betreffende  Seite  des  Dreiecks  Ak  überhaupt 
frei  von  weiteren  Teilpunkten  bei  der  Zerlegung  in  Dreiecke  z/,s;  im 
letzteren  Falle  ist  die  im  Inneren  des  Dreiecks  /Jk  verlaufende  Strecke 
jener  Transversalen  in  den  beiden  entstehenden  Dreiecken  eine  Seite, 
die  bei  der  Teilung  in  Dreiecke  <dts  von  weiteren  Teilpunkten  gewiß 
frei  bleibt. 

Nach  der  am  Anfang  dieses  Beweises  angestellten  Betrachtung  ist 
das  Inhaltsmaß  J(z/)  des  Dreiecks  z/  gleich  der  Summe  aller  Inhalts- 
maße  J  {/!})  der  Dreiecke  z/,,  und  diese  Summe  ist  gleich  der  Summe 
aller  Inhaltsmaße  J(zlts).  Andererseits  ist  auch  die  Summe  über  die 
Inhaltsmaße  J  (z/A.)  aller  Dreiecke  /lk  gleich  der  Summe  aller  Inhalts- 
maße J(Ats),  und  hieraus  folgt  endlich,  daß  das  Inhaltsmaß  J '(z/)  auch 
gleich  der  Summe  aller  Inhaltsmaße  J(<4k)  ist.  Damit  ist  der  Beweis 
des  Satzes  30  vollständig  erbracht. 

Erklärung.  Definieren  wir  das  Inhaltsmaß  J (P)  eines  Polygons 
als  die  Summe  der  Inhaltsmaße  aller  Dreiecke,  in  die  dasselbe  bei  einer 
bestimmten  Zerlegung  zerfällt,  so  erkennen  wir  auf  Grund  des  Satzes  30 
durch  eine  ähnliche  Schlußweise,  wie  wir  sie  in  §  18  beim  Beweise  des 
Satzes  24  angewandt  haben,  daß  das  Inhaltsmaß  eines  Polygons  von  der 
Art  der  Zerlegung  in  Dreiecke  unabhängig  ist  und  mithin  allein  durch 
das  Polygon  sich  eindeutig  bestimmt.  Aus  dieser  Erklärung  entnehmen 
wir  vermittels  des  Satzes  30  die  Tatsache,  daß  zerlegungsgleiche 
Polygone  gleiches  Inhaltsmaß  haben. 

Sind  ferner  P  und  Q  zwei  inhaltsgleiche  Polygone,  so  muß  es  nach 
der  Erklärung  zwei  zerlegungsgleiche  Polygone  P'  und  Q'  geben,  so  daß 


Kap.  IV.    Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene.    §  20,  21.  45 

das  aus  P  und  P'  zusammengesetzte  Polygon  (P  +  P')  mit  dem  aus 
Q  und  Q'  zusammengesetzten  Polygon  (Q  +  $')  zerlegungsgleich  ausfällt. 
Aus  den  beiden  Gleichungen 

J{P+P')  =  J{Q+Q'), 

J(P')  =  J(Q') 
schließen  wir  leicht 

J(P)  =  J(Q), 

d.  h.  inhaltsgleiche  Polygone  haben  gleiches  Inhaltsraaß. 

§  21. 

Die  Inhaltsgleichheit  und  das  Inhaltsmaß. 

In    §  20    haben    wir    gefunden,    daß    inhaltsgleiche    Polygone    stets 

gleiches    Inhaltsmaß    haben.      Aus    dieser    Tatsache    entnehmen    wir    un- 

mittelbar  den  Beweis  des  Satzes  29.    Bezeichnen  wir  nämlich  die  gleiche 

Grundlinie    der    beiden    Dreiecke    mit   g,    die    zugehörigen    Höhen    mit  h 

und  h',    so    schließen    wir    aus    der    angenommenen   Inhaltsgleichheit    der 

beiden  Dreiecke,    daß   dieselben  auch  gleiches   Inhaltsmaß  haben  müssen, 

d.  h.  es  folgt: 

±gh  -  Igh' 

und  mithin  nach  Division  durch  \g 

h  =  h'\ 

dies  ist  die  Aussage  des  Satzes  29. 

Auch  läßt  sich  nunmehr  die  am  Schluß  von  §  20  gemachte  Aussage 
umkehren.  In  der  Tat,  seien  P  und  Q  zwei  Polygone  mit  gleichem 
Inhaltsmaß,  so  konstruieren  wir  gemäß  Satz  28  zwei  rechtwinklige  Drei- 
ecke A  und  E,  von  denen  jedes  eine  Kathete  1  besitzt  und  so  daß  das 
Dreieck  A  mit  dem  Polygon  P  und  das  Dreieck  JE  mit  dem  Polygon  Q 
inhaltsgleich  ist.  Aus  dem  am  Schluß  von  §  20  bewiesenen  Satze  folgt 
dann,  daß  A  mit  P  und  ebenso  E  mit  Q  gleiche  Inhaltsmaße  haben. 
Wegen  des  gleichen  Inhaltsmaßes  von  P  und  Q  folgt  hieraus,  daß  auch 
A  und  E  gleiches  Inhaltsmaß  haben.  Da  nun  diese  beiden  rechtwinkligen 
Dreiecke  in  der  Kathete  1  übereinstimmen,  so  stimmen  notwendig  auch 
ihre  anderen  Katheten  überein,  d.  h.  die  beiden  Dreiecke  A  und  E  sind 
einander  kongruent  und  mithin  sind  nach  Satz  24  die  beiden  Polygone  P 
und  Q  einander  inhaltsgleich. 

Die  beiden  in  diesem  und  dem  vorigen  Paragraph  gefundenen  Tat- 
sachen fassen  wir  in  den  folgenden  Satz  zusammen: 

Satz  31.  Zum  inhaltsgleiche  Polygone  haben  stets  das  gleiche  Inhalts- 
maß und  zwei  Polygone  mit  gleichem  Mialtsmaß  sind  stets  einander 
inhaltsgleich. 


46 


Kap.  IV.    Die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  in  der  Ebene.    §  21. 


Insbesondere  müssen  zwei  inhaltsgleiche  Rechtecke  mit  einer  gemein- 
samen Seite  auch  in  den  anderen  Seiten  übereinstimmen.  Auch  folgt 
der  Satz: 

Satz  32.  Zerlegt  man  ein  Rechteck  durch  Gerade  in  mehrere  Drei- 
ecke und  läßt  auch  nur  eines  dieser  Dreiecke  fort,  so  kann  man  mit  den 
übrigen  Dreiecken  das  Rechteck  nicht  mehr  ausfüllen1). 

Dieser  Satz  ist  von  de  Zolt2)  und  von  0.  Stolz5)  als  Axiom  hingestellt 
und  von  F.  Schur*)  und  W.  Killingb)  mit  Hilfe  des  Archimedischen 
Axioms  bewiesen  worden.  Im  vorstehenden  ist  gezeigt,  daß  derselbe  völlig 
unabhängig  von  dem  Archimedischen  Axiom  gilt. 

Zum  Beweise  der  Sätze  29,  30,  31  haben  wir  wesentlich  die  in 
Kapitel  III  §  15  eingeführte  Streckenrechnung  benutzt,  und  da  diese  im 
wesentlichen  auf  dem  Pascalschen  Satze  (Satz  21)  beruht,  so  erweist  sich 
für  die  Lehre  von  den  Flächeninhalten  der  Pascalsche  Satz  als  der  wich- 
tigste Baustein. 

Wir  erkennen  leicht,  daß  auch  umgekehrt  aus  den  Sätzen  27  und  29 
der  Pascalsche  Satz  wieder  gewonnen  werden  kann.     In  der  Tat,  aus  der 

Parallelität  der  Geraden  CB> 
und  C  B  folgt  nach  Satz  27 
die  Inhaltsgleichheit  der  Drei- 
ecke OBB'  und  OCC;  eben- 
so folgt  aus  der  Parallelität 
der  Geraden  CA  und  AC 
die  Inhaltsgleichheit  der  Drei- 
ecke OAA  und  OCC  Da 
hiernach  auch  die  Dreiecke 
OAA  und  OBB'  einander 
inhaltsgleich  sind,  so  ergibt 
Satz  29,    daß    auch  BA'  zu  AB'  parallel    sein    muß. 

Von  zwei  nicht  inhaltsgleichen  Polygonen  P  und  Q  nennen  wir  P 
inhaltskleiner  bez.  inhaltsgrößer  als  Q,  je  nachdem  das  Inhaltsmaß  J  (P) 
kleiner  oder  größer  als  J  (Q)  ausfällt.  Es  ist  nach  dem  vorstehenden  klar, 
daß  die  Begriffe  inhaltsgleich,  inhaltskleiner  und  inhaltsgrößer  sich  gegen- 

1)  Hinsichtlich  der  merkwürdigen  Rolle,  die  dieser  Satz  32  behufs  Ergänzung 
der  sogenannten  „Kongruenzsätze  im  engeren  Sinne"  spielt,  vergleiche  man  den 
Schluß  von  Anhang  II  S.  105—106. 

2)  Principii  della  eguaglianza  di  polizoni  preceduti  da  alcuni  critici  sulla  teoria 
della  equivalenza  geometrica.  Milano,  Briola  1881.  Vgl.  auch  Principii  della  eguaglianza 
di  poliedri  e  di  polizoni  sferici.     Milano,  Briola  1883. 

3)  Monatshefte  für  Math,  und  Phys.,  Jahrgang  5,  1894. 

4)  Sitzungsberichte  der  Dorpater  Naturf.  Ges.  1892. 

5)  Grundlagen  der  Geometrie,  Bd.  2,  Abschnitt  5,  §  5,  1898. 


Kap.  V.    Der  Desarguessche  Satz.    §  22.  47 

seitig  ausschließen.  Ferner  erkennen  wir  leicht,  daß  ein  Polygon,  welches 
ganz  im  Inneren  eines  anderen  Polygons  liegt,  stets  inhaltskleiner  als 
dieses  sein  muß. 

Hiermit  haben  wir  die  wesentlichen  Sätze  der  Lehre  von  den  Flächen- 
inhalten in  der  Ebene  begründet. 

Bereits  Gauß  hat  die  Aufmerksamkeit  der  Mathematiker  auf  die  ent- 
sprechende Frage  für  den  Raum  gelenkt.  Ich  habe  die  Vermutung  der 
Unmöglichkeit  einer  analogen  Begründung  der  Lehre  von  den  Inhalten 
im  Räume  ausgesprochen  und  die  bestimmte  Aufgabe1)  gestellt,  zwei 
Tetraeder  mit  gleicher  Grundfläche  und  von  gleicher  Höhe  anzugeben,  die 
sich  auf  keine  Weise  in  kongruente  Tetraeder  zerlegen  lassen,  und  die 
sich  auch  durch  Hinzufügung  kongruenter  Tetraeder  nicht  zu  solchen 
Polyedern  ergänzen  lassen,  für  die  ihrerseits  eine  Zerlegung  in  kongruente 
Tetraeder  möglich  ist. 

M.  Dehn2)  ist  dieser  Nachweis  in  der  Tat  gelungen;  er  hat  damit  in 
strenger  Weise  die  Unmöglichkeit  dargetan,  die  Lehre  von  den  räumlichen 
Inhalten  so  zu  begründen,  wie  dies  im  vorstehenden  für  die  ebenen  Inhalte 
geschehen  ist. 

Hiernach  wären  zur  Behandlung  der  analogen  Fragen  für  den  Raum 
andere  Hilfsmittel,  etwa  das  Cavalierische  Prinzip  heranzuziehen. 


Kapitel  V. 
Der  Desarguessche  Satz. 

§  w. 

Der  Desarguessche  Satz  und  der  Beweis  desselben  in  der  Ebene 

mit  Hilfe  der  Kongruenzaxiome. 

Von  den  im  Kapitel  I  aufgestellten  Axiomen  sind  diejenigen  der 
Gruppen  II — V  sämtlich  teils  lineare,  teils  ebene  Axiome;  die  Axiome  4 
— 8  der  Gruppe  I  sind  die  einzigen  räumlichen  Axiome.  Um  die  Be- 
deutung dieser  räumlichen  Axiome  klar  zu  erkennen,  denken  wir  uns 
irgend  eine  ebene  Geometrie  vorgelegt  und  untersuchen  allgemein  die 
Bedingungen  dafür,  daß  diese  ebene  Geometrie  sich  als  Teil  einer  räum- 
lichen Geometrie  auffassen  läßt,  in  welcher  die  Axiome  der  Gruppen  I— II, 
IV  sämtlich  erfüllt  sind. 


1)  Vgl.  meinen  Vortrag  „Mathematische  Prohleme"  Nr.  3. 

2)  Über  raumgleiche  Polyeder,  Göttinger  Nachr.  1900,   sowie  Über  den  Raum- 
inhalt, Math.  Ann.  Bd.  55.  1902.     Vgl.  ferner  Kagan,  Math.  Ann.  Bd.  57. 


48  Kap.  V.    Der  Desarguessche  Satz.    §  22. 

Auf  Grund  der  Axiome  der  Gruppen  I — II,  IV  ist  es  bekanntlich  leicht 
möglich,  den  sogenannten  Desarguesschen  Satz  zu  beweisen;  derselbe  ist 
ein  ebener  Schnittpunktsatz.  Wir  nehmen  insbesondere  die  Gerade,  auf 
der  die  Schnittpunkte  entsprechender  Seiten  der  beiden  Dreiecke  liegen 
sollen,  zur  „Unendlichfernen",  wie  man  sagt,  und  bezeichnen  den  so  ent- 
stehenden Satz  nebst  seiner  Umkehrung  schlechthin  als  Desarguesschen 
Satz;  dieser  Satz  lautet  wie  folgt: 

Satz  33.  (Desarguesscher  Satz.)  Wenn  zwei  Dreiecke  in  einer 
Ebene  so  gelegen  sind,  daß  je  zwei  entsprechende  Seiten  einander  parallel 
sind,  so  laufen  die  Verbindungslinien  der  entsprechenden  Ecken  durch  ein 
und  denselben  Punkt  oder  sind  einander  parallel,  und  umgekehrt: 

Wenn  zwei  Dreiecke  in  einer  Ebene  so  gelegen  sind,  daß  die  Ver- 
bindungslinien der  entsprechenden  Ecken  durch   einen   Punkt  laufen  oder 

einander  parallel  sind,  und  wenn 
ferner  zwei  Paare  entsprechender 
Seiten  in  den  Dreiecken  parallel 
sind,  so  sind  auch  die  dritten 
Seiten  der  beiden  Dreiecke  ein- 
ander parallel. 

Wie  bereits  erwähnt,  ist 
der  Satz  33  eine  Folge  der 
Axiome  I,  II,  IV;  dieser  Tatsache 
gemäß  ist  die  Gültigkeit  des 
Desarguesschen  Satzes  in  der  Ebene  jedenfalls  eine  notwendige  Be- 
dingung dafür,  daß  die  Geometrie  dieser  Ebene  sich  als  Teil  einer  räum- 
lichen Geometrie  auffassen  läßt,  in  welcher  die  Axiome  der  Gruppen  I, 
II,  IV  sämtlich  erfüllt  sind. 

Wir  nehmen  nun  wie  in  den  Kapiteln  III  und  IV  eine  ebene 
Geometrie  an,  in  welcher  die  Axiome  I  1 — 3  und  II — IV  gelten,  und 
denken  uns  in  derselben  nach  §  15  eine  Streckenrechnung  eingeführt: 
dann  läßt  sich,  wie  in  §  17  dargelegt  worden  ist,  jedem  Punkte  der  Ebene 
ein  Paar  von  Strecken  (x,  y)  und  jeder  Geraden  ein  Verhältnis  von  drei 
Strecken  (u  :  v  :  w),  wobei  u,  v  nicht  beide  Null  sind,  zuordnen  derart,  daß 
die  lineare  Gleichung 

ux  +  vy  -j-  w  =  0 

die  Bedingung  für  die  vereinigte  Lage  von  Punkt  und  Gerade  darstellt. 
Das  System  aller  Strecken  in  unserer  Geometrie  bildet  nach  §  17  einen 
Zahlenbereich,  für  welchen  die  in  §  13  aufgezählten  Eigenschaften  1 — 16 
bestehen,  und  wir  können  daher  mittels  dieses  Zahlenbereiches,  ähnlich 
wie  es  in  §  9  oder  §  12  mittels  des  Zahlensystems  £1  bez.  Sl  (f)  geschehen 
ist,   eine  räumliche  Geometrie  konstruieren:    wir  setzen  zu  dem  Zwecke 


Kap.  V.    Der  Desarguessche  Satz.    §  22,  23.  49 

fest,  daß  ein  System  von  drei  Strecken  (x,  y}  z)  einen  Punkt,  die  Ver- 
hältnisse von  vier  Strecken  (u  :  v  :  w  :  r)  eine  Ebene  darstellen  möge, 
während  die  Geraden  als  Schnitte  zweier  Ebenen  definiert  sind;  dabei 
drückt  die  lineare  Gleichung 

ux  +  vy  +  w£  -f  r  =  0 

aus,  daß  der  Punkt  (x,y,z)  auf  der  Ebene  (u  :  v  :  w  :  r)  liegt.  Was  end- 
lich die  Anordnung  der  Punkte  auf  einer  Geraden  oder  der  Punkte  einer 
Ebene  in  Bezug  auf  eine  Gerade  in  ihr  oder  endlich  die  Anordnung  der 
Punkte  in  Bezug  auf  eine  Ebene  im  Räume  anbetrifft,  so  wird  diese  in 
analoger  Weise  durch  Ungleichungen  zwischen  Strecken  bestimmt,  wie 
dies  in  §  9  für  die  Ebene  geschehen  ist. 

Da  wir  durch  das  Einsetzen  des  Wertes  e  =  0  die  ursprüngliche 
ebene  Geometrie  wieder  gewinnen,  so  erkennen  wir,  daß  unsere  ebene 
Geometrie  als  Teil  einer  räumlichen  Geometrie  betrachtet  werden  kann. 
Nun  ist  hierfür  die  Gültigkeit  des  Desarguesschen  Satzes  nach  den  obigen 
Ausführungen  eine  notwendige  Bedingung,  und  daher  folgt,  daß  in  der 
angenommenen  ebenen  Geometrie  auch  der  Desarguessche  Satz  gelten  muß. 

Wir  bemerken,  daß  die  eben  gefundene  Tatsache  sich  auch  direkt 
aus  dem  Satze  23  in  der  Lehre  von  den  Proportionen  ohne  Mühe  ab- 
leiten läßt. 

§  23. 

Die  Nichtbeweisbarkeit  des  Desarguesschen  Satzes  in  der  Ebene 
ohne  Hilfe  der  Kongruenzaxiome. 

Wir  untersuchen  nun  die  Frage,  ob  in  der  ebenen  Geometrie  auch 
ohne  Hilfe  der  Kongruenzaxiome  der  Desarguessche  Satz  bewiesen  werden 
kann,  und  gelangen  dabei  zu  folgendem  Resultate: 

Satz  34.  Es  gibt  eine  ebene  Geometrie,  in  welcher  die  Axiome  I  1 — 3, 
II,  III  1 — 5,  IV,  V,  d.  h.  sämtliche  linearen  und  ebenen  Axiome  mit  Aus- 
nahme des  Kongruenzaxioms  III  6  erfüllt  sind,  während  der  Desarguessche 
Satz  (Satz  32)  nicht  gilt.  Der  Desarguessche  Satz  Jcann  mithin  aus  den 
genannten  Axiomen  allein  nicht  gefolgert  werden:  es  bedarf  zum  Beweise 
desselben  notwendig  entweder  der  räumlichen  Axiome  oder  des  Axioms  III  6 
über  die  Kongruenz  der  Dreiecke. 

Beweis.  Wir  wählen  in  der  gewöhnlichen  ebenen  Geometrie,  deren 
Möglichkeit  bereits  im  Kapitel  II  §  9  erkannt  worden  ist,  irgend  zwei 
zu  einander  senkrechte  Gerade  als  Koordinatenachsen  X,  Y  und  denken 
uns  um  den  Nullpunkt  0  dieses  Koordinatensystems  als  Mittelpunkt  eine 
Ellipse  z.  B.  mit  den  Halbachsen  1  und  -\  konstruiert;  endlich  bezeichnen  wir 

Hubert,  Grundlagen  der  Geometrie.  4 


50  Kap.  V.    Der  Desarguessche  Satz.    §  23. 

mit  F  den  Punkt,  welcher  in  der  Entfernung  f  von  0  auf  der  positiven 
X-Achse  liegt. 

Wir  fassen  nun  die  Gesamtheit  aller  Kreise  ins  Auge,  welche  die 
Ellipse  in  vier  reellen  —  getrennten  oder  beliebig  zusammenfallenden  — 
Punkten  schneiden,  und  suchen  unter  allen  auf  diesen  Kreisen  gelegenen 
Punkten  denjenigen  Punkt  zu  bestimmen,  der  auf  der  positiven  X-Achse 
am  weitesten  vom  Nullpunkt  entfernt  ist.  Zu  dem  Zwecke  gehen  wir 
von  einem  beliebigen  Kreise  aus,  der  die  Ellipse  in  vier  Punkten  schneidet 
und  die  positive  X-Achse  im  Punkte  C  treffen  möge.  Diesen  Kreis  denken 
wir  uns  dann  um  den  Punkt  C  derart  gedreht,  daß  zwei  von  den  vier 
Schnittpunkten  oder  mehr  in  einen  einzigen  Punkt  A  zusammenfallen, 
während  die  übrigen  reell  bleiben.  Der  so  entstehende  Berührungskreis 
werde  alsdann  vergrößert  derart,  daß  stets  der  Punkt  A  Berührungspunkt 
mit  der  Ellipse  bleibt;  hierdurch  gelangen  wir  notwendig  zu  einem 
Kreise,  der  die  Ellipse  entweder  noch  in  einem  anderen  Punkte  B  be- 
rührt oder  in  A  mit  der  Ellipse  eine  vierpunktige  Berührung  aufweist 
und  der  überdies  die  positive  X-Achse  in  einem  entfernteren  Punkte 
als  C  trifft.  Der  gesuchte  entfernteste  Punkt  wird  sich  demnach  unter 
denjenigen  Punkten  befinden,  die  von  den  doppeltberührenden  außerhalb 
der  Ellipse  verlaufenden  Kreisen  auf  der  positiven  X-Achse  ausgeschnitten 
werden.  Die  doppeltberührenden  außerhalb  der  Ellipse  verlaufenden  Kreise 
liegen  nun,  wie  man  leicht  sieht,  sämtlich  zur  Y- Achse  symmetrisch.  Es 
seien  a,  b  die  Koordinaten  irgend  eines  Punktes  der  Ellipse:  dann  lehrt 
eine  leichte  Rechnung,  daß  der  in  diesem  Punkte  berührende  zur  Y-Achse 
symmetrische  Kreis  auf  der  positiven  X-Achse  die  Strecke 


x=\yi+  3Ö2| 

abschneidet.  Der  größtmögliche  Wert  dieses  Ausdrucks  tritt  für  b  =  *- 
ein  und  wird  somit  gleich  ■§•  | yl  | ,  Da  der  vorhin  mit  F  bezeichnete 
Punkt  auf  der  X-Achse  die  Abscisse  f h>  -£  |  "|/7 r|  aufweist,  so  folgt,  daß 
unter  den  die  Ellipse  viermal  treffenden  Kreisen  sich  gewiß 
keiner  befindet,  der  durch  den  Punkt  F  läuft. 

Nunmehr  stellen  wir  uns  eine  neue  ebene  Geometrie  in  folgender 
Weise  her.  Als  Punkte  der  neuen  Geometrie  nehmen  wir  die  Punkte 
der  X  Y- Ebene;  als  Gerade  der  neuen  Geometrie  nehmen  wir  diejenigen 
Geraden  der  XY-Ebene  unverändert,  welche  die  feste  Ellipse  berühren 
oder  gar  nicht  treffen;  ist  dagegen  g  eine  Gerade  der  XY-Ebene,  die 
die  Ellipse  in  zwei  Punkten  P  und  Q  trifft,  so  konstruieren  wir  durch 
P,  Q  und  den  festen  Punkt  F  einen  Kreis;  dieser  Kreis  hat,  wie  aus 
dem  oben  Bewiesenen  hervorgeht,  keinen  weiteren  Punkt  mit  der  Ellipse 
gemein.    Wir  denken  uns  nun  an  Stelle  des  zwischen  P  und  Q  innerhalb 


Kap.  V.    Der  Desarguessche  Satz.    §  23. 


51 


der  Ellipse  gelegenen  Stückes  der  Geraden  g  denjenigen  Bogen  des  eben 
konstruierten  Kreises  gesetzt,  der  zwischen  P  und  Q  innerhalb  der  Ellipse 
verläuft.  Den  Linienzug,  welcher  aus  den  beiden  von  P  und  Q  aus- 
gehenden unendlichen  Stücken  der  Geraden  g  und  dem  eben  konstruierten 
Kreisbogen  PQ  besteht,  nehmen  wir  als  Gerade  der  neu  herzustellenden 
Geometrie.  Denken  wir  uns  für  alle  Geraden  der  XY-Ebene  die  ent- 
sprechenden Linienzüge  konstruiert,    so   entsteht  ein  System  von  Linien- 


zügen, welche,  als  Gerade  einer  Geometrie  aufgefaßt,  offenbar  den 
Axiomen  I  1 — 2  und  III  genügen.  Bei  Festsetzung  der  natürlichen  An- 
ordnung für  die  Punkte  und  Geraden  in  unserer  neuen  Geometrie  er- 
kennen wir  unmittelbar,  daß  auch  die  Axiome  II  gültig  sind. 

Ferner  nennen  wir  zwei  Strecken  AB  und  AB'  in  unserer  neuen 
Geometrie  kongruent,  wenn  der  zwischen  A  und  B  verlaufende  Linienzug 
die  gleiche  natürliche  Länge  hat,  wie  der  zwischen  A'  und  B'  verlaufende 
Linienzug. 

Endlich  bedürfen  wir  einer  Festsetzung  betreffs  der  Kongruenz  der 
Winkel.     Sobald  keiner  von  den  Scheiteln  der  zu  vergleichenden  Winkel 


52 


Kap.  V.  Der  Desarguessche  Satz.    §  23. 


auf  der  Ellipse  liegt,  nennen  wir  zwei  Winkel  einander  kongruent,  wenn 
sie  im  gewöhnlichen  Sinne  einander  gleich  sind.  Im  anderen  Falle  treffen 
wir  folgende  Festsetzung.  Es  mögen  die  Punkte  A,  B,  G  in  dieser  Reihen- 
folge und  die  Punkte  Ä,  B',  C  in  dieser  Reihenfolge  je  auf  einer  Geraden 
unserer  neuen  Geometrie  liegen;  D  sei  ein  Punkt  außerhalb  der  Geraden 
ABC  und  I)'  ein  Punkt  außerhalb  der  Geraden  A'B'C:  dann  mögen 
für  die  Winkel  zwischen  diesen  Geraden  in  unserer  neuen  Geometrie  die 
Kongruenzen 

$:abd  =  $:äb'd'  und  <£Cbd  =  cb'd' 

gelten,  sobald  für  die  natürlichen  Winkel  zwischen  den  entsprechenden 
Linienzügen  in  der  gewöhnlichen  Geometrie  die  Proportion 

<£  ABB  :  <$:  CBB  =  £  ÄB'B' :  <£  C 'B ' B' 

erfüllt  ist.  Bei  diesen  Festsetzungen  sind  auch  die  Axiome  III  1 — 5  und 
V  gültig. 

Um    einzusehen,    daß    in    unserer   neu    hergestellten    Geometrie    der 
Desarguessche  Satz  nicht  gilt,  betrachten  wir  folgende  drei  gewöhnliche 

gerade  Linien  in  der  XF-Ebene: 
die  X-Achse,  die  Y-Achse  und 
die  Gerade,  welche  die  beiden 
Ellipsenpunkte  x  —  •£ ,  y  =  f  und 
x  =  —  | ,  ?/  =  —  f  mit  einander 
verbindet.  Da  diese  drei  gewöhn- 
lichen geraden  Linien  durch  den 
Nullpunkt  0  laufen,  so  können 
wir  leicht  zwei  solche  Dreiecke 
angeben,  deren  Ecken  bez.  auf 
jenen  drei  Geraden  liegen,  deren 
entsprechende  Seiten  paarweise 
einander  parallel  laufen  und  die 
sämtlich  außerhalb  der  Ellipse  ge- 
legen sind.  Da  die  Linienzüge, 
welche  aus  den  genannten  drei 
geraden  Linien  entspringen,  sich,  wie  die  Figur  auf  S.  53  zeigt  und  wie 
man  leicht  durch  Rechnung  bestätigt,  nicht  in  einem  Punkte  treffen,  so 
folgt,  daß  der  Desarguessche  Satz  in  der  neuen  ebenen  Geometrie  für  die 
beiden  vorhin  konstruierten  Dreiecke  gewiß  nicht  gilt. 

Die  von  uns  hergestellte  ebene  Geometrie  dient  zugleich  als  Beispiel 
einer  ebenen  Geometrie,  in  welcher  die  Axiome  I  1 — 3,  II,  III  1 — 5,  IV,  V 


Kap.  V.   Der  Desarguessche  Satz.    §  23,  24. 


53 


gültig  sind,    und    die  sich    doch    nicht    als  Teil    einer   räumlichen  Geo- 
metrie auffassen  läßt. 


§  24. 

Einführung  einer  Streckenrechnung  ohne  Hilfe  der  Kongruenzaxiome  auf 
Grund  des  Desarguesschen  Satzes. 

Um  die  Bedeutung  des  Desarguesschen  Satzes  (Satz  33)  vollständig 
zu  erkennen,  legen  wir  eine  ebene  Geometrie  zu  Grunde,  in  welcher  die 
Axiome  I  1 — 3,  II,  IV,  d.  h.  die  sämtlichen  linearen  und  ebenen  Axiome 
außer  den  Kongruenz-  und  Stetigkeitsaxiomen  gültig  sind,  und  führen  in 
diese  Geometrie  unabhängig  von  den  Kongruenzaxiomen  auf  fol- 
gende Weise  eine  neue  Streckenrechnung  ein. 

Wir  nehmen  in  der  Ebene  zwei  feste  Geraden  an,  die  sich  in  dem 
Punkte  0  schneiden  mögen,  und  rechnen  im  folgenden  nur  mit  solchen 
Strecken,  deren  Anfangspunkt  0  ist  und  deren  Endpunkte  auf  einer  dieser 
beiden  festen  Geraden  beliebig  liegen.  Auch  den  Punkt  0  allein  bezeichnen 
wir  als  Strecke  und  nennen  ihn  dann  die  Strecke  0,  in  Zeichen 

00  =  0     oder     0=00. 

Es  seien  E  und  E'  je  ein  bestimmter  Punkt  auf  den  festen  Geraden 
durch  0;  dann  bezeichnen  wir  die  beiden  Strecken  OE  und  OE'  als  die 
Strecken  1,  in  Zeichen: 

OE  =  OE'  =  1     oder     1  =  OE  =  OE'. 


54 


Kap.  V.  Der  Desarguessche  Satz.    §  24. 


CL+b,C', 


Die  Gerade  EE'  nennen  wir  kurz  die  Einheitsgerade.  Sind  ferner  A  und 
Ä  Punkte  auf  den  Geraden  OE  bez.  OE'  und  läuft  die  Verbindungs- 
gerade AA'  parallel  zu  EE',  so  nennen  wir  die  Strecken  OA  und  OA 
einander  gleich,  in  Zeichen: 

OA^OA'     oder     OA' =  OA. 

Um  zunächst  die  Summe  der  Strecken  a  =  OA  und  b  =  OB  zu  de- 
finieren, konstruiere  man  AÄ  parallel  zur  Einheitsgeraden  EE'  und  ziehe 

sodann  durch  Ä  eine  Parallele  zu  OE 
und  durch  B  eine  Parallele  zu  OE'. 
Diese  beiden  Parallelen  mögen  sich 
in  A"  schneiden.  Endlich  ziehe  man 
durch  A"  zur  Einheitsgeraden  EE' 
eine  Parallele;  dieselbe  treffe  die  festen 
Geraden  OE  und  OE'  in  C  und  C: 
dann  heiße  c=  0C=  OC  die  Summe 
der  Strecke  a  =  OA  mit  der  Strecke 
b  =  OB,  in  Zeichen: 
c  =  a  -\-b     oder  a  -\-b  =  c. 

Um  das  Produkt  einer  Strecke  a  =  0 A   in  eine  Strecke  b  =  OB  zu 
definieren,  bedienen  wir  uns  genau  der  in  §  15  angegebenen  Konstruktion, 

nur  daß  an  Stelle  der 


ccb,C 


Schenkel  des  rechten 
Winkels  hier  die  bei- 
den festen  Geraden  OE 
und  OE'  treten.  Die 
Konstruktion  ist  dem- 
nach folgende.  Man 
bestimme  auf  OE'  den 
Punkt  Ä,  so  daß  AA' 
parallel  der  Einheits- 
geraden EE'  wird,  verbinde  E  mit  A'  und  ziehe  durch  B  eine  Parallele 
zu  EA']  trifft  diese  Parallele  die  feste  Gerade  OE'  im  Punkte  C,  so 
heißt  c  =  OC  das  Produkt  der  Strecke  a  =  OA  in  die  Strecke  b  =  OB, 
in  Zeichen: 

c  =  ab     oder     ab  =  c. 


Kap.  V.   Der  Desarguessche  Satz.    §  25. 


55 


§  25. 

Das  konmmtative  und  assoziative  Gesetz  der  Addition  in  der  neuen 

Streckenrechnung. 

Wir  untersuchen  jetzt,  welche  von  den  in  §  13  aufgestellten  Rech- 
nungsgesetzen für  unsere  neue  Streckenrechnung  gültig  sind,  wenn  wir 
eine  ebene  Geometrie  zu  Grunde  legen,  in  der  die  Axiome  I  1 — 3,  II — IV 
erfüllt  sind  und  überdies  der  Desarguessche  Satz  gilt. 

Vor  allem  wollen  wir  beweisen,  daß  für  die  in  §  24  definierte  Addi- 
tion der  Strecken  das  kommutative  Gesetz 

a  -\-b  =  b  -\-  a 
gilt.     Es  sei 

a  =  0  A  =  OÄ, 

&  =  OB=  OB', 

wobei  unserer  Festsetzung  entsprechend  AÄ  und  BB'  der  Einheitsgeraden 
parallel  sind.  Nun  konstruieren  wir  die  Punkte  Ä'  und  B",  indem  wir 
ÄÄ'  sowie  B'B"  parallel  OA  und  ferner 
AB"  und  BA"  parallel  OÄ  ziehen;  wie 
man  sofort  sieht,  sagt  dann  unsere  Be- 
hauptung aus,  daß  die  Verbindungslinie 
Ä'B"  parallel  mit  A  A'  läuft.  Die  Rich- 
tigkeit dieser  Behauptung  erkennen  wir 
auf  Grund  des  Desarguesschen  Satzes 
(Satz  32)  wie  folgt.  Wir  bezeichnen  den 
Schnittpunkt  von  AB"  und  ÄÄ'  mit  F 
und  den  Schnittpunkt  von  BA"  und 
B'B"  mit  Dj  dann  sind  in  den  Drei- 
ecken AÄF  und  BB'D  die  entsprechenden  Seiten  einander  parallel. 
Mittels  des  Desarguesschen  Satzes  schließen  wir  hieraus,  daß  die  drei 
Punkte  0,  F,  D  in  einer  Geraden  liegen.  Infolge  dieses  Umstandes  liegen 
die  beiden  Dreiecke  OAÄ  und  DB'Ä"  derart,  daß  die  Verbindungs- 
linien entsprechender  Ecken  durch  den  nämlichen  Punkt  F  laufen  und  da 
überdies  zwei  Paare  entsprechender  Seiten,  nämlich  OA  und  DB"  sowie 
OÄ  und  DA"  einander  parallel  sind,  so  laufen  nach  der  zweiten  Aussage 
des  Desarguesschen  Satzes  (Satz  32)  auch  die  dritten  Seiten  AÄ  und 
B'Ä'  einander  parallel. 

Zum  Beweise  des  assoziativen  Gesetzes  der  Addition 

a  +  (b  +  c)  =  (a  +  b)  +  c 

dient  die  Figur   auf   S.  56.     Mit    Berücksichtigung  des   eben   bewiesenen 


56 


Kap.  V.   Der  Desarguessche  Satz.    §  25,  26. 


CL+b+C 


cv     c       cz+ft  j)+c 

a  +  (6  +  c)  =  (o  +  b)  +  c 


kommutativen  Gesetzes  der  Ad- 
dition spricht  sich  die  obige 
Behauptung,  wie  man  sieht, 
darin  aus,  daß  die  Gerade  A"B" 
parallel  der  Einheitsgeraden  ver- 
laufen muß.  Die  Richtigkeit  die- 
ser Behauptung  ist  offenbar,  da 
der  schraffierte  Teil  dieser  Figur 
mit  der  vorhergehenden  Figur 
genau  übereinstimmt. 


§  26. 

Das  assoziative  Gesetz  der  Multiplikation  und  die  beiden  distributiven 
Gesetze  in  der  neuen  Streckenrechnurig. 

Bei  unseren  Annahmen  gilt  auch  für  die  Multiplikation  der  Strecken 
das  assoziative  Gesetz: 

a(bc)  =  (ab)c. 

Es   seien  auf   der  ersteren   der   beiden   festen   Geraden  durch   0    die 
Strecken 

\  =  OA,    b=OC,    c=OÄ 

und  auf  der  anderen  Geraden  die  Strecken 

a=OG     und     b  =  OB 

gegeben.    Um  gemäß  der  Vorschrift  in  §  24  der  Reihe  nach  die  Strecken 

bc=OB'     und     le.-OC 

ab  =  OD, 

(al)c-  OD' 

zu  konstruieren,  ziehen  wir  AB'  parallel  AB,  B' C  parallel  BC,  CD 
parallel  AG  sowie  A'D'  parallel  AD]  wie  wir  sofort  erkennen,  läuft  dann 
unsere  Behauptung  darauf  hinaus,  daß  auch  CD  parallel  CD'  sein  muß. 
Bezeichnen  wir  nun  den  Schnittpunkt  der  Geraden  AD  und  BC  mit  F 
und  den  Schnittpunkt  der  Geraden  A'D'  und  B' C  mit  F',  so  sind  in 
den  Dreiecken  ABF  und  A'B'F'  die  entsprechenden  Seiten  einander 
parallel;  nach  dem  Desarguesschen  Satze  liegen  daher  die  drei  Punkte 
0,  F,  F'  auf  einer  Geraden.  Wegen  dieses  Umstandes  können  wir  die 
zweite  Aussage  des  Desarguesschen  Satzes  auf  die  beiden  Dreiecke  CDF 
und  C'D'F'  anwenden  und  erkennen  hieraus,  daß  in  der  Tat  CD  parallel 
CD'  ist. 


Kap.  V.   Der  Desarguessche  Satz.    §  26.  57 

ccbc,  D> 

\         N.  »" 

\        X.  x 

a(bc)  =  (ab)c 


Wir  beweisen  endlich  in  unserer  Streckenrechnung    auf   Grund    des 
Desarguesschen  Satzes  die  beiden  distributiven  Gesetze: 

a(b  4-  e)  —  ab  +  ac 

und 

{a  -\-  b)c  =  ac  -\-bc. 

Zum  Beweise    des    ersteren  Gesetzes    dient    die  Figur  S.  58  *).     In 

derselben  ist 

b=OÄ,     c=OC 

ab  =  OB',    ab  -  OA",    ac  =  OC"  u.  s.  f. 
und  es  läuft 

B"Dt  parallel  C"D1  parallel  zur  festen  Geraden  OA', 
B'Dt        „        CD,        „         „       „  „         OA"-, 

ferner  ist 

A'A"  paraUel  CG" 
und 

AB"  parallel  B'A"  parallel  F' D2  parallel  ^''A  . 

Die  Behauptung  läuft  darauf  hinaus,  daß  dann  auch 

F'F'  paraUel  A'A"  und  CG" 
sein  muß. 

Wir  konstruieren  folgende  Hilfslinien: 

F"J  parallel  der  festen  Geraden  OA', 
F'J        „  „        „  „         OA  ; 

die  Schnittpunkte   der  Geraden   G"Dt  und   CD2,  G"D1  und  F'J,   CD2 


1)  Die  Figuren  S.  58,  60  und  62  hat  Herr  Dr.  von  Schaper  entworfen  und  auch 
die  zugehörigen  Beweise  ausgeführt. 


58 


Kap.  V.  Der  Desarguessche  Satz.    §  26. 


und  F"  J  heißen  G,  H1}  H2;  endlich  erhalten  wir  noch  die  weiteren  in 
der  untenstehenden  Figur  punktierten  Hilfslinien  durch  Verbindung  bereits 
konstruierter  Punkte. 

In  den  beiden  Dreiecken  Ä B" C"  und  F'  D.2G  laufen  die  Verbindungs- 
geraden entsprechender  Ecken  einander  parallel;  nach  der  zweiten  Aus- 
sage des  Desarguesschen  Satzes  folgt  daher,  daß 

ÄC"  parallel  F'  G 
sein  muß.     In  den  beiden  Dreiecken  Ä C" F"  und  F'GH2   laufen  eben- 
falls   die    Verbindungsgeraden    entsprechender    Ecken    einander    parallel; 


Ä 


wmmMgm 


j 


6    £ 


»       h 


\5 


0 


A'  B' 
b    ebb 


C 
c 


F' 

b+c 


a(b  -f-  c)  —  ab  -f  ac 


wegen  der  vorhin  gefundenen  Tatsache  folgt  nach  der  zweiten  Aussage 
des  Desarguesschen  Satzes,  daß 

ÄF"  parallel  F'H2 
sein    muß.     Da    somit    in    den   beiden  wagerecht    schraffierten    Dreiecken 
OA'F"  und  JH2F'  die  entsprechenden  Seiten  parallel  sind,  so  lehrt  der 
Desarguessche  Satz,  daß  die  drei  Verbindungsgeraden 

OJ,    A'H2,    F"F' 
sich  in  einem  und  demselben  Punkte,  etwa  in  P,  treffen. 
Auf  dieselbe  Weise  finden  wir,  daß  auch 
A"F'  parallel  F"  Bx 
sein    muß    und    da    somit    in    den   beiden    schräg    schraffierten  Dreiecken 
OA'F'  und  JH1F''  die  entsprechenden  Seiten  parallel  laufen,  so  treffen 
sich  dem  Desarguesschen  Satze  zufolge  die  drei  Verbindungsgeraden 

OJ,    A"H1}        F'F" 
ebenfalls  in  einem  Punkte  —  dem  Punkte  P. 


Kap.  V.   Der  Desarguessche  Satz.    §  26.  59 

Nunmehr   laufen   für  die  Dreiecke    OA'A"  und  JH2HX   die  Verbin- 
dungsgeraden  entsprechender  Ecken   durch   den  nämlichen  Punkt  P,  und 

mithin  folgt,  daß 

HXH2  parallel  A'A" 

sein  muß;  mithin  ist  auch 

HXH2  parallel  CG". 

Endlich  betrachten  wir  die  Figur  F"HlC'C"HtF'F".     Da  in  der- 
selben 

F"H2  parallel  C'F'  parallel  G"  Hx 

H2C        „       F"C"      „        HtF' 
C'C"       „       HXH2 

ausfällt,  so  erkennen  wir  hierin  die  Figur  S.  55  {ß' B" A A'Ä'BB')  wieder, 
die  wir  in  §  25  zum  Beweise  für  das  kommutative  Gesetz  der  Addition 
benutzt  haben.    Die  entsprechenden  Schlüsse  wie  dort  zeigen  dann,  daß 

F'F"  parallel  HXH2 

sein  muß  und  da  mithin  auch 

F'F"  parallel  A'A" 

ausfällt,  so  ist  der  Beweis  unserer  Behauptung  vollständig  erbracht. 

Zum  Beweise   der  zweiten  Formel  des   distributiven  Gesetzes   dient 
die  völlig  verschiedene  Figur  S.  60.     In  derselben  ist 

l  =  OD,     a=0A,     a=0B,     b=OG,    c=OD' 
ac  =  OA',     ac  =  OB',     bc  =  00'  u.  s.  f. 
und  es  läuft 

GH  parallel  G' H'  parallel  zur  festen  Geraden  OA, 
AH       „       A'H'         „  „        „  „        OB 

und  ferner 

AB  parallel  A'B', 

BD       „       B'D', 

DG       „       D'G', 

HJ       „       H'J'. 

Die  Behauptung  läuft  darauf  hinaus,  daß  dann  auch 

DJ  parallel  D'J' 
sein  muß. 

Wir  bezeichnen  die  Punkte,  in  denen  BD  und  GD  die  Gerade  AH 
treffen,  bez.  mit  C  und  F  und  ferner  die  Punkte,  in  denen  B'D'  und 
G'D'  die  Gerade  Ä H'  treffen,  bez.  mit  C  und  F'\  endlich  ziehen  wir 
noch  die  in  der  Figur  S.  60  punktierten  Hilfslinien  FJ  und  F'J'. 


60 


Kap.  V.   Der  Desarguessche  Satz.    §  26,  27. 


In  den  Dreiecken  ABC  und  A'JB'C  laufen  die  entsprechenden  Seiten 
parallel;  mithin  liegen  nach  dem  Desarguesschen  Satze  die  drei  Punkte 
0,  C,  C  auf  einer  Geraden.  Ebenso  folgt  dann  aus  der  Betrachtung  der 
Dreiecke  CBF  und  C'B'F',  daß  0,  F,  F'  auf  einer  Geraden  liegen,  und 


(fl  -f  fyc  =  ac  -\-hc 


die  Betrachtung  der  Dreiecke  FGH  und  F' G' H'  lehrt,  daß  0,  H,  H' 
Punkte  einer  Geraden  sind.  Nun  laufen  in  den  Dreiecken  FHJ  und 
F' H'  J'  die  Verbindungsgeraden  entsprechender  Ecken  durch  den  näm- 
lichen Punkt  0,  und  mithin  sind  zufolge  der  zweiten  Aussage  des  Des- 
arguesschen Satzes  die  Geraden  FJ  und  F'J'  einander  parallel.  Endlich 
zeigt  dann  die  Betrachtung  der  Dreiecke  BFJ  und  B'F'J',  daß  die 
Geraden  BJ  und  B'J'  einander  parallel  sind,  und  damit  ist  der  Beweis 
unserer  Behauptung  vollständig  erbracht. 


§  27. 
Die  Gleichung  der  Geraden  auf  Grund  der  neuen  Streckenrechnung. 

Wir  haben  in  §  24  bis  §  26  mittels  der  in  §  24  angeführten  Axiome 
und  unter  Voraussetzung  der  Gültigkeit  des  Desarguesschen  Satzes  in  der 
Ebene  eine  Streckenrechnung  eingeführt,  in  welcher  das  kommutative 
Gesetz  der  Addition,  die  assoziativen  Gesetze  der  Addition  und  Multipli- 
kation, sowie  die  beiden  distributiven  Gesetze  gültig  sind.  Wir  wollen 
in  diesem  Paragraphen  zeigen,  in  welcher  Weise  auf  Grund  dieser  Strecken- 
rechnung eine  analytische  Darstellung  der  Punkte  und  Geraden  in  der 
Ebene  möglich  ist. 

Erklärung.  Wir  bezeichnen  in  der  Ebene  die  beiden  angenommenen 
festen  Geraden  durch  den  Punkt  0  als  die  X-  und  Y-Achse  und  denken 
uns   irgend  einen  Punkt  P  der  Ebene  durch  die  Strecken  x,  y  bestimmt, 


Kap.  V.  Der  Desarguessche  Satz.    §  27.  61 

die  man  auf  der  X-  bez.  Y-Achse  erhält,  wenn  man  durch  P  zu  diesen 
Achsen  Parallelen  zieht.  Diese  Strecken  x,  y  heißen  Koordinaten  des 
Punktes  P.  Auf  Grund  der  neuen  Streckenrechnung  und  mit  Hilfe  des 
Desarguesschen  Satzes  gelangen  wir  zu  der  folgenden  Tatsache: 

Satz  35.  Die  Koordinaten  x,  y  der  Punkte  auf  einer  beliebigen  Ge- 
raden erfüllen  stets  eine  Streckengleichimg  von  der  Gestalt: 

ax-\-  by  +  c  =  0; 

in  dieser  Gleichung  stehen  die  Strecken  a,  b  notwendig  linksseitig  von  den 
Koordinaten  x,  y;  die  Strecken  a,  b  sind  niemals  beide  Null  und  c  ist  eine 
beliebige  Strecke. 

Umgekehrt:  jede  Streckengleichung  der  beschriebenen  Art  stellt  stets  eine 
Gerade  in  der  zu  Grunde  gelegten  ebenen  Geometrie  dar. 

Beweis.  Wir  nehmen  zunächst  an,  die  Gerade  l  gehe  durch  0  und 
sei  von  den  Achsen  verschieden.  Ferner  sei  C  ein  bestimmter  von  0 
verschiedener  Punkt  auf  l  und  P  ein  beliebiger  Punkt  auf  l;  C  habe  die 
Koordinaten  OA,  OB  und  P  habe  die  Koordinaten  x,  y-  wir  bezeichnen 
die  Verbindungsgerade    der    Endpunkte  von  x,  y  mit  g.      Endlich    ziehen 


wir  durch  den  Endpunkt  der  Strecke  1  auf  der  X-Achse  eine  Parallele  h 
zu  AB;  diese  Parallele  schneide  auf  der  Y-Achse  die  Strecke  e  ab.  Aus 
der  zweiten  Aussage  des  Desarguesschen  Satzes  folgt  leicht,  daß  die 
Gerade  g  stets  parallel  zu  AB  läuft.  Da  somit  auch  g  stets  zu  h  parallel 
ist,  so  folgt  für  die  Koordinaten  x,  y  des  beliebigen  Punktes  P  auf  l  die 

Streckengleichung 

ex  =  y . 

Nunmehr  sei  V  eine  beliebige  nicht  zu  den  Achsen  parallele  Gerade  in 
unserer  Ebene:  dieselbe  schneide  auf  der  X-Achse  die  Strecke  c  =  00'  ab. 


62 


Kap.  V.   Der  Desarguessche  Satz.    §  27. 


Wir  ziehen  ferner  die  Gerade  l  durch  0  parallel  zu  V.  Es  sei  P'  ein  be- 
liebiger Punkt  auf  T;  die  Parallele  durch  P'  zur  X-Achse  treffe  die  Gerade  l 
in  P  und  schneide  auf  der  F-Achse  die  Strecke  y  =  OB  ab;  ferner  mögen 
die  Parallelen  durch  P  und  P'  zur  Y-Achse  auf  der  X-Achse  die  Strecken 
x  =  OA  und  x' =  OÄ  abschneiden. 

Wir  wollen  nun  beweisen,  daß  die  Streckengleichung 

x  =  x  -\-  c 
besteht.     Zu  diesem  Zwecke  ziehen  wir  0'  C  parallel  zur  Einheitsgeraden, 


ferner   CD  parallel  zur  X-Achse    und  AD  parallel  zur  Y-Achse;    dann 
läuft  unsere  Behauptung  darauf  hinaus,  daß 

AB  parallel   O'C 
sein  muß.     Wir  konstruieren  noch  D'  als  Schnittpunkt   der  Geraden  CD 
und  AP'  und  ziehen  O'C  parallel  zur   Y-Achse. 

Da  in  den  Dreiecken  OCP  und  O'C'P'  die  Verbindungsgeraden  ent- 
sprechender Ecken  parallel  laufen,  so  folgt  mittels  der  zweiten  Aussage 
des  Desarguesschen  Satzes,  daß 

CP  parallel  C'P' 
sein  muß;  auf  gleiche  Weise  lehrt  die  Betrachtung  der  Dreiecke   ACP 

und  ÄC'P',  daß 

AG  parallel  Ä C 

ist.     Da  somit  in   den  Dreiecken  ACD  und   C'A'O'  die   entsprechenden 
Seiten  einander  parallel  laufen,  so  treffen  sich  die  Geraden  AC,  CA',  DO' 
in   einem  Punkte   und   die   Betrachtung   der   beiden   Dreiecke    C'A'D  und 
AGO'  zeigt  dann,  daß  ÄD  und  CO'  einander  parallel  sind. 
Aus  den  beiden  bisher  gefundenen  Streckengleichungen 
ex  =  y     und     x'  =  x  +  c 
folgt  sofort  die  weitere  Gleichung 

ex'  =  y  +  ec- 


Kap.  V.  Der  Desargue8sche  Satz.    §  27,  28.  63 

Bezeichnen  wir  schließlich  mit  n  die  Strecke,  die  zur  Strecke  1 
addiert  die  Strecke  0  liefert,  so  folgt,  wie  man  leicht  beweist,  aus  der 
letzten  Gleichung 

ex'  +  ny  +  ^ec  =  0 

und  diese  Gleichung  ist  von  der  Gestalt,  wie  der  Satz  35  behauptet. 

Die  zweite  Aussage  des  Satzes  35  erkennen  wir  nun  ohne  Mühe  als 
richtig;  denn  eine  jede  vorgelegte  Streckengleichung 

ax  -f-  by  -f  c  =  0 , 
wo  b  =4=  0  ist,    läßt    sich    offenbar    durch    linksseitige  Multiplikation   mit 
einer  geeigneten  Strecke  in  die  vorhin  gefundene  Gestalt 

ex  -f  ny  +  wec  =  0 
bringen. 

Es  sei  noch  ausdrücklich  bemerkt,  daß  bei  unseren  Annahmen  eine 
Streckengleichung  von  der  Gestalt 

xa  +  yb-\-  c  =  0, 
in  der  die  Strecken  a,  b  rechtsseitig  von  den  Koordinaten  x,  y  stehen, 
im  allgemeinen  nicht  eine  Gerade  darstellt. 

Wir  werden  in  §  30  eine  wichtige  Anwendung  von  dem  Satze  35 
machen. 

§  28. 
Der  Inbegriff  der  Strecken  anfgefaßt  als  komplexes  Zahlensystem. 

Wir  sehen  unmittelbar  ein,  daß  für  unsere  neue  in  §  24  begründete 
Streckenrechnung  die  Sätze  1 — 6  in  §  13  erfüllt  sind. 

Ferner  haben  wir  in  §  25  und  §  26  mit  Hilfe  des  Desarguesschen 
Satzes  erkannt,  daß  für  diese  Streckenrechnung  die  Rechnungsgesetze 
7—11  in  §  13  gültig  sind;  es  bestehen  somit  sämtliche  Sätze  der  Ver- 
knüpfung, abgesehen  vom  kommutativen  Gesetze  der  Multiplikation. 

Um  endlich  eine  Anordnung  der  Strecken  zu  ermöglichen,  treffen  wir 
folgende  Festsetzung.  Es  seien  A,  B  irgend  zwei  verschiedene  Punkte 
der  Geraden  OE-,  dann  bringen  wir  gemäß  Axiom  II  4  die  vier  Punkte 
0,  E,  A,  B  in  eine  Reihenfolge.     Ist   dies   auf  eine  der  folgenden   sechs 

ABOE,    AOBE,    AOEB,     OABE,     OAEB,     OEAB 

möglich,    so    nennen    wir    die    Strecke    a  =  0 A    Meiner   als    die    Strecke 
b  =  OB,  in  Zeichen: 

a  <b. 

Findet  dagegen  eine  der  sechs  Reihenfolgen 

BAOE,    BOAE,    BOEA,     OBAE,  OBEA,     OEBA 


64  Kap.  V.  Der  Desarguessche  Satz.    §  28,  29. 

statt,  so  nennen  wir  die  Strecke  a  =  OA  größer  als  die  Strecke  b  =  OA, 
in  Zeichen 

a>  b. 

Diese  Festsetzung  bleibt  auch  in  Kraft,  wenn  A  oder  B  mit  0  oder  E 
zusammenfallen,  nur  daß  dann  die  zusammenfallenden  Punkte  als  ein  ein- 
ziger Punkt  anzusehen  sind  und  somit  lediglich  die  Anordnung  dreier 
Punkte  in  Frage  kommt. 

Wir  erkennen  leicht,  daß  nunmehr  in  unserer  Streckenrechnung  auf 
Grund  der  Axiome  II  die  Rechnungsgesetze  13 — 16  in  §  13  erfüllt  sind; 
somit  bildet  die  Gesamtheit  aller  verschiedenen  Strecken  ein  komplexes 
Zahlensystem,  für  welches  die  Gesetze  1 — 11,  13 — 16  in  §  13,  d.  h.  die 
sämtlichen  Vorschriften  außer  dem  kommutativen  Gesetze  der 
Multiplikation  und  den  Sätzen  von  der  Stetigkeit  gewiß  gültig 
sind;  wir  bezeichnen  ein  solches  Zahlensystem  im  folgenden  kurz  als  ein 
Besarguessches  Zahlensystem. 

§  29. 

Aufbau  einer  räumlichen  Geometrie  mit  Hilfe  eines  Desarguesschen 

Zahlensystems. 

Es  sei  nun  irgend  ein  Desarguessches  Zahlensystem  B  vorgelegt; 
dasselbe  ermöglicht  uns  den  Aufbau  einer  räumlichen  Geometrie, 
in  der  die  Axiome  I,  II,  IV  sämtlich  erfüllt  sind. 

Um  dies  einzusehen,  denken  wir  uns  das  System  von  irgend  drei 
Zahlen  (x,  y,  z)  des  Desarguesschen  Zahlensystems  B  als  einen  Punkt  und 
das  System  von  irgend  vier  Zahlen  (u :  v :  w :  r)  in  B,  von  denen  die 
ersten  drei  Zahlen  nicht  zugleich  0  sind,  als  eine  Ebene;  doch  sollen  die 
Systeme  (u  :  v  :  w  :  r)  und  (au  :  av  :  aw  :  ar),  wo  a  irgend  eine  von  0 
verschiedene  Zahl  in  B  bedeutet,  die  nämliche  Ebene  darstellen.  Das  Be- 
stehen der  Gleichung 

ux  +  vy  -f  wz  +  r  =  0 

möge  ausdrücken,  daß  der  Punkt  (x,  y,  z)  auf  der  Ebene  (ii :  v  :  iv  :  r)  liegt. 
Die  Gerade  endlich  definieren  wir  mit  Hilfe  eines  Systems  zweier  Ebenen 
(u' :  v' :  w' :  r')  und  (u"  :  v"  :  w"  :  r"),  wenn  es  nicht  möglich  ist,  zwei 
von  0  verschiedene  Zahlen  a'}  a"  in  D  zu  finden,  so  daß  gleichzeitig 

r      t  fr      er  r     r  rr     rr  r       r  rr       rr 

a  u  =  a  u  ,     a  v  =  a   v  ,     a  w  =  a  w 

wird.  Ein  Punkt  (x,  y,  z)  heißt  auf  dieser  Geraden  [(V:  v:  w':  /),  (u":  v"\  w":  /')] 
gelegen,  wenn  er  den  beiden  Ebenen  (u' :  v' :  w' :  r')  und  (u":  v":  w":  r") 
gemeinsam  ist.  Zwei  Gerade,  welche  dieselben  Punkte  enthalten,  gelten 
als  nicht  verschieden. 


Kap.  V.  Der  Desarguessche  Satz.    §  29.  65 

Indem  wir  die  Rechnungsgesetze  1 — 11  in  §  13  anwenden,  die  nach 
Voraussetzung  für  die  Zahlen  in  D  gelten  sollen,  gelangen  wir  ohne 
Schwierigkeit  zu  dem  Resultate,  daß  in  der  soeben  aufgestellten  räumlichen 
Geometrie  die  Axiome  I  und  IV  sämtlich  erfüllt  sind. 

Damit  auch  den  Axiomen  II  der  Anordnung  Genüge  geschehe,  treffen 
wir  folgende  Festsetzungen.     Es  seien 

irgend  drei  Punkte  einer  Geraden 

[(«':V:w':r/),     (*":«"  :«?":*•")] ; 

dann  heiße  der  Punkt  (x2,  y2,  z2)  zwischen  den  beiden  anderen  gelegen, 
wenn  wenigstens  eine  der  sechs  Paare  von  Ungleichungen 

\-V  «^l  \  #2  "^-  #3;       Xl  «^  #2  --^  #3 

(2)  ¥x  <  9»<  Vs,    Vx>y%>  y$ 

(3)  et  < *,  <  *„     t1>tt>  z3 

erfüllt  ist.  Besteht  nun  etwa  eine  der  beiden  Doppelungleichungen  (1), 
so  schließen  wir  leicht,  daß  entweder  yx  =  y2  =  y3  oder  notwendig  eine 
der  beiden  Doppelungleichungen  (2)  und  ebenso  daß  entweder  zt  =  z2  =  z3 
oder  eine  der  Doppelungleichungen  (3)  gelten  muß.  In  der  Tat,  aus  den 
Gleichungen 

u'xi  -f  v'y{  ■fw'lj-fy*  0, 

u"x{  +  v"yi  +  w  \  +  r  "  =  0, 
(»  -  1,  2,  3) 

leiten  wir  durch  linksseitige  Multiplikation  derselben  mit  geeigneten  Zahlen 
aus  D,  die  =f=  0  sind,  und  durch  nachherige  Addition  der  entstehenden 
Gleichungen  ein  Gleichungssystem  von  der  Gestalt 

(4)  u"'xi  +  v'"yi  +  r'"=0 

(i  =  1,  2,  3) 
ab.    Hierin  ist  der  Koeffizient  v'"  sicher  nicht  0,  da  sonst  die  Gleichheit 
der  drei  Zahlen  xx,x2yx3  folgen  würde.     Aus 

xi  $  #2  $  x% 


schließen  wir 

und  mithin  wegen  (4) 

und  daher 


1  5Jr  w      *~2  \~  ^*         3 


v   yx  +  r     =  v    y2+r     =  v    y3  +  r 


v    Vx^v   Vz^v    y3 

Hubert,  Grundlagen  der  Geometrie. 


66  Kap.  V.   Der  Desarguessche  Satz.    §  29,  30. 

und  da  v'"  nicht  0  ist,  so  haben  wir 

Vi  \  Vz  ^iV^'i 

in  jeder  dieser  Doppelungleichungen  soll  stets  entweder  durchweg  das 
obere  oder  durchweg  das  mittlere  oder  durchweg  das  untere  Zeichen 
gelten. 

Die  angestellten  Überlegungen  lassen  erkennen,  daß  in  unserer  Geo- 
metrie die  linearen  Axiome  II  1 — 3  der  Anordnung  zutreffen.  Es  bleibt 
noch  zu  zeigen  übrig,  daß  in  unserer  Geometrie  auch  das  ebene  Axiom 
II  4  gültig  ist. 

Zu  dem  Zwecke  sei  eine  Ebene  (u  :  v  :  w  :  r)  und  in  ihr  eine  Gerade 
[(u:v:w:r),  (V:  v' :  w' :  r')]  gegeben.  Wir  setzen  fest,  daß  alle  in  der 
Ebene  (u  :  v  :  w  :  r)  gelegenen  Punkte  (x,  y,  z) ,  für  die  der  Ausdruck 
u'x  -f  v'y  +  w'z  +  r'  kleiner  oder  größer  als  0  ausfällt,  auf  der  einen 
bez.  auf  der  anderen  Seite  von  jener  Geraden  gelegen  sein  sollen,  und 
haben  dann  zu  beweisen,  daß  diese  Festsetzung  sich  mit  der  vorigen  in 
Übereinstimmung  befindet,  was  leicht  geschehen  kann. 

Damit  haben  wir  erkannt,  daß  die  sämtlichen  Axiome  I,  II,  IV  in 
derjenigen  räumlichen  Geometrie  erfüllt  sind,  die  in  der  oben  geschilderten 
Weise  aus  dem  Desarguesschen  Zahlensystem  D  entspringt.  Bedenken 
wir,  daß  der  Desarguessche  Satz  eine  Folge  der  Axiome  I,  II,  IV  ist,  so 
sehen  wir,  daß  die  eben  gefundene  Tatsache  die  genaue  Umkehrung  des- 
jenigen Ergebnisses  darstellt,  zu  dem  wir  in  §  28  gelangt  sind. 

§30. 
Die  Bedeutung  des  Desarguesschen  Satzes. 

Wenn  in  einer  ebenen  Geometrie  die  Axiome  I  1 — 3,  II,  IV  erfüllt 
sind  und  überdies  der  Desarguessche  Satz  gilt,  so  ist  es  nach  §  24 — §  28 
in  dieser  Geometrie  stets  möglich,  eine  Streckenrechnung  einzuführen,  für 
welche  die  Regeln  1 — 11,  13 — 16  in  §  13  anwendbar  sind.  Wir  betrachten 
nun  weiter  den  Inbegriff  dieser  Strecken  als  ein  komplexes  Zahlensystem 
und  bauen  aus  denselben  nach  den  Entwickelungen  in  §  29  eine  räumliche 
Geometrie  auf,  in  der  sämtliche  Axiome  I,  II,  IV  gültig  sind. 

Fassen  wir  in  dieser  räumlichen  Geometrie  lediglich  die  Punkte 
(x,  y,  0)  und  diejenigen  Geraden  ins  Auge,  auf  denen  nur  solche  Punkte 
liegen,  so  entsteht  eine  ebene  Geometrie,  und  wenn  wir  die  in  §  27  ab- 
geleitete Tatsache  berücksichtigen,  so  leuchtet  ein,  daß  diese  ebene  Geo- 
metrie genau  mit  der  zu  Anfang  vorgelegten  ebenen  Geometrie  überein- 
stimmen muß.  Damit  gewinnen  wir  folgenden  Satz,  der  als  das  Endziel 
der  gesamten  Entwickelungen  dieses  Kapitels  V  anzusehen  ist: 


Kap.  VI.  Der  Pascalsche  Satz.    §  31.  67 

Es  seien  in  einer  ehenen  Geometrie  die  Axiome  I  1 — 3,  II,  IV  erfüllt: 
dann  ist  die  Gültigheit  des  Desarguessclien  Satzes  die  notwendige  und  hin- 
reichende Bedingung  dafür,  daß  diese  ebene  Geometrie  sich  auffassen  läßt 
als  ein  Teil  einer  räumlichen  Geometrie,  in  welcher  die  sämtlichen  Axiome 
I,  II,  IV  erfüllt  sind. 

Der  Desarguessche  Satz  kennzeichnet  sich  so  gewissermaßen  für  die 
ebene  Geometrie  als  das  Resultat  der  Elimination  der  räumlichen  Axiome. 

Die  gefundenen  Resultate  setzen  uns  auch  in  den  Stand  zu  erkennen, 
daß  jede  räumliche  Geometrie,  in  der  die  Axiome  I,  II,  IV  sämtlich  er- 
füllt sind,  sich  stets  als  ein  Teil  einer  „Geometrie  von  beliebig  vielen 
Dimensionen"  auffassen  läßt;  dabei  ist  unter  einer  Geometrie  von  beliebig 
vielen  Dimensionen  eine  Gesamtheit  von  Punkten,  Geraden,  Ebenen  und 
noch  weiteren  Elementen  zu  verstehen,  für  welche  die  entsprechenden 
Axiome  der  Verknüpfung  und  Anordnung  sowie  das  Parallelenaxiom 
erfüllt  sind. 


Kapitel  VI. 
Der  Pascalsche  Satz. 

§  31. 
Zwei  Sätze  über  die  Beweisbarkeit  des  Pascalschen  Satzes. 

Der  Desarguessche  Satz  (Satz  33)  läßt  sich  bekanntlich  aus  den 
Axiomen  I,  II,  IV,  d.  h.  unter  wesentlicher  Benutzung  der  räumlichen 
Axiome  beweisen;  in  §  23  habe  ich  gezeigt,  daß  der  Beweis  desselben 
ohne  die  räumlichen  Axiome  der  Gruppe  I  und  ohne  die  Kongruenzaxiome 
II  nicht  möglich  ist,  selbst  wenn  die  Benutzung  der  Stetigkeitsaxiome 
gestattet  wird. 

In  §  14  ist  der  Pascalsche  Satz  (Satz  21)  und  damit  nach  §  22  auch 
der  Desarguessche  Satz  aus  den  Axiomen  I  1 — 3,  II — IV,  also  mit  Aus- 
schluß der  räumlichen  Axiome  und  unter  wesentlicher  Benutzung  der 
Kongruenzaxiome  abgeleitet  worden.  Es  entsteht  die  Frage,  ob  auch  der 
Pascalsche  Satz  ohne  Hinzuziehung  der  Kongruenzaxiome  be- 
wiesen werden  kann.  Unsere  Untersuchung  wird  zeigen,  daß  in  dieser 
Hinsicht  der  Pascalsche  Satz  sich  völlig  anders  als  der  Desarguessche  Satz 
verhält,  indem  bei  dem  Beweise  des  Pascalschen  Satzes  die  Zulassung 
oder  Ausschließung  des  Archimedischen  Axioms  von  entscheiden- 
dem Einflüsse  für  seine  Gültigkeit  ist.  Die  wesentlichen  Ergebnisse  un- 
serer Untersuchung  fassen  wir  in  den  folgenden  zwei  Sätzen  zusammen: 

5* 


68  Kap.  VI.  Der  Pascalsche  Satz.    §  31,  32. 

Satz  36.  Der  Pascalsche  Satz  (Satz  21)  ist  beweisbar  auf  Grund  der 
Axiome  I,  II,  IV,  V,  d.  h.  unter  Ausschließung  der  Kongruenzaxiome  mit 
Zuhilfenahme  des  Archimedischen  Axioms. 

Satz  37.  Der  Pascalsche  Satz  (Satz  21)  ist  nicht  beweisbar  auf 
Grund  der  Axiome  I,  II,  IV,  d.  h.  unter  Ausschließung  der  Kongruenzaxiome 
sowie  des  Archimedischen  Axioms. 

In  der  Fassung  dieser  beiden  Sätze  können  nach  dem  allgemeinen  Satze  35 
die  räumlichen  Axiome  I  4 — 8  auch  durch  die  Forderung  der  ebenen  Geo- 
metrie ersetzt  werden,  daß  der  Desarguessche  Satz  (Satz  33)  gelten  soll. 

§  32. 
Das  kommutative  Gesetz  der  Multiplikation  im  Archimedischen  Zahlensystem. 

Die  Beweise  der  Sätze  36  und  37  beruhen  wesentlich  auf  gewissen 
gegenseitigen  Beziehungen,  welche  für  die  Rechnungsregeln  und  Grund- 
tatsachen der  Arithmetik  bestehen  und  deren  Kenntnis  auch  an  sich  von 
Interesse  erscheint.     Wir  stellen  die  folgenden  zwei  Sätze  auf: 

Satz  38.  Für  ein  Archimedisches  Zahlensystem  ist  das  kommutative 
Gesetz  der  Multiplilmtion  eine  notwendige  Folge  der  übrigen  Rechnungsgesetze ; 
d.  h.,  wenn  ein  Zahlensystem  die  in  §  13  aufgezählten  Eigenschaften  1 — 11, 
13 — 17  besitzt,  so  folgt  notwendig,  daß  dasselbe  auch  der  Formel  12  genügt. 

Beweis.  Zunächst  bemerken  wir:  wenn  a  eine  beliebige  Zahl  des 
Zahlensystems  und 

»— 1-f-l  H hl 

eine  ganze  rationale  positive  Zahl  ist,  so  gilt  für  a  und  n  stets  das  kom- 
mutative Gesetz  der  Multiplikation;  es  ist  nämlich 

flw  =  ß(l4-l  +  --,  +  l)  =  ö,l  +  «-l  +  '-,  +  «-l  =  «  +  «  +  ,,'  +  « 
und  ebenso 

na  =  (1  -f-  1  -f  •  •  •  +  1)«  =  l'fl+l-«  +  '-'  +  l>fl  =  «  +  ö  +  ','  +  « 
Es  seien  nun  im  Gegensatz  zu  unserer  Behauptung  a,  b  solche  zwei 
Zahlen  des  Zahlensystems,  für  welche  das  kommutative  Gesetz  der  Multi- 
plikation nicht  gültig  ist.     Wir  dürfen   dann,  wie  leicht  ersichtlich,  die 

Annahmen 

a>0,  b>0         ab  —  ba>0 

machen.    Wegen  der  Forderung  6  in  §  13  gibt  es  eine  Zahl  c(>0),  so  daß 

(a  -\-  b  ■+■  Y)c  =  ab  —  ba 
ist.     Endlich  wählen  wir  eine  Zahl  d,  die  zugleich  den  Ungleichungen 

d>0,     d<l,     d<c 
genügt,'  und  bezeichnen  mit  m  und  n  zwei  solche  ganze  rationale  Zahlen 
^>  0,  für  die 


Kap.  VI.   Der  Pascalsche  Satz.    §  32,  33.  69 

md  <  a  <£  (w  +  l)d 

bez. 

nd<b<L(n  -f-  l)d 

wird.  Das  Vorhandensein  solcher  Zahlen  m,  n  ist  eine  unmittelbare  Fol- 
gerung des  Archimedischen  Satzes  (Satz  17  in  §  13).  Mit  Rücksicht  auf 
die  Bemerkung  zu  Anfang  dieses  Beweises  erhalten  wir  aus  den  letzteren 
Ungleichungen  durch  Multiplikation 

ab  <[  mnd2  -f-  (m  -f-  n  -f-  l)d2, 

&a  >  mnd2, 

also  durch  Subtraktion 

ab  —  ba  <|  (m  -f-  »  +  l)^2. 
Nun  ist 

md<_a,     nd<b,    d<.l 
und  folglich 

(»  +  *  +  l)tf<a-|-&  +  l, 
d.  h. 

«&-k<(«-(-&-|-  1)^ 
oder  wegen  d  <C  c  • 

<x&  —  &a  <  (a  -f  &  -f  l)c. 

Diese  Ungleichung  widerspricht  der  Bestimmung  der  Zahl  c,  und  damit 
ist  der  Beweis  für  den  Satz  38  erbracht. 

§  33. 

Das  kommutative  Gesetz  der  Multiplikation  im  Nicht-Archimedischen 

Zahlensystem. 

Satz  39.  Für  ein  Nicht-Archimedisches  Zahlensystem  ist  das  Jwmmu- 
tative  Gesetz  der  Multiplikation  nicht  eine  notwendige  Folge  der  übrigen 
Mechnungsgesetze ;  d.  h.  es  gibt  ein  Zahlensystem,  das  die  in  %  13  aufgezählten 
Eigenschaften  1 — 11,  13 — 16  besitzt  —  ein  JDesarguessches  Zahlensystem 
nach  §28  — ,  in  welchem  nicht  das  Icommatative  Gesetz  (12)  der  Midti- 
plilcation  besteht. 

Beweis.  Es  sei  t  ein  Parameter  und  T  irgend  ein  Ausdruck  mit 
einer  endlichen  oder  unendlichen  Gliederzahl  von  der  Gestalt 

T=r0tn  +  r1tn  +  i  +  r2tn  +  2  +  r3tn  +  3  -\ ; 

darin  mögen  r0(=%=  0),  rit  r2,  ...  beliebige  rationale  Zahlen  bedeuten  und 
n  sei  eine  beliebige  ganze  rationale  Zahl  ^  0.  Ferner  sei  5  ein  anderer 
Parameter  und  S  irgend  ein  Ausdruck  mit  einer  endlichen  oder  unend- 
lichen Gliederzahl  von  der  Gestalt 

8  -  s'"T0  -f  sm  +  lTt  +  sm+2T2  +  •  •  • ; 


70  Kap.  VI.   Der  Pascalsche  Satz.    §  33. 

darin  mögen  T0(=}=  0),  Tl}  T2,  ...  beliebige  Ausdrücke  von  der  Gesalt  T 
bezeichnen  und  m  sei  wiederum  eine  beliebige  ganze  rationale  Zahl  ^  0. 
Die  Gesamtheit  aller  Ausdrücke  von  der  Gestalt  S  sehen  wir  als  ein  kom- 
plexes Zahlensystem  Sl(s,  t)  an,  in  dem  wir  folgende  Rechnungsregeln 
festsetzen:  man  rechne  mit  s  und  t,  wie  mit  Parametern  nach  den  Regeln 
7 — 11  in  §  13,  während  man  an  Stelle  der  Regel  12  stets  die  Formel 

(1)  ts  =  2st 

anwende. 

Sind  nun  S',  8"  irgend  zwei  Ausdrücke  von  der  Gestalt  S: 

8'  =  sm'  T0'  +  sm'  +1T1'  +  sm'  +2T2'  H , 

S"=  sm"T0"+  sm"  +  1Tt"+  s™"+2T2"-|-  • .  ♦, 

so  kann  man  offenbar  durch  Zusammenfügung  einen  neuen  Ausdruck 
S'  -+-  S"  bilden,  der  wiederum  von  der  Gestalt  8  und  zugleich  eindeutig 
bestimmt  ist;  dieser  Ausdruck  S'  +  S"  heißt  die  Summe  der  durch  S',  S" 
dargestellten  Zahlen. 

Durch  gliedweise  Multiplikation  der  beiden  Ausdrücke  S',  8"  gelangen 
wir  zunächst  zu  einem  Ausdrucke  von  der  Gestalt 

S'S"=  s?"'T0'sw"T0"+  (sm'T0'sm"  +  'LT1"+  sm'  +  1T1,sw"  T0") 

+  (V"'T0V't"  +  2T2"+  sm'  +  1T1'sm"  +  1T1"+  sm'  +  2T2'sm"TQ")  +  ■  •  •. 

Dieser  Ausdruck  wird  bei  Benutzung  der  Formel  (1)  offenbar  ein  ein- 
deutig bestimmter  Ausdruck  von  der  Gestalt  $;  der  letztere  heiße  das 
Produkt  der  durch  S'  dargestellten  Zahl  in  die  durch  S"  dargestellte  Zahl. 
Bei  der  so  festgesetzten  Rechnungsweise  leuchtet  die  Gültigkeit  der 
Rechnungsregeln  1 — 5  in  §  13  unmittelbar  ein.  Auch  die  Gültigkeit  der 
Vorschrift  6  in  §  13  ist  nicht  schwer  einzusehen.  Zu  dem  Zwecke  neh- 
men wir  an,  es  seien  etwa 

8'  -  sm'  Tj  +  sm'+1Ti'  +  sP'+'T,'  +  ....• 

und 

£"'_  sm'"TQ"'+  sm'"+iTi>"+  tj*r+*Tf"'^ 

gegebene  Ausdrücke  von  der  Gestalt  S,  und  bedenken,  daß  unseren  Fest- 
setzungen entsprechend  der  erste  Koeffizient  r0'  aus  T0'  von  0  verschieden 
sein  muß.  Indem  wir  nun  die  nämlichen  Potenzen  von  s  auf  beiden 
Seiten  einer  Gleichung 

(2)  S'S"=  8M 

vergleichen,  finden  wir  in  eindeutig  bestimmter  Weise  zunächst  eine  ganze 
Zahl  m"  als  Exponenten  und  sodann  der  Reihe  nach  gewisse  Ausdrücke 

rp  "      rp  ii     rp  ii 

derart,  daß  der  Ausdruck 


Kap.  VI.    Der  Pascalsche  Satz.    §  33,  34.  71 

S"=  s"'"T0"  +  sM"  +  1T1"+  s"'"  +  2T2"H 

bei  Benutzung  der  Formel  (1)  der  Gleichung  (2)  genügt;  hiermit  ist  der 
gewünschte  Nachweis  erbracht. 

Um  endlich  die  Anordnung  der  Zahlen  unseres  Zahlensystems  Sl  (s,  t) 
zu  ermöglichen,  treffen  wir  folgende  Festsetzungen.  Eine  Zahl  des 
Systems  heiße  <  oder  >  0,  je  nachdem  in  dem  Ausdrucke  S,  der  sie 
darstellt,  der  erste  Koeffizient  r0  von  T0  <  oder  >  0  ausfällt.  Sind 
irgend  zwei  Zahlen  a  und  b  des  komplexen  Zahlensystems  vorgelegt,  so 
heiße  a  <  b  bez.  a  >  b,  je  nachdem  a  —  b  <  0  oder  >  0  wird.  Es  leuchtet 
unmittelbar  ein,  daß  bei  diesen  Festsetzungen  die  Regeln  13 — 16  in 
§  13  gültig  sind,  d.  h.  &l  (s,  t)  ist  ein  Desarguesschen  Zahlensystem 
(vgl.  §  28). 

Die  Vorschrift  12  in  §  13  ist,  wie  Gleichung  (1)  zeigt,  für  unser 
komplexes  Zahlensystem  &l  (s,t)  nicht  erfüllt  und  damit  ist  die  Richtig- 
keit des  Satzes  39  vollständig  erkannt. 

In  Übereinstimmung  mit  Satz  38  gilt  der  Archimedische  Satz  (Satz  17 
in  §  13)  für  das  soeben  aufgestellte  Zahlensystem  Sl  (s,  f)  nicht. 

Es  werde  noch  hervorgehoben,  daß  das  Zahlensystem  Sl  (s,  t)  —  ebenso 
wie  die  in  §  9  und  §  12  benutzten  Zahlensysteme  ß  und  Sl  (t)  —  nur 
eine  abzählbare  Menge  von  Zahlen  enthält. 

§  34. 

Beweis  der  beiden  Sätze  über  den  Pascalschen  Satz. 
(Nicht-Pascalsche  Geometrie.) 

Wenn  in  einer  räumlichen  Geometrie  die  sämtlichen  Axiome  I,  II,  IV 
erfüllt  sind,  so  gilt  auch  der  Desarguessche  Satz  (Satz  33)  und  mithin 
ist  nach  Kapitel  V  §  24  bis  §  26  in  dieser  Geometrie  die  Einführung 
einer  Streckenrechnung  möglich,  für  welche  die  Vorschriften  1 — 11,  13 — 16 
in  §  13  gültig  sind.  Setzen  wir  nun  das  Archimedische  Axiom  V  in 
unserer  Geometrie  voraus,  so  gilt  offenbar  für  die  Streckenrechnung  der 
Archimedische  Satz  (Satz  17  in  §  13)  und  mithin  nach  Satz  38  auch 
das  kommutative  Gesetz  der  Multiplikation.  Da  aber  die  hier  in  Rede 
stehende  in  §  24  (Fig.  S.  54)  eingeführte  Definition  des  Streckenproduktes 
mit  der  in  §  15  (Fig.  S.  32)  angewandten  Definition  übereinstimmt,  so 
bedeutet  gemäß  der  in  §  15  ausgeführten  Konstruktion  das  kommutative 
Gesetz  der  Multiplikation  zweier  Strecken  auch  hier  nichts  anderes  als 
den  Pascalschen  Satz.     Damit  ist  die  Richtigkeit  des  Satzes  36  erkannt. 

Um  den  Satz  37  zu  beweisen,  fassen  wir  das  in  §  33  aufgestellte 
Desarguessche  Zahlensystem  Sl  (s,  t)  ins  Auge  und  konstruieren  mit  Hilfe 
desselben  auf  die  in  §  29  beschriebene  Art  eine  räumliche  Geometrie,  in 


72  Kap.  VI.    Der  Pascalsche  Satz.    §  34,  35. 

der  die  sämtlichen  Axiome  I,  II,  IV  erfüllt  sind.  Trotzdem  gilt  der 
Pascalsche  Satz  in  dieser  Geometrie  nicht,  da  das  kommutative  Gesetz 
der  Multiplikation  in  dem  Desarguesschen  Zahlensystem  Sl  (s,  t)  nicht  be- 
steht. Die  so  aufgebaute  „Nicht- Pascalsche"  Geometrie  ist  in  Überein- 
stimmung mit  dem  vorhin  bewiesenen  Satz  36  notwendig  zugleich  auch 
eine  „Nicht-Archimedische"  Geometrie. 

Es  ist  offenbar,  daß  der  Pascalsche  Satz  sich  bei  unseren  Annahmen 
auch  dann  nicht  beweisen  läßt,  wenn  man  die  räumliche  Geometrie  als 
einen  Teil  einer  Geometrie  von  beliebig  vielen  Dimensionen  auffaßt,  in 
welcher  neben  den  Punkten,  Geraden  und  Ebenen  noch  weitere  Elemente 
vorhanden  sind  und  für  diese  ein  entsprechendes  System  von  Axiomen 
der  Verknüpfung  und  Anordnung,  sowie  das  Parallelenaxiom  zu  Grunde 
gelegt  ist. 

§  35. 

Beweis  eines  beliebigen  Schnittpunktsatzes  mittels  des  Desarguesschen 
und  des  Pascalschen  Satzes. 

Ein  jeder  ebener  Schnittpunktsatz  hat  notwendig  diese  Form:  Man 
wähle  zunächst  ein  System  von  Punkten  und  Geraden  willkürlich,  bez. 
mit  der  Bedingung,  daß  für  gewisse  von  diesen  Punkten  und  Geraden  die 
vereinigte  Lage  vorgeschrieben  ist;  wenn  man  dann  in  bekannter  Weise 
Verbindungsgerade  und  Schnittpunkte  konstruiert,  so  gelangt  man  schließ- 
lich zu  einem  bestimmten  System  von  Geraden,  von  denen  der  Satz  aus- 
sagt, daß  sie  durch  den  nämlichen  Punkt  hindurchlaufen. 

Es  sei  nun  eine  ebene  Geometrie  vorgelegt,  in  der  sämtliche 
Axiome  I  1 — 3,  II — V  gültig  sind;  nach  Kap.  III  §  17  können  wir  dann 
vermittels  eines  rechtwinkligen  Achsenkreuzes  jedem  Punkte  ein  Zahlen- 
paar (x,  y)  und  jeder  Geraden  ein  Verhältnis  von  drei  Zahlen  (u  :  v  :  w) 
entsprechen  lassen;  hierbei  sind  x,  y,  u,  v,  w  jedenfalls  reelle  Zahlen, 
von  denen  u,  v  nicht  beide  verschwinden,  und  die  Bedingung  für  die 
vereinigte  Lage  von  Punkt  und  Geraden 

ux  -f  vy  -f-  w  =  0 

bedeutet  eine  Gleichung  im  gewöhnlichen  Sinne. 

Andererseits  dürfen  wir,  falls  x,  y,  u,  v,  w  insbesondere  Zahlen  des  in 
§  9  konstruierten  algebraischen  Bereiches  Sl  sind  und  u,  v  nicht  beide  ver- 
schwinden, annehmen,  daß  umgekehrt  das  Zahlenpaar  (x,  y)  und  das  Zahlen- 
tripel  (u :  v  :  w)  einen  Punkt  bez.  eine  Gerade  in  der  vorgelegten  Geo- 
metrie liefert. 

Führen  wir  für  alle  Punkte  und  Geraden,  die  in  einem  beliebigen 
ebenen    Schnittpunktsatze    auftreten,    die    betreffenden    Zahlenpaare    und 


Kap.  VE.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grand  der  Axiome  I— IV.  §  36.         73 

Zahlentripel  ein,  so  wird  dieser  Schnittpunktsatz  aussagen,  daß  ein  be- 
stimmter, von  gewissen  Parametern  p1}  .  .  .  pr  rational  abhängiger  Aus- 
druck A  (plf  .  .  .  ,pr)  mit  reellen  Koeffizienten  stets  verschwindet,  sobald 
wir  für  jene  Parameter  insbesondere  irgend  welche  Zahlen  des  in  §  9 
betrachteten  Bereiches  Sl  einsetzen.  Wir  schließen  hieraus,  daß  der  Aus- 
druck A(p1}. .  .,pr)  auch  identisch  auf  Grund  der  Rechnungsgesetze  7 — 12 
in  §  13  verschwinden  muß. 

Da  in  der  vorgelegten  Geometrie  nach  §  22  der  Desarguessche  Satz 
gilt,  so  können  wir  gewiß  auch  die  in  §  24  eingeführte  Streckenrechnung 
benutzen,  und  wegen  der  Gültigkeit  des  Pascalschen  Satzes  trifft  für  diese 
Streckenrechnung  auch  das  kommutative  Gesetz  der  Multiplikation  zu, 
so  daß  in  dieser  Streckenrechnung  sämtliche  Rechnungsgesetze  7 — 12  in 
§  13  gültig  sind. 

Indem  wir  die  Achsen  des  bisher  benutzten  Achsenkreuzes  auch  als 
Achsen  dieser  neuen  Streckenrechnung  gewählt  und  die  Einheitspunkte  E 
und  E'  geeignet  festgesetzt  denken,  erkennen  wir  die  Übereinstimmung 
der  neuen  Streckenrechnung  mit  der  früheren  Koordinatenrechnung. 

Um  in  der  neuen  Streckenrechnung  das  identische  Verschwinden  des 
Ausdruckes  A  (p1}  .  .  .  ,  pr)  nachzuweisen,  genügt  die  Anwendung  des 
Desarguesschen  und  Pascalschen  Satzes  und  damit  erkennen  wir,  daß 
jeder  in  der  vorgelegten  Geometrie  geltende  Schnittpunktsatz 
durch  Konstruktion  geeigneter  Hilfspunkte  und  Hilfsgeraden 
sich  stets  als  eine  Kombination  des  Desarguesschen  und  Pas- 
calschen Satzes  herausstellen  muß.  Zum  Nachweise  der  Richtigkeit 
des  Schnittpunktsatzes  brauchen  wir  also  nicht  auf  die  Kongruenzsätze 
zurückzugreifen. 


Kapitel  VII. 
Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I — IV. 

§  36. 

Die  geometrischen  Konstruktionen  mittels  Lineals  und 
Eichmaßes. 

Es  sei  eine  räumliche  Geometrie  vorgelegt,  in  der  die  sämtlichen 
Axiome  I — IV  gelten;  wir  fassen  der  Einfachheit  wegen  in  diesem  Kapitel 
nur  eine  ebene  Geometrie  ins  Auge,  die  in  dieser  räumlichen  Geometrie  ent- 
halten ist,  und  untersuchen  dann  die  Frage,  welche  elementaren  Kon- 
struktionsaufgaben in  einer  solchen  Geometrie  notwendig  ausführbar  sind. 


74        Kap.  VII.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I — IV.  §  36. 

Auf  Grund  der  Axiome  I  ist  die  Ausführung  der  folgenden  Aufgabe 
stets  möglich: 

Aufgabe  1.    Zwei  Punkte  durch  eine  Gerade  zu  verbinden  und  den 
Schnittpunkt  zweier  Geraden  zu  finden,  falls  die  Geraden  nicht  parallel  sind. 
Auf   Grund    der   Axiome    der    Gruppe  II    werden    keine    neuen  Auf- 
gaben lösbar. 

Auf  Grund  der  Kongruenzaxiome  III  ist  das  Abtragen  von  Strecken 
und  Winkeln  möglich,  d.  h.  es  lassen  sich  in  der  vorgelegten  Geometrie 
folgende  Aufgaben  lösen: 

Aufgabe  2.  Eine  gegebene  Strecke  auf  einer  gegebenen  Geraden 
von  einem  Punkte  aus  abzutragen. 

Aufgabe  3.  Einen  gegebenen  Winkel  an  eine  gegebene  Gerade 
anzutragen  oder  eine  Gerade  zu  konstruieren,  die  eine  gegebene  Gerade 
unter  einem  gegebenen  Winkel  schneidet. 

Das  Axiom  IV  ermöglicht  die  Ausführung  der  folgenden  Aufgabe: 
Aufgabe  4.     Durch   einen  gegebenen  Punkt  zu  einer  Geraden   eine 
Parallele  zu  ziehen. 

Wir  sehen  somit,  daß  unter  Zugrundelegung  der  Axiome  I- — IV  alle 
und  nur  diejenigen  Konstruktionsaufgaben  lösbar  sind,  die  sich  auf  die 
eben  genannten  Aufgaben  1 — 4  zurückführen  lassen. 

Wir  fügen  den  fundamentalen  Aufgaben  1 — 4  noch  die  folgende  hinzu: 
Aufgabe  5.    Zu  einer  gegebenen  Geraden  eine  Senkrechte  zu  ziehen. 
Wir    erkennen    unmittelbar,    daß    diese    Aufgabe   5   auf  verschiedene 
Arten  durch  die  Aufgaben  1 — 4  gelöst  werden  kann. 

Zur  Ausführung  der  Aufgabe  1  bedürfen  wir  des  Lineals.  Um  die 
Aufgaben  2 — 5  auszuführen,  genügt  es,  wie  im  Folgenden  gezeigt  wird, 
neben  dem  Lineal  das  Eichmaß  anzuwenden,  ein  Instrument,  welches  das 
Abtragen  einer  einzigen  bestimmten  Strecke,  etwa  der  Einheitsstrecke 
ermöglicht1).     Wir  gelangen  damit  zu  folgendem  Resultat: 

Satz  40.     Diejenigen  geometrischen  Konstruktionsauf gaben,   die  unter 

Zugrundelegung  der  Axiome  I — IV  lösbar 
sind,  lassen  sich  notwendig  mittels  Lineals 
und  Eichmaßes  ausführen. 

Beweis.  Um  die  Aufgabe  4  auszu- 
führen, verbinden  wir  den  gegebenen  Punkt 
P  mit  irgend  einem  Punkte  A  der  ge- 
gebenen Geraden  a  und  tragen  von  A  aus 
auf  a  zweimal  hintereinander  mittels  des 
Eichmaßes  die  Einheitsstrecke  ab,  etwa 

1)  Diese  Bemerkung  ist  von  J.  Kürschdk  gemacht  worden;  vgl.  dessen  Note 
„Das  Streckenabtragen"  Math.  Ann.  Bd.  55.  1902. 


Kap.  VII.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grand  der  Axiome  I — IV.  §  36.         75 


bis  B  und  C.  Es  sei  nun  D  irgend  ein  Punkt  auf  AP,  ferner  E  der 
Treffpunkt  von  CP  und  BD  und  endlich  F  der  Treffpunkt  von  AE 
und  CD:    dann  ist  nach  Steiner  PF  die  gesuchte  Parallele  zu  a. 

Die  Aufgabe  5  lösen  wir  auf  folgende  Weise.-  Es  sei  A  ein  be- 
liebiger Punkt  der  gegebenen  Geraden;  dann  tragen  wir  von  A  aus  auf 
dieser  Geraden  nach  beiden 
Seiten  hin  mittels  des  Eich- 
maßes die  Einheitsstrecken 
AB  und  AC  ab  und  bestim- 
men dann  auf  zwei  beliebigen 
anderen  durch  A  gehenden 
Geraden  die  Punkte  E  und 
D,  so  daß  auch  die  Strecken 
AB  und  AE  gleich  der  Ein- 
heitsstrecke werden.  Die  Ge- 
raden BD  und  CE  mögen 
sich  in  F,  die  Geraden  BE 
und  CD  in  H  schneiden:  dann  ist  FR  die  gesuchte  Senkrechte.  In  der 
Tat:  die  Winkel  -^BDC  und  ^BEC  sind  als  Winkel  im  Halbkreise 
über  BC  Rechte  und  daher  steht  nach  dem  Satze  vom  Höhenschnitt- 
punkt eines  Dreieckes,  den  wir  auf  das  Dreieck  BCF  anwenden,  auch 
FH  auf  BC  senkrecht. 

Wir  können  nunmehr  leicht  auch  die  Aufgabe  3  allein  mittels 
Lineals  und  Eichmaßes  lösen;  wir  schlagen  etwa  folgendes  Verfahren  ein, 
welches  nur  das  Ziehen  von  Parallelen 
und  das  Fällen  von  Loten  erfordert.  Es 
sei  ß  der  abzutragende  Winkel  und  A 
der  Scheitel  dieses  Winkels.  Wir  ziehen 
die  Gerade  l  (AC)  durch  A  parallel  zu  der 
gegebenen  Geraden,  an  welche  der  ge- 
gebene Winkel  ß  angetragen  werden  soll. 
Von  einem  beliebigen  Punkte  B  eines 
Schenkels  von  ß  fällen  wir  Lote  auf  den  ^ 
anderen  Schenkel  des  Winkels  ß  und  auf?. 
Die  Fußpunkte  dieser  Lote  seien  D  und  C.  Das  Fällen  von  Loten 
geschieht  vermöge  der  Aufgaben  2  und  5.  Sodann  fällen  wir  von  A 
eine  Senkrechte  auf  CD,  ihr  Fußpunkt  sei  E.  Nach  dem  in  §  14  S.  27 
ausgeführten  Beweise  ist  <£  CAE  =  ß;  die  Aufgabe  3  ist  somit  gelöst. 

Um  endlich  die  Aufgabe  2  auszuführen,  benutzen  wir  die  einfache 
von  J.  Kürschäk  angegebene  Konstruktion:  es  sei  AB  die  abzutragende 
Strecke  und  P  der  gegebene  Punkt  auf  der  gegebenen  Geraden  l.     Man 


76       Kap.  VII.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I— IV.  §36,37. 

ziehe  durch  P  die  Parallele  zu  AB  und  trage  auf   derselben  mittels   des 
Eichmaßes   von   P    aus   die    Einheitsstrecke    ab   etwa  bis  C]   ferner  trage 

man  auf  l  von  P  aus  die  Einheits- 
strecke bis  D  ab.  Die  zu  AP  durch 
B  gezogene  Parallele  treffe  PC  in 
Q  und  die  durch  Q  zu  CD  ge- 
zogene Parallele  treffe  l  in  E:  dann 
ist  PE  =  AB. 

Damit   ist    gezeigt,    daß   die  Auf- 
gaben    1  —  5     sämtlich     durch    Lineal 
und  Eichmaß  lösbar  sind,  und  folglich  der  Satz  40  vollständig  bewiesen. 


§  37. 
Analytische  Darstellung  der  Koordinaten  konstruierbarer  Punkte. 

Außer  den  in  §  36  behandelten  elementargeometrischen  Aufgaben 
gibt  es  noch  eine  große  Reihe  weiterer  Aufgaben,  zu  deren  Lösung  man 
lediglich  das  Ziehen  von  Geraden  und  das  Abtragen  von  Strecken  nötig 
hat.  Um  den  Bereich  aller  auf  diese  Weise  lösbaren  Aufgaben  über- 
blicken zu  können,  legen  wir  bei  der  weiteren  Betrachtung  ein  recht- 
winkliges Koordinatensystem  zu  Grunde  und  denken  uns  die  Koordinaten 
der  Punkte  in  der  üblichen  Weise  als  reelle  Zahlen  oder  Punktionen  von 
gewissen  willkürlichen  Parametern.  Um  die  Frage  nach  der  Gesamtheit 
aller  konstruierbaren  Punkte  zu  beantworten,  stellen  wir  folgende  Über- 
legung an: 

Es  sei  ein  System  von  bestimmten  Punkten  gegeben;  wir  setzen  aus 
den  Koordinaten  dieser  Punkte  einen  Bereich  R  zusammen;  derselbe  ent- 
hält gewisse  reelle  Zahlen  und  gewisse  willkürliche  Parameter  p.  Nun- 
mehr denken  wir  uns  die  Gesamtheit  aller  derjenigen  Punkte,  die  durch 
Ziehen  von  Geraden  und  Abtragen  von  Strecken  aus  dem  vorgelegten 
System  von  Punkten  konstruierbar  sind.  Der  Bereich,  der  von  den  Koor- 
dinaten dieser  Punkte  gebildet  wird,  heiße  &  (P);  derselbe  enthält  gewisse 
reelle  Zahlen  und  Funktionen  der  willkürlichen  Parameter  p. 

Unsere  Betrachtungen  in  §  17  zeigen,  daß  das  Ziehen  von  Geraden 
und  Parallelen  analytisch  auf  die  Anwendung  der  Addition,  Multiplikation, 
Subtraktion,  Division  von  Strecken  hinausläuft;  ferner  lehrt  die  bekannte 
in  §  9  aufgestellte  Formel  für  die  Drehung,  daß  das  Abtragen  von  Strecken 
auf  einer  beliebigen  Geraden  keine  andere  analytische  Operation  erfordert, 
als  die  Quadratwurzel  zu  ziehen  aus  einer  Summe  von  zwei  Quadraten, 
deren  Basen  man  bereits  konstruiert  hat.  Umgekehrt  kann  man  zufolge 
des    Pythagoräischen    Lehrsatzes    vermöge    eines    rechtwinkligen    Dreiecks 


Kap.  VII.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I— IV.  §  37.         77 

die  Quadratwurzel  aus  der  Summe  zweier  Streckenquadrate  durch  Abtragen 
von  Strecken  stets  konstruieren. 

Aus  diesen  Betrachtungen  geht  hervor,  daß  der  Bereich  il  (_R)  alle 
diejenigen  und  nur  solche  reelle  Zahlen  und  Funktionen  der  Parameter  p 
enthält,  die  aus  den  Zahlen  und  Parametern  in  R  vermöge  einer  endlichen 
Anzahl  von  Anwendungen  von  fünf  Rechnungsoperationen  hervorgehen, 
nämlich  der  vier  elementaren  Rechnungsoperationen  und  einer  fünften 
Operation,  als  die  man  das  Ziehen  der  Quadratwurzel  aus  einer  Summe 
zweier  Quadrate  betrachtet.     Wir  sprechen  dieses  Resultat  wie  folgt  aus: 

Satz  41.  Eine  geometrische  Konstruktionsaufgabe  ist  dann  und  nur 
dann  durch  Ziehen  von  Geraden  und  Abtragen  von  Strecken,  d.  h.  mittels 
Lineals  und  Eichmaßes  lösbar,  wenn  bei  der  analytischen  Behandlung  der 
Aufgabe  die  Koordinaten  der  gesuchten  Punkte  solche  Funktionen  der 
Koordinaten  der  gegebenen  Punkte  sind,  deren  Herstellung  nur  rationale 
Operationen  und  die  Operation  des  Ziehens  der  Quadratwurzel  aus  der 
Summe  zweier  Quadrate  und  diese  fünf  Operationen  in  endlicher  Anzahl 
erfordert. 

Wir  können  aus  diesem  Satze  sofort  erkennen,  daß  nicht  jede 
mittels  Zirkels  lösbare  Aufgabe  auch  allein  mittels  Lineals  und  Eich- 
maßes gelöst  werden  kann.  Zu  dem  Zwecke  legen  wir  diejenige  Geometrie 
zu  Grunde,  die  in  §  9  mit  Hilfe  des  algebraischen  Zahlenbereichs  Sl  auf- 
gebaut worden  ist;  in  dieser  Geometrie  gibt  es  lediglich  solche  Strecken, 
die  mittels  Lineals  und  Eichmaßes  konstruierbar  sind,  nämlich  die  durch 
Zahlen  des  Bereiches  &  bestimmten  Strecken. 

Ist  nun  ö  irgend  eine  Zahl  in  ß,  so  erkennen  wir  aus  der  Definition 
des  Bereiches  Sl  leicht,  daß  auch  jede  zu  co  konjugierte  algebraische 
Zahl  in  Sl  liegen  muß,  und  da  die  Zahlen  des  Bereichs  &l  offenbar 
sämtlich  reell  sind,  so  folgt  hieraus,  daß  der  Bereich  Sl  nur  solche 
reelle  algebraische  Zahlen  enthalten  kann,  deren  Konjugierte  ebenfalls 
reell  sind. 

Wir  stellen  jetzt  die  Aufgabe,  ein  rechtwinkliges  Dreieck  mit  der 
Hypotenuse  1  und  einer  Kathete  |  y2  J  -  1  zu  konstruieren.  Nun  kommt 
die  algebraische  Zahl  y  2\^2\  —  2 ,  die  den  Zahlenwert  der  anderen 
Kathete  ausdrückt,  im  Zahlenbereich  il  nicht  vor,  da  die  zu  ihr  kon- 
jugierte Zahl  ]/  —  2  |  ~|/2  |  —  2  imaginär  ausfällt.  Die  gestellte  Aufgabe 
ist  mithin  in  der  zu  Grunde  gelegten  Geometrie  nicht  lösbar  und  kann 
daher  überhaupt  nicht  mittels  Lineals  und  Eichmaßes  lösbar  sein,  obwohl 
die  Konstruktion  mittels  des  Zirkels  sofort  ausführbar  ist 


78        Kap.  VII.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I — IV.  §  38. 

§  38. 

Die  Darstellung  algebraischer  Zahlen  und  ganzer  rationaler  Funktionen 
als  Summe  von  Quadraten. 

Die  Frage  nach  der  Ausführbarkeit  geometrischer  Konstruktionen 
mittels  Lineals  und  Eichmaßes  erfordert  zu  ihrer  weiteren  Behandlung 
einige  Sätze  zahlentheoretischen  und  algebraischen  Charakters,  die,  wie 
mir  scheint,  auch  an  sich  von  Interesse  sind. 

Nach  Fermat  ist  bekanntlich  jede  ganze  rationale  positive  Zahl  als 
Summe  von  vier  Quadratzahlen  darstellbar.  Dieser  Fermatsche  Satz  ge- 
stattet eine  merkwürdige  Verallgemeinerung  von  folgender  Art: 

Erklärung.  Es  sei  Je  ein  beliebiger  Zahlkörper;  der  Grad  dieses 
Körpers  Je  heiße  m,  und  die  m  —  1  zu  Je  konjugierten  Zahlkörper  mögen 
mit  Je',Je",...,Um~^  bezeichnet  werden.  Trifft  es  sich,  daß  unter  den 
m  Körpern  Je,  Je,  ...  ,  ft(m_1)  einer  oder  mehrere  aus  lauter  reellen  Zahlen 
gebildet  sind,  so  nennen  wir  diese  Körper  selbst  reell;  es  seien  diese 
Körper  etwa  Je,  Je,  ...  ,  Us~x\  Eine  Zahl  a  des  Körpers  Je  heiße  in  diesem 
Falle  total  positiv  in  Je,  falls  die  s  zu  a  konjugierten  bez.  in  Je,  Je',. . .,  Us~^ 
gelegenen  Zahlen  sämtlich  positiv  sind.  Kommen  dagegen  in  jedem  der 
m  Körper  Je,  Je',  .  .  .  ,  &(m-1)  auch  imaginäre  Zahlen  vor,  so  heiße  eine  jede 
Zahl  a  in  Je  stets  total  positiv. 

Satz  42.  Jede  total  positive  Zahl  in  Je  läßt  sicJi  als  Summe  von 
vier  Quadraten  darstellen,  deren  Basen  ganze  oder  gebrochene  Zahlen  des 
Körpers  Je  sind. 

Der  Beweis  dieses  Satzes  bietet  erhebliche  Schwierigkeiten  dar;  er 
beruht  wesentlich  auf  der  Theorie  der  relativquadratischen  Zahlkörper, 
die  ich  unlängst  in  mehreren  Arbeiten1)  entwickelt  habe.  Es  sei  hier 
nur  auf  denjenigen  Satz  aus  dieser  Theorie  hingewiesen,  der  die  Be- 
dingungen für  die  Lösbarkeit  einer  ternären  Diophantischen  Gleichung 
von  der  Gestalt 

angibt,  worin  die  Koeffizienten  a,  ß,  y  gegebene  Zahlen  in  Je  und  £,  t],  £ 
gesuchte  Zahlen  in  Je  bedeuten.  Der  Beweis  des  Satzes  42  wird  durch 
wiederholte  Anwendung  des  eben  genannten  Satzes  erbracht. 

Aus  dem  Satze  42  folgen  eine  Reihe  von  Sätzen  über  die  Dar- 
stellung solcher  rationaler  Funktionen  einer  Veränderlichen  mit  rationalen 
Koeffizienten,  die  niemals  negative  Werte  haben. 


1)  Über  die  Theorie  der  relativquadratischen  Zahlkörper,  Jahresber.  d.  Deutschen 
Math.-Vereinigung  Bd.  6,  1899  und  Math.  Ann.  Bd.  51;  ferner:  Über  die  Theorie 
der  relativ-Abelschen  Zahlkörper,  Nachr.  d.  K.  Ges.  d.  Wiss.  zu  Göttingen  1898  und 
Acta  mathematica  Bd.  26. 


Kap.  VIT.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I — IV.  §38,39.       79 

Erwähnt  sei  noch  folgender  Satz,  der  uns  im  nächsten  Paragraphen 
von  Nutzen  sein  wird. 

Satz  43.  Es  bedeute  f{x)  eine  solche  ganze  rationale  Funktion 
von  x  mit  rationalen  Zahlenkoeffizienten,  die  niemals  negative  Werte  an- 
nimmt, wenn  man  für  x  beliebige  reelle  Werte  einsetzt:  dann  läßt  sich  f(x) 
stets  als  Summe  von  Quadraten  darstellen,  so  daß  die  sämtlichen  Basen  dieser 
Quadrate  ganze  rationale  Funktionen  von  x  mit  rationalen  Koeffizienten  sind1). 

Es  dürfte  sehr  schwierig  sein,  die  entsprechenden  Tatsachen  für  ganze 
rationale  Funktionen  von  zwei  oder  mehr  Veränderlichen  aufzustellen  und 
zu  beweisen,  doch  sei  hier  darauf  hingewiesen,  daß  die  Darstellbarkeit 
einer  beliebigen  definitiven  ganzen  rationalen  Funktion  zweier  Veränder- 
licher als  Quotient  von  Quadratsummen  ganzer  Funktionen  auf  einem 
völlig  anderen  Wege  von  mir  bewiesen  worden  ist  —  unter  der  Voraus- 
setzung, daß  für  die  darstellenden  Funktionen  nicht  bloß  rationale,  sondern 
beliebige  reelle  Koeffizienten  zulässig  sind2). 

§  39. 

Kriterium  für  die  Ausführbarkeit  geometrischer  Konstruktionen 
mittels  Lineals  und  Eichmaßes. 

Es  sei  eine  geometrische  Konstruktionsaufgabe  vorgelegt,  die  mittels 
des  Zirkels  ausführbar  ist;  wir  wollen  dann  ein  Kriterium  aufzustellen 
versuchen,  welches  unmittelbar  aus  der  analytischen  Natur  der  Aufgabe 
und  ihrer  Lösungen  beurteilen  läßt,  ob  die  Konstruktion  auch  allein 
mittels  Lineals  und  Eichmaßes  ausführbar  ist.  Wir  werden  bei  dieser 
Untersuchung  auf  den  folgenden  Satz  geführt: 

Satz  44.  Es  sei  eine  geometrische  KonslruMionsaufgabe  vorgelegt  von 
der  Art,  daß  man  bei  analytischer  Behandlung  derselben  die  Koordinaten 
der  gesuchten  Punkte  aus  den  Koordinaten  der  gegebenen  Punkte  lediglich 
durch  rationale  Operationen  und  durch  Ziehen  von  Quadratwurzeln  finden 
kann;  es  sei  n  die  Ueinste  Anzahl  der  Quadratwurzeln,  die  hierbei  zur 
Berechnung  der  Koordinaten  der  Punkte  ausreichen:  soll  dann  die  vor- 
gelegte Konstruktionsaufgabe  sich  auch  allein  durch  Ziehen  von  Geraden 
und  Abtragen  von  Strecken  ausführen  lassen,  so  ist  dafür  notwendig  und 
hinreichend,  daß  die  geometrische  Aufgabe  genau  2n  reelle  Lösungen  besitzt 
und   zwar  für   alle   Lagen   der  gegebenen  Punkte,   d.  h.  für   alle  Werte 


1)  Der  Beweis  für  die  Darstellbarkeit  von  f(x)  als  Quotient  zweier  Quadrat- 
summen ist  von  mir  auf  Grund  des  Satzes  42  in  der  ersten  Auflage  ausgeführt  worden. 
Inzwischen  ist  es  E.  Landau  gelungen,  den  Beweis  für  die  Darstellbarkeit  von  f{x) 
direkt  als  Quadratsumme,  wie  oben  behauptet,  zu  erbringen  und  zwar  lediglich  mit 
Benutzung  sehr  einfacher  und  elementarer  Hilfsmittel.     Math.  Ann.  Bd.  57  1903. 

2)  Über  ternäre  definite  Formen,  Acta  Mathematica  Bd.  17. 


80        Kap.  VII.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I — IV.  §  39. 

der  in  den  Koordinaten  der  gegebenen  Punkte  auftretenden  willkürlichen 
Tarameter. 

Beweis.  Wir  beweisen  diesen  Satz  44  ausschließlich  für  den  Fall, 
daß  die  Koordinaten  der  gegebenen  Punkte  rationale  Funktionen  eines 
Parameters  p  mit  rationalen  Koeffizienten  sind. 

Die  Notwendigkeit  des  aufgestellten  Kriteriums  leuchtet  aus  §  37  ein. 
Um  zu  zeigen,  daß  dasselbe  auch  hinreicht,  setzen  wir  dieses  Kriterium  als 
erfüllt  voraus  und  betrachten  zunächst  eine  solche  von  jenen  n  Quadrat- 
wurzeln, die  bei  der  Berechnung  der  Koordinaten  der  gesuchten  Punkte 
zuerst  zu  suchen  ist.  Der  Ausdruck  unter  dieser  Quadratwurzel  ist  eine 
rationale  Funktion  fx  (p)  des  Parameters  p  mit  rationalen  Koeffizienten; 
diese  rationale  Funktion  darf  für  beliebige  reelle  Parameterwerte  p  niemals 
negative  Werte  annehmen,  da  sonst  entgegen  der  Voraussetzung  die  vor- 
gelegte Aufgabe  für  gewisse  Werte  p  imaginäre  Lösungen  haben  müßte 
Aus  Satz  43  schließen  wir  daher,  daß  ft  (p)  als  Quotient  von  Summen 
von  Quadraten  ganzer  rationaler  Funktionen  darstellbar  ist. 

Nunmehr  zeigen  die  Formeln 


Ya2  +  &2  +  ?  =  ")/  (]/a2  +  b2Y  +  c2, 


]/a2  +  b*+  c2  +  d*  =  V  (Ya2  +  b*  +  c2)2  +  d2 . 

daß  allgemein  das  Ziehen  der  Quadratwurzel  aus  einer  Summe  von  be- 
liebig vielen  Quadraten  sich  stets  zurückführen  läßt  auf  wiederholtes 
Ziehen  der  Quadratwurzel  aus  der  Summe  zweier  Quadrate. 

Nehmen  wir  diese  Bemerkung  mit  dem  vorigen  Ergebnisse  zusammen, 
so  erkennen  wir,  daß  der  Ausdruck  Y  f\  (p)  gewiß  mittels  Lineals  und 
Eichmaßes  konstruiert  werden  kann. 

Wir  betrachten  ferner  eine  solche  von  den  n  Quadratwurzeln,  die 
bei  der  Berechnung  der  Koordinaten  der  gesuchten  Punkte  an  zweiter 
Stelle  zu  ziehen  ist.  Der  Ausdruck  unter  dieser  Quadratwurzel  ist  eine 
rationale  Funktion  f2  \p,  Yfi)  des  Parameters  p  und  der  zuerst  betrach- 
teten Quadratwurzel;  auch  diese  Funktion  f2  ist  bei  beliebigen  reellen 
Parameter  werten  p  und  für  jedes  Vorzeichen  von  Yfi  niemals  negativer 
Werte  fähig,  da  sonst  entgegen  der  Voraussetzung  die  vorgelegte  Aufgabe 
unter  ihren  2n  Lösungen  für  gewisse  Werte  p  auch  imaginäre  Lösungen 
haben  müßte.  Aus  diesem  Umstände  folgt,  daß  f2  einer  quadratischen 
Gleichung  von  der  Gestalt 

f22-<Pl(P)f2  +  ^(p)  =  0 

genügen  muß,  worin  <pt  (p)  und  qf>,  (j?)  notwendig  solche  rationale  Funk- 
tionen von  p  mit  rationalen  Koeffizienten  sind,  die  für  reelle  Werte  von  p 


Kap.  VII.  Die  geometrischen  Konstruktionen  auf  Grund  der  Axiome  I — IV.  §  39.         81 

niemals  negative  Werte  besitzen.  Aus  der  letzteren  quadratischen  Gleichung 
entnehmen  wir 

'*         <px  (p) 

Nun  müssen  wiederum  nach  Satz  43  die  Funktionen  tpt  (jp)  und  ^  (joi) 
Quotienten  von  Summen  von  Quadraten  rationaler  Funktionen  sein  und 
andererseits  ist  nach  dem  vorigen  der  Ausdruck  f2  mittels  Lineals  und 
Eichmaßes  konstruierbar;  der  gefundene  Ausdruck  für  f2  zeigt  somit,  daß  f2 
ein  Quotient  von  Summen  von  Quadraten  konstruierbarer  Funktionen  ist. 
Also  läßt  sich  auch  der  Ausdruck  ]//*2  mittels  Lineals  und  Eichmaßes 
konstruieren. 

Ebenso  wie  der  Ausdruck  f2  erweist  sich  auch  jede  andere  rationale 
Funktion  <p2  (p,  ]/ f-J  von  p  und  y/j  als  Quotient  zweier  Summen  von 
Quadraten  konstruierbarer  Funktionen,  sobald  diese  rationale  Funktion  <p2 
die  Eigenschaft  besitzt,  niemals  negative  Werte  anzunehmen  bei  reellem 
Parameter  p  und  für  beiderlei  Vorzeichen  von  yfx. 

Diese  Bemerkung  gestattet  uns,  das  eben  begonnene  Schluß  verfahren 
in  folgender  Weise  fortzusetzen. 

Es  sei  f3  (p,  yfi )  V7D  em  solcher  Ausdruck,  der  von  den  drei  Argu- 
menten p,  ]//*!,  Y  f2  in  rationaler  Weise  abhängt  und  aus  dem  bei  der 
analytischen  Berechnung  der  Koordinaten  der  gesuchten  Punkte  an  dritter 
Stelle  die  Quadratwurzel  zu  ziehen  ist.  Wie  vorhin  schließen  wir,  daß 
f3  bei  beliebigen  reellen  Werten  p  und  für  beiderlei  Vorzeichen  von  yf% 
und  Y  f2  niemals  negative  Werte  annehmen  darf;  dieser  Umstand  wiederum 
zeigt,  daß  f3  einer  quadratischen  Gleichung  von  der  Gestalt 

r%%  -<p*(p,  vi)  u  +  *2(p,  VK)  -  o 

genügen  muß,  worin  <p2  und  ty2  solche  rationale  Funktionen  von  p  und 
yfi  bedeuten,  die  für  reelle  Werte  p  und  beiderlei  Vorzeichen  von  yfx 
negativer  Werte  nicht  fähig  sind.  Da  mithin  qp2  und  ip2  nach  der  vorigen 
Bemerkung  Quotienten  zweier  Summen  von  Quadraten  konstruierbarer 
Ausdrücke  sind,  so  folgt  das  gleiche  auch  für  den  Ausdruck 

9>2  (p.»  VK) 

und  mithin  ist  auch  yft   mittels  Lineals  und  Eichmaßes  konstruierbar. 

Die  Fortsetzung  dieser  Schlußweise  führt  zum  Beweise  des  Satzes  44 
in  dem  betrachteten  Falle  eines  Parameters  p. 

Die  allgemeine  Richtigkeit  des  Satzes  44  hängt  davon  ab,  ob  der 
Satz  43  in  entsprechender  Weise  sich  auf  den  Fall  mehrerer  Veränder- 
licher verallgemeinern  läßt. 

Hubert,  Grundlagen  der  Geometrie.  6 


82  Schlußwort. 

Als  Beispiel  für  die  Anwendung  des  Satzes  44  mögen  die  regulären 
mittels  Zirkels  konstruierbaren  Polygone  dienen;  in  diesem  Falle  kommt 
ein  willkürlicher  Parameter  p  nicht  vor,  sondern  die  zu  konstruierenden 
Ausdrücke  stellen  sämtlich  algebraische  Zahlen  dar.  Man  sieht  leicht, 
daß  das  Kriterium  des  Satzes  44  erfüllt  ist,  und  somit  ergibt  sich,  daß 
man  jene  regulären  Polygone  auch  allein  mittels  Ziehens  von  Geraden 
und  Abtragens  von  Strecken  konstruieren  kann  —  ein  Resultat,  welches 
sich  auch  aus  der  Theorie  der  Kreisteilung  direkt  entnehmen  läßt. 

Was  weitere  aus  der  Elementargeometrie  bekannte  Konstruktions- 
aufgaben anbetrifft,  so  sei  hier  nur  erwähnt,  daß  das  Malfattische  Problem, 
nicht  aber  die  Appollonische  Berührungsaufgabe  allein  mittels  Lineals 
und  Eichmaßes  gelöst  werden  kann1). 


Schlußwort. 

Die  vorstehende  Abhandlung  ist  eine  kritische  Untersuchung  der 
Prinzipien  der  Geometrie;  in  dieser  Untersuchung  leitete  uns  der  Grund- 
satz, eine  jede  sich  darbietende  Frage  in  der  Weise  zu  erörtern,  daß  wir 
zugleich  prüften,  ob  ihre  Beantwortung  auf  einem  vorgeschriebenen  Wege 
mit  gewissen  eingeschränkten  Hilfsmitteln  möglich  oder  nicht  möglich  ist. 
Dieser  Grundsatz  scheint  mir  eine  allgemeine  und  naturgemäße  Vorschrift 
zu  enthalten;  in  der  Tat  wird,  wenn  wir  bei  unseren  mathematischen 
Betrachtungen  einem  Probleme  begegnen  oder  einen  Satz  vermuten, 
unser  Erkenntnistrieb  erst  dann  befriedigt,  wenn  uns  entweder  die 
völlige  Lösung  jenes  Problems  und  der  strenge  Beweis  dieses  Satzes 
gelingt  oder  wenn  der  Grund  für  die  Unmöglichkeit  des  Gelingens  und 
damit  zugleich  die  Notwendigkeit  des  Mißlingens  von  uns  klar  erkannt 
worden  ist. 

So  spielt  denn  in  der  neueren  Mathematik  die  Frage  nach  der  Un- 
möglichkeit gewisser  Lösungen  oder  Aufgaben  eine  hervorragende  Rolle 
und  das  Bestreben,  eine  Frage  solcher  Art  zu  beantworten,  war  oftmals 
der  Anlaß  zur  Entdeckung  neuer  und  fruchtbarer  Forschungsgebiete.  Wir 
erinnern  nur  an  Abels  Beweis  für  die  Unmöglichkeit  der  Auflösung  der 
Gleichungen  fünften  Grades  durch  Wurzelziehen,  ferner  an  die  Erkenntnis 
der  Unbeweisbarkeit  des  Parallelenaxioms  und  an  Hermites  und  Lindemanns 


1)  Betreffs  weiterer  geometrischer  Konstruktionen  mittels  Lineals  und  Eich- 
maßes vgl.  M.  Feldblum,  Über  elementargeometrische  Konstruktionen,  Inaugural- 
dissertation, Göttingen  1899. 


Anhang  I:    Gerade  Linie  als  kürzeste  Verbindung.  83 

Sätze    von    der   Unmöglichkeit,    die  Zahlen    e  und  %    auf   algebraischem 
Wege  zu  konstruieren. 

Der  Grundsatz,  demzufolge  man  überall  die  Prinzipien  der  Möglich- 
keit der  Beweise  erörtern  soll,  hängt  auch  aufs  engste  mit  der  Forderung 
der  „Reinheit"  der  Beweismethoden  zusammen,  die  von  mehreren  Mathe- 
matikern der  neueren  Zeit  mit  Nachdruck  erhoben  worden  ist.  Diese 
Forderung  ist  im  Grunde  nichts  anderes  als  eine  subjektive  Fassung  des 
hier  befolgten  Grundsatzes.  In  der  Tat  sucht  die  vorstehende  geometrische 
Untersuchung  allgemein  darüber  Aufschluß  zu  geben,  welche  Axiome, 
Voraussetzungen  oder  Hilfsmittel  zum  Beweise  einer  elementar-geome- 
trischen Wahrheit  nötig  sind,  und  es  bleibt  dann  dem  jedesmaligen  Er- 
messen anheim  gestellt,  welche  Beweismethode  von  dem  gerade  ein- 
genommenen Standpunkte  aus  zu  bevorzugen  ist. 


Anhang  I. 
Über  die  gerade  Linie  als  kürzeste  Verbindung  zweier  Punkte1). 

Aus  Math.  Ann.  Bd.  46. 
(Aus  einem  an  Herrn  F.  Klein  gerichteten  Briefe.) 

Nehmen  wir  die  Punkte,  die  Geraden  und  die  Ebenen  als  Elemente, 
so  können  zur  Begründung  der  Geometrie  die  folgenden  Axiome  dienen: 

1.  Die  Axiome,  welche  die  Verknüpfung  dieser  Elemente 
untereinander  betreffen;  kurz  zusammengefaßt,  lauten  dieselben 
wie  folgt: 

Irgend  zwei  Punkte  A  und  B  bestimmen  stets  eine  Gerade  a.  — 
Irgend  drei  nicht  auf  einer  Geraden  gelegene  Punkte  A,  B,  C  bestimmen 
eine  Ebene  a.  —  Wenn  zwei  Punkte  A,  B  einer  Geraden  a  in  einer 
Ebene  a  liegen,  so  liegt  die  Gerade  a  vollständig  in  der  Ebene  a.  — 
Wenn  zwei  Ebenen  a,  ß  einen  Punkt  A  gemein  haben,  so  haben  sie 
wenigstens  noch  einen  weiteren  Punkt  B  gemein.  —  Auf  jeder  Geraden 
gibt  es  wenigstens  zwei  Punkte,,  in  jeder  Ebene  wenigstens  drei  nicht 
auf  einer  Geraden  gelegene  Punkte,  und  im  Räume  gibt  es  wenigstens 
vier  nicht  in  einer  Ebene  gelegene  Punkte.  — 

2.  Die  Axiome,  durch  welche  der  Begriff  der  Strecke 
und    der    Begriff  der   Reihenfolge    von   Punkten    einer    Geraden 


1)  Betreffs  allgemeinerer  Formulierung  dieses  Problems  vgl.  meinen  auf  dem 
internationalen  Mathematiker -Kongreß  in  Paris  1900  gehaltenen  Vortrag:  Mathe- 
matische Probleme.  Göttinger  Nachr.  1900  Nr.  4,  sowie  G.  Hamel,  Inaugural- 
Dissertation,  Göttingen  1901  und  dessen  Abhandlung:  Über  die  Geometrien,  in  denen 
die  Geraden  die  Kürzesten  sind,  Math.  Ann.  Bd.  57  1903. 

6* 


84  Anhang  I:    Gerade  Linie  als  kürzeste  Verbindung. 

eingeführt  wird.  Diese  Axiome  sind  von  M.  Pasch1)  zuerst  auf- 
gestellt und  systematisch  untersucht  worden;  dieselben  sind  im  wesent- 
lichen folgende: 

Zwischen  zwei  Punkten  A,  B  einer  Geraden  gibt  es  stets  wenigstens 
einen  dritten  Punkt  C  der  Geraden.  —  Unter  drei  Punkten  einer  Geraden 
gibt  es  stets  einen  und  nur  einen ,  welcher  zwischen  den  beiden  anderen 
liegt.  —  Wenn  A,  B  auf  der  Geraden  a  liegen,  so  gibt  es  stets  einen 
Punkt  C  der  nämlichen  Geraden  a,  so  daß  B  zwischen  A  und  C  liegt.  — 
Irgend  vier  Punkte  Ax,  A2,  A3,  A±  einer  Geraden  a  können  stets  in  der 
Weise  angeordnet  werden,  daß  allgemein  A{  zwischen  Ah  und  Ak  liegt, 
sobald  der  Index  h  kleiner  und  ft  größer  als  i  ist.  —  Jede  Gerade  a, 
welche  in  einer  Ebene  a  liegt,  trennt  die  Punkte  dieser  Ebene  a  in 
zwei  Gebiete  von  folgender  Beschaffenheit:  ein  jeder  Punkt  A  des  einen 
Gebietes  bestimmt  mit  jedem  Punkt  A'  des  anderen  Gebietes  zusammen 
eine  Strecke  AA',  innerhalb  welcher  ein  Punkt  der  Geraden  a  liegt;  da- 
gegen bestimmen  irgend  zwei  Punkte  A  und  B  des  nämlichen  Gebietes 
eine  Strecke  AB,  welche  keinen  Punkt  der  Geraden  a  enthält. 

3.  Das  Axiom  der  Stetigkeit,  welchem  ich  folgende  Fassung  gebe: 

Wenn  Al}  A2,  A3, .  .  .  eine  unendliche  Reihe  von  Punkten  einer  Ge- 
raden a  sind  und  B  ein  weiterer  Punkt  auf  a  ist,  von  der  Art,  daß  all- 
gemein Ai  zwischen  Ah  und  B  liegt,  sobald  der  Index  h  kleiner  als  i  ist, 
so  gibt  es  einen  Punkt  C,  welcher  folgende  Eigenschaft  besitzt:  sämt- 
liche Punkte  der  unendlichen  Reihe  A2,  A3,  Aif .  .  .  liegen  zwischen  Ax 
und  C  und  jeder  andere  Punkt  C,  für  welchen  dies  ebenfalls  zutrifft, 
liegt  zwischen  C  und  B. 

Auf  diese  Axiome  läßt  sich  in  vollkommener  Strenge  die  Theorie 
der  harmonischen  Punkte  gründen,  und  wenn  wir  uns  derselben  in  ähn- 
licher Weise  bedienen,  wie  dies  F.  Lindemann2)  tut,  so  gelangen  wir  zu 
folgendem  Satze: 

Jedem  Punkte  kann  man  drei  endliche  reelle  Zahlen  x,  y,  z  und 
jeder  Ebene  eine  lineare  Relation  zwischen  diesen  drei  Zahlen  x,  y,  8  zu- 
ordnen, derart,  daß  alle  Punkte,  für  welche  die  drei  Zahlen  x,  y,  8  die 
lineare  Relation  erfüllen,  in  der  betreffenden  Ebene  liegen  und  daß 
umgekehrt  allen  in  dieser  Ebene  gelegenen  Punkten  Zahlen  x,  y,  8  ent- 
sprechen, welche  der  linearen  Relation  genügen.  Werden  ferner  x,  y,  z 
als  die  rechtwinkligen  Koordinaten  eines  Punktes  im  gewöhnlichen 
Euklidischen  Räume  gedeutet,  so  entsprechen  den  Punkten  des  ursprüng- 
lichen   Raumes    Punkte    im    Inneren    eines    gewissen    nirgends    konkaven 


1)  Vgl.  Vorlesungen  über  neuere  Geometrie.     Teubner  1882. 

2)  Vgl.  Vorlesungen  über  Geometrie  Bd.  IL  Teil  1;  S.  433  u.  f. 


Anhang  I:    Gerade  Linie  als  kürzeste  Verbindung.  85 

Körpers  des  Euklidischen  Raumes  und  umgekehrt  entsprechen  allen 
Punkten  im  Inneren  dieses  nirgends  konkaven  Körpers  Punkte  unseres 
ursprünglichen  Raumes:  unser  ursprünglicher  Baum  ist  mithin  auf  das 
Innere  eines  nirgends  konkaven  Körpers  des  Euklidischen  Baumes  abgebildet. 

Hierbei  ist  unter  einem  nirgends  konkaven  Körper  ein  Körper  von 
der  Beschaffenheit  verstanden,  daß,  wenn  man  zwei  im  Inneren  des  Körpers 
gelegene  Punkte  miteinander  durch  eine  Gerade  verbindet,  der  zwischen 
diesen  beiden  Punkten  gelegene  Teil  der  Geraden  ganz  in  das  Innere  des 
Körpers  fällt.  Ich  erlaube  mir,  Sie  darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß 
diesen  hier  auftretenden  nirgends  konkaven  Körpern  auch  in  den  zahlen- 
theoretischen Untersuchungen  von  H.  Minkowski1)  eine  wichtige  Rolle 
zukommt,  und  daß  H.  Minkowski  für  dieselben  eine  einfache  analytische 
Definition  gefunden  hat. 

Wenn  umgekehrt  im  Euklidischen  Räume  ein  beliebiger  nirgends 
konkaver  Körper  gegeben  ist,  so  definiert  derselbe  eine  bestimmte  Geo- 
metrie, in  welcher  die  genannten  Axiome  sämtlich  gültig  sind:  jedem 
Punkt  im  Inneren  des  nirgends  konkaven  Körpers  entspricht  ein  Punkt  in 
jener  Geometrie;  jeder  durch  das  Innere  des  Körpers  gehenden  Geraden 
und  Ebene  des  Euklidischen  Raumes  entspricht  eine  Gerade  bezüglich 
Ebene  der  allgemeinen  Geometrie;  den  auf  der  Grenze  oder  außerhalb 
des  nirgends  konkaven  Körpers  gelegenen  Punkten  und  den  ganz  außer- 
halb des  Körpers  verlaufenden  Geraden  und  Ebenen  des  Euklidischen 
Raumes  entsprechen  keine  Elemente  der  allgemeinen  Geometrie.  Der 
obige  Satz  über  die  Abbildung  der  Punkte  in  der  allgemeinen  Geometrie 
auf  das  Innere  des  nirgends  konkaven  Körpers  im  Euklidischen  Räume 
drückt  somit  eine  Eigenschaft  der  Elemente  der  allgemeinen  Geometrie 
aus,  welche  inhaltlich  mit  den  anfangs  aufgestellten  Axiomen  vollkommen 
gleichbedeutend  ist. 

Wir  definieren  nun  den  Begriff  der  Länge  einer  Strecke  AB  in 
unserer  allgemeinen  Geometrie  und  bezeichnen  zu  dem  Zwecke  diejenigen 
beiden  Punkte  des  Euklidischen  Raumes,  welche  den  Punkten  A  und  B 
des  ursprünglichen  Raumes  entsprechen,  ebenfalls  mit  A  und  B;  wir  ver- 
längern dann  die  Gerade  AB  im  Euklidischen  Räume  über  A  und  B 
hinaus,  bis  dieselbe  die  Begrenzung  des  nirgends  konkaven  Körpers  in  den 
Punkten  X  bezüglich  Y  trifft,  und  bezeichnen  allgemein  die  Euklidische 
Entfernung  zwischen  irgend  zwei  Punkten  P  und  Q  des  Euklidischen 
Raumes  kurz  mit  P$;  dann  heiße  der  reelle  Wert 


AB  =  l 


\  YA      XB  \ 

[yb'xäI 


1)  Vgl.  Geometrie  der  Zahlen.    Teubner  1896. 


86 


Anhang  I:    Gerade  Linie  als  kürzeste  Verbindung. 


die  Länge  der   Strecke  AB   in   unserer    allgemeinen    Geometrie.     Wegen 


YA 
YB 


>1, 


XB 

XÄ 


>1 


ist  diese  Länge  stets  eine  positive  Größe. 

Es  lassen  sich  leicht  die  Eigenschaften  des  Begriffs  der  Länge  auf- 
zählen, welche  mit  Notwendigkeit  auf  einen  Ausdruck  der  angegebenen 
Art  für  AB  führen;  doch  unterlasse  ich  dies,  damit  ich  durch  diesen 
Brief  nicht  allzusehr  Ihre  Aufmerksamkeit  ermüde. 

Die  aufgestellte  Formel  für  AB  lehrt  zugleich,  in  welcher  Weise 
diese  Größe  von  der  Gestalt  des  nirgends  konkaven  Körpers  abhängt. 
Halten  wir  nämlich  die  Punkte  A  und  B  im  Inneren  des  Körpers  fest 
und  ändern  nur  die  Begrenzung  des  Körpers  derart,  daß  der  Grenz- 
punkt X  sich  nach  A  hinbewegt  und  Y  sich  dem  Punkte  B  nähert,  so 
ist  klar,  daß  jeder  der  beiden  Quotienten 


YA 
YB 


XB 

XA 


und  folglich  auch  der  Wert  von  AB  sich  vergrößert. 

Es  sei  jetzt  im  Inneren  des  nirgends  konkaven  Körpers  ein  Dreieck 
ABC  gegeben.  Die  Ebene  a  desselben  schneidet  aus  dem  Körper  ein 
nirgends  konkaves  Oval  aus.    Wir  denken  uns  ferner  jede  der  drei  Seiten 

w  AB,  AC,   BC    des 

Dreieckes  über  beide 
Endpunkte  hinaus 
verlängert,  bis  sie 
die  Begrenzung  des 
Ovals  bezüglich  in 
den  Punkten  Xund  Y, 
ü  und  V,  T  und  Z 
schneiden;  dann  kon- 
\y  struieren  wir  die  ge- 
raden Verbindungs- 
linien UZ  und  TV 
und  verlängern  die- 
selben bis  zu  ihrem 
Durchschnitt  TT;  ihre 
Schnittpunkte  mit 
der  Geraden  XY  bezeichnen  wir  mit  X'  bezüglich  Y '.  Wir  legen  nun- 
mehr statt  des  ursprünglichen  nirgends  konkaven  Ovals  in  der  Ebene  a 
das  Dreieck   UWT  zu  Grunde    und    erkennen    leicht,    daß    in    der    durch 


Anhang  I:    Gerade  Linie  als  kürzeste  Verbindung.  87 

dieses  Dreieck  bestimmten  ebenen  Geometrie  die  Längen  AC  und  BC  die 
gleichen  sind,  wie  in  der  ursprünglichen  Geometrie,  während  die  Länge 
der  Seite  AB  durch  die  vorgenommene  Änderung  vergrößert  worden  ist. 
Wir  bezeichnen  die  neue  Länge  der  Seite  AB  zum  Unterschiede  von  der 

ursprünglichen  Länge  AB  mit  AB;  dann  ist  AB>  AB. 

Es  gilt  nun  für  die  Längen  der  Seiten  des  Dreiecks  ABC  die  ein- 
fache Beziehung 

AB  =  AC+BC. 

Zum  Beweise  verbinden  wir  W  mit  C  und  verlängern  diese  Gerade  bis 
zum  Durchschnitt  D  mit  AB.  Nach  dem  bekannten  Satze  vom  Doppel- 
verhältnis ist  dann  wegen  der  Perspektiven  Lage  der  beiden  Punktreihen 
X',  A,  D,  F  und   U,  A,C,V 

T~Ä  Td      Vä    uc 


TD    X'A  VC     TIA 

und  wegen    der    Perspektiven    Lage   der  beiden  Punktreihen   Y',  B,  D,  X' 
und  T,  B,  C,  Z  ist 

XB   tb      zb_  Yc^ 

XHD    TB  "  ZC    TB 
Die  Multiplikation  beider  Gleichungen  ergibt 

T~Ä    XB         VA     UC      ZB     TG 


TB    X'A  VC     VA      ZC    TB 

und  diese  neue  Gleichung  beweist  meine  Behauptung. 

Aus  obiger  Untersuchung  erkennen  Sie,  daß  lediglich  auf  Grund  der 
zu  Anfang  meines  Briefes  aufgezählten  Axiome  und  der  aus  den  ein- 
fachsten Eigenschaften  des  Längenbegriffs  sich  mit  Notwendigkeit  er- 
gebenden Definition  der  Länge  der  allgemeine  Satz  gilt: 

In  federn  Dreieck  ist  die  Summe  zweier  Seiten  größer  oder  gleich  der 
dritten  Seite. 

Zugleich  ist  klar,  daß  der  Fall  der  Gleichheit  dann  und  nur  dann 
vorkommt,  wenn  die  Ebene  a  aus  der  Begrenzung  des  nirgends  konkaven 
Körpers  zwei  gerade  Linienstücke  TJ Z  und  TV  ausschneidet.  Die 
letztere  Bedingung  läßt  sich  auch  ohne  Zuhilfenahme  des  nirgends  kon- 
kaven Körpers  ausdrücken.  Sind  nämlich  irgend  zwei  in  einer  Ebene  cc 
gelegene  und  in  irgend  einem  Punkte  C  sich  schneidende  Geraden  a  und  b 
der  ursprünglichen  Geometrie  gegeben,  so  werden  im  allgemeinen  in  jedem 
der  vier  in  cc  um  C  herum  entstehenden  ebenen  Winkelräume  solche 
gerade  Linien  vorhanden  sein,  welche  keine  der  beiden  Geraden  a  und  b 
schneiden;     sind    jedoch    insbesondere    in    zwei    sich    gegenüberliegenden 


88  Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

ebenen  Winkelräumen  keine  solchen  geraden  Linien  vorhanden,  so  ist  die 
fragliche  Bedingung  erfüllt,  und  es  gibt  dann  stets  Dreiecke,  für  welche  die 
Summe  zweier  Seiten  gleich  der  dritten  ist.  In  dem  betrachteten  Falle  ist 
also  zwischen  gewissen  Punkten  A  und  JB  ein  aus  zwei  geradlinigen  Stücken 
zusammengesetzter  Weg  möglich,  dessen  Gesamtlänge  gleich  der  direkten 
Entfernung  der  beiden  Punkte  A  und  JB  ist;  es  läßt  sich  ohne  Schwierig- 
keit zeigen,  daß  alle  Wege  zwischen  den  beiden  Punkten  A  und  B  von 
derselben  Eigenschaft  sich  aus  den  konstruierten  Wegen  zusammensetzen  lassen 
und  daß  die  übrigen  Verbindungsivege  von  größerer  Gesamtlänge  sind.  Die 
nähere  Untersuchung  dieser  Frage  nach  den  kürzesten  Wegen  ist  leicht 
ausführbar  und  bietet  ein  besonderes  Interesse  in  dem  Falle,  daß  für  die 
Begrenzung  des  nirgends  konkaven  Körpers  ein  Tetraeder  zu  Grunde  ge- 
legt wird. 

Zum  Schluß  erlaube  ich  mir  darauf  hinzuweisen,  daß  ich  bei  der 
vorstehenden  Entwickelung  stets  den  nirgends  konkaven  Körper  als  ganz 
im  Endlichen  gelegen  angenommen  habe.  Wenn  jedoch  in  der  durch  die 
ursprünglichen  Axiome  definierten  Geometrie  eine  Gerade  und  ein  Punkt 
vorhanden  ist  von  der  Eigenschaft,  daß  durch  diesen  Punkt  zu  der  Ge- 
raden nur  eine  einzige  Parallele  möglich  ist,  so  ist  jene  Annahme  nicht 
gerechtfertigt.  Es  wird  leicht  erkannt,  welche  Abänderungen  meine  Be- 
trachtung dann  zu  erfahren  hat. 

Kleinteich  bei  Ostseebad  Rauschen,  den  14.  August  1894. 


Anhang  II. 

Über  den  Satz  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen 

Dreieck. 

[Mit  Zusätzen  abgedruckt  aus  den  Proceedings  of  the  London  Maihematical  Society, 

Vol.  XXXV,  Nos.  793,  794.] 

Unter  der  axiomatischen  Erforschung  einer  mathematischen  Wahrheit 
verstehe  ich  eine  Untersuchung,  welche  nicht  dahin  zielt,  im  Zusammen- 
hange mit  jener  Wahrheit  neue  oder  allgemeinere  Sätze  zu  entdecken, 
sondern  die  vielmehr  die  Stellung  jenes  Satzes  innerhalb  des  Systems  der 
bekannten  Wahrheiten  und  ihren  logischen  Zusammenhang  in  der  Weise 
klarzulegen  sucht,  daß  sich  sicher  angeben  läßt,  welche  Voraussetzungen 
zur  Begründung  jener  Wahrheit  notwendig  und  hinreichend  sind. 

So  habe  ich  beispielsweise  in  meiner  Festschrift  Grundlagen  der  Geo- 
metrie Kap.  V  und  VI  (S.  47 — 73)  die  ebenen  Schnittpunktsätze,  nämlich 


Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.  89 

den  speziellen  Pascalschen  Satz  für  das  Geradenpaar  und  den  Desargues- 
schen  Satz  von  den  perspektiv  liegenden  Dreiecken  einer  axiomatischen 
Untersuchung  unterworfen,  und  in  gleicher  Weise  haben  auf  meine  An- 
regung hin  M.  Beim1)  den  Satz  von  der  Winkelsumme  im  Dreieck  und 
G.  Hamel2)  den  Satz  von  der  Geraden  als  der  kürzesten  Verbindung 
zwischen  zwei  Punkten  behandelt. 

Die  vorliegende  Note  betrifft  die  Stellung  des  Satzes  von  der  Gleich- 
heit der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck  in  der  ebenen  Euklidi- 
schen Geometrie.  Zur  Erleichterung  des  Verständnisses  stelle  ich  —  im 
wesentlichen  wie  in  meinen  Grundlagen  der  Geometrie  —  die  Axiome  der 
ebenen  Euklidischen  Geometrie  zusammen  wie  folgt: 

I.   Axiome  der  Verknüpfung. 

I  1.  Zwei  von  einander  verschiedene  Punkte  A,  B  be- 
stimmen stets  eine  Gerade. 

I  2.  Irgend  zwei  von  einander  verschiedene  Punkte  einer 
Geraden  bestimmen  diese  Gerade. 

I  3.  Auf  jeder  Geraden  gibt  es  wenigstens  zwei  Punkte. 
Es  gibt  wenigstens  drei  Punkte,  welche  nicht  in  einer  Ge- 
raden liegen. 

II.  Axiome  der  Anordnung. 

II  1.  Wenn  A,  B,  C  Punkte  einer  Geraden  sind,  und  B 
zwischen  A  und  C  liegt,  so  liegt  auch  B  zwischen  C  und  A. 

II  2.  Wenn  A  und  B  zwei  Punkte  einer  Geraden  sind,  so 
gibt  es  wenigstens  einen  Punkt  C,  der  zwischen  A  und  B  liegt, 
und  wenigstens  einen  Punkt  D,  so  daß  B  zwischen  A  und  D  liegt. 

II  3.  Unter  irgend  drei  Punkten  einer  Geraden  gibt  es  stets 
einen  und  nur  einen  Punkt,  der  zwischen  den  beiden  anderen 
liegt. 

Definition.  —  Die  zwischen  zwei  Punkten  A  und  B  gelegenen  Punkte 
heißen  auch  die  Punkte  der  Strecke  AB. 

II  4.  Es  seien  A,  B,  G  drei  nicht  in  gerader  Linie  gelegene 
Punkte  und  a  eine  Gerade,  die  keinen  der  Punkte  A,  B,  C  trifft; 
wenn  dann  diese  Gerade  durch  einen  Punkt  der  Strecke  AB 
geht,  so  geht  sie  gewiß  auch  durch  einen  Punkt  der  Strecke 
BC  oder  der  Strecke  AG  oder  BA. 


1)  Mathematische  Annalen,  Bd.  LHI,  1900. 

2)  Inaugural-Dissertation,   Göttingen  1901,   und   dessen  Abhandlung:   Über   die 
Geometrieen,  in  denen  die  Geraden  die  Kürzesten  sind,  Math.  Ann.  Bd.  57,  1903, 


90         Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

III.   Axiome  der  Kongruenz. 

III  1.  Wenn  A,  B  zwei  Punkte  der  Geraden  a  sind,  und  Ä 
ein  Punkt  einer  Geraden  a  ist,  so  kann  man  auf  einer  gege- 
benen Hälfte  der  Geraden  a  von  Ä  aus  stets  einen  und  nur 
einen  Punkt  B'  finden,  so  daß  die  Strecke  AB  der  Strecke  AB' 
kongruent  oder  gleich  ist;  in  Zeichen 

AB  =  A'B'. 
Jede  Strecke  ist  sich  selbst  kongruent,  d.  h.  es  ist  stets: 
AB  =  AB    und     AB  =  BA. 

III  2.  Wenn  die  Strecke  AB  sowohl  der  Strecke  A'B'  als 
auch  der  Strecke  A"B"  kongruent  ist,  so  ist  auch  AB'  der 
Strecke  A" B"  kongruent. 

III  3.  Es  seien  AB  und  BC  zwei  Strecken  ohne  gemein- 
same Punkte  auf  a,  und  ferner  A'B'  und  B'C  zwei  Strecken 
ohne  gemeinsame  Punkte  auf  einer  Geraden  a';  wenn  dann 

AB- A'B'    und    BC  =  B'C, 

ist,  so  ist  auch  stets: 

AC  =  ÄC. 

Definition.  —  Ein  von  einem  Punkte  ausgehendes  Paar  von  Halb- 
strahlen Ji,  Je  nennen  wir  einen  Winkel  und  bezeichnen  ihn  entweder  mit 
<£  0,  Je)  oder  <£  (&,  *). 

III  4.  Es  sei  ein  Winkel  <$C  (Ji,  Je),  eine  Gerade  a ,  und  eine 
bestimmte  Seite  von  a  gegeben.  Es  bedeute  Ji  einen  Halbstrahl 
der  Geraden  a  ,  der  vom  Punkte  0'  ausgeht:  dann  gibt  es 
einen  und  nur  einen  Halbstrahl  Je,  so  daß 

*(M) -*<*;*) 

ist  und  zugleich  alle  inneren  Punkte  des  Winkels  <£  (Ji,  Je') 
auf  der  gegebenen  Seite  von  a  liegen.  Jeder  Winkel  ist 
sich  selbst  kongruent,  d.  h. 

£&*)■■<&*)    und    *(*»*)■■■.*<&*).' 

IH  5.  Wenn  ein  Winkel  «£;  (h,  Je)  sowohl  dem  Winkel  ^  Qi,  Je) 
als  auch  dem  Winkel  -^C  (h",  Je")  kongruent  ist,  so  ist  auch  der 
Winkel  ^C  (h\  k')  dem  Winkel  <£  Qi",  Je")  kongruent. 

IH  6*.  Wenn  für  zwei  Dreiecke  ABC  und  ÄB'C  die 
Kongruenzen 

AB  =  A'B',    AC  =  ÄC    und     <£  BAC  =  <£  B'A'C 
gelten,  so  gilt  auch  stets 

^ABC  =  ^ÄB'C    und    <£  ACB  =  ^A'C'B'. 


Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.  91 

Es  ist  nun  für  die  nachfolgende  Untersuchung  wesentlich,  dem  letzten 
Kongruenzaxiom,  nämlich  dem  Axiom  III  6*  über  die  Dreieckskongruenz 
eine  engere  Fassung  zu  erteilen,  indem  wir  die  Aussage  desselben  nur  für 
Dreiecke  mit  gleichem  Umlaufssinn  als  gültig  hinstellen.  Um  diesen  ein- 
schränkenden Zusatz  scharf  zu  formulieren,  nehmen  wir  irgend  eine  durch 
zwei  Punkte  A,  B  bestimmte  Gerade  in  der  Ebene  beliebig  an,  und  be- 
zeichnen eine  der  beiden  Halbebenen,  in  die  diese  Gerade  die  Ebene  teilt, 
als  rechts  von  der  Geraden  AB  in  der  Richtung  von  A  nach  B,  und 
dieselbe  Halbebene  zugleich  auch  als  links  von  B A  in  der  Richtung  von  B 
nach  A\  die  andere  Halbebene  bezeichnen  wir  als  links  von  der  Geraden 
AB,  und  zugleich  als  rechts  von  der  Geraden  BA  gelegen.  Ist  nun  *C 
irgend  ein  Punkt  auf  der  rechten  Halbebene  von  AB,  so  bezeichnen  wir 
diejenige  Halbebene  von  A  C,  auf  welcher  der  Punkt  B  liegt,  als  die  linke 
Halbebene  von  AC.  Auf  diese  Weise  können  wir  durch  analoge  Fest- 
setzungen schließlich  in  eindeutig  bestimmter  Weise  für  jede  Gerade  an- 
geben, welche  Halbebene  rechts  oder  links  von  dieser  Geraden  in  gegebener 
Richtung  gelegen  ist.  Zugleich  wird  von  den  Schenkeln  irgend  eines 
Winkels  in  eindeutig  bestimmter  Weise  stets  der  eine  als  der  rechte 
Schenkel  und  der  andere  als  der  linke  Schenkel  zu  bezeichnen  sein,  näm- 
lich so,  daß  der  rechte  Schenkel  auf  der  rechten  Halbebene  von  derjenigen 
Geraden  liegt,  die  durch  den  anderen  Schenkel  nach  Lage  und  Richtung 
bestimmt  ist,  während  der  linke  Schenkel  links  von  derjenigen  Geraden 
liegt,  die  durch  den  ersteren  Schenkel  nach  Lage  und  Richtung  be- 
stimmt ist. 

Stellen  wir  nun  die  Aussage  des  Axioms  III  6*  nur  dann  als  gültig 
hin,  wenn  in  den  beiden  Dreiecken  die  Seiten  AB  und  AB'  bez.  AC 
und  ÄC  zugleich  die  rechten  bez.  die  linken  Schenkel  der  Winkel  BAC 
und  B'ÄC  sind,  so  erhalten  wir  jenes  Axiom  in  der  folgenden  engeren 

Fassung: 

III  6.  Wenn  für  zwei  Dreiecke  ABC  und  ÄB'C  die  Kon- 
gruenzen 

AB  =  ÄB',    AC  =  A'C    und    <£  BAC  =  <£  B'ÄC 

gelten,  so  gilt  auch  stets 

^ABC^^ÄB'C    und    £  ACB  =  <£  A'C'B', 

vorausgesetzt,  daß  AB  und  A'B'  die  rechten  Schenkel,  AC  und 
ÄC  die  linken  Schenkel  der  Winkel  BAC  bez.  B'ÄC  sind. 
Das  letzte  Axiom  in  seiner  ursprünglichen  weiteren  Fassung  III  6*  hat 
sofort  den  Satz  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen 
Dreieck  zur  Folge.  Auch  ist  leicht  zu  erkennen,  daß  umgekehrt  mit  Hilfe 
dieses  Satzes  vom  gleichschenkligen  Dreieck  aus  jenem   Kongruenzaxiom 


92  Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

in  der  engeren  Fassung  III  6  und  den  vorangehenden  Axiomen  das  Axiom 
III  6*  in  der  weiteren  Fassung  notwendig  folgt. 

Das  engere  Axiom  III  6  zusammen  mit  den  früheren  Axiomen  I,  II, 
III  1  — III  5  gestattet  den  Nachweis  des  Satzes  von  der  Gleichheit  der 
Scheitelwinkel  und  der  Möglichkeit  der  Halbierung  einer  jeden  Strecke, 
sowie  den  Beweis  des  Euklidischen  Satzes,  daß  der  Außenwinkel  eines 
Dreiecks  stets  größer  ist  als  jeder  der  beiden  inneren  Winkel. 

IV.   Axiom  der  Parallelen  (Euklidisches  Axiom). 

Durch  einen  Punkt  A  außerhalb  einer  Geraden  a  läßt  sich 
nur  eine  Gerade  ziehen,  welche  a  nicht  schneidet. 
Der  Satz  von  der  Gleichheit  der  Wechselwinkel,  und  mithin  auch  der 
Satz,  daß  die  Winkelsumme  im  Dreieck  zwei  Rechte  beträgt,  folgen  aus 
dem  Parallelenaxiom  mit  Hilfe  der  vorangehenden  Axiome,  auch  wenn 
wir  das  letzte  Kongruenzaxiom  nur  in  der  engeren  Fassung  III  6  zu 
Grunde  legen. 

V.  Axiome  der  Stetigkeit. 

V  1.  Axiom  des  3Iessens  (Archimedisches  Axiom). 

Es  sei  A1  ein  beliebiger  Punkt  auf  einer  Geraden  zwischen 
den  beliebig  gegebenen  Punkten  A  und  B\  man  konstruiere 
dann  die  Punkte  A2,  A3,  AA,  .  .  .,  so  daß  Ax  zwischen  A  und 
A2,  ferner  A2  zwischen  Ax  und  A3,  ferner  A3  zwischen  A2  und 
Ai  u.  s.  w.  liegt,  und  überdies  die  Strecken 

AA1}  AtA%,  AiA3J  A3Ai} . . . 

einander  gleich  sind:  dann  gibt  es  in  der  Reihe  der  Punkte 
A2}  A3,  Aif  .  .  .  stets  einen  solchen  Punkt  An,  daß  B  zwischen 
A  und  An  liegt. 

V  2.   Axiom  der  Nachbarschaft. 
Ist  irgend  eine  Strecke  AB  vorgelegt,  so  gibt  es  stets  ein 
Dreieck,  in  dessen  Innerem  keine  zu  AB  kongruente  Strecke 
sich  finden  läßt. 
Dieses  Axiom  der  Nachbarschaft  ist  eine  notwendige  Folge  aus  dem 
Satze  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im   gleichschenkligen  Dreiecke, 
wie  man  aus  dem  Umstände  erkennt,  daß  wegen  dieses  Satzes  vom  gleich- 
schenkligen Dreieck   die  Summe  zweier  Seiten  in  jedem  Dreiecke  größer 
als  die  dritte  Seite  ausfällt. 

Ich  stelle  nun  folgende  Behauptung  auf: 

Mit  Benutzung  der  sämtlichen  Axiome  I — V  ist  es  möglich,  den  Satz 
von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Breieck  zu  beweisen, 


Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.  93 

auch  wenn  wir  das  Axiom  von  der  Dreieckslwngruenz  nur  in  der  engeren 
Fassung  III  6  zu  Grunde  legen. 

Um  dies  einzusehen,  wählen  wir  zwei  sich  schneidende  Gerade  als 
Achsen  eines  schiefwinkligen  Koordinatensystems,  und  ordnen  den  Punkten 
dieser  Geraden  auf  Grund  der  linearen  Kongruenzaxiome  III  1 — 3  und 
des  Archimedischen  Axioms  V.  1  reelle  Zahlen  zu;  die  sämtlichen  Punkte 
der  Ebene  sind  dann  durch  Zahlenpaare  darstellbar. 

Das  engere  Kongruenzaxiom  III  6  zusammen  mit  V  1  gestattet  leicht 
die  Begründung  der  Proportionenlehre,  und  aus  dieser  folgt,  daß  die  Ge- 
raden durch  lineare  Gleichungen  darstellbar  sind. 

Fassen  wir  nun  den  Punkt  mit  den  Koordinaten  x  =  1  und  y  =  s  ins 
Auge,  wo  s  eine  beliebige  Größe  ist,  und  betrachten  diejenige  Kongruenz 
der  Ebene  mit  sich  im  engeren  Sinne,  bei  welcher  der  Koordinatenanfang 
sich  selbst  und  die  x- Achse  der  Verbindungsgeraden  des  Koordinatenanfanges 
mit  jenem  Punkte  1 ,  s  entspricht,  so  erkennen  wir  leicht,  daß  diese  Drehung 
durch  ein  Formelsystem  von  der  Gestalt 

vermittelt  wird,  worin  as,  ßs,  ys,  ös  Zahlen  bedeuten,  die  durch  s  eindeutig 
bestimmt  sind.  Indem  wir  nun  einer  jeden  Geraden  durch  den  Koordi- 
natenanfang ihren  Treffpunkt  (1,  t)  mit  der  Geraden  x  =  1  zuordnen,  er- 
halten wir  zu  jeder  solchen  Drehung  der  Ebene  um  den  Koordinaten- 
anfang eine  Transformation  der  Punkte  der  Geraden  x  =  1  von  der  Gestalt 

Die  Koeffizienten  as,  ßs,  ys,  ds  bezeichnen  Funktionen  von  s,  die  sicher  für 
alle  rationalen  Werte  von  s  definiert  sind;  man  sieht  dann  leicht  ein,  daß 
diese  Funktionen  sich  nach  dem  Prinzip  der  Stetigkeit  so  ergänzen  lassen 
müssen,  daß  man  aus  ihnen  stetige  und  für  alle  reellen  Werte  von  s, 
sowie  für  s  =  oo  eindeutig  definierte  Funktionen  erhält.  Wenn  das  ge- 
schehen ist,  so  liefert  die  Formel 

eine  Gruppe  von  linearen  Transformationen,  die  gewiß  folgende  Eigen- 
schaften besitzt: 

1.  Es  gibt  außer  der  Identität  keine  Transformation  der  Gruppe, 
welche  einen  Wert  der  Variabein  t  festläßt. 

2.  Es  gibt  stets  eine  Transformation  der  Gruppe,  welche  einen  ge- 
gebenen Wert  von  t  in  irgend  einen  anderen  bestimmten  Wert  dieser 
Variabein  überführt. 


94         Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

In  meiner  Abhandlung  über  die  Grundlagen  der  Geometrie1)  (§  18) 
habe  ich  bewiesen,  daß  eine  Gruppe  mit  diesen  Eigenschaften  notwendig 
holoedrisch-isomorph  ist  mit  der  Gruppe  der  gewöhnlichen  Drehungen 
eines  Kreises  in  sich,  und  folglich  auch  mit  derjenigen  Transformations- 
gruppe, die  durch  die  Formel 

T,_  ST+1 

M         —T+S 

dargestellt  wird,  wo  T,  T'  die  Variabein  und  S  den  Parameter  bedeutet. 
Hieraus  können  wir  nun  entnehmen,  daß  die  obige  Gleichung  zwischen 
T  und  T'  so  gelöst  werden  kann,  daß  wir 

l~A  +  BT>       l        A  +  BT' 

setzen,  wobei  A,  B,  C,  D  Konstante  bedeuten.     Führen  wir  dann  mittels 

der  Formeln 

x  =  AX  +  BY, 

y=CX  +  DY 

statt  der  Koordinaten  x,  y  die  Koordinaten  X,  Y  ein,  so  entspricht  einer 
bestimmten  Drehung  um  den  Koordinatenanfang  die  Formel 

r  _x  +  sy 

X'~  SX—Y> 
und  hieraus  entnehmen  wir  die  Drehungsformeln 

X'=CS(SX-Y), 

r=cs(x  +  SY), 

wobei  Cs  eine  von  S  abhängige  Größe  bezeichnet. 

Unter  Zuhilfenahme  des  Axioms  der  Nachbarschaft  V  2  folgt,  daß 
die  Determinante  dieser  eine  Drehung  vermittelnden  Transformations- 
formeln notwendig  =  1  sein  muß«,  mithin  ist 

und  die  Gruppe  der  Drehungen  stellt  sich  daher  in  den  Koordinaten 
X,  Y  wie  folgt  dar: 

X'  =  -JL=  X-  — L=  Y, 

Y'=   ■   1       X  + 


-j/i  +  s2        Vi  +  s* 

Aus  diesen  Formeln  entnehmen  wir  die  Gültigkeit  aller  Tatsachen  der 
gewöhnlichen  Euklidischen  Geometrie  und  insbesondere  den  Satz  von  der 
Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 


1)  Mathematische  Annalen  1903.     Anhang  IV  S.  143—145. 


Anhang  II:   Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.         95 

Wir  haben  im  vorstehenden  kurz  den  Beweis  dafür  angedeutet,  daß 
das  Axiom  von  der  Dreieckskongruenz  im  weiteren  Sinne  III  6*  eine 
Folge  dieses  Axioms  im  engeren  Sinne  III  6  ist,  wenn  man  die  Stetig- 
keitsaxiome V  1  und  V  2  zu  Hilfe  nimmt. 

Nunmehr  entsteht  die  Frage,  ob  auch  ohne  die  Axiome  der  Stetigkeit 
V  1  und  V  2  die  weitere  Fassung  des  Axioms  von  der  Dreieckskongruenz 
sich  als  eine  notwendige  Folge  der  engeren  Fassung  desselben  ergibt.  Die 
nachfolgende  Untersuchung  wird  zeigen,  daß  dies  nicht  der  Fall  ist,  selbst 
dann  nicht,  wenn  man  noch  die  'Proportionenlehre  als  gültig  voraussetzt.  Die 
Geometrie,  welche  ich  zu  diesem  Zwecke  im  folgenden  konstruiere,  beantwortet 
nicht  nur  die  eben  aufgeworfene  Frage,  sondern  verbreitet  überhaupt,  wie  ich 
glaube,  über  den  logischen  Zusammenhang  des  Satzes  vom  gleichschenkligen 
Dreieck  mit  den  anderen  in  Betracht  kommenden  elementaren  Sätzen  der 
ebenen  Geometrie  neues  lÄcht. 

Es  sei  t  ein  Parameter  und  cc  irgend  ein  Ausdruck  mit  einer  end- 
lichen oder  unendlichen  Gliederzahl  von  der  Gestalt 

a  =  aQP  +  a1tn  +  1  +  a2tn  +  2  -\ ; 

darin  mögen  a0(=f=  0),  alf  a2,  .  .  .  beliebige  reelle  Zahlen  bedeuten  und  n 
sei  eine  beliebige  ganze  rationale  Zahl  (=  Ol.  Die  Gesamtheit  aller  Aus- 
drücke von  dieser  Gestalt  cc  sehen  wir  als  ein  komplexes  Zahlensystem  T 
an,  indem  wir  folgende  Festsetzungen  treffen.  Man  addiere,  subtrahiere, 
multipliziere,  dividiere  irgend  welche  Zahlen  des  Systems  T,  als  wären 
sie  gewöhnliche  Potenzreihen,  die  nach  steigenden  Potenzen  der  Variabein  t 
fortschreiten.  Die  entstehenden  Summen,  Differenzen,  Produkte  und  Quo- 
tienten sind  dann  wiederum  Ausdrücke  von  der  Gestalt  cc,  und  mithin 
Zahlen  des  komplexen  Zahlensystems  T.  Eine  Zahl  cc  in  T  heiße  <  oder 
>  0,  je  nachdem  in  dem  betreffenden  Ausdrucke  cc  der  erste  Koeffizient 
a0  <  oder  >  0  ausfällt.  Sind  irgend  zwei  Zahlen  cc,  ß  des  komplexen 
Systems  T  vorgelegt,  so  heiße  cc  <  ß  bez.  a  >  ß,  je  nachdem  cc  —  ß  <  0 
oder  >  0  ausfällt.  Es  leuchtet  ein,  daß  bei  diesen  Festsetzungen  alle 
formalen  Regeln  und  Gesetze,  wie  bei  den  gewöhnlichen  reellen  Zahlen, 
gültig  sind;  dagegen  gilt  für  unser  System  T  das  Archimedische  Axiom 
nicht,  da  ja,  wie  groß  auch  die  positive  reelle  Zahl  A  gewählt  sei,  stets 
At  <  1  bleibt;  unser  komplexes  Zahlensystem  T  ist  ein  Nicht- Archimedi- 
sches System. 

Sind  cc,  ß  irgend  zwei  Zahlen  des  Systems  T,  und  bedeutet  i  die 
imaginäre  Einheit  ]/—  1,  so  heiße 

y  =  cc  -\-  iß 
eine  imaginäre  Zahl  zum  komplexen  System  T. 


96  Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

Ist  ferner  t  ein  Ausdruck  von  der  Gestalt 

t  =  a0tn  +  axtn  +  1  +  a2tn+2  -\ , 

wo  a0(4=0),  a1}  a2,  .  .  .  reelle  Zahlen  bedeuten  und  der  Exponent  n  der 
niedrigsten  Potenz  von  t  positiv  ausfällt,  so  heiße  x  eine  unendlich  Meine 
Zahl  des  komplexen  Systems  T. 

Offenbar  läßt  sich  stets  die  unendliche  Reihe 

1  +  —vT  +  ~¥\ —  +  — 3! —  +■'■" 
nach   steigenden  Potenzen  von  t  ordnen,  und   stellt  dann  eine  imaginäre 
Zahl  zum  komplexen  System  T  dar;  wir  bezeichnen  diese  imaginäre  Zahl 
mit   e<1+*J*.     Ist  dann   noch  &   irgend    eine    gewöhnliche  reelle  Zahl,    so 
setzen  wir  .  „      ,  •  ..  . .  ,  „  ,  . 

Nunmehr  konstruieren  wir  mit  Hilfe  des  komplexen  Zahlensystems  T 
eine  ebene  Geometrie  wie  folgt: 

Wir  denken  uns  ein  Paar  von  Zahlen  (x,  y)  des  Systems  T  als  einen 
Punkt  und  die  Verhältnisse  von  irgend  drei  Zahlen  (u  :  v  :  w)  aus  T,  falls 
u,  v  nicht  beide  0  sind,  als  eine  Gerade;  ferner  möge  das  Bestehen  der 

Gleichung 

ux  +  vy  +  w  —  0 

ausdrücken,  daß  der  Punkt  (x,  y)  auf  der  Geraden  (u  :  v  :  w)  liegt. 

Berücksichtigen  wir  die  obige  Pestsetzung,  derzufolge  die  Zahlen  in  T 
sich  ihrer  Größe  nach  anordnen  lassen,  so  können  wir  leicht  solche  Fest- 
setzungen für  unsere  Punkte  und  Geraden  treffen,  daß  auch  die  Axiome  II 
der  Anordnung  sämtlich  erfüllt  sind.  In  der  Tat,  stellen  (x1}  yj,  (x2)  ya), 
(x3,  y3),  .  .  .  irgend  welche  Punkte  auf  einer  Geraden  dar,  so  möge  dies 
ihre  Reihenfolge  auf  der  Geraden  sein,  wenn  die  Zahlen  xx,  x2,  xs, .  .  . 
oder  yi,y2,ys,-.-  in  dieser  Reihenfolge  entweder  beständig  abnehmen 
bez.  wachsen;  um  ferner  die  Forderung  des  letzten  Axioms  der  Anord- 
nung II.  4  zu  erfüllen,  haben  wir  nur  nötig  festzusetzen,  daß  alle  Punkte 
(x,  y),  für  die  ux  +  vy  +  w  kleiner  oder  größer  als  0  ausfällt,  auf  der 
einen  bez.  auf  der  anderen  Seite  der  Geraden  (u  :  v  :  w)  gelegen  sein  sollen. 

Wenn  zwei  Punkte  A,  B  beide  zugleich  entweder  auf  der  x-  Achse 
oder  auf  der  y- Achse  liegen,  so  nennen  wir  die  absolute  Differenz  der 
Abszissen  bez.  der  Ordinaten  dieser  beiden  Punkte  ihre  Entfernung  oder 
auch  die  Länge  der  durch  sie  bestimmten  Strecke.  Nunmehr  definieren 
wir  das  Abtragen  von  Strecken  und  Winkeln  durch  die  Parallelverschie- 
bungen und  Drehungen  der  Ebene  in  sich  wie  folgt.  Die  Parallelverschie- 
bung wird  durch  eine  Transformation  von  der  Gestalt 

xr  =  x  -{-  a, 

y'  =  y  +  ß 


Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.  97 

oder  x  -f  iy'  =  x  -\-  iy  -{-  u  -\-  iß 

vermittelt,  worin  a,  ß  Zahlen  in  T,  nämlich  die  Projektionen  der  Parallel- 
verschiebung in  Richtung  der  Achsen  sind.  Die  Drehung  der  Ebene  um 
den  Koordinatenanfangspunkt  (0,  0)  werde  durch  die  Formel 

x'  -\-  iy'  =  ei9+(l  +  i^(x  +  iy) 

vermittelt,  worin  0-  irgend  eine  reelle  Zahl  bedeutet,  und  x  irgend  eine 
unendlich  kleine  Zahl  im  komplexen  System  T  bedeutet;  ^-f-r  heiße  der 
Drehungswinkel  dieser  Drehung. 

Zunächst  ist  klar,  daß  bei  allen  Verschiebungen  und  Drehungen  der 
Ebene  jede  Gerade  wiederum  in  eine  Gerade  übergeht,  und  zugleich  die 
Anordnung  der  Punkte  auf  einer  Geraden  sowie  ihre  Lage  zu  den  Geraden 
ebenfalls  unverändert  bleibt. 

Es  seien  nun  (x,  y)  und  (x',  y')  irgend  zwei  vom  Koordinatenanfangs- 
punkt verschiedene  Punkte.  Die  Punkte  der  Verbindungsgeraden  von 
(x'}  y')  mit  dem  Koordinatenanfangspunkt  werden  durch  die  Koordinaten 
{ix'}  [iy'  dargestellt,  worin  fi  irgend  eine  Zahl  des  komplexen  Systems  T 
bedeutet.  Wir  wollen  nun  zeigen,  daß  es  stets  eine  Drehung  um  den 
Koordinatenanfangspunkt  gibt,  durch  welche  der  Punkt  (x,  y)  in  einen 
Punkt  jener  Verbindungsgeraden  übergeht.  Zu  dem  Zwecke  untersuchen 
wir  die  Gleichung 

Durch  Division  mit  der  konjugiert  imaginären  Gleichung  folgt 


oder 


worin 


e2i(#+i)  x  +  jy  =  x\  +  jy' 

x  —  iy       x  —  iy' 


%  +  in 


:  —  iy     x'-\-iy' 


gesetzt  ist.     Wegen 


x-\-iy     x  — iy' 

I2  +  V2  =  1 

folgt,  daß  |,  rj  solche  Zahlen  in  T  sind,  bei  deren  Darstellung  durch  t  die 
niedrigsten  Exponenten  der  Potenzen  von  t  ^  0  sind,  und  mindestens  einer 
derselben  =  0  ausfällt.     Wir  können  mithin  setzen 

l -•+!', 

worin  a,  b  gewöhnliche  reelle  Zahlen  mit  der  Quadratsumme  1  und  £ ',  r\ ' 
unendlich  kleine  Zahlen  in  T  bedeuten. 

Die  reelle  Zahl  &  ist  durch  die  Gleichung 

e2i&  =  a  +  ib 

Hubert,  Grundlagen  der  Geometrie.  7 


98  Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

bis  auf  ganze  Vielfache  von  7t,   und    ferner  t   als  unendlich  kleine   Zahl 
in  T  durch  die  Gleichung 

a  -f-  ib 
völlig  eindeutig  bestimmt.  Nach  Einsetzung  von  &  und  r  in  die  ur- 
sprüngliche Gleichung  folgt  (i  eindeutig  als  eine  Zahl  in  T.  Wir  sehen 
daraus,  daß  es  stets  eine  Drehung  von  der  gewünschten  Beschaffenheit 
gibt,  und  daß  diese  Drehung  bis  auf  Drehungen  um  den  Winkel  %  ein- 
deutig bestimmt  ist. 

Nunmehr  nennen  wir  irgend  welche  Strecken  und  Winkel  einander 
kongruent  oder  gleich,  sobald  es  gelingt,  dieselben  durch  Verschiebungen 
und  Drehungen  der  Ebene  miteinander  zur  Deckung  zu  bringen.  Unsere 
obige  Entwicklung  zeigt  dann,  daß  die  sämtlichen  Axiome  III  erfüllt 
sind,  wobei  das  letzte  Kongruenzaxiom  im  engeren  Sinne  III  6  zu  ver- 
stehen ist.  Auch  gilt,  wie  man  sieht,  das  Parallelenaxiom  IV,  und  aus 
der  Formel  für  die  Drehung  kann  ferner  leicht  ersehen  werden,  daß  auch 
das  Axiom  V  2  der  Nachbarschaft  in  unserer  Geometrie  gültig  ist. 

Wir  fassen  dies  wie  folgt  zusammen: 

In  unserer  Geometrie  gelten  die  sämtlichen  oben  aufgestellten  Axiome 
der  gewöhnlichen  ebenen  Geometrie  mit  Ausnahme  des  Archimedischen 
Axioms  V  1,  so  jedoch,  daß  das  Axiom  über  die  Dreieckskongruenz  dabei 
in  der  engeren  Fassung  III  6  zu  verstehen  ist. 


Wir  leiten  noch  einige  weitere  Sätze  ab,  die  in  unserer  Geometrie 
gültig  sind: 

In  unserer  Geometrie  gibt  es  einen  rechten  Winkel,  und  jeder  be- 
liebige Winkel  ist  halbierbar. 

In  der  Tat,  —  ist  gewiß  ein  rechter  Winkel,   weil  derselbe  bei  einer 

Drehung  um        in    seinen  Nebenwinkel   übergeht.     Ebenso    leuchtet    ein, 

daß,  wenn  &  -j-  r  einen  beliebigen  Winkel  be- 
deutet, —  +  ö^  die  Hälfte  desselben  ist. 

Wir  führen  nun  den  Begriff  der  Spiege- 
lung an  einer  Geraden  a  wie  folgt  ein.  Fällen 
wir  von  irgend  einem  Punkte  A  auf  irgend 
eine  Gerade  a  das  Lot  und  verlängern  dieses 
um  sich  selbst  über  den  Fußpunkt  B  hinaus 
bis  Ä,  so  heiße  A'  der  Spiegelpunkt  von  A. 
Wir  wählen  zunächst  zur  Geraden  a  die 
x-  Achse  und  für  A  einen  Punkt  im  positiven  Quadranten  mit  den  Koor- 
dinaten a,  ß.     Der  Winkel  AOB  zwischen  dem  Halbstrahl  OA  und   der 


Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.  99 

positiven  x-  Achse  sei  #  +  t,  und  zwar  möge  der  Punkt  x  =  y  auf  der 
x-  Achse  bei  der  Drehung  um  den  Winkel  &  +  r  in  den  Punkt  A  über- 
gehen, so  daß 

wird.  Der  Spiegelpunkt  A  des  Punktes  A  in  Bezug  auf  die  x- Achse 
hat  die  Koordinaten  cc,  —  ß.  Führen  wir  mithin  die  Drehung  um  den 
Winkel  &  -\-  t  aus,  so  entsteht  aus  dem  Punkte  Ä  ein  Punkt,  der  durch 
die  imaginäre  Zahl 

g^-Ki+o*  (a  _  iß)  _  «_±il  (a  _  iß)  =  ^±£ 

dargestellt  wird,  d.  h.  der  entsprechende  Punkt  liegt  auf  der  x- Achse 5 
folglich  ist  der  Winkel  Ä  OB  ebenfalls  gleich  -fr  +  t,  und  stimmt 
mithin  mit  dem  Winkel  AOB  überein.  Wir  sprechen  dies  Resultat 
wie  folgt  aus: 

Wenn  in  zwei  symmetrisch  liegenden  rechtwinkligen  Dreiecken  die 
beiden  Katheten  übereinstimmen,  so  sind  auch  die  entsprechenden  Winkel 
an  der  Hypotenuse  einander  gleich. 

Wir  folgern  hieraus  zugleich  den  allgemeineren  Satz: 

Im  Spiegelbilde  einer  Figur  stimmen  die  Winkel  stets  mit  den  ent- 
sprechenden Winkeln  der  ursprünglichen  Figur  überein. 

Es  sei  a  irgend  eine  Gerade  durch  den  Anfangspunkt  0,  und  -fr  -f-  % 
sei  der  Winkel  zwischen  a  und  der  x- Achse:  dann  erhält  man  zu  dem 
beliebigen  Punkt  (x,  y)  den  Spiegelpunkt  in  Bezug  auf  die  Gerade  a, 
indem  man  die  Ebene  zunächst  um  den  Winkel  —  #  —  r  dreht,  sodann 
an  der  x-  Achse  spiegelt,  und  schließlich  die  Ebene  um  den  Winkel  &  -f-  r 
dreht.  Die  Ausführung  dieser  Operationen  liefert  der  Reihe  nach  aus 
der  imaginären  Zahl  x  -\-  iy  die  Zahlen 

«-«♦-(»+0«  (x  +  iy),      e^-a-O'  (3  —  ig)} 
ei&+(i+ii*  ei»-(i-i)t  ^  _  iy)  =  e2i(#  +  i)  (x  _  f'y). 

mithin  wird  die  Spiegelung  an  der  Geraden  a  durch  die  Formel 

x  +  iy  =  e2,'(^+f)  (x  —  iy) 

für  den  Spiegelpunkt  vermittelt. 

Nun  mögen  ax,  a2  ebenfalls  zwei  Gerade  durch  den  Anfangspunkt  0 
und  fr,  +  r1  bez.  #2  +  r2  die  Winkel  bedeuten,  die  diese  Gerade  mit  der 
x-Achse  einschließen.  Führen  wir  der  Reihe  nach  die  Spiegelungen  an 
den  Geraden  a,  a1}  a2  aus>  s0  wird  die  entsprechende  Transformation  des 
Punktes  {x,  y)  durch  die  Formel 

x'  +  iy  =  e»*(+*-*i+*,+*-*x+«J  (x  —  iy) 

vermittelt,  und  hieraus  entnehmen  wir  das  folgende  Resultat: 

7* 


100       Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

"Wenn  man  an  irgend  drei  durch  einen  Punkt  gehenden  Geraden 
nacheinander  die  Spiegelung  ausführt,  so  ist  die  dann  entstehende  Trans- 
formation  der  Ebene  wiederum  eine  Spiegelung. 

Aus  diesem  Satze  beweisen  wir  leicht  die  weiteren  Sätze: 
Die    Mittelsenkrechten   auf   den    drei    Seiten    eines    Dreieckes  treffen 
sich  in  einem  Punkt. 

Wenn  in  einem  Vierecke  ABCB  ohne  einspringende  Ecken  die 
Winkel  AGB  und  ABB  übereinstimmen,  so  sind  auch  die  Winkel  BAC 
und  BBC  einander  gleich. 

Die  genannten  Sätze  genügen,  um  die  Proportionenlehre  ohne  Hilfe 
des  Satzes  vom  gleichschenkligen  Dreiecke  zu  begründen:  man  hat  nur 
nötig,  den  in  meiner  Festschrift  Grundlagen  der  Geometrie  (§§  14 — 16) 
dargelegten  Beweis  in  geeigneter  Weise  abzuändern,  was  leicht  geschehen 
kann.  Wir  erkennen  hieraus,  daß  es  zur  Begründung  der  Proportionen- 
lehre in  der  ebenen  Euklidischen  Geometrie  nicht  des  vollständigen  Axioms 
von  der  Dreieckskongruenz  im  weiteren  Sinne  III  6*  bedarf,  sondern  daß 
dazu  diejenigen  Bestandteile  dieses  Axioms  hinreichen,  die  in  den  eben 
genannten  Sätzen  enthalten  sind. 

Der  Fundamentalsatz  der  Proportionenlehre  lautet: 
Schneiden  zwei  Parallele  auf  den  Schenkeln  eines  beliebigen  Winkels 
die  Strecken  a,  b  bez.  a,  b'  ab,  so  gilt  die  Proportion 

a:b  =  d  :b'. 

Umgekehrt,  wenn  vier  Strecken  a,  b,  d,  b'  diese  Proportion  erfüllen, 
und  a,  d  und  b,  b'  je  auf  einem  Scheitel  eines  beliebigen  Winkels  ab- 
getragen  werden,  so  sind  die  Verbindungsgeraden  der  Endpunkte  von  a,  b 
bez.  von  d,  b'  einander  parallel. 

Dieser  Satz  konnte  auch  direkt  aus  dem  Umstände  abgeleitet  werden, 
daß  in  unserer  Geometrie  die  Geraden  durch  lineare  Gleichungen  definiert 
sind,  und  zugleich  erkennen  wir  hieraus  diese  Tatsachen: 

In  unserer  Geometrie  gelten  die  Schnittpunktsätze  von  Pascal  und 
Desargues,  und  daher  überhaupt  alle  Sätze  der  projektiven  Geometrie. 

Wir  kommen  nun  zu  der  wesentlichsten  Frage,  ob  in  unserer  Geo- 
metrie der  Satz  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  des  gleichschenkligen 
Breieckes  gilt. 

Zum  Zwecke  dieser  Untersuchung  sei  a  eine  Gerade  durch  den 
Koordinatenanfang  0,  die  mit  der  x- Achse  den  Winkel  &  -\-  t  einschließt; 
ferner  sei  A  ein  Punkt  auf  a  so,  daß  die  Strecke  OA  =  1  ausfällt,  und 
Ä  sei  der  Spiegelpunkt  von  A  in  Bezug  auf  die  #-Achse  (vgl.  Fig.  S.  101). 


Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.       101 


Um  die  Koordinaten  (x,  y)  des  Punktes  A  zu  berechnen,  bedenken  wir, 
daß  die  Drehung  um  den  Winkel  —  &  —  t  den  Punkt  A  in  den  Punkt 
mit  den  Koordinaten  1,  0  überführen  muß; 
wir  haben  mithin 

c-**-^+i>*(aj-f*y)-*  1, 

und  folglich 

x  -f  iy  —  e^+U+Q«, 

d.h.     x  =  OB  =  e*  cos  (#  +  *), 

y  =  AB  =  AB  =  cx  sin  (0-  +  x). 

Um  die  Länge  der  Strecke  0A'  zu  be- 
rechnen, bedenken  wir,  daß  Ä  die  Koordi- 
naten x,  —  y  besitzt;    die  Drehung  um   den  Winkel  &  -f-  t  liefert  mithin 

ei9+(i  +  i)t  rx iy\  =  ei$  +  (i  +  i)t-i#+(i-i)t  —  e2« 

d.  h.  die  Strecke  OJ/  fällt  gleich  e2t  aus,  und  sie  unterscheidet  sich 
mithin  von  der  Strecke  1  um  eine  unendlich  kleine  von  0  verschiedene 
komplexe  Zahl. 

Wir  ersehen  hieraus,  daß  im  allgemeinen  in  zwei  symmetrisch 
liegenden  rechtwinkligen  Dreiecken  mit  übereinstimmenden  Katheten  die 
Hypotenusen  voneinander  verschieden  ausfallen,  und  mithin  bei  der 
Spiegelung  an  einer  Geraden  die  Strecken  im  Spiegelbilde  denjenigen  in 
der  ursprünglichen  Figur  nicht  notwendig  gleich  sind. 

In  unserer  Geometrie  gilt  nicht  der  Satz  vom  gleichschenkligen  Dreieck, 
und  also  auch  nicht  das  Axiom  von  der  Kongruenz  der  Breiecke  im  wei- 
teren Sinne. 

Wir  erörtern  noch  in  unserer  Geometrie  die  Euklidische  Lehre  vom 
Flächeninhalt  der  Polygone  und  den  Satz  von  der  Geraden  als  der 
kürzesten  Verbindung  von  zwei  Punkten. 

Was  die  erstere  Frage  betrifft,  so  mögen  zwei  Polygone  zerlegungsgleich 
heißen,  wenn  sie  in  eine  endliche  Anzahl  von  Dreiecken  zerlegt  werden 
können,  die  paarweise  einander  kongruent  sind,  und  zwei  Polygone 
mögen  inhaltsgleich  heißen,  wenn  es  möglich  ist,  zu  denselben  zwei  zer- 
legungsgleiche Polygone  zuzufügen,  so  daß  die  beiden  zusammengesetzten 
Polygone  einander  zerlegungsgleich  sind. 

Aus  diesen  Definitionen  wird  leicht  die  Inhaltsgleichheit  zweier  Drei- 
ecke mit  gleicher  Grundlinie  und  gleicher  Höhe  bewiesen. 

Auch  gilt  in  unserer  Geometrie  der  Pythagoräische  Lehrsatz,  dem- 
zufolge die  beiden  Quadrate  über  den  Katheten  irgend  eines  rechtwinkligen 
Dreieckes  zusammen  inhaltsgleich  dem  Quadrate  über  der  Hypotenuse  sind. 


102       Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

Denn  wir  erkennen,  daß  in  dem  Euklidischen  Beweise  des  Pythagoräischen 
Lehrsatzes  durchweg  nur  die  Kongruenz  von  gleichliegenden  Dreiecken, 
und  mithin  nur  das  Axiom  über  die  Dreieckskongruenz  im  engeren  Sinne 
benutzt  wird. 

Wenden  wir  den  Pythagoräischen  Lehrsatz  auf  die  beiden  vorhin 
konstruierten  symmetrisch  liegenden  rechtwinkligen  Dreiecke  OAB  und 
OÄB  (Fig.  S.  101)  an,  so  folgt,  daß  die  Quadrate  über  den  beiden 
Hypotenusen  OA  =  1  und  OÄ  =  e2r  einander  inhaltsgleich  sind,  d.  h. 
es  gibt  in  unserer  Geometrie  Quadrate,  deren  Seiten  sich  um  unendlich 
kleine  von  0  verschiedene  Zahlen  unterscheiden  und  die  dennoch  einander 
inhaltsgleich  siud. 


Infolge  dieses  Umstandes  hat  in  unserer  Geometrie  der  fundamentale 
Satz  Euklids,  wonach  zwei  inhaltsgleiche  Dreiecke  mit  gleicher  Grund- 
linie stets  von  gleicher  Höhe  sind,  ebenfalls  keine  Gültigkeit... 

Unsere  Geometrie  führt  uns  mithin  zu  folgender  Erkenntnis: 

Es  ist  unmöglich,  auf  das  Axiom  der  Dreieckskongruenz  im  engeren 
Sinne  die  Euklidische  Lehre  vom  Flächeninhalt  zu  begründen,  selbst  wenn 
man  die  Gültigkeit  der  Proportionenlehre  hinzunimmt. 

In  meiner  Festschrift  Grundlagen  der  Geometrie  habe  ich  den  Satz 
Euklids  von  der  Gleichheit  der  Höhen  in  inhaltsgleichen  Dreiecken  auf 
gleicher  Grundlinie  dadurch  bewiesen,  daß  ich  den  Begriff  des  Flächen- 
maßes einführte.  Dieses  Flächenmaß  habe  ich  als  das  halbe  Produkt 
aus  Grundlinie  und  Höhe  definiert.  Der  Nachweis,  daß  diese  Größe 
davon  unabhängig  ist,  welche  Seite  des  Dreiecks  man  als  Grundlinie 
wählt,  erfordert  in  der  Tat  die  Benutzung  symmetrisch  gelegener 
ähnlicher  Dreiecke,  und  mithin  das  Axiom  über  die  Dreieckskongruenz 
im  weiteren  Sinne. 

Da  in  unserer  Geometrie  die  bekannte  Beziehung  zwischen  der 
Hypotenuse  und  den  Katheten  eines  rechtwinkligen  Dreiecks,  welche  in 
der  gewöhnlichen  Geometrie  aus  dem  Pythagoräischen  Lehrsatz  geschlossen 
wird,  nicht  gilt,  so  möchte  ich  unsere  Geometrie  eine  Nicht-Pythagoräische 
Geometrie  nennen. 

Eine  weitere  Folgerung,  die  Euklid  aus  dem  Satze  von  der  Gleich- 
heit der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreiecke  zieht,  ist  der  Satz, 
daß  in  jedem  Dreiecke  die  Summe  zweier  Seiten  größer  als  die  dritte 
ausfällt.  Um  die  Gültigkeit  dieses  Satzes  in  unserer  Geometrie  zu  prüfen, 
nehmen  wir  in  dem  rechtwinkligen  Dreiecke  OÄB  (Fig.  S.  101)  &  =  0, 
so  daß  die  Hypotenuse  OÄ  mit  der  Kathete  OB  den  unendlich  kleinen 
von  0  verschiedenen  Winkel  t  einschließt.  Wir  erhalten  dann  die  Summe 
der  beiden  Katheten  durch  die  komplexe  Zahl 


Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.        103 

e*  (cos  x  +  sin  r)  =  (l  +  x  +  -  +  ■  ■  •)  (l  -  j  +  •  •  •  +  t  -  j  +  •  •  •) 
=  1  +  2x  +  x2  +  •  •  • 

ausgedrückt,  und  diese  Zahl  ist  offenbar  um  eine  unendlich  kleine  von  0 
verschiedene  Zahl  kleiner  als  die  Hypotenuse 

OÄ  =  e2*  -  1  +  2x  +  2t2  +  •  •  • 

Der  Satz,  wonach  die  Summe  zweier  Seiten  in  jedem  Dreieck  größer 
als  die  dritte  ist,  gilt  also  nicht  in  unserer  Geometrie. 

Wir  erkennen  hieraus  die  wesentliche  Abhängigkeit  dieses  Satzes  von 
dem  Axiom  über  die  Breieckskongruenz  im  weiteren  Sinne. 

Wir  fassen  die  hauptsächlichsten  aus  unserer  Nicht -Pythagoräischen 
Geometrie  entspringenden  Resultate  zusammen  wie  folgt: 

Verstehen  wir  das  Axiom  über  die  Dreieckskongruenz  im  engeren  Sinne 
und  nehmen  wir  von  den  Stetigkeitsaxiomen  nur  das  Axiom  der  Nach- 
barschaft als  gültig  an,  dann  ist  der  Satz  von  der  Gleichheit  der  Basis- 
winkel im  gleichschenkligen  Breieck  nicht  beweisbar,  selbst  dann  nicht,  wenn 
wir  die  Lehre  von  den  Proportionen  als  gültig  voraussetzen.  Ebenso  wenig 
folgt  die  Euklidische  Lehre  von  den  Flächeninhalten;  auch  der  Satz,  wonach 
die  Summe  zweier  Seiten  im  Breieck  größer  als  die  dritte  ausfällt,  ist  keine 
notwendige  Folge  der  gemachten  Annahmen. 

Wir  wollen  noch  eine  andere  Nicht -Pythagoräi sehe  Geometrie  kon- 
struieren, die  sich  von  der  eben  behandelten  Geometrie  dadurch  unter- 
scheidet, daß  in  ihr  das  Archimedische  Axiom  (V  1),  dagegen  nicht  das 
Axiom  von  der  Nachbarschaft  (V  2)  gültig  ist. 

Man  betrachte  den  Bereich  il  aller  derjenigen  algebraischen  Zahlen, 
welche  hervorgehen,  indem  man  von  der  Zahl  1  ausgeht  und  eine  endliche 
Anzahl  von  Malen  die  vier  Rechnungsoperationen:  Addition,  Subtraktion, 
Multiplikation,  Division  und  die  fünfte  Operation  ]/l  -f  oo2  anwendet, 
wobei  (o  jedesmal  eine  Zahl  bedeuten  kann,  die  vermöge  jener  fünf 
Operationen  bereits  entstanden  ist. 

Wir  denken  uns   ein  Paar  von  Zahlen  x,  y  aus  Sl  als   einen  Punkt 

und  die  Verhältnisse  von  irgend  drei  Zahlen  (u  :  v  :  w)  aus  Q,   falls  u,  v 

nicht   beide    0    sind,    als    eine    Gerade;    ferner    möge    das    Bestehen    der 

Gleichung 

ux  -f-  vy  -f  w  =  0 

ausdrücken,  daß  der  Punkt  (x,  y)  auf  der  Geraden  (u  :  v  :  w)  liegt. 

Die  Anordnung  der  Punkte  und  Geraden,  sowie  die  Festsetzung  über 
die  Parallel  Verschiebung  treffen  wir  genau  wie  vorhin,  dagegen  weichen 
wir  von  der  früheren  Festsetzung  hinsichtlich  der  Drehung  um  einen 
Punkt  in  folgender  Weise  ab: 


104       Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

Wir  fassen  die  Punkte  der  Geraden  x  =  1  ins  Auge;  da  dieselben 
ein  abzählbares  System  bilden,  so  können  wir  sie  in  diese  Reihe  bringen: 
Px,  P2,  P3,  .  .  .  Es  sei  dann  allgemein  ♦,  der  Winkel,  unter  welchem 
die  Verbindungslinie  des  Punktes  Pk  mit  dem  Koordinatenanfang  die 
x-  Achse  schneidet.  Wir  wählen  nun  aus  der  Reihe  0^,  #2 ,  4fr,,  * . .  eine 
solche  Reihe  &k ,  0^,  a)-^,  .  .  .  aus,  daß  für  keinen  Wert  von  n  eine 
Gleichung  von  der  Gestalt 

#,n  -  r*  +  r^ki  +  r2\  +■■■  +  r..^^ 

besteht,  wo  r,  r1}  r%i  .  .  .  ,  rn_x  rationale  Zahlen  sind,  während  andererseits 
für  jedes  k  sich  ein  Wert  von  n  bestimmen  läßt,  so  daß 

»k  -  r*  +  r»^+  rt«^+  •  •  •  +  rn^ 

besteht,  wobei  r,  rx,  r2,  .  .  .  ,  rn  rationale  Zahlen  sind. 

Die   Drehung    unserer   Ebene    um  den  Winkel  d|  werde  dann  durch 

die  Formel 

x  +  «'?/'  =  e,**+r*  (a;  4-  i«/) 
vermittelt. 

Es  stellt  sich  heraus,  daß  in  dieser  Geometrie  sämtliche  Axiome  I 
bis  IV  erfüllt  sind,  wenn  das  Axiom  über  die  Dreieckskongruenz  im 
engeren  Sinne  III  6  verstanden  wird.  Außerdem  gilt  das  Archimedische 
Axiom  V  1,  dagegen  nicht  das  Axiom  der  Nachbarschaft  V  2.  Auch 
die  oben  genannten  Sätze  und  die  aus  diesen  zu  ziehenden  Folge- 
rungen, insbesondere  die  Proportionenlehre  ist  gültig.  Dagegen  gilt  nicht 
der  Satz  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen 
Dreieck,  und  folglich  auch  nicht  die  Euklidische  Lehre  vom  Flächen- 
inhalt. Der  Satz,  daß  die  Summe  zweier  Seiten  größer  als  die  dritte 
ist,  gilt  in  unserer  Geometrie  ebenfalls  nicht,  da  ja  aus  diesem  Satze 
das  Axiom  der  Nachbarschaft  V  2  notwendig  folgen  würde. 

Zur  Gültigkeit  des  Satzes  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleich- 
schenkligen Dreieck  sind  mithin  beide  Stetigkeitsaxiome  V  1,  V  2  erforderlich: 
in  der  Tat  haben  wir  in  dem  früheren  Beweise  am  Anfange  dieser  Unter- 
suchung (S.  93  —  S.  94)  jedes  dieser  beiden  Axiome  benutzt. 


Wir  haben  oben  (vgl.  S.  91 — S.  92)  erwähnt,  daß  aus  dem  Dreieckskon- 
gruenzaxiom in  der  engeren  Fassung  III 6  und  den  vorangehenden  Axiomen 
notwendig  das  Kongruenzaxiom  III  6  und  mithin  allgemein  die  Kongruenz 
der  Figuren  in  der  weiteren  Fassung  folgt,  sobald  wir  den  Satz  von 
der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck  als  gültig 
annehmen.  Es  erscheint  mir  bemerkenswert,  daß  diese  Ergänzung  des 
Kongruenzaxioms  in  der  engeren  Fassung  III  6  noch  auf  eine  ganz 
andere  Weise  geschehen  kann,   nämlich  mittels   einer  sehr  anschaulichen 


Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck.       105 

Forderung,  deren  Inhalt  wesentlich  mit  dem  in  den  Grundlagen  von  mir 
bewiesenen  Satz  32  (S.  46)  übereinstimmt  und  die  andererseits,  wie  wir 
in  dieser  Note  (vgl.  S.  102)  gezeigt  haben,  nicht  eine  Folgerung  der 
Kongruenzsätze  im  engeren  Sinne  ist. 

Es  seien  die  Begriffe  „zerlegungsgleich"  und  „inhaltsgleich"  wie  in 
§  18  der  Grundlagen  der  Geometrie  definiert  —  so  jedoch,  daß  dabei 
der  Kongruenzbegriff  im  engeren  Sinne  zu  verstehen  ist.  Dement- 
sprechend werden  im  folgenden  stets  nur  das  Kongruenzaxiom  in  der 
engeren  Fassung  III  6  und  die  vorangehenden  Axiome  I,  II,  III  1 — III, 
sowie  das  Parallelaxiom  IV  angewandt. 

Die  fragliche  Forderung,  die  dann  als  Ergänzung  dienen  soll,  lautet: 

Forderung.     Ein  Polygon  ist   niemals    mit   einem 

Polygone  zerlegungsgleich,  dessen  Begrenzung  innere 

Punkte,    jedoch    keine    äußeren    Punkte    des    ersteren 

Polygons  enthält. 

Zunächst  folgt  aus  dieser  Forderung  leicht  der  Satz: 

Ein  Polygon  ist  niemals  mit  einem  Polygone  inhaltsgleich,  dessen 
Begrenzung  innere  Punkte,  jedoch  keine  äußeren  Punkte  des  ersteren 
Polygons  enthält. 

In  der  Tat,  wäre  ein  Polygon  P  dem  innerhalb  P  gelegenen 
Polygon  Q  inhaltsgleich,  so  müßten  zwei  einander  zerlegungsgleiche 
Polygone  P'  und  Q'  existieren,  so  daß  das  Polygon  P  -\-  P'  mit  dem 
Polygon  Q  +  Q'  zerlegungsgleich  wäre.  Da  dann  auch  P -f  P'  mit 
P  -f  Q'  zerlegungsgleich  wäre,  so  müßten  auch  die  Polygone  P  -\-  Q' 
und  Q  +  Q'  zerlegungsgleich  sein,  was  der  aufgestellten  Forderung 
widerspricht. 

Nunmehr  beweisen  wir  der  Reihe  nach  die  folgenden  Sätze: 

Wenn  in  einem  Dreiecke  ABC  die  beiden  Winkel  bei  A  und  B 
einander  gleich  sind,  so  sind  auch  stets  die  diesen  Winkeln  gegenüber- 
liegenden Seiten  einander  gleich. 

Zum  Beweise  bestimmen  wir  auf  AB  die  Punkte  E  und  D,   so  daß 
AD  =  BG  und    BE  =  AG   wird.     Nach  dem  ersten  Kongruenzsatze  in 
der  engeren  Fassung  folgt  die  Kongruenz 
der  Dreiecke  DAG  und  CBE;  diese  beiden  C 

Dreiecke  sind  mithin  auch  inhaltsgleich. 
Wir  schließen  hieraus,  daß  auch  ihre  Grund- 
linien AD  und  BE  miteinander  überein- 
stimmen.  Wäre  dies  nämlich  nicht  der  Fall 

und  nehmen  wir  etwa  AD'  =  BE,  so  würde     »/        /e J>\  \D      \j? 

nach  dem  bekannten  Euklidischen  Verfahren 


106       Anhang  II:    Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck. 

(vgl.  S.  41)  folgen,  daß  die  beiden  Dreiecke  AD'  C  und  BEC  einander  inhalts- 
gleich sind.  Dann  aber  müßten  auch  die  Dreiecke  ABC  und  AB' G 
einander  inhaltsgleich  sein,  was  dem  vorhin  aus  unserer  Forderung  ge- 
wonnenen Satze  widerspricht.  Die  Gleichheit  der  Strecken  AB  und  BE 
führt  unmittelbar  zu  der  von  uns  aufgestellten  Behauptung. 

Wenn  in  einem  Dreiecke  ABC  die  beiden  Seiten  AC  und  BC 
einander  gleich  sind,  so  sind  auch  stets  die  diesen  Seiten  gegenüber- 
liegenden  Winkel  einander  gleich. 

Zum  Beweise  nehmen  wir  im  Gegenteil  an,  daß  der  Winkel  <£  GAB 
größer  als  <£  CBA  sei.  Sodann  bestimmen  wir  auf  der  Geraden  AB 
die  Punkte  A'  und  B'  derart,  daß 

<£CÄB  =  ^CBA    und    <£CB'A  =  ^CAB 

wird.     Nach  dem  vorhin  bewiesenen  Satze  ist  mithin 

CA  =  CB    und     CB'  =  CA 
und  hieraus  folgt  mit  Benutzung  der  Voraussetzung: 
(1*)  CA'  -  CB'. 

Wenden  wir    den    Satz    vom    Außenwinkel    auf  die    Dreiecke  ACA' 

und   BCB'    an,    so    erhalten  wir    die 
Gleichungen 

<£  ACA'  -  <£  CAB  -  <£  GAB 
und 

<£  BCB'  =  <£  CB'A  -  £  CBA- 
mithin  ist 
A  Ä  B  B  (2*)        ^ACÄ  =  ^BCB'. 

Die  Formeln  (1*)  und  (2*)  in  Verbindung  mit  der  Voraussetzung 
lehren,  daß  die  Dreiecke  ACA'  und  BCB'  im  engeren  Sinne  miteinander 
kongruent  sind;  dann  aber  wäre  auch  insbesondere 

•^AA'C  =  ^BB'C 

Diese  Folgerung  ist  ein  Widersinn,  da  die  beiden  Winkel  bez.  innerer 
Winkel  und  nicht  anliegender  Außenwinkel  im  Dreieck  AB '  C  sind. 

Damit  ist  der  aufgestellte  Satz  bewiesen  und  wir  erkennen  zugleich, 
daß  die  Dreieckskongruenzsätze  im  weiteren  Sinne  eine  notwendige  Fol- 
gerung aus  dem  Kongruenzaxiom  in  der  engeren  Form  III  6  sind,  wenn 
man  noch  die  obige  anschauliche  Forderung  über  den  Begriff  der  Zer- 
legungsgleichheit zu  Hilfe  nimmt. 

Mit  Hilfe  der  beiden  Stetigkeitsaxiome  V  1  und  V  2  ist  es  noch 
nicht  möglich,  die  ebene  Geometrie  als  identisch  mit  der  gewöhnlichen 
analytischen  „Cartesischen"  Geometrie  nachzuweisen,  in  der  federn  Zahlen- 


Anhang  III:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie.  107 

paar  ein  Punkt  der  Ebene  entspricht.  Zu  diesem  Nachweise  ist  aber 
weder  das  Axiom  vom  Dedekindschen  Schnitte,  noch  das  Axiom  von 
der  Existenz  der  Grenzpunkte  notwendig;  vielmehr  genügt  es,  das 
Axiom  Y  2  durch  das  Axiom  allgemeineren  Charakters  zu  ersetzen, 
welches  ich  bereits  in  den  Grundlagen  der  Geometrie1)  aufgestellt  und 
Axiom  der  Vollständigkeit  genannt  habe. 


Anhang  III. 
Neue  Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie. 

Abgedruckt  aus  Math.  Ann.  Bd.  57. 

In  meiner  Festschrift  „Grundlagen  der  Geometrie"  Kap.  I  (S.  2 — S.  18) 2) 
habe  ich  ein  System  von  Axiomen  für  die  Euklidische  Geometrie  aufgestellt 
und  dann  gezeigt,  daß  lediglich  auf  Grund  der  die  Ebene  betreffenden  Be- 
standteile  dieser  Axiome  der  Aufbau  der  ebenen  Euklidischen  Geometrie  mög- 
lich ist,  selbst  wenn  man  die  Anwendung  der  Stetigkeitsaxiome  vermeidet. 
In  der  folgenden  Untersuchung  ersetze  ich  das  Parallelenaxiom  durch  eine 
der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie  entsprechende  Forderung  und  zeige 
dann  ebenfalls,  daß  ausschließlich  auf  Grund  der  ebenen  Axiome  ohne  An- 
wendung von  Stetigkeitsaxiomen  die  Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen 
Geometrie  in  der  Ebene  möglich  ist. 

Diese  neue  Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie 
steht,  wie  mir  scheint,  auch  hinsichtlich  ihrer  Einfachheit  den  bisher 
bekannten  Begründungsarten,  nämlich  derjenigen  von  Bolyai  und  Lobat- 
schefsky,  die  beide  sich  der  Grenzkugel  bedienten,  und  derjenigen  von 
F.  Klein  mittels  der  projektiven  Methode  nicht  nach.  Die  genannten 
Begründungen  benutzen  wesentlich   den  Raum   sowohl  wie  die  Stetigkeit. 

Zur  Erleichterung  des  Verständnisses  stelle  ich  nach  meiner  Festschrift 
„Grundlagen  der  Geometrie"  die  Axiome  der  ebenen  Geometrie  zusammen, 
wie  folgt: 

I.   Axiome  der  Verknüpfung. 

I  1.  Zwei  voneinander  verschiedene  Punkte  A  und  B  bestimmen 
stets  eine  Gerade. 

I  2.  Irgend  zwei  voneinander  verschiedene  Punkte  einer  Geraden 
bestimmen  diese  Gerade. 


1)  §  8  S.  16;  man  vergleiche  auch  meinen  Vortrag  über  den  Zahlbegriff:  Be- 
richte der  deutschen  Mathematiker-Vereinigung,  1900. 

2)  Vergleiche  auch  meine  Abhandlung  „Über  den  Satz  von  der  Gleichheit  der 
Basiswinkel  im  gleichschenkligen  Dreieck".  Proceedings  of  the  London  Mathematical 
Society,  Bd.  35.  1903  Anhang  II. 


108         Anhang  III:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyaehen  Geometrie. 

I  3.  Auf  jeder  Geraden  gibt  es  wenigstens  zwei  Punkte.  Es  gibt 
wenigstens  drei  Punkte,  welche  nicht  in  einer  Geraden  liegen. 

II.   Axiome  der  Anordnung. 

II  1.  Wenn  A,  B,  C  Punkte  einer  Geraden  sind  und  B  zwischen 
A  und  C  liegt,  so  liegt  auch  B  zwischen  C  und  A. 

II  2.  Wenn  A  und  B  zwei  Punkte  einer  Geraden  sind,  so  gibt 
es  wenigstens  einen  Punkt  C,  der  zwischen  A  und  B  liegt,  und  wenigstens 
einen  Punkt  B,  so  daß  B  zwischen  A  und  D  liegt. 

II  3.  Unter  irgend  drei  Punkten  einer  Geraden  gibt  es  stets  einen 
und  nur  einen  Punkt,  der  zwischen  den  beiden  anderen  liegt. 

Erklärung:  Die  zwischen  zwei  Punkten  A  und  B  gelegenen  Punkte 
heißen  auch  die  Punkte  der  Strecke  AB  oder  BA. 

II  4.  Es  seien  A,  B,  C  drei  nicht  in  gerader  Linie  gelegene  Punkte 
und  a  eine  Gerade,  die  keinen  der  Punkte  A,  B,  C  trifft;  wenn  dann 
diese  Gerade  durch  einen  Punkt  der  Strecke  AB  geht,  so  geht  sie  gewiß 
auch  durch  einen  Punkt  der  Strecke  BC  oder  der  Strecke  AC. 

III.   Axiome  der  Kongruenz. 

Erklärung:  Jede  Gerade  zerfällt  von  irgend  einem  ihrer  Punkte 
aus  in  zwei  Halbgerade  (Halbstrahlen)  oder  Hälften. 

III  1.  Wenn  A,  B  zwei  Punkte  der  Geraden  a  sind  und  A'  ein  Punkt 
einer  Geraden  a  ist,  so  kann  man  auf  einer  gegebenen  Hälfte  der  Ge- 
raden a  von  A'  aus  stets  einen  und  nur  einen  Punkt  B'  finden,  so  daß 
die  Strecke  AB  der  Strecke  A ' B'  kongruent  oder  gleich  ist;  in  Zeichen: 

AB- A'B'. 
Jede  Strecke  ist  sich  selbst  kongruent;  in  Zeichen: 

AB  =  AB    und    BA  =  AB. 
III  2.  Wenn  die  Strecke  AB  sowohl  der  Strecke  A' B'  als  auch  der 
Strecke  A" B"  kongruent  ist,    so    ist  auch  A '  B'  der    Strecke  A" B" 
kongruent. 

III  3.  Es  seien  AB  und  BC  zwei  Strecken  ohne  gemeinsame 
Punkte  auf  a  und  ferner  A'B'  und  B' C  zwei  Strecken  ohne  gemein- 
same Punkte  auf  einer  Geraden  a';  wenn  dann  AB  =  A'B'  und 
BC  =  B'C,  so  ist  auch  AC=A'C. 

Erklärung.  Ein  von  einem  Punkte  A  ausgehendes  Paar  von  Halb- 
geraden h  und  k,  die  nicht  zusammen  eine  Gerade  ausmachen,  nennen 
wir  einen    Winkel  und  bezeichnen  ihn  entweder  mit 

Die  Punkte  der  Ebene,  welche  bezüglich  h  auf  derselben  Seite  wie 


Anhang  III:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie.         109 

k  und  zugleich  bezüglich  k  auf  derselben  Seite  wie  h  liegen,   bilden  den 
Winkelraum  von  ^Qik). 

III  4.  Es  sei  ein  Winkel  Qik),  eine  Gerade  a  und  eine  bestimmte 
Seite  von  a  gegeben.  Es  bedeute  K  eine  Halbgerade  der  Geraden  a,  die 
vom  Punkte  0  ausgeht:  dann  gibt  es  eine  und  nur  eine  Halbgerade  k',  so 
daß  der  Winkel  (hh)  dem  Winkel  Qi'k')  kongruent  oder  gleich  ist,  in 
Zeichen: 

<£  (hk)  =  <£  {h'k') 

und   daß  zugleich  alle  Punkte  des   Winkelraums  von  ^Qi'k')   auf  der 
gegebenen  Seite  von  a   liegen. 

Jeder  Winkel  ist  sich  selbst  kongruent,  in  Zeichen: 

«£  (hh)  ==  «£  (hh)     und     ^.(Jik)  =  (kh). 
IH  5.   Wenn  ein  Winkel  (hk)   sowohl  dem  Winkel  Qi'k')  als  auch 
dem  Winkel  Qi'k")  kongruent  ist,  so   ist  auch  der  Winkel  Qi'k')  dem 
Winkel  Qi'k")  kongruent. 

III  6.  Wenn  für  zwei  Dreiecke  ABC  und  A'B'C  die  Kongruenzen 
AB  =  A'B',  AC  =  A'C    und     «£  BAC  =  <£  B'A'C 
gelten,  so  gilt  auch  stets 

«£  ABC  ==<£  A'B'C  und  ^ACB  =  ^A'C'B'. 
Aus  den  Axiomen  I — III  folgen  leicht  die  Sätze  über  die  Kongruenz  x>~*J*X-  * 
der  Dreiecke  und  über  das  gleichschenklige  Dreieck  und  zugleich  erkennt 
man  die  Möglichkeit,  ein  Lot  zu  errichten  oder  zu  fällen,  sowie  eine  ge- 
gebene Strecke  oder  einen  gegebenen  Winkel  zu  halbieren.  Insbesondere 
folgt  auch  wie  bei  Euklid  der  Satz,  daß  in  jedem  Dreiecke  die  Summe 
zweier  Seiten  größer  als  die  dritte  ist. 

IV.   Axiom  von  den  sich  schneidenden  und  nicht  schneidenden 

Geraden. 

Wir  sprechen  nun  das  Axiom,  welches  in  der  Bolyai-Lobatschefsky- 
schen Geometrie  dem  Parallelenaxiom  der  Euklidischen  Geometrie  ent- 
spricht, wie  folgt,  aus: 

IV.  Ist  b  eine  beliebige  Gerade  und  A  ein  nicht  auf  ihr  gelegener 
Punkt,  so  gibt  es  stets  durch  A  zwei  Halbgerade  aif  a2,  die  nicht  ein 
und  dieselbe  Gerade  ausmachen  und  die  Gerade  b  nicht  schneiden, 
während  jede  in  dem  durch  alt  a2  gebildeten  Winkelraum  gelegene  von 
A  ausgehende  Halbgerade  die  Gerade  b  schneidet. 

Erklärung.  Die  Gerade  b  zerfalle  von  irgend  einem  ihrer  Punkte 
B  aus  in  die  beiden  Halbgeraden  blf  b2  und  es  mögen  a1}  bt  auf  der 
einen  und  a2,  b2  auf  der  anderen  Seite  der  Geraden  AB  liegen:  dann  soll 
die  Halbgerade  o,  zu  der  Halbgeraden  bt  und  ebenso  die  Halbgerade  a2  zu 


HO         Anhang'^  III:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie. 

der  Halbgeraden  b2  parallel  genannt  werden;  desgleichen  sagen  wir,  es  seien 
die   beiden  Halbgeraden  aif  a2  zu   der    Geraden  b  parallel  und    auch  von 

jeder  der  beiden  Geraden,  von  denen  ax 
bez.  a2  Halbgerade  sind,  sagen  wir,  daß  sie 
zu  b  parallel  sind. 

Es  folgt  sofort  die  Richtigkeit  folgen- 
der Tatsachen: 

Wenn    eine    Gerade    oder    Halbgerade 
zu  einer  anderen  Geraden  oder  Halbgeraden 
parallel  ist,  so  ist  stets  auch  diese  zu  jener  parallel. 

Wenn  zwei  Halbgerade  einer  dritten  Halbgeraden  parallel  sind,  so 
sind  sie  untereinander  parallel. 

Erklärung.  Jede  Halbgerade  bestimmt  ein  Ende;  von  allen  Halb- 
geraden, die  zueinander  parallel  sind,  sagen  wir,  daß  sie  dasselbe  Ende 
bestimmen.  Eine  vom  Punkte  A  ausgehende  Halbgerade  mit  dem  Ende  a 
werde  allgemein  mit  (Act)  bezeichnet.  Eine  Gerade  besitzt  stets  zwei  Enden. 
Allgemein  werde  eine  Gerade,  deren  Enden  a  und  ß  sind,  mit  (a,  ß)  bezeichnet. 
Wenn  A,  B  und  Ä,  B'  zwei  Punktepaare  und  a  und  a  zwei  Enden 
von  derart  sind,  daß  die  Strecken  AB  und  A'B'  einander  gleich  sind  und 
überdies  der  von  AB  und  der  Halbgeraden  (A,  a)  gebildete  Winkel  gleich 
dem  von  AB'  und  der  Halbgeraden  (AI,  a)  gebildeten  Winkel  wird,  so 
ist,  wie  man  leicht  erkennt,  stets  auch  der  von  BA  und  (B,  a)  gebildete 
Winkel  gleich  dem  von  B' A'  und  (B' a)  gebildeten  Winkel;  die  beiden 
Figuren  ABa  und  A'B'a   heißen  einander  kongruent. 

Endlich  definieren  wir  noch  in  bekannter  Weise  den  Begriff  des 
Spiegelbildes : 

Erklärung.  Wenn  wir  von  einem  Punkte  aus  auf  eine  Gerade  das 
Lot  fällen  und  dieses  über  seinen  Fußpunkt  hinaus  um  sich  selbst  ver- 
längern, so  heiße  der  entstehende  Endpunkt  das  Spiegelbild  des  ursprüng- 
lichen Punktes  an  jener  Geraden. 

Die  Spiegelbilder  für  die  Punkte  einer  Geraden  liegen  wiederum 
auf  einer  Geraden;  diese  heiße  das  Spiegelbild  der  ursprünglichen  Geraden. 

§  1. 
Hilfssätze. 

Wir  beweisen  zunächst  der  Reihe  nach  folgende  Hilfssätze: 
Satz  1.    Wenn  zwei  Gerade  eine  dritte  Gerade  unter  gleichen  Gegen- 
winkeln schneiden,  so  sind  sie  gewiß  nicht  zueinander  parallel. 

Beweis.  Wir  nehmen  im  Gegenteil  an,  daß  die  beiden  Geraden  nach 
einer  Richtung  hin  zueinander  parallel  wären.  Führen  wir  dann  um  die 
Mitte   der  auf  der  dritten  Geraden  ausgeschnittenen   Strecke  eine  Halb- 


lr. 


Anhang  III:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyscken  Geometrie.  Hl 

drehung  aus,  d.  h.  konstruieren  wir  über  der  anderen  Seite  jener  Strecke 
das  betreffende  kongruente  Dreieck,  so  würde  folgen,  daß  die  beiden 
ersteren  Geraden  auch  nach  der  anderen  Richtung  hin  zueinander  parallel 
sind,  und  dies  widerspräche  dem  Axiom  IV. 

Satz  2.  Wenn  irgend  zwei  Gerade  a,  b  vorgelegt  sind,  die  sich 
weder  schneiden  noch  zueinander  parallel  sind,  so  gibt  es  stets  eine  Gerade, 
welche  auf  beiden  zugleich  senkrecht  steht. 

Beweis.  Von  irgend  zwei  Punkten  A  und  P  der  Geraden  a  fällen 
wir  die  Lote  AB  und  PB'  auf  die  Gerade  b.  Es  sei  das  Lot  PB'  größer 
als  das  Lot  AB:  dann  tragen  wir  AB  von  B'  aus  auf  B ' P  ab  bis  Ä, 
so  daß  der  Punkt  Ä  zwischen  P  und  B'  liegt.  Nunmehr  konstruieren 
wir  die  Gerade  a    durch  A',  welche  B'A'  in  A'  unter  demselben  Winkel 


und  in  demselben*Sinne  wie  die  Gerade  a  das  Lot  B A  in  A  schneidet.  Wir 
wollen  beweisen,  daß  diese  Gerade  a  notwendig  die  Gerade  a  treffen  muß. 

Zu  dem  Zwecke  bezeichnen  wir  diejenige  Halbgerade,  in  welche  a 
von  P  aus  zerfällt  und  auf  welcher  der  Punkt  A  liegt,  mit  ay  und  ziehen 
dann  von  B  aus  eine  Halbgerade  h  parallel  zu  ax.  Ferner  sei  ti  diejenige 
Halbgerade,  welche  von  B'  unter  demselben  Winkel  gegen  b  und  nach 
derselben  Richtung  wie  h  von  B  ausgeht.  Da  nach  Satz  1  die  Halb- 
gerade ti  nicht  zu  h  und  daher  auch  nicht  zu  ax  parallel  ist  und  auch  h 
gewiß  nicht  schneidet,  so  schneidet  sie,  wie  man  im  Hinblick  auf  Axiom  IV 
leicht  erkennt,  notwendig  a^  es  sei  T  der  Schnittpunkt  der  Halbgeraden 
ti  und  ax.  Da  a  wegen  unserer  Konstruktionen  parallel  zu  ti  ist,  so 
muß  nach  Axiom  II  4  die  Gerade  a  das  Dreieck  PB'T  durch  die  Seite 
PT  verlassen,  womit  der  gewünschte  Nachweis  erbracht  ist.  Wir  wollen 
den  Schnittpunkt  der  Geraden  a  und  a    mit  Q  bezeichnen. 

Von  Q  fällen  wir  das  Lot  QR  auf  ?>;  sodann  tragen  wir  B' R  von 
B  aus  auf  b  bis  zum  Punkte  R'  ab,  so  daß  auf  b  die  Richtung  B  nach 
R'  dieselbe,  wie  die  von  B'  nach  R  ist.     Ebenso  tragen  wir  die  Strecke 


112         Anhang  HI:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie. 

ÄQ  von  A  aus  auf  a  in  derselben  Richtung  bis  Q'  ab.  Suchen  wir 
dann  die  Mitten  M  und  N  der  Strecken  QQ'  bez.  RR',  so  liefert  deren 
Verbindungsgerade  MN  das  gesuchte  gemeinsame  Lot  auf  a  und  b. 

In  der  Tat,  aus  der  Kongruenz  der  Vierecke  A'B'  QR  und  ABQ'R' 
folgt  die  Gleichheit  der  Strecken  QR  und  Q'R',  sowie  die  Tatsache,  daß 
Q'R'  auf  b  senkrecht  steht.  Hieraus  wiederum  erschließen  wir  die  Kon- 
gruenz der  Vierecke  QRMN  und  Q'R'MN  und  damit  ist  die  aufgestellte 
Behauptung  und  zugleich  der  Satz  2  vollständig  bewiesen. 

Satz  3.  Wenn  irgend  zwei  Halbgeraden  vorgelegt  sind,  so  gibt  es 
stets  eine  Gerade,  welche  zu  diesen  beiden  Halbgeraden  parallel,  ist  d.  h. 
es  gibt  stets  eine  Gerade,  die  zwei  vorgeschriebene  Enden  a  und  ß 
besitzt. 

Beweis.    Wir  ziehen  durch  irgend  einen  Punkt  0  zu  den  vorgelegten 


\ 


"Jf 


Halbgeraden  Parallele  und  tragen  auf  diesen  von  0  aus  gleiche  Strecken 
ab,  etwa  bis  A  und  B,  so  daß 

OA=  OB 

wird  und   die   von  0  aus  durch  A  gehende  Halbgerade  das  Ende  a  und 


Anhang  III:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie.  113 

die  von  0  aus  durch  B  gehende  Halbgerade  das  Ende  ß  besitzt.  Sodann 
verbinden  wir  den  Punkt  A  mit  dem  Ende  ß  und  halbieren  den  Winkel 
zwischen  den  beiden  von  A  ausgehenden  Halbgeraden;  desgleichen  ver- 
binden wir  den  Punkt  B  mit  dem  Ende  a  und  halbieren  den  Winkel 
zwischen  den  beiden  von  B  ausgehenden  Halbgeraden.  Die  erstere 
Halbierungslinie  werde  mit  a,  die  letztere  mit  b  bezeichnet.  Aus  der 
Kongruenz    der  Figuren  OAß  und  OBu  folgt  die  Gleichheit  der  Winkel 

^(OAß)  =  ^(OBa), 
^(aAß)=^(aBß) 
und  aus  letzterer  Gleichung  entnehmen  wir  auch  die  Gleichheit  der  Winkel, 
die  durch  die  Halbierungen  entstanden  sind,  nämlich 

£  (ccÄa)  =  <£  (aAß)  -  <£  (uBb)  -  «£  (pBß). 
Es  kommt  zunächst  darauf  an,  zu  zeigen,  daß  die  beiden  Halbierungs- 
linien a  und  b  sich  weder  schneiden  noch  zueinander  parallel  sind. 

Wir  nehmen  an,  a  und  b  schnitten  sich  im  Punkte  M.  Da  OAB 
nach  Konstruktion  ein  gleichschenkliges  Dreieck  ist,  so  folgt 

^BAO  =  ^i  ABO 
and  hieraus  nach  den  vorigen  Gleichungen 

^BAM^^ABM- 

mithin  ist 

AM  -  BM . 

Verbinden  wir  nun  M  mit  dem  Ende  a  durch  eine  Halbgerade,  so  folgt 
aus  der  letzteren  Streckengleichung  und  wegen  der  Gleichheit  der  Winkel 
■^C(aAM)  und  (aBM)  die  Kongruenz  der  Figuren  a  AM  und  aBM  und 
diese  Kongruenz  hätte  die  Gleichheit  der  Winkel  <^  (aMA)  und  <£(aMB) 
zur  Folge.  Da  diese  Folgerung  offenbar  nicht  zutrifft,  so  ist  die  Annahme 
zu  verwerfen,  daß  die  Halbierungsgeraden  a  und  b  sich  einander  schneiden. 

Wir  nehmen  ferner  an,  die  Geraden  a  und  b  seien  zueinander 
parallel;  das  durch  sie  bestimmte  Ende  möge  dann  mit  fi  bezeichnet 
werden.  Die  von  B  aus  nach  a  gehende  Halbgerade  möge  die  von  A 
nach  ß  gehende  Halbgerade  im  Punkte  C  und  die  Gerade  a  im  Punkte 
D  treffen:  dann  beweisen  wir  die  Gleichheit  der  Strecken  DA  und  DB. 
In  der  Tat,  im  gegenteiligen  Falle  tragen  wir  DA  von  D  aus  auf  DB 
etwa  bis  B'  ab  und  verbinden  B'  mit  ^  durch  eine  Halbgerade.  Aus  der 
Kongruenz  der  Figuren  DAa  und  DB'fi  würde  dann  die  Gleichheit  der 
Winkel  <£  (DAa)  und  «$C  (DB' u)  folgen  und  mithin  wären  auch  die 
Winkel  <£  (DB' [i)  und  <^C  (DB(i)  einander  gleich,  was  nach  Satz  1  nicht 
möglich  ist. 

Die  Gleichheit  der  Strecken  DA  und  DB  hat  nun  die  Gleichheit  der 
Winkel  ^(DAB)  und  <£  (DBA)  zur  Folge  und  da  nach  dem  Früheren 

Hubert,  Grundlagen  der  Geometrie.  8 


h^caJjL*  sr  o  ?  aJ>-o^J-  U   srn  F 


114         Anhang  III:   Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie. 

auch  die  Winkel  <£  (CAB)  und  <£  (CBA)  einander  gleich  sind,  so  würde 
auch  die  Gleichheit  der  Winkel  <£;  (D  AB)  und  <£  (CAB)  folgen.  Diese 
Folgerung  trifft  aber  offenbar  nicht  zu  und  mithin  ist  auch  die  Annahme 
zu  verwerfen,  daß  die  Geraden  a  und  b  einander  parallel  sind. 

Da  nach  diesen  Entwickelungen  die  Geraden  a,  b  sich  weder  schneiden 
noch  zueinander  parallel  sind,  so  gibt  es  nach  Satz  2  eine  Gerade  c,  die 
auf  beiden  Geraden  a,  b  senkrecht  steht  etwa  in  den  Punkten  E  bez.  F. 
Ich  behaupte,  daß  diese  Gerade  c  die  gesuchte  Gerade  ist,  die  die  beiden 
vorgelegten  Enden  a,  ß  miteinander  verbindet. 

Zum  Beweise  dieser  Behauptung  nehmen  wir  im  Gegenteil  an,  es 
habe  c  nicht  das  Ende  a.  Dann  verbinden  wir  jeden  der  beiden  Fuß- 
punkte E  und  F  mit  dem  Ende  a  durch  Halbgerade.  Da  EA  =  FB 
sein  muß,  wie  leicht  erkannt  wird,  so  folgt  die  Kongruenz  der  Figuren 
aEA  und  aFB  und  aus  dieser  die  Gleichheit  der  Winkel  <£;  (AEa)  und 
^C(BFa)  und  folglich  sind  auch  diejenigen  Winkel  einander  gleich,  die 
die  von  E  und  F  ausgehenden  Halbgeraden  mit  der  Geraden  c  bilden. 
Diese  Folgerung  widerspricht  dem  Satze  1  und  damit  ist  der  Beweis  für 
unsere  Behauptung  vollständig  erbracht. 

Satz  4.  Es  seien  a,  b  zwei  zueinander  parallele  Gerade  und  0  ein 
Punkt  innerhalb  des  zwischen  a  und  b  gelegenen  Gebietes  der  Ebene; 
ferner  sei  0a  das  Spiegelbild  des  Punktes  0  an  a  und  0b  das  Spiegelbild 
des  Punktes  0  an  b  und  M  die  Mitte  der  Strecke  0a0b:  dann  steht 
diejenige  Halbgerade  von  M  aus,  die  zugleich  zu  a  und  b  parallel  ist, 
senkrecht  in  M  auf  OaOb. 

Beweis.     Denn  im   entgegengesetzten  Falle    errichte   man  nach   der 

nämlichen  Seite  hin  in  M  auf  0„  0.   die  Senk- 
et    o 

rechte.  Die  Gerade  0a  0b  schneide  a,  b  bez.  in 
den  Punkten  P,  Q.  Da  P  0  <  PQ  +  Q  0,  mithin 
POa<POb  ist  und  desgleichen  QOb<QOa, 
so  fällt  M  notwendig  in  das  Innere  des  zwischen 
a  und  b  gelegenen  Gebietes  der  Ebene.  Jene 
Senkrechte  in  M  müßte  daher  eine  der  Ge- 
raden a  oder  b  treffen;  träfe  sie  etwa  a  im 
Punkte  A,  so  würde  AOa=AO  und  AOa=AOb 
folgen  und  mithin  wäre  auch  A  0  =  A  Ob 
d.  h.  A  müßte  auch  ein  Punkt  von  b  sein, 
was   der  Voraussetzung  des  Satzes  widerspräche1). 

Satz  5.     Wenn  a,  b}  c  drei  Gerade  sind,  die  das  nämliche  Ende  co 

1)  Diese  Folgerung  stimmt  im  wesentlichen  mit  einer  Schlußweise  von  Lobatschel'sky 
überein;  vgl.  Neue  Anfangsgründe  der  Geometrie  mit  einer  vollständigen  Theorie  der 
Parallellinien  (1835)  §  111. 


Anhang  III:   Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie.         115 

besitzen  und  die  Spiegelungen  an  diesen  Geraden  bez.  mit  Sa,  Sb,  Sc 
bezeichnet  werden,  so  gibt  es  stets  eine  Gerade  d  mit  demselben  Ende  co, 
so  daß  die  aufeinanderfolgende  Anwendung  der  Spiegelungen  an  den  Ge- 
raden a,b,  c  der  Spiegelung  an  der  Geraden  d  gleichkommt,  was  wir 
durch  die  Formel 

ScSbSa  =  Sd 

ausdrücken. 

Beweis.  Wir  nehmen  zunächst  an,  es  fiele  die  Gerade  b  ins  Innere 
des  zwischen  a  und  c  gelegenen  Gebietes  der  Ebene.  Dann  sei  0  ein  Punkt 
auf  b  und  die  Spiegelbilder  von  0  an  a  und  c  seien  bezeichnet  mit  Oa  und  Oc. 
Bezeichnen  wir  nun  mit  d  diejenige  Gerade,  die  die  Mitte  der  Strecke 
OaOc  mit  dem  Ende  co  verbindet,  so  sind  wegen  Satz  4  die  Punkte  Oa 
und  Oc  Spiegelbilder  an  d  und  folglich  ist  die  Operation  SdScSbSa  eine 
solche,  die  den  Punkt  Oa  sowie  diejenige  Gerade  ungeändert  läßt,  die  Oa 
mit  dem  Ende  co  verbindet.  Da  jene  Operation  überdies  aus  vier  Spiege- 
lungen zusammengesetzt  ist,  so  lehren  die  Kongruenzsätze,  daß  jene 
Operation  die  Identität  ist;  hieraus  folgt  die  Behauptung. 

Wir  erkennen  zweitens  leicht  die  Richtigkeit  des  Satzes  5  in  dem 
Falle,  daß  die  Geraden  c  und  a  miteinander  übereinstimmen.  Ist  nämlich 
b'  diejenige  Gerade,  die  aus  b  durch  Spiegelung  an  der  Geraden  a  hervor- 
geht, und  bezeichnen  wir  mit  Sb,  die  Spiegelung  an  b',  so  erkennen  wir 
sofort  die  Richtigkeit  der  Formel 

SaSbSa  =  Sb'- 
Nunmehr  nehmen  wir  drittens  an,  es  fiele  die  Gerade  c  ins  Innere 
des  zwischen  a  und  b  gelegenen  Gebietes  der  Ebene.    Dann  gibt  es  nach 
dem  ersten  Teile  dieses  Beweises  gewiß  eine  Gerade  d',  so  daß  die  Formel 

Sa  Sc  Sb  =  sd, 

gilt.  Bezeichnen  wir  mit  d  das  Spiegelbild  von  d'  an  a,  so  ist  nach  dem 
zweiten  Teile  dieses  Beweises: 

Sc^b^a  =  SaSaScSbSa  =  SaSd'Sa  "■  Sd 
Damit  ist  Satz  5  vollständig  bewiesen. 

§2. 
Die  Addition  der  Enden. 

Wir  nehmen  eine  bestimmte  Gerade  an  und  bezeichnen  deren  Enden 
mit  0  und  oo.  Auf  dieser  Geraden  (0,  oo)  wählen  wir  einen  Punkt  0 
und  errichten  dann  in  0  ein  Lot;  die  Enden  dieses  Lotes  mögen  mit 
-\-  1  und  —  1  bezeichnet  werden. 

Wir  definieren  jetzt  die  Summe  zweier  Enden  folgendermaßen: 
Erklärung.     Es   seien  a,  ß  irgend  zwei   Enden;    ferner  sei  Oa  das 

8* 


V 


116         Anhang  III:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie. 

Spiegelbild  des  Punktes  0  an  der  Geraden  (a,  oo)  und  Oß  sei  das  Spiegel- 
bild des  Punktes  0  an  der  Geraden  (ß,  oo);  die  Mitte  der  Strecke  OaO? 
verbinden  wir  mit  dem  Ende  oo:    das  andere  Ende   der  so  konstruierten 

Geraden  heiße  die  Summe  der  beiden 
Enden  a  und  ß  und  werde  mit  a  -f-  ß 
bezeichnet. 

Wenn  wir  eine  Halbgerade  mit  dem 
Ende  a  an  der  Geraden  (0,  oo)  spiegeln, 
so  werde  das  Ende  der  so  entstehenden 
Halbgeraden  mit  —  a  bezeichnet. 

Wir  erkennen  leicht  die  Richtigkeit 
der  Gleichungen. 

a  -f-  0         =  a, 

i  +  (-i)-o, 

«  +  (-a)  =  0, 
u  +  ß         -/).+  «. 
Die  letzte  Gleichung  spricht  das  Tcommidative  Gesetz  für  die  Addition  von 
Enden  aus. 

Um  das  assoziative  Gesetz  für  die  Addition  von  Enden  zu  beweisen, 
bezeichnen  wir  mit  S0,  Sa,  S^  bez.  die  Spiegelungen  an  den  Geraden 
(0,  oo),  (cc,  oo),  (ß,  oo):  nach  Satz  5  in  §  1  gibt  es  dann  gewiß  eine  Gerade 
(tf,  oo),  so  daß  für  die  Spiegelung  Sa  an  dieser  Geraden  die  Formel 

gilt.  Da  bei  der  Operation  SpS0Sa  der  Punkt  Oa  in  den  Punkt  0,  über- 
geht, so  ist  notwendig  (L  das  Spiegelbild  von  Oa  an  der  Geraden 
((?,  oo)  und  folglich  wird  6  =  a  -f  ß,  d'  h.  es  gilt  die  Formel 

Sa  +  ß^  SßS0Sa. 

Bezeichnet  y  ebenfalls  ein  Ende,  so  lehrt  die  wiederholte  Anwendung 
der  eben  gefundenen  Formel: 


8 


«+(/*+/) 


Sß+yS0Sa 


SyS0SßS0Sa, 


V, 


£>,  Sn  o„  ,o  —  S.,  Sn  S#  Sn  S, 


und  folglich  ist 
und  mithin  auch 


(a  +  ß)  +  y  KJyKJ0KJa  +  ß 

®cc  +  (ß  +  y)  =  ^(a  +  ß)  +  y 


ß"0> 


«H-tf+y) 

Die  vorhin  abgeleitete  Formel 


(«  +  i»)  +  y. 


o 


8 


a  +  ß 


8^  S0  Sa 


lehrt  zugleich,  daß  die  angegebene  Konstruktion  der  Summe  zweier  Enden 
von  der  getroffenen  Wahl  des  Punktes  0  auf  der  Geraden  (0,  oo)  un- 
abhängig ist.     Bezeichnet  mithin    0'  irgend    einen  von    0  verschiedenen 

UxJJL  o_*    Ö      i>"vU*^r      \XCaXT     ff"     vwu^/Ir.    ^cLu^uJjZtttA.     <w4c&_    0t  +  A 


Anhang  III:   Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie.         117 

Punkt  der  Geraden  (0,  od)  und  sind  Oä,  O'p  die  Spiegelbilder  des  Punktes 
0'  bez.  an  den  Geraden  (a,  oo),  (/3,  oo),  so  ist  die  Mittelsenkrechte  auf 
0 *  O'p  wiederum  die  Gerade  (a-\-  ß,  oo). 

Wir  führen  hier  noch  eine  Tatsache  an,  deren  Kenntnis  für  unsere 
Entwickelungen  in  §  4  nötig  ist. 

Wenn  wir  die  Gerade  (a,  oo)  an  der  Geraden  (ß,  oo)  spiegeln,  so 
entsteht  die  Gerade  (2/3  —  a,  oo). 

In  der  Tat,  ist  P  irgend  ein  Punkt  derjenigen  Geraden,  die  aus 
(af  oo)  durch  Spiegelung  an  (/3,  oo)  vorgeht,  so  bleibt  derselbe  offenbar 
ungeändert,  wenn  wir  auf  ihn  der  Reihe  nach  die  Spiegelungen 

anwenden.     Wegen  der  obigen  Formel  ist  aber 

d.  h.  jener  zusammengesetzte  Prozeß  kommt  einer  Spiegelung  an  der 
Geraden  (2ß  —  a,  oo)  gleich;  der  Punkt  P  liegt  mithin  notwendig  auf 
der  letzteren  Geraden. 

§  3. 

Die  Multiplikation  der  Enden. 

Wir  definieren  jetzt  das  Produkt  zweier  Enden  folgendermaßen: 
Erklärung.    Wenn  ein  Ende  auf  derselben  Seite  der  Geraden  (0,  oo) 

wie  das  Ende  +  1  liegt,   so  heiße   das   Ende  positiv  und  wenn  ein  Ende 

auf  derselben  Seite  der  Geraden  (0,  oo)  wie  das  Ende  —  1  liegt,  so  heiße 

das  Ende  negativ. 

Es  seien  nun  a,  ß  irgend  zwei  von  0  und  oo   verschiedene  Enden. 

Die    beiden    Geraden    (a, — a)    und    {ß,  —  ß)   stehen    senkrecht    auf  der 

Geraden  (0,  oo);   sie  mögen  diese 

Gerade  bez.  in  A  und  B  schneiden. 

Ferner    tragen    wir    die    Strecke 

OA  von  B  aus   auf  der  Geraden 

(0,  oo)   bis    C  in  der   Weise  ab, 

daß   auf  der  Geraden  (0,  oo)  die         +* 

Richtung  von  O  nach  A  die  näm-  a, 

liehe    wie    die    Richtung   von    B 

nach    C    ist:    dann   konstruieren  ß 

wir  in  C  auf  der  Geraden  (0,  oo)  ~ _Tj _Kp 

die     Senkrechte    und    bezeichnen 

das    positive    oder    das    negative 

Ende  dieser  Senkrechten  als  das 

Produkt  aß  der  beiden  Enden  a,  ß, 


118        Anhang  III:   Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie. 


jenachdem  diese  Enden  entweder  beide  positiv  bez.  beide  negativ  oder  eines 
positiv  und  das  andere  negativ  ist. 
Wir  setzen  endlich  die  Formel 

ff.O-Oa-0 

fest. 

Auf  Grund  der  Axiome  III,  1 — 3   über  die  Kongruenz  von  Strecken 
erkennen  wir  unmittelbar  die  Gültigkeit  der  Formeln 

ccß  =  ßa, 

*(ßr)  -  (aß)r, 

d.  h  es  gilt  sowohl  das  kommutative  wie  auch  das  assoziative  Gesetz  für 
die  Multiplikation  von  Enden. 

Auch  finden  wir  leicht,  daß  die  Formeln 

1  •  a  =  a,     ( —  1)  a  =  —  a. 

gelten  und  daß,  wenn  die  Enden  a,  ß  einer  Geraden  die  Gleichung 

ccß--l 

erfüllen,  diese  durch  den  Punkt  0  gehen  muß. 

Die   Möglichkeit  der  Division  erhellt  unmittelbar;    auch    gibt  es    zu 

jedem  positiven  Ende  tc 
stets  ein  positives  (und 
ebenso  ein  negatives)  Ende, 
dessen  Quadrat  jenem  Ende 
%  gleich  wird  und  welches 
daher  mit  yV  bezeiclmet 
werden  möge. 

Um     das     distributive 
Gesetz    für    die    Rechnung 
mit    Enden     zu    beweisen, 
konstruieren    wir    zunächst 
aus  den  Enden  ß  und  y  auf 
die  in  §  2  angegebene  Weise 
das    Ende    ß  +  y.     Suchen 
wir    sodann    auf   die    eben 
angegebene  Weise  die  Enden 
a/J,    ccy,    u(ß-\-y),    so    er- 
kennen wir,  daß  diese  Kon- 
struktion    auf    einer    Ver- 
schiebung der  Ebene  längs  der  Geraden  (0,  oo)  um  die  Strecke  OA  hinaus- 
läuft, und  wenn  wir  demnach   die   Summe   der   Enden  aß  und  ay  durch 
eine  Konstruktion  von  A   aus   anstatt  von  0  aus  ermitteln  —  was  nach 


Anhang  III:   Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie.         119 

einer  der  Bemerkungen  in  §  2  gestattet  ist  — ,  so  ergibt  sich  in  der  Tat 
für  diese  Summe  das  Ende  a(ß-\-y),  d.  h.  es  gilt  die  Formel: 

aß  +  ay  =  a(ß-\-y). 

§4. 
Die  Gleichung  des  Punktes. 

Nachdem  wir  in  §  2 — §3  erkannt  haben,  daß  für  die  Rechnung  mit 
Enden  die  nämlichen  Regeln  gelten,  wie  für  die  Rechnung  mit  gewöhn- 
lichen Zahlen,  bietet  der  Aufbau  der  Geometrie  keine  weiteren  Schwierig- 
keiten;  er  geschehe  etwa  in  folgender  Weise: 

Wenn  |,  r\  die  Enden  irgend  einer  Geraden  sind,  so  mögen  die  Enden 

m  —  in* 

die  Koordinaten  jener  Geraden  heißen.    Es  gilt  die  fundamentale  Tatsache: 
Wenn  a,  ß,  y   drei    Enden   von   solcher  Beschaffenheit  sind,  daß  das 
Ende  Accy  —  ß2  positiv    ausfällt,  so  laufen   die  sämtlichen   Geraden,  deren    , ,   ,+> 
Koordinaten  u,  v  der  Gleichung  ^.^^^^.^^A^-^ß^o,  a:/.^^.^. 

¥«".f-/Jv    l     -" —         *•  ~ — 

genügen,  durch  einen  Punkt.  kv  $y  +-  K^d  +  y)  +■  Av  +•  i  ~  o 

Beweis.    Konstruieren  wir  gemäß  §  2  —  §3  die  Enden 

}C 2"  X_  ß 

yicty  —  §*'  ]/4ay  —  ß*' 

so  nimmt  mit  Rücksicht  auf  die  Bedeutung  der  Koordinaten  u,  v  und  da 
jedenfalls  a  =f=  0  ist,  die  vorgelegte  lineare  Gleichung  die  Gestalt  an 

(*f-f  A)(xi?  +  A). i. 

Wir  wollen  nunmehr  die  Transformation  eines  willkürlich  veränder- 
lichen Endes  co  untersuchen,  welche  durch  die  Formel 

co  =  x  co  -j-  A 
vermittelt    wird.     Zu    dem   Zwecke  betrachten   wir   zunächst    die    Trans- 
formationen 

co  =  xco     und     co'  =  ra  -f  A. 

Was  die  erstere  Transformation  betrifft,  so  kommt  offenbar  die 
Multiplikation  des  willkürlichen  Endes  co  mit  einer  Konstanten  %  nach 
§  3  einer  Verschiebung  der  Ebene  längs  der  Geraden  (0,  oo)  um  eine 
gewisse  von  %  abhängige  Strecke  gleich. 

Aber  auch  der  letzteren  Transformation,  d.  h.  der  Zufügung  des  Endes 
A  zu  dem  willkürlich  veränderlichen  Ende  co,  entspricht  eine  gewisse  nur 


120         Anhang  III:    Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie. 

von  A  abhängige  Bewegung  der  Ebene  in  sieb,  nämlich  eine  solche,  die 
sich  als  eine  Drehung  der  Ebene  um  das  Ende  oo  auffassen  läßt. 

Um  dies  einzusehen,  bedenken  wir,  daß  nach  den  Darlegungen  am 
Schluß  von  §  2  die  Gerade  (o,  oo)  durch  Spiegelung  an  der  Geraden 
(0,  oo)  in  die   Gerade  ( —  ro,  oo)   und  diese   wiederum   durch   Spiegelung 

an  der    Geraden   (— ,  oo)   in  die  Gerade  (ra  -f  A,  oo)   übergeht,   d.  h.   die 

Hinzufügung  des  Endes  A  zu  dem  willkürlich  veränderlichen  Ende  a 
kommt    den   nacheinander    ausgeführten    Spiegelungen   an    den    Geraden 

(0,  oo)  und  (y,  ooj  gleich. 

Aus  dem  eben  Bewiesenen  folgt,  daß,  wenn  |,  tj  die  Enden  einer 
Geraden  sind,  durch  die  Formeln 

r(  =  xrj  -f  A 

sich  die  Enden  einer  solchen  Geraden  bestimmen,  die  durch  eine  gewisse 
allein  von  x,  A  abhängige  Bewegung  der  Ebene  aus  der  Geraden  mit  den 
Enden  g,  r\  hervorgeht.     Da  aber  die  obige  Gleichung 

(x|  +  A)H  +  A)  =  -l 
für  die  Enden  |',  tf  die  Relation 

s  v  -  - 1 

zur  Folge  hat  und  nach  einer  Bemerkung  in  §  3  diese  Relation  die  Be- 
dingung dafür  ist,  daß  die  betreffenden  Geraden  durch  den  Punkt  0  laufen, 
so  ersehen  wir,  daß  auch  alle  der  ursprünglichen  Gleichung 

(jci  +  A)(>7j  +  A)  =  -  1 
genügenden   Geraden  (|,  tj)   durch  einen  Punkt  laufen,  und  damit  ist  der 
Beweis  für  den  aufgestellten  Satz  vollkommen  erbracht. 

Nachdem  wir  erkannt  haben,  daß  die  Gleichung  des  Punktes  in 
Linienkoordinaten  eine  lineare  ist,  folgern  wir  leicht  den  speziellen  Pascal- 
schen  Satz  für  das  Geradenpaar  und  den  Desarguesschen  Satz  über 
perspektiv  liegende  Dreiecke,  sowie  die  übrigen  Sätze  der  projektiven 
Geometrie.  Auch  sind  dann  die  bekannten  Formeln  der  Bolyai-Lobat- 
schefskyschen Geometrie  ohne  Schwierigkeit  ableitbar  und  damit  ist  der 
Aufbau  dieser  Geometrie  mit  alleiniger  Hilfe  der  Axiome  I— IV  vollendet. 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  121 

Anhang  IV. 

Über  die  Grundlagen  der  Geometrie1). 

Die  Untersuchungen  von  JRiemann  und  Heimholte  über  die  Grund- 
lagen der  Geometrie  veranlaßten  Lie,  das  Problem  der  axiomatischen 
Behandlung  der  Geometrie  unter  Voranstellung  des  Gruppenbegriffes  in 
Angriff  zu  nehmen,  und  führten  diesen  scharfsinnigen  Mathematiker  zu 
einem  System  von  Axiomen,  von  denen  er  mittels  seiner  Theorie  der 
Transformationsgruppen  nachwies,  daß  sie  zum  Aufbau  der  Geometrie 
hinreichend  sind2). 

Nun  hat  Lie  bei  Begründung  seiner  Theorie  der  Transformations- 
gruppen stets  die  Annahme  gemacht,  daß  die  die  Gruppe  definierenden 
Funktionen  differenziert  werden  können,  und  daher  bleibt  in  den  -Lieschen 
Entwickelungen  unerörtert,  ob  die  Annahme  der  Differenzierbarkeit  bei 
der  Frage  nach  den  Axiomen  der  Geometrie  tatsächlich  unvermeidlich  ist 
oder  ob  die  Differenzierbarkeit  der  betreffenden  Funktionen  nicht  vielmehr 
als  eine  Folge  des  Gruppenbegriffs  und  der  übrigen  geometrischen  Axiome 
erscheint.  Auch  ist  Lie  zufolge  seines  Verfahrens  genötigt,  ausdrücklich 
das  Axiom  aufzustellen,  daß  die  Gruppe  der  Bewegungen  von  infinitesi- 
malen Transformationen  erzeugt  sei.  Diese  Forderungen,  sowie  wesent- 
liche Bestandteile  der  übrigen  von  Lie  zu  Grunde  gelegten  Axiome  be- 
züglich der  Natur  der  die  Punkte  in  gleicher  Entfernung  definierenden 
Gleichung  lassen  sich  rein  geometrisch  nur  auf  recht  gezwungene  und 
komplizierte  Weise  zum  Ausdruck  bringen  und  scheinen  überdies  nur 
durch  die  von  Lie  benutzte  analytische  Methode,  nicht  durch  das  Problem 
selbst  bedingt. 

Ich  habe  daher  im  folgenden  für  die  ebene  Geometrie  ein  System 
von  Axiomen  aufzustellen  gesucht,  welches,  ebenfalls  auf  dem  Begriff  der 
Gruppe  beruhend,  nur  einfache  und  geometrisch  übersichtliche  Forderungen 
enthält  und  insbesondere  die  Differenzierbarkeit  der  die  Bewegung  ver- 
mittelnden Funktionen  keineswegs  voraussetzt.  Die  Axiome  des  von  mir 
aufgestellten  Systems  sind  als  spezielle  Bestandteile  in  den  Lieschen 
Axiomen  enthalten  oder,  wie  ich  glaube,  aus  ihnen  sofort  ableitbar. 

Meine  Beweisführung  ist  völlig  von  der  Methode  Lies  verschieden: 
ich  operiere  vornehmlich  mit  den  von  G.  Cantor  ausgebildeten  Begriffen 
der  Theorie  der  Punktmengen  und  benutze  den  Satz  von  C.  Jordan,  wonach 


1)  Zur  Kennzeichnung  der  nachfolgenden  Begründungsweise  der  Geometrie  im 
Vergleich  mit  dem  in  meiner  Festschrift  befolgten  Verfahren  sehe  man  die  am  Schluß 
dieser  Abhandlung  gemachte  Bemerkung  (S.  162). 

2)  Lie-Engel,  Theorie  der  Transformationsgruppen  Bd.  3  Abteilung  5. 


122  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

jede  ebene  stetig  geschlossene  Kurve  ohne  Doppelpunkte  die  Ebene  in 
ein  inneres  und  ein  äußeres  Gebiet  teilt. 

Gewiß  sind  auch  in  dem  von  mir  aufgestellten  System  noch  einzelne 
Bestandteile  entbehrlich;  doch  habe  ich  von  einer  weiteren  Untersuchung 
dieses  Umstandes  abgesehen  aus  Rücksicht  auf  die  einfache  Fassung  der 
Axiome  und  vor  allem,  weil  ich  eine  verhältnismäßig  zu  komplizierte  und 
geometrisch  nicht  übersichtliche  Beweisführung  vermeiden  wollte. 

Ich  behandle  im  folgenden  die  Axiome  nur  für  die  Ebene,  obwohl 
ich  meine,  daß  ein  analoges  Axiomensystem  für  den  Raum  aufgestellt 
werden  kann,  das  den  Aufbau  der  räumlichen  Geometrie  in  analoger  Weise 
ermöglicht  *). 

Wir  schicken  einige  Erklärungen  voran. 

Erklärungen.  Wir  verstehen  unter  der  Zahlenebene  die  gewöhnliche 
Ebene  mit  einem  rechtwinkligen  Koordinatensystem  x,  y. 

Eine  doppelpunktlose  und  einschließlich  ihrer  Endpunkte  stetige  Kurve 
in  dieser  Zahlenebene  heiße  eine  Jordansche  Kurve.  Ist  eine  Jordansche 
Kurve  geschlossen,  so  heiße  das  Innere  des  von  derselben  begrenzten 
Gebietes  der  Zahlenebene  ein  Jordansclies  Gebiet. 

Der  leichteren  Darstellung  und  Faßlichkeit  wegen  will  ich  in  der 
vorliegenden  Untersuchung  die  Definition  der  Ebene  enger  fassen,  als  es 
meine    Beweisführung    erfordert2),    ich    will    nämlich    annehmen,    daß    es 


1)  Durch  die  nachfolgende  Untersuchung  wird  zugleich,  wie  ich  glaube,  eine 
allgemeine  die  Gruppentheorie  betreffende  Frage,  die  ich  in  meinem  Vortrag  „Mathe- 
matische Probleme",  Göttinger  Nachrichten  1900,  S.  17  aufgeworfen  habe,  für  den 
speziellen  Fall  der  Gruppe  der  Bewegungen  in  der  Ebene  beantwortet. 

2)  Betreffs  der  weiteren  Fassung  des  Begriffes  der  Ebene  vergleiche  man  meine 
Note  über  die  Grundlagen  der  Geometrie  in  den  Göttinger  Nachrichten  1902.  Ich 
habe  daselbst  die  folgende  allgemeinere  Definition  der  Ebene  aufgestellt: 

Die  Ebene  ist  ein  System  von  Dingen,  welche  Punkte  heißen.  Jeder  Punkt  A 
bestimmt  gewisse  Teilsysteme  von  Punkten,  zu  denen  er  selbst  gehört  und  welche  Um- 
gebungen des  Punktes  A  heißen. 

Die  Punkte  einer  Umgebung  lassen  sich  stets  umkehrbar  eindeutig  auf  die  Punkte 
eines  gewissen  Jordanschen  Gebietes  in  der  Zahlenebene  abbilden.  Das  Jordansche  Ge- 
biet wird  ein  Bild  jener  Umgebung  genannt. 

Jedes  in  einem  Bilde  enthaltene  Jordansche  Gebiet,  innerhalb  dessen  der  Punkt  A 
liegt,  ist  wiederum  ein  Bild  einer  Umgebung  von  A.  Liegen  verschiedene  Bilder  einer 
Umgebung  vor,  so  ist  die  dadurch  vermittelte  umkehrbar  eindeutige  Transformation  der 
betreffenden  Jordanschen  Gebiete  aufeinander  eine  stetige. 

Ist  B  irgend  ein  Punkt  in  einer  Umgebung  von  A,  so  ist  diese  Umgebung  auch 
zugleich  eine   Umgebung  von  B. 

Zu  irgend  zieei  Umgebungen  eines  Punktes  A  gibt  es  stets  eine  solche  Umgebung 
des  Punktes  A,  die  beiden  Umgebungen  gemeinsam  ist. 

Wenn  A  und  B  irgend  zwei  Punkte  unserer  Ebene  sind,  so  gibt  es  stets  eine 
Umgebung  von  A,  die  zugleich  den  Punkt  B  enthält. 


Anhang  TV:    Grundlagen  der  Geometrie.  123 

möglich  ist,  die  sämtlichen  Punkte  unserer  Geometrie  zugleich  auf  die  im 
Endlichen  gelegenen  Punkte  der  Zahlenebene  oder  auf  ein  bestimmtes 
Teilsystem  derselben  umkehrbar  eindeutig  abzubilden,  so  daß  dann  jeder 
Punkt  unserer  Geometrie  durch  ein  bestimmtes  Zahlenpaar  x,  y  charakte- 
risiert ist.  Wir  formulieren  diese  Fassung  des  Begriffes  der  Ebene  wie  folgt: 

Definition  der  Ebene.  Die  Ebene  ist  ein  System  von  Dingen,  die  Punkte 
heißen,  und  die  sich  umkehrbar  eindeutig  auf  die  im  Endlichen  gelegenen 
Punkte  der  Zahlenebene  oder  auf  ein  gewisses  Teilsystem  derselben  abbilden 
lassen;  diese  Punkte  der  Zahlenebene  (d.  h.  die  Bildpunkte)  werden  auch 
zugleich  zur  Bezeichnung  der  Punkte  unserer  Ebene  selbst  venvandt. 

Zu  jedem  Punkte  A  unserer  Ebene  gibt  es  in  der  Zahlenebene  Jor- 
dansche  Gebiete,  in  denen  der  Bildpunkt  von  A  liegt  und  deren  sämtliche 
Punkte  ebenfalls  Punkte  unserer  Ebene  darstellen.  Diese  Jordanschen  Ge- 
biete heißen  Umgebungen  des  Punktes  A. 

Jedes  in  einer  Umgebung  von  A  enthaltene  Jordansche  Gebiet,  innerhalb 
dessen  der  Punkt  A  (Bildpunkt  von  A)  liegt,  ist  wiederum  eine  Umgebung  von  A. 

Ist  B  irgend  ein  Punkt  in  einer  Umgebung  von  A,  so  ist  diese  Um- 
gebung auch  zugleich  eine  Umgebung  von  B. 

Wenn  A  und  B  irgend  zwei  Punkte  unserer  Ebene  sind,  so  gibt  es 
stets  eine  Umgebung  von  A,  die  zugleich  den  Punkt  B  enthält. 


Wir  werden  die  Bewegung  als  eine  umkehrbar  eindeutige  Transfor- 
mation unserer  Ebene  in  sich  definieren.  Offenbar  lassen  sich  von  vorn- 
herein zwei  Arten  von  umkehrbar  eindeutigen  stetigen  Transformationen 
der  Zahlenebene  in  sich  unterscheiden.  Nehmen  wir  nämlich  irgend  eine 
geschlossene  Jordansche  Kurve  in  der  Zahlenebene  an  und  denken  uns 
dieselbe  in  einem  bestimmten  Sinn  durchlaufen,  so  geht  dieselbe  bei  einer 
solchen  Transformation  wiederum  in  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve 
über,  die  in  einem  gewissen  Sinne  umlaufen  wird.  Wir  wollen  nun  in 
der  gegenwärtigen  Untersuchung  annehmen,  daß  dieser  Umlaufssinn  der- 
selbe  ist,  wie  für  die    ursprüngliche    Jordansche    Kurve,    wenn  wir  eine 


Diese  Forderungen  enthalten,  wie  mir  scheint,  für  den  Fall  zweier  Dimensionen 
die  scharfe  Definition  des  Begriffes,  den  Riemann  und  Helmholtz  als  „mehrfach  aus- 
gedehnte Mannigfaltigkeit"  und  Lie  als  „Zahlenmannigfaltigkeit"  bezeichneten  und 
ihren  gesamten  Untersuchungen  zu  Grunde  legten.  Auch  bieten  sie  die  Grundlage 
für  eine  strenge  axiomatische  Behandlung  der  Analysis  situs. 

Indem  wir  die  obige  engere  Definition  der  Ebene  annehmen,  wird  offenbar  die 
elliptische  Geometrie  von  vornherein  ausgeschlossen,  da  sich  deren  Punkte  nicht  in 
einer  mit  unseren  Axiomen  verträglichen  Weise  auf  die  im  Endlichen  gelegenen 
Punkte  der  Zahlenebene  abbilden  lassen.  Es  ist  jedoch  nicht  schwer,  die  Abänderungen 
zu  erkennen,  die  in  unserer  Beweisführung  nötig  sind,  wenn  man  die  weitere  Fassung 
des  Begriffes  der  Ebene  zu  Grunde  legt. 


124  Anhang  IV:    Grandlagen  der  Geometrie. 

Transformation  der  Zahlenebene  in  sich  anwenden,  welche  eine  Bewegung 
definiert.  Diese  Annahme1)  bedingt  folgende  Fassung  des  Begriffes  der 
Bewegung: 

Definition  der  Bewegung.  Eine  Bewegung  ist  eine  umkehrbar  eindeutige 
stetige  Transformation  der  Bildpunkte  der  Zahlenebene  in  sich  von  der  Art,  daß 
dabei  der  Umlaufssinn  einer  geschlossenen  Jordanschen  Kurve  stets  derselbe  bleibt. 

Eine  Bewegung,  bei  welcher  ein  Punkt  M  ungeändert  bleibt,  heißt  eine 
Drehung  um  den  Punkt  M. 


Nach  Festlegung  des  Begriffes  „Ebene"  und  „Bewegung"  stellen  wir 
folgende  drei  Axiome  auf: 

Axiom  I.  Werden  zwei  Beivegungen  hintereinander  ausgeführt,  so  ist 
die  dann  entstehende  Transformation  unserer  Ebene  in  sich  wiederum  eine 
Bewegung. 

Wir  sagen  kurz: 

Axiom  I.    Die  Bewegungen  bilden  eine  Gruppe. 


Axiom  IL  Wenn  A  und  M  beliebige  voneinander  verschiedene  Punkte 
der  Ebene  sind,  so  kann  man  den  Punkt  A  durch  Drehung  um  M  stets  in 
unendlich  viele  verschiedene  Lagen  bringen. 

Nennen  wir  die  Gesamtheit  derjenigen  Punkte,  die  durch  die  sämt- 
lichen Drehungen  um  M  aus  einem  von  M  verschiedenen  Punkte  ent- 
stehen, einen  wahren  Kreis  in  unserer  ebenen  Geometrie,  so  können  wir 
die  Aussage  des  Axioms  II  auch  so  fassen: 

Axiom  IL    Jeder  wahre  Kreis  besteht  aus  unendlich  vielen  Punkten. 


Dem  letzten  Axiom  schicken  wir  eine  Erklärung  voraus. 

Erklärung.  Es  sei  AB  ein  bestimmtes  Punktepaar  in  unserer 
Geometrie;  mit  den  nämlichen  Buchstaben  mögen  auch  die  Bilder  dieses 
Punktepaares  in  der  Zahlenebene  bezeichnet  werden.  Wir  grenzen  um 
die  Punkte  A  und  B  in  der  Zahlenebene  je  eine  Umgebung  a  bez.  ß  ab. 
Wenn  ein  Punkt  A*  in  die  Umgebung  a  und  zugleich  ein  Punkt  B*  in 
die  Umgebung  ß  fällt,  so  sagen  wir:  das  Punktepaar  A*B*  liegt  in  der 
Umgebung  aß  von  AB.     Die  Aussage,  daß  diese  Umgebung  aß   beliebig 


1)  Bei  Lie  ist  diese  Annahme  in  der  Forderung  enthalten,  daß  die  Gruppe  der 
Bewegungen  durch  infinitesimale  Transformationen  erzeugt  sei.  Die  entgegengesetzte 
Annahme  (d.  h.  die  Annahme  der  Möglichkeit  von  Umlegungen)  würde  wesentlich  die 
Beweisführung  erleichtern,  insofern  alsdann  die  „wahre  Gerade"  unmittelbar  als  der 
Ort  derjenigen  Punkte  definiert  werden  kann,  welche  bei  einer  den  Umlaufssinn 
ändernden  Transformation  (Umlegung)  fest  bleiben. 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  125 

klein  sei,  soll  bedeuten,  daß  a  eine  beliebig  kleine  Umgebung  von  A  und 
zugleich  ß  eine  beliebig  kleine  Umgebung  von  B  ist. 

Es  sei  ABC  ein  bestimmtes  Punktetripel  in  unserer  Geometrie;  mit 
den  nämlichen  Buchstaben  mögen  auch  die  Bilder  dieses  Punktetripels 
in  der  Zahlenebene  bezeichnet  werden.  Wir  grenzen  um  die  Punkte  A,  B,  C 
in  der  Zahlenebene  je  eine  Umgebung  a  bez.  ß  bez.  y  ab.  Wenn  ein 
Punkt  A*  in  die  Umgebung  a  und  zugleich  ein  Punkt  B*  in  die  Um- 
gebung ß  und  ein  Punkt  C*  in  die  Umgebung  y  fällt,  so  sagen  wir:  das 
Punktetripel  A*B*C*  liegt  in  der  Umgebung  aßy  von  ABC.  Die  Aus- 
sage, daß  diese  Umgebung  aßy  beliebig  klein  sei,  soll  bedeuten,  daß  a 
ein  beliebig  kleine  Umgebung  von  A  und  zugleich  ß  eine  beliebig  kleine 
Umgebung  von  B  und  y  eine  beliebig  kleine  Umgebung  von  C  ist. 

Beim  Gebrauch  der  Worte  „Punktepaar"  und  „Punktetripel"  wird 
nicht  angenommen,  daß  die  Punkte  des  Punktepaares  oder  des  Punkte- 
tripels voneinander  verschieden  sind. 

Axiom  III.  Wenn  es  Bewegungen  gibt,  durch  welche  Punktetripel  in  be- 
liebiger Nähe  des  Punktetripels  ABC  in  beliebige  Nähe  des  Punktetripels 
A'BC  übergeführt  werden  können,  so  gibt  es  stets  auch  eine  solche  Bewegung, 
durch  welche  das  Punktetripel  ABC  genau  in  das  Punktetripel  A'BC 
übergeht1). 

Die  Aussage  dieses  Axioms  wollen  wir  kurz  so  ausdrücken: 

Axiom  III.    Die  Bewegungen  bilden  ein  abgeschlossenes  System. 

Wenn  wir  in  Axiom  III  gewisse  Punkte  der  Punktetripel  zusammen- 
fallen lassen,  so  ergeben  sich  leicht  einige  spezielle  Fälle  des  Axioms  III, 
die  wir  noch  besonders  hervorheben,  wie  folgt: 

Wenn  es  Drehungen  um  einen  Punkt  M  gibt,  durch  welche  Punkte- 
paare in  beliebiger  Nähe  des  Punktepaares  AB  in  beliebige  Nähe  des 
Punktepaares  AB'  übergeführt  werden  können,  so  gibt  es  stets  auch  eine 
solche  Drehung  um  M,  durch  welche  das  Punktepaar  AB  genau  in  das 
Punktepaar  AB'  übergeht. 

Wenn  es  Bewegungen  gibt,  durch  welche  Punktepaare  in  beliebiger 
Nähe  des  Punktepaares  AB  in  beliebige  Nähe  des  Punktepaares  AB' 
übergeführt  werden  können,  so  gibt  es  stets  auch  eine  solche  Be- 
wegung, durch  welche  das  Punktepaar  AB  genau  in  das  Punktepaar  AB 
übergeht. 

Wenn  es  Drehungen  um  den  Punkt  M  gibt,  durch  welche  Punkte 
in  beliebiger  Nähe  des  Punktes  A  in  beliebige  Nähe  von  A'  übergeführt 


1)  Es  genügt  Axiom  III  für  genügend  kleine  Umgebungen  als  erfüllt  anzunehmen, 
wie  es  ähnlich  auch  bei  Lie  geschieht;  meine  Beweisführung  läßt  sich  so  abändern, 
daß  nur  diese  engere  Annahme  darin  benutzt  wird. 


126  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

werden  können,  so  gibt  es  stets  auch  eine  solche  Drehung  um  M,  durch 
welche  A  genau  in  AI  übergeht. 

Diesen  letzten  Spezialfall  des  Axioms  III  werde  ich  bei  der  nach- 
folgenden Beweisführung  oftmals  in  der  Weise  anwenden,  daß  für  A  der 
Punkt  M  eintritt1). 

Ich  beweise  nun  folgende  Behauptung: 

Eine  ebene  Geometrie,  in  welcher  die  Axiome  I — III  erfüllt 
sind,  ist  entweder  die  Euklidische  oder  die  Bolyai-Lob atschefslcy- 
sche  ebene  Geometrie. 

Wollen  wir  allein  die  Euklidische  Geometrie  erhalten,  so  haben  wir 
nur  nötig,  bei  Axiom  I  den  Zusatz  zu  machen,  daß  die  Gruppe  der  Be- 
wegungen eine  invariante  Untergruppe  besitzen  soll.  Dieser  Zusatz  ver- 
tritt die  Stelle  des  Parallelenaxioms. 


Den  Gedankengang  meiner  Beweisführung  möchte  ich  kurz  wie  folgt 
skizzieren : 

In  der  Umgebung  irgend  eines  Punktes  M  wird  durch  ein  besonderes 
Verfahren  ein  gewisses  Punktgebilde  Jck  und  auf  diesem  ein  gewisser  Punkt 
konstruiert  (§  1 — §  2)  und  dann  der  wahre  Kreis  x  durch  K  um  M 
der  Untersuchung  unterworfen  (§  3).  Es  ergibt  sich,  daß  der  wahre 
Kreis  x  eine  abgeschlossene  und  in  sich  dichte,  d.  h.  eine  perfekte  Punkt- 
menge ist. 

Das  nächste  Ziel  unserer  Ent Wickelungen  besteht  darin,  zu  zeigen, 
daß  der  wahre  Kreis  x  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist2).  Dies 
gelingt,  indem  wir  zunächst  die  Möglichkeit  einer  Anordnung  der  Punkte 
des  wahren  Kreises  x  erkennen  (§  4 — §  5),  hieraus  eine  umkehrbar  ein- 
deutige Abbildung  der  Punkte  von  x  auf  die  Punkte  eines  gewöhnlichen 
Kreises  schließen  (§  6 — §  7)  und  endlich  beweisen,  daß  diese  Abbildung 
notwendig  eine  stetige  sein  muß  (§  8).  Nunmehr  ergibt  sich  auch,  daß 
das  ursprünglich  konstruierte  Punktgebilde  Ick  mit  dem  wahren  Kreise  x 
identisch  ist  (§  9).  Weiter  gilt  der  Satz,  daß  jeder  wahre  Kreis  inner- 
halb x  ebenfalls  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist  (§  10 — §  12). 


1)  Eine  Folgerung,  die  ich  im  mündlichen  Vortrage  in  der  Festsitzung  zur 
Jubelfeier  der  Ges.  d.  Wiss.  zu  Göttingen  1901  als  besonderes  Axiom  aufgeführt  habe, 
ist  diese:  „Irgend  zwei  Punkte  können  durch  Bewegung  niemals  in  beliebige  Nähe 
zu  einander  geraten."  Es  wäre  zu  untersuchen,  inwieweit  bez.  mit  welchen  Forde- 
rungen zusammen  diese  Forderung  das  oben  aufgestellte  Axiom  HE  zu  ersetzen 
im  stände  ist. 

2)  Vgl.  hierzu  die  ein  ähnliches  Ziel  verfolgende  interessante  Note  von  A.  Schönflies : 
„Über  einen  grundlegenden  Satz  der  Analysis  Situs"  Göttinger  Nachrichten.  1902. 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  127 

Wir  wenden  uns  nun  zur  Untersuchung  der  Gruppe  der  Transforma- 
tionen, die  bei  den  Drehungen  der  Ebene  um  M  der  wahre  Kreis  x 
in  sich  erfährt  (§  13).  Diese  Gruppe  besitzt  folgende  Eigenschaften: 
1)  Jede  Drehung  um  M,  die  einen  Punkt  von  x  festläßt;  läßt  alle  Punkte 
desselben  fest  (§  14).  2)  Es  gibt  stets  eine  Drehung  um  M,  die  irgend 
einen  gegebenen  Punkt  von  x  in  irgend  einen  anderen  Punkt  von  x  über- 
führt (§  15).  3)  Die  Gruppe  der  Drehungen  um  M  ist  eine  stetige  (§  16). 
Diese  drei  Eigenschaften  bestimmen  vollständig  den  Bau  der  Gruppe  der 
Transformationen,  die  allen  Drehungen  des  wahren  Kreises  in  sich  ent- 
sprechen. Wir  stellen  nämlich  den  folgenden  Satz  auf:  Die  Gruppe  aller 
Transformationen  des  wahren  Kreises  x  in  sich,  die  Drehungen  um  M  sind, 
ist  holoedrisch  isomorph  mit  der  Gruppe  der  gewöhnlichen  Drehungen 
des  gewöhnlichen  Kreises  in  sich  (§  17 — §  18). 

Nunmehr  untersuchen  wir  die  Gruppe  der  Transformationen  aller  Punkte 
unserer  Ebene  bei  Drehungen  um  M.  Es  gilt  der  Satz,  daß  es  außer 
der  Identität  keine  Drehung  der  Ebene  um  M  gibt,  welche  jeden  Punkt 
eines  wahren  Kreises  fi  festläßt  (§  19).  Wir  erkennen  jetzt,  daß  jeder  wahre 
Kreis  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist,  und  gewinnen  Formeln  für 
die  Transformationen  jener  Gruppe  aller  Drehungen  um  M  (§  20 — §  21). 
Endlich  folgen  leicht  die  Sätze:  Wenn  irgend  zwei  Punkte  bei  einer  Be- 
wegung der  Ebene  festbleiben,  so  bleiben  alle  Punkte  fest,  d.  h.  die  Be- 
wegung ist  die  Identität.  Jeder  Punkt  der  Ebene  läßt  sich  durch  eine 
geeignete  Bewegung  in  jeden  anderen  Punkt  der  Ebene  überführen  (§  22). 

Unser  wichtigstes  weiteres  Ziel  besteht  darin,  den  Begriff  der  wahren 
Geraden  in  unserer  Geometrie  zu  definieren  und  die  für  den  Aufbau  der 
Geometrie  notwendigen  Eigenschaften  dieses  Begriffes  zu  entwickeln.  Zu- 
nächst werden  die  Begriffe  Halbdrehung  und  Mitte  einer  Strecke  definiert 
(§  23).  Eine  Strecke  hat  höchstens  eine  Mitte  (§  24)  und  wenn  man  von 
einer  Strecke  ihre  Mitte  kennt,  so  folgt,  daß  auch  jede  kleinere  Strecke 
eine  Mitte  besitzt  (§  25— §  26). 

Um  die  Lage  der  Streckenmitten  zu  beurteilen,  haben  wir  einige 
Sätze  über  sich  berührende  wahre  Kreise  nötig,  und  zwar  kommt  es  vor 
allem  darauf  an,  zwei  zueinander  kongruente  Kreise  zu  konstruieren,  die 
sich  einander  von  außen  in  einem  und  nur  in  einem  Punkte  berühren 
(§  27).  Wir  leiten  ferner  einen  allgemeinen  Satz  über  Kreise,  die  sich 
von  innen  berühren,  ab  (§  28)  und  sodann  einen  Satz  über  den  besonderen 
Fall,  daß  der  von  innen  berührende  Kreis  durch  den  Mittelpunkt  des  be- 
rührten Kreises  geht  (§  29). 

Nunmehr  wird  eine  bestimmte  genügend  kleine  Strecke  als  Einheits- 
strecke zu  Grunde  gelegt  und  aus  dieser  durch  fortgesetzte  Halbierung 
und  Halbdrehung  ein  System  von  Punkten  von  der  Art  konstruiert,   daß 


128  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

jedem  Punkte  dieses  Systems  eine  bestimmte  Zahl  a  zugeordnet  erscheint, 
die  rational  ist  und  nur  eine  Potenz  von  2  als  Nenner  hat  (§  30).  Nach 
Aufstellung  eines  Gesetzes  über  diese  Zuordnung  (§  31)  werden  die  Punkte 
des  gewonnenen  Punktsystems  untereinander  angeordnet,  wobei  die  früheren 
Sätze  über  sich  berührende  Kreise  zur  Geltung  kommen  (§  32).  Jetzt 
gelingt  der  Nachweis,  daß  die  den  Zahlen  \,  \,  ^,  •  ■  •  entsprechenden 
Punkte  gegen  den  Punkt  0  konvergieren  (§  33).  Dieser  Satz  wird  schritt- 
weise verallgemeinert,  bis  wir  schließlich  erkennen,  daß  eine  jede  Punkt- 
reihe unseres  Systems  konvergiert,  sobald  die  entsprechende  Zahlenreihe 
konvergiert  (§  34 — §  35). 

Nach  diesen  Vorbereitungen  gelingt  die  Definition  der  wahren  Ge- 
raden als  eines  Systems  von  Punkten,  die  aus  zwei  zu  Grunde  gelegten 
Punkten  entstehen,  wenn  man  fortgesetzt  die  Mitten  nimmt,  Halb- 
drehungen ausführt  und  die  Häufungsstellen  aller  erhaltenen  Punkte  hin- 
zufügt (§  36).  Sodann  können  wir  beweisen,  daß  die  wahre  Gerade  eine 
stetige  Kurve  ist  (§  37),  keinen  Doppelpunkt  besitzt  (§  38)  und  mit  irgend 
einer  anderen  wahren  Geraden  höchstens  einen  Punkt  gemein  hat  (§  39). 
Es  ergibt  sich  ferner,  daß  die  wahre  Gerade  jeden  um  einen  ihrer  Punkte 
gelegten  Kreis  schneidet,  und  hieraus  folgt,  daß  man  irgend  zwei  beliebige 
Punkte  der  Ebene  stets  durch  eine  wahre  Gerade  verbinden  kann  (§  40). 
Auch  erkennen  wir  in  unserer  Geometrie  die  Kongruenzsätze  als  gültig, 
wobei  sich  jedoch  zwei  Dreiecke  nur  dann  als  kongruent  erweisen,  wenn 
für  sie  auch  der  Umlaufssinn  der  gleiche  ist  (§  41). 

Hinsichtlich  der  Lage  des  Systems  aller  wahren  Geraden  gegenein- 
ander sind  zwei  Fälle  zu  unterscheiden,  je  nachdem  das  Parallelenaxiom 
gültig  ist  oder  durch  jeden  Punkt  zu  einer  gegebenen  Geraden  zwei  Gerade 
existieren,  die  die  schneidenden  Geraden  von  den  nicht  schneidenden  Ge- 
raden abgrenzen.  Im  ersteren  Falle  gelangen  wir  zur  Euklidischen,  im 
letzteren  zur  Bolyai-Lobatschefskyschen  Geometrie  (§  42). 


Es  sei  M  irgend  ein  Punkt  in  unserer  Geometrie  und  zugleich  der 
Bildpunkt  in  der  Zahlenebene  x,  y.  Unser  nächstes  Zielest  dann,  um  M 
gewisse  Punktgebilde  zu  konstruieren,  die  sich  schließlich  als  die  wahren 
Kreise  um  M  herausstellen  werden. 

Wir  schlagen  in  der  Zahlenebene  um  M  einen  „Zahlenkreis",  d.  h.  einen 
Kreis  &  im  Sinne  der  gewöhnlichen  Maßbestimmung,  so  klein,  daß  sämt- 
liche Punkte  innerhalb  und  auf  diesem  Kreise  $  ebenfalls  Bildpunkte  sind 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  129 

und  es  auch  Punkte  außerhalb  ®  gibt.  Dann  gibt  es  gewiß  einen  zu  ® 
konzentrischen  Kreis  f  innerhalb  ®  von  der  Art,  daß  sämtliche  Bildpunkte 
innerhalb  dieses  Kreises  t  bei  beliebigen  Drehungen  um  M  innerhalb  des 
Kreises  ®  bleiben. 

Um  dies  zu  beweisen,  betrachten  wir  in  der  Zahlenebene  eine  unend- 
liche Reihe  von  konzentrischen  Zahlenkreisen  f1;  f2,  f3,  . . .  mit  abnehmenden 
und  gegen  0  konvergierenden  Radien  und  nehmen  dann  im  Gegensatz  zur 
Behauptung  in  jedem  dieser  Kreise  einen  Bildpunkt  von  der  Art  an,  daß 
derselbe  bei  einer  gewissen  Drehung  um  M  an  eine  außerhalb  des  Kreises 
®  gelegene  Stelle  kommt  oder  auf  die  Peripherie  des  Kreises  $  rückt:  es 
sei  A{  ein  solcher  im  Kreise  f{  gelegener  Bildpunkt,  der  bei  der  Drehung 
Af  in  eine  außerhalb  des  Kreises  $  oder  auf  demselben  gelegene  Stelle  über- 
geht. Wir  denken  uns  dann  von  M  nach  jedem  Punkte  Ai  den  Radius  ri 
des  betreffenden  Zahlenkreises  f,-  gezogen  und  fassen  die  Kurve  yi  ins  Auge, 
in  welche  der  Radius  r4  bei  der  Drehung  A^  übergeht.  Da  diese  Kurve  yt 
vom  Punkte  M  nach  einer  gewissen  Stelle  außerhalb  oder  auf  dem  Kreise 
®  läuft,  so  muß  sie  notwendig  die  Peripherie  des  Kreises  ®  treffen;  es 
sei  Bt  einer  dieser  Treffpunkte  und  B  eine  Verdichtungsstelle  der  Treff- 
punkte B1}  B2,  B3,  .  .  .  .  Nun  sei  allgemein  C{  derjenige  Punkt  auf  dem 
Radius  rv  der  bei  der  Drehung  A^  in  B{  übergeht.  Da  die  Punkte 
(7«,  Off  C%J . . .  gegen  M  konvergieren,  so  gibt  es  nach  Axiom  III  eine 
Drehung  um  M,  bei  welcher  der  auf  der  Peripherie  des  Kreises  Ä  gelegene 
Punkt  B  in  den  Punkt  M  übergeht.  Dies  widerspricht  dem  vorhin  defi- 
nierten Begriff  der  Bewegung. 

§  2. 
Wie  bereits  in  §  1  festgesetzt,  sei  ?  ein  Zahlenkreis  innerhalb  ®,  der 
die  Bedingungen  des  dort  bewiesenen  Satzes  erfüllt,  so%  daß  sämtliche  Bild- 
punkte innerhalb  !  bei  den  Drehungen  um  M  innerhalb  ®  bleiben;  ferner 
sei  k  ein  Zahlenkreis  innerhalb  ?,  dessen  sämtliche  Punkte  bei  den  Dre- 
hungen um  M  innerhalb  !  bleiben.  Dann  bezeichnen  wir  kurz  diejenigen 
Punkte  der  Zahlenebene,  die  bei  irgend  einer  Drehung  um  M  aus  Punkten 
innerhalb  oder  auf  h  entstehen,  als  bedeckt  und  diejenigen  Punkte,  die  bei 
keiner  Drehung  um  M  aus  Punkten  innerhalb  oder  auf  Je  entstehen,  als 
unbedeckt.  Aus  Axiom  III  folgt  sofort,  daß  die  bedeckten  Punkte  eine 
abgeschlossene  Punktmenge  bilden.  Ferner  sei  A  ein  bestimmter  Punkt 
außerhalb  ft,  welcher  Bildpunkt  für  einen  Punkt  unserer  Geometrie  ist. 
Wenn  sich  nun  ein  unbedeckter  Punkt  Ä  durch  eine  Jordansche  Kurve, 
die  aus  lauter  unbedeckten  Punkten  besteht,  mit  A  verbinden  läßt,  so 
heiße  Ä  außerhalb  kk  gelegen.  Insbesondere  sind  alle  Punkte  außerhalb 
des  Zahlenkreises  f  gewiß  außerhalb  kk  gelegene  Punkte.    Jeder  bedeckte 

Hubert,  Grundlagen  der  Geometrie.  9 


130 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 


Punkt,  zu  dem  in  beliebig  kleiner  Umgebung  sich  Punkte  außerhalb  kk 
befinden,  heiße  ein  Punkt  auf  kk,  Die  Punkte  auf  kk  bilden  eine  abge- 
schlossene Punktmenge.  Diejenigen  Punkte  J,  die  weder  Punkte  außerhalb 
kk  noch  Punkte  auf  kk  sind,  sollen  Punkte  innerhalb  kk  heißen.  Insbe- 
sondere sind  also  alle  bedeckten  Punkte,  zu  welchen  nicht  in  beliebiger 
Nähe  unbedeckte  Punkte  liegen,  wie  z.  B.  der  Punkt  M  und  die  Punkte 
innerhalb  k,  sicher  innerhalb  kk  gelegen. 


§  3. 

Indem  wir  bedenken,  daß,  wie  f  bestimmt  war,  A  bei  den  Drehungen 
um  M  niemals  in  das  Innere  von  f  hineingelangt,  erkennen  wir,  daß  bei 
einer  jeden  Drehung  um  M  die  Punkte  außerhalb  kk  wieder  in  Punkte 
außerhalb  kk,  ferner  die  Punkte  auf  kk  wieder  in  Punkte  auf  kk  und 
die  Punkte  innerhalb  kk  wiederum  in  Punkte  innerhalb  kk  übersrehen. 

Jeder  Punkt  auf  kk  ist  nach  unserer  Festsetzung  ein  bedeckter  Punkt, 
und  da  wir  wissen,  daß  die  Punkte  innerhalb  k  auch  innerhalb  kk  liegen, 
so  schließen  wir  hieraus  folgende  Tatsache: 

Zu  jedem  Punkte  K  auf  kk  gibt  es  gewiß  eine  Drehung  A  um  M, 
durch  welche  ein  auf  der  Peripherie  von  k  gelegener  Punkt  K'  nach  K 

9t 


gelangt.  Der  Radius  MK'  des  Zahlenkreises  k  liefert  nach  der  Drehung 
A  um  M  eine  Jordansche  Kurve,  welche  M  mit  dem  Punkte  K  auf  kk 
verbindet  und  die  sonst  ganz  innerhalb  kk  verläuft. 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  131 

Zugleich  sehen  wir,  daß  mindestens  ein  Punkt  der  Peripherie  des 
Zahlenkreises  k,  nämlich  gewiß  der  Punkt  K',  auf  kk  liegt. 

Wir  verbinden  den  außerhalb  kk  gelegenen  Punkt  A  durch  irgend 
eine  Jordansche  Kurve  mit  M  und  bezeichnen  jetzt  mit  K  denjenigen 
Punkt  dieser  Jordanschen  Kurve,  der  auf  kk  liegt  und  von  der  Art  ist,  daß 
alle  auf  der  Jordanschen  Kurve  zwischen  K  und  A  gelegenen  Punkte 
außerhalb  kk  liegen.  Sodann  fassen  wir  das  System  aller  aus  K  durch 
Drehungen  um  M  hervorgehenden  Punkte,  d.  h.  den  wahren  Kreis  x  um 
M  durch  K  ins  Auge.  Die  Punkte  dieses  wahren  Kreises  sind  sämtlich 
Punkte  auf  kk. 

Nach  Axiom  II  enthält  x  unendlich  viele  Punkte.  Ist  K*  eine  Ver- 
dichtungsstelle von  Punkten  des  wahren  Kreises  x,  so  gehört  diese  wegen 
Axiom  III  ebenfalls  zum  wahren  Kreise  x.  Bezeichnet  Kx  irgend  einen 
Punkt  des  wahren  Kreises  x,  so  folgt,  wenn  wir  diejenige  Drehung  um  M 
ausführen,  welche  K*  in  K±  überführt  daß  auch  Kx  eine  Verdichtungs- 
stelle von  Punkten  des  wahren  Kreises  x  ist.    Wir  erhalten  somit  den  Satz: 

Der  wahre  Kreis  x  ist  eine  abgeschlossene  und  in  sich  dichte  d.  h.  eine 
perfekte  Punktmenge. 

§4. 

Das  wichtigste  Ziel  der  nächstfolgenden  Entwickelungen  besteht  darin, 
zu  zeigen,  daß  der  wahre  Kreis  x  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist. 
Es  wird  sich  ferner  herausstellen,  daß  der  wahre  Kreis  x  mit  den  Punkten 
auf  kk  übereinstimmt. 

Zunächst  beweisen  wir,  daß  irgend  zwei  Punkte  K1}  K2  des  wahren 
Kreises  x  sich  stets  untereinander  sowohl  durch  eine  Jordansche  Kurve  ver- 
binden lassen,  die  abgesehen  von  den  Endpunkten  ganz  innerhalb  kk  verläuft, 
als  durch  eine  solche  Jordansche  Kurve,  die  abgesehen  von  den  Endpunkten 
ganz  außerhalb  kk  verläuft. 

In  der  Tat,  ziehen  wir  entsprechend  den  obigen  Ausführungen  die 
Jordanschen  Kurven  MKX  und  MK2,  welche  innerhalb  kk  den  Mittel- 
punkt M  mit  Kt  bezüglich  K2  verbinden,  und  bestimmen  auf  der  Kurve 
MKX  von  M  ausgehend  den  letzten  auf  MK2  gelegenen  Punkt  P,  so 
bildet  das  Stück  PKX  der  ersteren  Jordanschen  Kurve  zusammen  mit  dem 
Stück  PK2  der  letzteren  Jordanschen  Kurve  eine  Verbindungskurve  von 
der  zuerst  verlangten  Art. 

Andererseits  fassen  wir  die  Drehungen  um  M  ins  Auge,  bei  denen 
K  in  Kt  bezüglich  in  K2  übergeht;  die  Punkte  At  bez.  A2,  die  dabei  aus 
A  entstehen,  sind  nach  §  3  Punkte  außerhalb  kk  und  lassen  sich  daher  außer- 
halb kk  mit  A  verbinden.    Aus  diesen  Verbindungskurven  und  denjenigen 

Jordanschen  Kurven,  die  bei  jenen  Drehungen  aus  der  in  §  3  konstruierten 

9* 


132  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

Jordanschen    Kurve    AK  entstehen,   können   wir   leicht   eine   Jordansche 
Kurve  zwischen  Kx  und  K2  zusammensetzen,  die  ganz  außerhalb  hh  verläuft. 

§5. 

Der  eben  gefundene  Satz  setzt  uns  in  den  Stand,  die  Punkte  des 
wahren  Kreises  x  in  bestimmter  Weise  anzuordnen. 

Es  seien  Kx,  K2,  2T3,  Z"4  irgend  vier  verschiedene  Punkte  des  wahren 
Kreises  x.  Wir  verbinden  die  Punkte  KXK2  einerseits  durch  eine  Jordansche 
Kurve,  die  ganz  (d.  h.  zwischen  Kx  und  K2)  innerhalb  hh  verläuft,  und 
andererseits  durch  eine  solche,  die  ganz  außerhalb  hh  verläuft.  Da  diese 
beiden  Verbindungskurven  einschließlich  ihrer  Endpunkte  Kx ,  K2  stetig  sind, 
so  bilden  sie  zusammen  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve.  Eine  in  dieser 
Weise  aus  Kx ,  K2  hergestellte  Kurve  wollen  wir  stets  mit  Kx  K2  bezeichnen. 
Die  ganze  Zahlenebene  zerfällt  dann,  abgesehen  von  KXK2  selbst,  nach  dem 
bekannten  Jordanschen  Satze  in  zwei  Gebiete,  nämlich  das  Innere  und  das 
Äußere  dieser  Kurve  KXK2.  Betreffs  der  Lage  der  Punkte  K3,  K±  sind  nun 
zwei  Fälle  möglich:  erstens  die  Punkte K^^K^  werden  durch  die  Kurve  KXK2 
nicht  getrennt,  d.h.  sie  liegen  beide  innerhalb  oder  beide  außerhalb  derselben; 
zweitens  die  Punkte  KZy  Kx  werden  durch  die  Kurve  KXK2  getrennt,  d.  h. 
es  liegt  Ks  innerhalb  und  JQ  außerhalb  der  Kurve  K±K2  oder  umgekehrt. 

Verbinden  wir  die  Punkte  Kx ,  K2  irgend  wie  anders  durch  einen  inner- 
halb hh  und  einen  außerhalb  Ich  verlaufenden  Weg,  so  erkennen  wir  leicht, 
daß  hinsichtlich  der  Lage  der  Punkte  K3,  K±  zu  der  neu  entstehenden 
geschlossenen  Jordanschen  Kurve  KXK2  gewiß  derselbe  Fall  eintritt,  wie 
vorhin.  In  der  Tat,  liegt  beispielsweise  der  erste  Fall  vor,  und  befinden 
sich  K3,  K±  beide  im  Innern  von  KXK2,  so  verbinde  man  Ks  und  ÜT4 
durch  einen  innerhalb  hh  verlaufenden  Weg  W.  Sollte  derselbe  aus  dem 
Inneren  der  geschlossenen  Kurve  KXK2  heraustreten,  so  müßte  er  im  wei- 
teren Verlauf  doch  schließlich  wieder  in  dieses  Innere  zurückführen;  es 
ist  daher  gewiß  möglich,  den  außerhalb  KXK2  verlaufenden  Teil  dieses 
Weges  W  durch  einen  nahe  an  dem  betreffenden  Stücke  von  KXK2  ver- 
laufenden Weg  zu  ersetzen,  welcher  ganz  innerhalb  hh  und  zugleich  inner- 
halb KXK2  verläuft,  so  daß  dadurch  ein  Verbindungsweg  W*  zwischen 
K3  und  iT4  entsteht,  welcher  ebenfalls  ganz  innerhalb  hh  und  innerhalb 
Kx  K2  verläuft.  Setzen  wir  aus  dem  innerhalb  hh  liegenden  Teil  der  Kurve 
KXK2   und  dem  außerhalb  hh  liegenden  Teil  der  Kurve  KXK2  eine  neue 


geschlossene  Jordansche  Kurve  KXK2  zusammen,  so  ist  W*  offenbar  ein 
Weg,  welcher  K3  und  JBT4  innerhalb   dieser  neuen  Kurve  verbindet,  ohne 

die  Kurve  KXK2   zu   durchsetzen,   d.  h.  K3  und  K±  werden   durch  KXK2 
gewiß    nicht    getrennt.     Hieraus    folgt   nach   entsprechender   Konstruktion 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  133 


außerhalb  kk,  daß  K3  und  Z"4  auch  durch  die  Kurve  KtK2  nicht  getrennt 
werden.  Wir  dürfen  daher  im  ersten  Falle  schlechthin  sagen:  Das  Punkte- 
paar K3,  K±  wird  durch  das  Punktepaar  Klt  K2  nicht  getrennt.  Dann  aber 
folgt  auch  im  zweiten  Falle,  daß  wir  schlechthin  sagen  dürfen:  Das  Punkte- 
paar K3,  K±  wird  durch  das  Punktepaar  Kx,  K2  getrennt. 

Wir  führen  nun  irgend  eine  Drehung  um  M  aus,  durch  welche  die 
Punkte  K1}K2,KS,  KA  in  Kx',  K2,  K3,  K[  übergehen.  Bedenken  wir,  daß 
die  Drehung  nach  der  Definition  eine  stetige  und  eindeutige  umkehrbare 
Transformation  der  Zahlenebene  ist  und  die  Punkte  innerhalb  kk  in  Punkte 
innerhalb  kk,  die  Punkte  außerhalb  kk  in  Punkte  außerhalb  Tili  überführt, 
so  folgt,  daß  die  Punktepaare  Kx',  K2  und  K3,  K[  voneinander  getrennt 
oder  nicht  getrennt  liegen,  je  nachdem  die  Punktepaare  Kl}  K2  und  K3,  K± 
sich  einander  trennen  oder  nicht,  d.  h.  die  gegenseitige  Lage  der  Punkte- 
paare  K1}  K2  und  K3,  K±  bleibt  bei  einer  beliebigen  Drehung  um  M  un- 
verändert. 

Wir  leiten  in  ähnlicher  Weise  auch  die  Sätze  ab,  die  den  übrigen  bekannten 
Tatsachen  hinsichtlich  der  gegenseitigen  Lage  der  Punktepaare  auf  der  Peri- 
pherie  eines  gewöhnlichen  Zahlenkreises  entsprechen,  nämlich   die  Sätze: 

Wenn  Kx,  K2  durch  K3,  K±  getrennt  werden,  so  werden  auch  K3,  K± 
durch  Kt,  K2  getrennt.  Wenn  Kx,  K±  durch  K2,  K5  und  K2,  K±  durch 
K3,  Kr>  getrennt  werden,  so  ivird  auch  KlyK±  durch  K3,  K5  getrennt. 

Dadurch  sind  wir  zu  dem  folgenden  Ergebnis  gelangt: 

Die  Punkte  des  wahren  Kreises  x  sind  cyklisch,  d.  h.  mit  Bücksicht 
auf  die  gegenseitige  Trennung  von  Punktepaaren  wie  die  Punkte  eines  ge- 
wöhnlichen Zahlenkreises  angeordnet.  Diese  Anordnung  ist  gegenüber  den 
Drehungen  um  den  Mittelpunkt  M  des  wahren  Kreises  x  invariant. 

§  6- 

Eine  weitere  wichtige  Eigenschaft  des  wahren  Kreises  x  sprechen  wir 
wie  folgt  aus: 

Zu  irgend  einem  Punktepaar  des  wahren  Kreises  x  gibt  es  stets  ein 
Punktepaar  dieses  Kreises  x,  welches  jenes  Punktepaar  trennt. 

Wir  bezeichnen  mit  Kx  einen  fest  gewählten  Punkt  des  wahren 
Kreises  x  und  wollen  dann  von  irgend  drei  anderen  Punkten  Kt,  K2,  K3 
des  wahren  Kreises  x  sagen,  es  liege  K2  zwischen  Kt  und  K3  bez.  nicht 
zwischen  Kx  und  K3,  je  nachdem  das  Punktepaar  Kl}  K3  durch  das 
Punktepaar  K2,  Km   getrennt  oder  nicht  getrennt  wird. 

Wir  nehmen  im  Gegensatz  zu  der  obigen  Behauptung  an,  es  seien 
K  und  K'  zwei  Punkte  des  wahren  Kreises  x,  die  durch  kein  Punktepaar 
getrennt  werden;  dann  folgt  nach  unserer  Festsetzung  gewiß  auch,  daß 
zwischen  denselben  kein  Punkt  von  x  liegt.    Ferner  dürfen  wir  annehmen, 


134  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

es  gäbe  einen  Punkt  K±  von  der  Art,  daß  das  Punktepaar  K1}  K  durch 
das  Punktepaar  K,  Kx  getrennt  wird;  anderenfalls  nämlich  denken  wir 
uns  in  der  folgenden  Ent Wickelung  die  Rollen  der  Punkte  K  und  K'  mit- 
einander vertauscht.  Sodann  wählen  wir  eine  unendliche  Reihe  jR  von 
Punkten  des  wahren  Kreises  x,  die  gegen  den  Punkt  K  konvergieren,  und 
verbinden  Kt  mit  K'  sowohl  durch  eine  innerhalb  kk  verlaufende  Kurve, 
wie  durch  eine  außerhalb  kk  verlaufende  Kurve.  Durch  Zusammensetzung 
dieser  beiden  Kurven  erhalten  wir  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve 
KXK',  welche  Kx  von  K  trennt  und  daher  notwendig  auch  von  unendlich 
vielen  Punkten  der  gegen  K  konvergenten  Punktreihe  B  trennen  muß. 
Es  sei  K2  einer  dieser  Punkte  der  Reihe  B.  Da  K%  zwischen  Kt  und  K' 
liegt  und  nicht  zwischen  K  und  K'  liegen  darf,  so  liegt  K2  notwendig 
zwischen  Kt  und  K.  Nunmehr  verbinden  wir  analog  K2  mit  K'  durch 
eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  K2K'  und  gelangen  ebenso  zu  einem 
Punkte  Ks  der  Reihe  B,  der  zwischen  K3  und  K  liegt  u.  s.  f.  Auf  diese 
Weise  erhalten  wir  eine  unendliche  Beihe  von  Punkten  K1}  K2,  K3,  .  .  . 
von  denen  jeder  Punkt  zwischen  dem  vorangehenden  und  K  gelegen  ist,  und 
die  gegen  den  Punkt  K  konvergieren. 

Wir  führen  jetzt  eine  Drehung  um  M  aus,  bei  welcher  K  in  einen 
der  Punkte  Kx,  K2,  K3,  .  .  . ,  etwa  in  Kt  übergeht.  Der  Punkt  K'  gehe 
bei  dieser  Drehung  in  den  Punkt  K[  über.  Da  unserer  Annahme  zufolge 
K  und  K'  durch  kein  Punktepaar  getrennt  werden,  so  ist  das  gleiche  mit 
dem  Punktepaar  Ki}  JT/  der  Fall.  Infolgedessen  muß  K'{  entweder  mit 
Ki_x  oder  mit  Ki  +  1  zusammenfallen  oder  zwischen  Ki^ml  und  Ki  +  1  liegen; 
in  jedem  Falle  liegt  also  K{  zwischen  Ki-2  und  Ki+2,  so  daß  auch  die 
unendliche  Reihe  von  Punkten  K1}  K3',  K6,  K^ ',  K9,  KX1,  .  .  .  gewiß  von 
der  Beschaffenheit  ist,  daß  jeder  Punkt  dieser  Reihe  zwischen  dem  voran- 
gehenden Punkte  und  dem  Punkte  K  gelegen  ist. 

Wir  wollen  nun  zeigen,  daß  auch  die  Punkte  K3,  K/,  K[ly  . . .  gegen 
den  Punkt  K  konvergieren  müssen.  In  der  Tat,  würden  die  Punkte 
Kg'f  K7',  Kxl,  .  .  .  einen  von  K  verschiedenen  Punkt  Q  zur  Verdichtungs- 
stelle haben,  so  wähle  man  aus  ihnen  einen  Punkt  Kt'  aus.  Da 
Ki\.i,  K{ +8,  Ki'+n,  ■  ■  ■  sämtlich  zwischen  K{  und  K  liegen,  so  gibt  es  eine 
geschlossene  Jordansche  Kurve  K[K,  die  den  Punkt  K^  von  den  Punkten 
Ki  +  i,  K{+8,  Ki'+i2,  .  .  .  und  daher  auch  von  Q  trennt,  d.  h.  Q  liegt  not- 
wendig zwischen  K[  und  K.  Wegen  der  Anordnung  der  Punkte  Ki  zu  den 
Punkten  K[  folgt  hieraus,  daß  Q  auch  zwischen  den  sämtlichen  Punkten 
Klf  Kb,  K(J,  .  .  .  einerseits  und  K  andererseits  liegt.  Die  geschlossene 
Jordansche  Kurve  QK^  müßte  mithin  sämtliche  Punkte  Klt  K0,  K9,  .  .  . 
von  K  trennen;  dann  könnten  aber  die  Punkte  K1}  K5,  K9,  ...  nicht 
gegen  K  konvergieren,  wie  es  sein  sollte. 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  135 

Nunmehr  betrachten  wir  die  gegen  K  konvergierenden  Punkte  K3, 
K1}  Kn,  .  .  .  und  die  Punkte  K3',  ÜT7',  K[XJ .  .  . ,  die  nach  dem  eben  Be- 
wiesenen ebenfalls  gegen  K  konvergieren.  Da  mittels  einer  Drehung  um 
M  der  Punkt  K  in  K{  und  zugleich  K'  in  K[  übergeht,  so  müßte  es 
nach  Axiom  III  auch  eine  Drehung  geben,  welche  K  und  zugleich  K'  in 
die  gemeinsame  Konvergenzstelle  K  überführt.  Dies  ist  aber  ein  Wider- 
spruch gegen  die  Definition  der  Drehung.  Somit  ist  durch  Widerlegung 
unserer  Annahme  der  zu  Anfang  dieses  §  6  aufgestellte  Satz  vollständig 
bewiesen. 

§  7. 

Mit  Rücksicht  auf  die  Festsetzungen  zu  Beginn  des  §  6  fassen  wir 
den  wahren  Kreis  x  unter  Ausschluß  des  Punktes  K^  als  eine  geordnete 
Punktmenge  im  Sinne  Gantors  auf:  dann  besitzt  diese  PunMmenge  den 
Ordnungstypus  des  Linearkontinuums. 

Zum  Beweise  hierfür  bestimmen  wir  zunächst  eine  abzählbare  Menge  S 
von  Punkten  des  wahren  Kreises  x,  deren  Verdichtungsstellen  den  wahren 
Kreis  x  selbst  ausmachen.  Eine  solche  Menge  S  besitzt  nach  Cantor1)  den 
Ordnungstypus  des  Systems  aller  rationalen  Zahlen  in  ihrer  natürlichen 
Rangordnung,  d.  h.  es  ist  möglich,  den  Punkten  des  Systems  S  derart 
die  rationalen  Zahlen  zuzuordnen,  daß,  wenn  A,  B,  C  irgend  drei  Punkte 
in  S  sind,  von  denen  B  zwischen  A  und  G  liegt,  von  den  drei  zugeord- 
neten rationalen  Zahlen  a,  b,  c  allemal  die  Zahl  b  ihrem  Werte  nach 
zwischen  a  und  c  liegt. 

Es  sei  nun  K  irgend  ein  Punkt  des  wahren  Kreises  x,  welcher  nicht 
dem  System  S  angehört;  sind  dann  A,  B  Punkte  von  S,  so  nennen  wir 
A,  B  auf  verschiedenen  Seiten  oder  auf  derselben  Seite  von  K  gelegen, 
je  nachdem  K  zwischen  A  und  B  oder  nicht  zwischen  A  und  B  liegt. 
Übertragen  wir  diese  Festsetzung  von  den  Punkten  des  Systems  S  auf 
die  denselben  zugeordneten  rationalen  Zahlen,  so  erhalten  wir  unter  Ver- 
mittelung  des  Punktes  K  einen  bestimmten  Schnitt  im  Sinne  Bedekinds 
durch  das  System  der  rationalen  Zahlen:  wir  ordnen  dem  Punkte  K  die 
durch  diesen  Schnitt  definierte  irrationale  Zahl  zu. 

Es  kann  nicht  zwei  verschiedene  Punkte  K  und  K'  auf  x  geben,  denen 
die  gleiche  irrationale  Zahl  zugeordnet  erscheint.  In  der  Tat,  konstruieren 
wir  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  KK'  und  sei  H  irgend  ein 
zwischen  K  und  K'  und  folglich  innerhalb  KK'  gelegener  Punkt  von  x, 
so  muß  es,  da  H  eine  Verdichtungsstelle  von  Punkten  des  Systems  S  ist, 


1)  Beiträge  zur  Begründung  der  transfiniten  Mengenlehre,  Math.  Annalen  Bd.  46, 
§  9;  hinsichtlich  der  weiteren  Schluß  weise  des  Textes  vergleiche  man  insbesondere  §11. 


136  Anhang  IV:    Grandlagen  der  Geometrie. 

gewiß  auch  einen  Punkt  A  in  S  geben,  der  innerhalb  KK'  und  daher 
auch  zwischen  K  und  K'  liegt.  Die  zu  A  gehörige  rationale  Zahl  a 
bedingt  daher  jedenfalls  eine  "Verschiedenheit  der  Schnitte,  die  unter  Ver- 
inittelung  der  Punkte  K  und  K'  entstanden  sind. 

Wir  wollen  endlich  zeigen,  daß  es  auch  umgekehrt  zu  jeder  irratio- 
nalen Zahl  a  einen  Punkt  K  auf  x  gibt,  dem  diese  zugeordnet  erscheint. 
Zu  dem  Zwecke  sei  ax,a2,a3,...  eine  Reihe  zunehmender  und  bl}  b2,  b3, . . . 
eine  Reihe  abnehmender  Zahlen,  deren  jede  gegen  a  konvergiert.  Man 
konstruiere  die  diesen  Zahlen  zugehörigen  Punkte  Ax,  A2,  A3,  .  .  .  bez. 
B1}  B2,  B3,  ...  und  bezeichne  mit  K  irgend  eine  Verdichtungsstelle  dieser 

Punkte  A1,A2,A3,...,Bl,B2,B3, Der  Punkt  K  gehört  dann  notwendig 

der  Zahl  a  zu.  Denn  wenn  wir  allgemein  eine  geschlossene  Jordansche 
Kurve  AiBi  konstruieren,  so  liegen  die  Punkte  Ai  +  l,  Ai+2,  Ai  +  3,  .  .., 
•^i  +  i?  ^i  +  2?  ^i  +  3>  •  •  •  und  folglich  auch  der  Verdichtungspunkt  K  inner- 
halb AiJBi  d.  h.  zwischen  den  Punkten  Ai}  B{.  Der  unter  Vermittelung 
von  K  entstehende  Schnitt  ist  mithin  kein  anderer  als  derjenige,  der  die 
Zahl  a  bestimmt. 

Betrachten  wir  nun  die  Punkte  auf  der  Peripherie  eines  gewöhnlichen 
Zahlenkreises  mit  dem  Radius  1  und  ordnen  einem  dieser  Punkte  das 
Zeichen  +  oo  und  den  Punkt  Km  zu,  den  übrigen  Punkten  dagegen  in 
stetiger  Folge  die  sämtlichen  reellen  Zahlen  und  diesen  wiederum  die  ent- 
sprechenden Punkte  des  wahren  Kreises  x,  so  gelangen  wir  zu  folgendem 
Resultat:  Die  Punkte  des  wahren  Kreises  x  lassen  sich  unter  Erhaltung 
ihrer  Anordnung  umkehrbar  eindeutig  auf  die  Punkte  der  Peripherie  eines 
gewöhnlichen  Zahlenkreises  mit  dem  Radius  1  abbilden. 

§  8. 

Um  das  in  §  4  bezeichnete  Ziel  zu  erreichen,  bleibt  nur  noch  die 
Stetigkeit  der  gewonnenen  Abbildung,  d.  h.  die  Lückenlosigkeit  des  wahren 
Kreises  x  zu  zeigen  übrig.  Zu  dem  Zwecke  denken  wir  uns  die  Punkte 
des  wahren  Kreises  x  durch  die  Koordinaten  x,  y  der  Zahlenebene  und 
andererseits  die  Punkte  des  Zahlenkreises  mit  dem  Radius  1  durch  den 
Bogen  t  von  einem  festen  Anfangspunkte  an  bestimmt:  dann  haben  wir 
zu  beweisen,  daß  x,  y  stetige  Funktionen  von  t  sind. 

Es  seien  nun  tlf  t2,  t3,  .  .  .  irgend  eine  Reihe  gegen  <*  konvergierender 
entweder  sämtlich  wachsender  oder  sämtlich  abnehmender  Werte  und 
KL,  K2,  K3,  .  .  .  seien  bez.  die  diesen  Parameterwerten  zugeordneten  Punkte 
des  wahren  Kreises  x,  während  der  Wert  t*  einem  Punkte  K*  auf  x  ent- 
sprechen möge.  Es  sei  ferner  Q  eine  Verdichtungsstelle  der  Punkte 
K1}  K2,  K3,  . . .  .  Konstruieren  wir  allgemein  eine  geschlossene  Jordansche 
Kurve  K{K*,  so  liegen  notwendig  die  Punkte  Ki  +  1,  Ki  +  2,  Ki  +  3>  .  .  .  und 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  137 

folglich  auch  deren  Verdichtungsstelle  Q  innerhalb  KtK*  d.  h.  es  liegt 
auch  der  Punkt  Q  zwischen  K{  und  K*;  demnach  muß  sich  auch  der  zu 
Q  gehörige  Wert  des  Parameters  t  allgemein  zwischen  tt  und  t*  befinden. 
Der  letztere  Widerspruch  löst  sich  nur,  wenn  Q  und  K*  zusammenfällt; 
mithin  konvergieren  die  Punkte  K1}  K2,  K3,  .  .  .  gegen  den  Punkt  K*. 
Damit  ist  die  Stetigkeit  der  Funktion  x,  y  vom  Parameter  t  völlig  be- 
wiesen und  es  folgt  eine  Tatsache,  die  wir  in  §  4  als  das  erste  wichtige 
Ziel  unserer  Entwickelung  hingestellt  haben,  nämlich  der  folgende  Satz: 
Der  wahre  Kreis  x  ist  in  der  Zahlenebene  eine  geschlossene  Jordanschc 

Kurve. 

§9. 

Wir  wissen,  daß  die  Punkte  des  wahren  Kreises  x  sämtlich  zu  den 
Punkten  auf  kk  gehören;  es  wird  sich  auch  zeigen,  daß  letztere  Punkte 
sämtlich  auf  x  liegen,  so  daß  der  weitergehende  Satz  gilt: 

Der  wahre  Kreis  x  ist  identisch  mit  den  Punkten  auf  kk;  die  inner- 
halb x  liegenden  Punkte  sind  zugleich  die  Punkte  innerhalb  kk  und  die 
außerhalb  x  liegenden  Punkte  sind  zugleich  die  Punkte  außerhalb  kk. 

Um  diesen  Satz  zu  erkennen,  zeigen  wir  zunächst,  daß  der  Punkt  M, 
der  „Mittelpunkt"  des  wahren  Kreises  x,  mit  jedem  Punkte  J  innerhalb  x 
durch  eine  stetige  Kurve  verbunden  werden  kann,  ohne  daß  dabei  der 
wahre  Kreis  x  überschritten  wird. 

In  der  Tat,  ziehen  wir  durch  J  irgend  eine  gewöhnliche  Gerade  in 
der  Zahlenebene,  eine  sogenannte  „Zahlengerade",  so  seien  Kx  und  K2  die 
ersten  Punkte  dieser  Zahlengeraden,  die  auf  x  liegen,  nach  den  beiden 
Richtungen  hin  von  J  aus  gerechnet.  Da  Kx  und  K2  auch  Punkte  auf 
kk  sind,  so  können  sie  mit  M  durch  je  eine  Jordansche  Kurve  MKX  bez. 
MK2  verbunden  werden,  die  ganz  innerhalb  kk  verlaufen  und  daher  gewiß 
nicht  den  wahren  Kreis  x  überschreiten.  Trifft  eine  dieser  Jordanschen 
Kurven  das  Geradenstück  KtK2  etwa  im  Punkte  B,  so  bildet  das  Kurven- 
stück MB  mit  dem  Geradenstück  JB  zusammen  den  gesuchten  Verbin- 
dungsweg. Im  entgegengesetzten  Falle  bilden  MKt  und  MK2  zusammen 
mit  dem  Geradenstück  KtK2  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  y.  Da 
diese  Kurve  y  ganz  innerhalb  des  Zahlenkreises  !  (§  1)  liegt,  so  läßt  sich 
der  außerhalb  des  Zahlenkreises  Ä  gelegene  Punkt  A  gewiß  nicht  mit  einem 
Punkte  innerhalb  y  verbinden,  ohne  daß  dabei  ein  Punkt  der  Kurve  y 
überschritten  wird.  Die  Kurve  y  besteht  nun  aus  Punkten  innerhalb  kk, 
aus  Punkten  auf  kk  und  aus  Punkten  innerhalb  x.  Da  die  letzteren  Punkte 
von  A  aus  nur  durch  Überschreitung  eines  Punktes  auf  x,  der  ebenfalls 
ein  Punkt  auf  kk  ist,  erreicht  werden  kann,  so  liegt  das  ganze  innerhalb  y 
gelegene  Gebiet  notwendig  auch  innerhalb  kk,  Verbinden  wir  also  M 
mit  J  durch  einen  stetigen  innerhalb  y  verlaufenden  Weg,  so  überschreitet 


138  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

dieser  Weg  den  wahren  Kreis  x  sicher  nicht  und  ist  mithin  von  der  ge- 
wünschten Art. 

Wir  schließen  daraus  zunächst,  daß  M  innerhalb  x  liegt,  d.  h.  der 
Mittelpunkt  M  des  wahren  Kreises  x  liegt  innerhalb  desselben. 

Da  ferner  jeder  Punkt  auf  kk  mit  M  durch  eine  Jordansche  Kurve 
verbunden  werden  kann,  die,  von  den  Endpunkten  abgesehen,  ganz  inner- 
halb kk  verläuft  und  also  x  gewiß  nicht  trifft,  so  liegt  jeder  Punkt  auf  kk 
notwendig  auf  x  oder  innerhalb  x.  Gäbe  es  einen  Punkt  P  auf  kk,  der 
innerhalb  x  liegt,  so  könnte  der  außerhalb  ®  gelegene  Punkt  A  nicht  mit 
Punkten  in  beliebiger  Nähe  von  P  verbunden  werden,  ohne  daß  dabei  ein 
Punkt  von  x  überschritten  wird;  da  aber  jeder  Punkt  von  x  zu  den  be- 
deckten gehört,  so  könnte  P  nicht  ein  Punkt  auf  kk  sein;  dies  ist  ein 
Widerspruch.  Alle  Punkte  auf  kk  liegen  also  zugleich  auf  x,  womit  die 
obige  Behauptung  völlig  erwiesen  ist. 

§  10. 

Das  Punktgebilde  kk  ist  in  §  2  durch  eine  gewisse  Konstruktion  aus 
dem  Zahlenkreise  k  hervorgegangen.  Da  der  Zahlenkreis  k,  wie  in  §  3 
gezeigt  worden  ist,  mindestens  einen  Punkt  auf  kk  enthält  und  im  übrigen 
ganz  auf  oder  innerhalb  kk  liegt  und  die  Punkte  auf  kk  nach  §  9  nichts 
anderes  als  der  wahre  Kreis  x  sind,  so  haben  wir  in  der  obigen  Konstruk- 
tion zugleich  ein  Mittel,  um  aus  dem  Zahlenkreise  k  einen  wahren  Kreis  x 
zu  konstruieren,  welcher  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist  und  den 
Zahlenkreis  k  umschließt,  diesen  von  außen  berührend;  hier  und  im 
folgenden  sagen  wir  von  zwei  Jordanschen  Kurven,  wenn  die  eine  die 
andere  im  Inneren  enthält  und  mit  ihr  wenigstens  einen  Punkt  gemein  hat, 
daß  die  erste  die  zweite  von  außen,  diese  aber  jene  von  innen  berührt. 

Durch  eine  geringe  Abänderung  des  früheren  Verfahrens,  nämlich 
durch  eine  Vertauschung  der  Rollen,  die  den  Punkten  innerhalb  und 
außerhalb  Jb  zugeteilt  worden  sind,  können  wir  aus  dem  Zahlenkreise  k 
noch  einen  anderen  wahren  Kreis  konstruieren:  wir  bezeichnen  jetzt  diejenigen 
Punkte  der  Zahlenebene,  die  bei  irgend  einer  Drehung  um  M  aus  Punkten 
außerhalb  oder  auf  k  entstehen,  als  bedeckt;  alle  anderen  Punkte  dagegen 
als  unbedeckt.  Wenn  nun  ein  unbedeckter  Punkt  sich  durch  eine  Jordansche 
Kurve,  die  aus  lauter  unbedeckten  Punkten  besteht,  mit  M  verbinden  läßt, 
so  heiße  dieser  Punkt  innerhalb  kkk.  Die  Grenzpunkte  dieser  Punkte 
innerhalb  kkk  heißen  Punkte  auf  kkk  und  alle  übrigen  Punkte  heißen 
außerhalb  kkk.  Wir  zeigen  dann  ähnlich  wie  in  §  3 — §  9,  daß  die  Punkte 
auf  kkk  einen  wahren  Kreis  um  M  bilden,  der  eine  geschlossene  Jordansche 
Kurve  ist,  den  Mittelpunkt  M  umschließt  und  innerhalb  des  Zahlenkreises  k 
verläuft,  diesen  von  innen  berührend. 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  139 

§   11. 

An  Stelle  des  Zahlenkreises  k  kann  man  nun  eine  beliebige  geschlossene 
innerhalb  k  verlaufende  Jordans  che  Kurve  z  wählen,  die  den  Punkt  M  im 
Innern  enthält:  durch  Anwendung  der  nämlichen  Konstruktion  erhalten  wir 
dann  zu  dieser  Kurve  z  sotvohl  einen  bestimmten  sie  umschließenden  wahren 
Kreis  um  M,  der  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist  und  z  von  außen 
berührt,  als  auch  einen  bestimmten  innerhalb  z  verlaufenden  wahren  Kreis 
um  M,  der  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist  und  z  von  innen  berührt. 

Wir  bemerken  noch,  daß  jeder  solche  aus  einer  Jordanschen  Kurve  z 
konstruierte  wahre  Kreis  auch  aus  einem  Zahlenkreise  erzeugt  werden  kann: 
man  braucht  nur  denjenigen  Zahlenkreis  zu  wählen,  der  innerhalb  des  vor- 
gelegten wahren  Kreises  ihn  von  innen  berührend  verläuft  bez.  ihn  von 
außen  berührend  umschließt;  denn  zwei  wahre  Kreise,  die  geschlossene 
Jordansche  Kurven  sind  und  denselben  Zahlenkreis  sei  es  beide  umschließend, 
sei  es  beide  ganz  innerhalb  verlaufend  berühren,  müßten  gewiß  einen  Punkt 
gemein  haben  und  wären  folglich  überhaupt  miteinander  identisch. 

§  12. 

Nunmehr  können  wir  ohne  erhebliche  Schwierigkeit  die  wichtige 
Tatsache  beweisen,  daß  jeder  durch  irgend  einen  Punkt  P  innerhalb  x 
gehende  wahre  Kreis  um  M  ebenso  wie  die  in  §  11  konstruierten  wahren 
Kreise  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist,  die  M  im  Innern  enthält. 

Zum  Beweise  fassen  wir  einerseits  alle  wahren  Kreise  um  M  ins 
Auge,  die  geschlossene  Jordansche  Kurven  sind  und  P  ausschließen:  sie 
mögen  wahre  Kreise  erster  Art  heißen;  und  andererseits  alle  diejenigen, 
die  geschlossene  Jordansche  Kurven  sind  und  P  einschließen:  sie  mögen 
wahre  Kreise  zweiter  Art  heißen. 

Wir  denken  uns  zunächst  aus  jedem  Zahlenkreise  mit  dem  Mittel- 
punkt M  den  umschließenden  wahren  Kreis  erzeugt  und  fassen  dann  die- 
jenigen Zahlenkreise  ins  Auge,  aus  denen  wahre  Kreise  entspringen,  die 
erster  Art  sind.  Sodann  suchen  wir  für  diese  Zahlenkreise  den  Grenz- 
kreis g,  d.  h.  den  kleinsten  Zahlenkreis,  der  sie  sämtlich  enthält.  Alle 
Zahlenkreise,  die  kleiner  als  g  sind,  liefern  dann  wahre  Kreise  erster  Art. 
Der  aus  dem  Zahlenkreise  g  entspringende  wahre  Kreis  y  müßte,  wenn  er 
nicht  durch  P  geht,  diesen  Punkt  ebenfalls  ausschließen.  Denn  läge  P  inner- 
halb y,  so  ziehe  man  eine  ganz  innerhalb  y  verlaufende,  die  Punkte  M  und 
P  umschließende  geschlossene  Jordansche  Kurve  und  erzeuge  aus  dieser 
den  wahren  Kreis,  der  sie  umschließt.  Dieser  wahre  Kreis  ließe  sich,  da 
er  ja  gewiß  in  das  Innere  des  Zahlenkreises  g  hineintritt,  durch  einen 
Zahlenkreis  erzeugen,  der  kleiner  als  g  ist;  er  umschließt  ferner  den  Punkt 


140  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

P,  was  nicht  möglich  ist.  Da,  wie  erwähnt,  alle  wahren  Kreise  um  M, 
die  geschlossene  Jordansche  Kurven  sind,  auch  aus  Zahlenkreisen  um  M 
entspringen,  so  ist  offenbar  der  aus  g  entspringende  wahre  Kreis  ein 
solcher  Kreis  erster  Art,  welcher  alle  anderen  wahren  Kreise  erster  Art 
umschließt. 

Indem  wir  andererseits  aus  jedem  Zahlenkreise  mit  dem  Mittelpunkt 
M  denjenigen  wahren  Kreis  erzeugt  denken,  der  jenen  Zahlenkreis  aus- 
schließt, beweisen  wir  auf  ähnlichem  Wege  die  Existenz  eines  wahren 
Kreises  zweiter  Art,  welcher  von  allen  anderen  wahren  Kreisen  zweiter  Art 
umschlossen  wird. 

Würden  nun  die  gefundenen  wahren  Grenzkreise  beide  nicht  durch 
P  gehen,  so  könnte  man  eine  Jordansche  Kurve  in  dem  zwischen  ihnen 
gelegenen  ringförmigen  Gebiete  ziehen,  welche  sicher  durch  unser  Verfahren 
einen  wahren  Kreis  liefern  würde,  der  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve, 
aber  weder  von  der  ersten  noch  von  der  zweiten  Art  wäre;  dies  ist  ein 
Widerspruch  und  damit  haben  wir  die  zu  Anfang  von  §  12  aufgestellte 
Behauptung  bewiesen. 

§  13. 

Nachdem  wir  im  vorstehenden  die  wichtigsten  Eigenschaften  der 
wahren  Kreise  um  M  gefunden  haben,  die  durch  Punkte  innerhalb  % 
laufen,  wenden  wir  uns  nun  zur  Untersuchung  der  Gruppe  aller  Bewegungen, 
die  hei  den  Drehungen  der  Ebene  um  M  der  wahre  Kreis  %  in  sich 
erfährt. 

Es  seien  den  Entwickelungen  in  §  8  gemäß  die  Punkte  des  wahren 
Kreises  x  auf  die  Punkte  t  der  Peripherie  eines  Zahlenkreises  mit  dem 
Radius  1  unter  Erhaltung  ihrer  Anordnung  abgebildet:  dann  entspricht 
einer  jeden  Drehung  A  unserer  Ebene  um  M  eine  bestimmte  umkehrbar 
eindeutige  stetige  Transformation  der  Punkte  t  des  Einheitskreises  in 
sich,  da  ja  nach  §  5  bei  einer  Drehung  die  Anordnung  der  Punkte  auf 
dem  wahren  Kreise  und  daher  mit  Rücksicht  auf  §  7  auch  die  Anordnung 
der  Parameterwerte  t  ungeändert  bleibt.  Diese  Transformation  läßt  sich 
durch  eine  Formel  von  der  Gestalt 

t'=A(t) 
darstellen,  wo  A(f)  eine  stetige  Funktion  ist,  die  mit  wachsendem  t  ent- 
weder   stets    wächst    oder    stets    abnimmt    und    die    bei  Vermehrung    des 
Arguments  t  um  2  %  sich  ebenfalls  um  den  Betrag  2jt  ändert. 

Diejenigen  Funktionen  A(T),  die  bei  wachsendem  Argument  t  ab- 
nehmen, entsprechen  Transformationen,  die  den  Umlaufssinn  auf  dem 
wahren  Kreise  ändern,  und  da  zufolge  unserer  Fassung  des  Begriffes  der 
Bewegung  bei  einer  Bewegung  der  Umlaufssinn  stets  derselbe  bleiben  soll, 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  141 

so  ergibt  sich,  daß  die  Funktion  A(t)  bei  wachsendem  Argument  t  stets 
wachsen  muß. 

§  14. 

Wir  fragen  zunächst,  ob  es  in  dieser  Gruppe  aller  Drehungen  um  M 
eine  Drehung  geben  kann,  bei  welcher  ein  Punkt  A  des  wahren  Kreises  x 
ungeändert  bleibt.  Es  sei  t  =  a  der  Parameterwert  für  einen  solchen 
Punkt  A  und  dieser  bleibe  bei  der  eigentlichen  Drehung  A  fest,  die  durch 
die  Formel 

t'=  A(i) 

dargestellt  wird.  Ferner  sei  B  irgend  ein  Punkt  des  wahren  Kreises  mit 
dem  Parameterwert  t  =  b,  der  bei  der  Drehung  A  seine  Lage  verändere; 
wir  machen   etwa  die  Annahme  b  <  a,  worin  keine  Einschränkung  liegt. 

Sowohl  A(t)  als  auch  die  umgekehrte  Funktion  A-1(£)  sind  von  der 
Art,  daß  sie  bei  zunehmendem  Argument  zunehmen.  Wegen  A(a)  =  a 
schließen  wir  hieraus  der  Reihe  nach,  daß  sämtliche  Größen,  die  durch 
die  symbolischen  Potenzen 

A(b),  AA(6)  -  A\b),  A3(6), . . .,  A"1^),  A~\b),  A~\b), . . . 
dargestellt  werden,   unterhalb  a  liegen.     Nun  bilden,  falls  A(b)  >  b  aus- 
fällt, die  Größen 

A{b),A\b),A\b),... 

eine  Reihe  beständig  zunehmender  Werte;  im  Falle  A(b)  <  b  gilt  das 
gleiche  von  der  Größenreihe 

A-\b),A-*(b),A-*(b),.... 
Aus  diesen  Tatsachen  entnehmen  wir,  daß  im  ersteren  Falle  die  direkten 
Wiederholungen  der  Drehung  A  auf  b  angewandt,  im  letzteren  die  symbo- 
lischen Potenzen  von  A(fo)  mit  negativen  Exponenten  sich  einem  Grenzwert// 
nähern  müssen,  der  zwischen  a  und  b  liegt  oder  mit  a  übereinstimmt.  Ent- 
spricht der  Grenzzahl  g  etwa  der  Punkt  G  auf  dem  wahren  Kreise  x,  so 
bilden  die  Potenzen  von  A  mit  positiven  bez.  negativen  Exponenten  Be- 
wegungen, so  daß  durch  sie  der  Punkt  B  schließlich  in  beliebige  Nähe  von  G 
übergeht  und  zugleich  durch  sie  Punkte  in  beliebig  kleiner  Umgebung  von  G 
in  beliebig  kleiner  Umgebung  von  G  bleiben.  Nach  Axiom  III  müßte  es  dem- 
nach eine  Bewegung  geben,  welche  B  in  G  überführt  und  zugleich  G  unge- 
ändert läßt;  dies  widerspräche  dem  Begriffe  der  Bewegung.  Es  ist  demnach 
die  Drehung  A,  welche  den  Punkt  A  festläßt,  notwendig  eine  solche,  die  alle 
Punkte  des  Kreises  %  festläßt,  d.  h.  für  diesen  Kreis  die  Identität  ist. 

§  15. 
Aus  der  Definition  des  wahren  Kreises  leuchtet  unmittelbar  die  folgende 
Tatsache  ein: 


142  Anhang  IV :    Grundlagen  der  Geometrie. 

Es  gibt  stets  eine  Drehung  um  M,  welche  den  beliebig  gegebenen  Punkt  0 
des  wahren  Kreises  x  in  einen  anderen  beliebig  gegebenen  Punkt  S  desselben 
überführt. 

§  16. 

Wir  leiten  jetzt  eine  weitere  Eigenschaft  für  die  Gruppe  der  Be- 
wegungen eines  wahren  Kreises  in  sich  ab. 

Es  seien  0,  S,  T,  Z  vier  solche  Punkte  auf  dem  wahren  Kreise  x,  daß 
diejenige  Drehung  um  M,  vermöge  welcher  0  in  S  übergeht,  den  Punkt 
T  nach  Z  bewegt,  so  daß  die  Lage  von  Z  eindeutig  durch  die  Punkte 
0,  S,  T  mitbestimmt  ist.  Halten  wir  0  fest  und  bewegen  S  und  T  auf 
dem  wahren  Kreise,  so  erfolgt  bei  stetiger  Änderung  von  S  und  T  auch  die 
Änderung  von  Z  stetig. 

Um  dies  zu  beweisen,  wählen  wir  eine  unendliche  Reihe  von  Punkten 
Sx,  S2,  S3,  .  .  .  ,  die  gegen  den  Punkt  S  konvergieren,  und  eine  unendliche 
Reihe  von  Punkten  Tlf  T2,  T3,  .  .  .,  die  gegen  den  Punkt  T  konvergieren. 
Die  Drehungen  um  M,  vermöge  deren  0  in  8U  S2,  S3,  .  .  .  übergeht,  be- 
zeichnen wir  bez.  mit  A1?  A2,  A3, .  .  .  und  die  durch  diese  Drehungen  bez. 
aus  T1,T2,T3,  ...  entspringenden  Punkte  seien  Zx,  Z2,  Z3,  . . . ;  dann  haben 
wir  zu  zeigen,  daß  die  Punkte  Z1}  Z2,  Z3,  .  .  .  gegen  Z  konvergieren.    Es 

sei  Z*  eine  Verdichtungsstelle  der  Punkte  Zlf  Z2f  Z3, Nach  Axiom  III 

gibt  es  dann  eine  Drehung  um  M,  vermöge  deren  0  in  S  und  zugleich 
T  in  Z*  übergeht.  Hierdurch  erweist  sich  aber  Z*  als  eindeutig  bestimmt 
und  mit  Z  identisch. 

§  17. 
In  §  14 — §  16  haben  wir  erkannt,  daß  die  Gruppe   aller  Drehungen 
des  wahren  Kreises  %  in  sich  die  folgenden  Eigenschaften  besitzt: 

1.  Es  gibt  außer  der  Identität  keine  Drehung  um  M,  welche  einen 
Punkt  des  wahren  Kreises  x  festläßt. 

2.  Wenn  0,  S  irgend  zwei  beliebige  Punkte  des  wahren  Kreises  % 
sind,  so  gibt  es  gewiß  eine  Drehung  um  M,  welche  0  in  S  überführt. 

3.  Bei  einer  Drehung  um  M,  die  0  nach  S  bewegt,  gehe  zugleich 
T  in  Z  über;  der  somit  durch  0,  S,  T  eindeutig  bestimmte  Punkt  Z 
erfährt  auf  x  eine  stetige  Änderung,  wenn  S  und  T  auf  x  stetig  ihre 
Lage  ändern. 

Diese  drei  Eigenschaften  bestimmen  vollständig  den  Bau  der  Gruppe 
der  Transformationen  A(£),  die  den  Bewegungen  des  wahren  Kreises  in 
sich  entsprechen.     Wir  stellen  nämlich  den  folgenden  Satz  auf: 

Die  Gruppe  aller  Bewegungen  des  wahren  Kreises  %  in  sich,  die  Drehungen 
um  M  sind,  ist  holoedrisch -isomorph  mit  der  Gruppe  der  gewöhnlichen 
Drehungen  des  Zahleneinheitskreises  um  M  in  sich. 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  143 

§  18. 

Wenn  wir  uns  diejenige  Drehung  um  M,  die  den  Punkt  0  des  wahren 
Kreises  %  mit  dem  Parameterwert  0  in  den  Punkt  S  mit  dem  Parameter- 
wert s  überführt,  durch  die  Transformationsformel 

f'-  A(t,s) 
dargestellt  denken,  wobei  wir  den  Funktionswert  A(t,Ö)  =  t  nehmen,  so 
erkennen  wir  auf  Grund  der  gefundenen  Eigenschaften  der  Drehungs- 
gruppe, daß  die  Funktion  A(t,  s)  eindeutig  und  stetig  für  alle  Werte  der 
beiden  V eränderlichen  t,  s  ist.  Auch  folgt,  da  s  bis  auf  Vielfache  von  2  % 
eindeutig  durch  zwei  zusammengehörige  Werte  t  und  t'  bestimmt  ist,  daß 
die  Funktion  A(t,  s)  bei  konstantem  t  mit  wachsendem  s  nur  entweder 
beständig  wächst  oder  abnimmt,  und  da  sie  für  t  =  0  in  s  übergeht,  so 
tritt  notwendig  der  erstere  Fall  ein.     Nun  ist 

A{t,t)>A{0,t),    A(ö,9-*;     (*>o) 

und  wegen 

A(2jt,  s)  =  2x  +  A(0,  s)  =  2x  +  s 
folgt 

A(2ar,  2x)  =  4jt. 

Mithin  hat  die  Funktion  A  (t}  t)  (>  t)  der  einen  Veränderlichen  t  die  Eigen- 
schaft, beständig  von  0  bis  4ji  zu  wachsen,  während  das  Argument  t  von 
0  bis  2it  wächst.  Aus  diesem  Umstände  schließen  wir  sofort  folgende 
Tatsache: 

Wenn  irgend  eine  positive  Zahl  t' <L2it  vorgelegt  ist,  so  gibt  es 
stets  eine  und  nur  eine  positive  Zahl  t,  so  daß 

A{t,t)  =  f 
wird;  es  ist  t  <  t '.    Der  Parameterwert  t  liefert  einen  Punkt  des  wahren 
Kreises  von  der  Art,  daß  bei  einer  gewissen  Drehung  um  M  der  Punkt 
t  =  0  sich  nach  t  und  zugleich  der  Punkt  t  nach  t'  bewegt. 

Wir  bezeichnen  nun  denjenigen  Wert  von  t,  für  welchen 

A(t,  t)  =  2% 
wird,  mit  9>(J),  denjenigen,  für  welchen 

wird,  mit  <p\^),  denjenigen,  für  welchen 

A(M)  =  9>(^f) 
wird,  mit  <p(ös)>  '  '  ''i  ferner  setzen  wir  allgemein 


144  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

wo  2  a  eine  gerade  ganze  Zahl  bedeutet  und  n  eine  ganze  Zahl  ^>  1  ist, 
und  ferner  setzen  wir 

9>(0)  =  0,     cp(l)  =  2x. 
Damit  ist  die  Funktion  qp   für  alle  rationalen  Argumente,  deren  Nenner 
eine  Potenz  von  2  ist,  widerspruchslos  definiert. 

Ist  nun  6  ein  beliebiges  positives  Argument  <  1 ,  so  entwickeln  wir 
6  in  einen  Dualbruch  von  der  Form 

u         2   T  22  T  23    '  * 

wo  0U  eS}  0ti  .>  .  lauter  Ziffern  0,  1  bedeuten.     Da  die  Zahlen  der  Reihe 

gewiß  niemals  abnehmen  und  sämtlich  ^y>(l)  bleiben,  so  nähern  sie  sich 
einem  Grenzwert;  diesen  bezeichnen  wir  mit  (p{p).  Die  Funktion  <p(<j) 
ist  eine  Funktion,  die  mit  wachsendem  Argument  stets  wächst;  wir  wollen 
beweisen,  daß  sie  auch  stetig  ist.    In  der  Tat,  wäre  sie  an  einer  Stelle 

ff  =  y  +  2Sf  +  2*  +  "'==jL    ?~'L    —#-> 

\2n  2    T  2*  T  " .  '  T  2V 

nicht  stetig,  so  müßten  die  beiden  Grenzwerte 

L<p(^)     und      Ly(^±l) 

n=  oo  n  =  oo 

voneinander  verschieden  ausfallen  und  mithin  die  unendliche  Reihe  von 
Punkten,  die  den  Parametern 

«-»fr).  "-HW.  <'»(£)'•• 

entsprechen,  gegen  einen  anderen  Punkt  konvergieren  als  die  unendliche 
Reihe  von  Punkten,  die  den  Parametern 

entsprechen.  Nun  führt  dieselbe  Drehung,  vermöge  deren  der  Punkt 
t  =  (jp(  —J  in  den  Punkt  £  =  <)p(  -~- — )  übergeht,  auch  zugleich  den  Punkt 

t==<p(-ä)  *n  ^en  Punkt  t  =  <p(-—i)   über,  und  da  die  Zahlen    <p  (--)  > 

«p  (st)  »  V  (o» )  >  '  "  "  Deständig  abnehmen  und  die  diesen  Parameterwerten 
entsprechenden  Punkte  daher  jedenfalls  gegen  eine  gewisse  Stelle  A  kon- 
vergieren müssen,  so  konvergieren  mit  Rücksicht  auf  Axiom  III  einer  oft 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  145 

angewandten  Scklußweise  zufolge  auch  die  vorhin  genannten  unendlichen 
Reihen  von  Punkten  beide  gegen  denselben  Punkt. 

Die  Funktion  <p(<?)  gestattet,  da  sie  stets  wächst  und  stetig  ist,  auch 
eine  eindeutige  und  stetige  Umkehrung. 

Die    Drehung    um    M,    durch    welche    der    Punkt    t  =  0    in    den 

Punkt    t  =  cp  \~)   übergeht,    führt    zugleich    den    Punkt    t  =  qp  (-j-j-J    in 

t  =  <P  ( -^  +  -£  )  über,  unter  om  irgend  eine  ganze  Zahl  verstanden.    Da  für 

(a  \  / b        a  \ 

—  I  gegen  <p  (ö)  und  zugleich  die  Zahlen  <p  I  ■—  +  -; ) 

gegen  q>  ( -jjj  +  * )  konvergieren,  so  gibt  es  nach  Axiom  III  eine  Drehung, 

welche  den  Punkt  t  =  0  nach  t  —  9  (<f)  und  zugleich  den  Punkt  £  =  <p  ( -~  j 

nach  ^  =  9(-^  +  öj  bewegt,  d.  h.  es  ist 

und,  da  (?  eine  stetige  Funktion  ist,  so  folgt  hieraus  allgemein  für  be- 
liebige Parameter  werte  r,  6 

A(<p(T),<p(a))  =  (p(r+  6). 

Damit  ist  bewiesen,  daß,  wenn  wir  in  der  Transformationsformel 

t  -  A  ft  s) 

mittels  einer  gewissen  umkehrbar  eindeutigen  Funktion  <p  an  Stelle  von 
t}  t'f  s  neue  Parameter  r,  t',  <j  gemäß 

£  =  9>(t),       ^-f.(V),       s  =  y(ff) 
einführen,   sich  die  Drehung  in  den  neuen  Parametern  durch  die  Formel 

x  =  t  +  * 
ausdrückt.     Dieser    Satz    lehrt   die  Richtigkeit  der   in  §  17   aufgestellten 
Behauptung. 

Wir  setzen  noch  an  Stelle  des  Parameters  6  den  Parameter  ra  =  2jrtf, 
und  nennen  diesen  Parameterwert  &  den  Winkel  oder  die  Bogenlänge 
zwischen  den  Punkten  0  (<5  —  0)  und  8  (d.  h.  <?)  auf  dem  wahren  Kreise  x; 
die  Drehung,  bei  welcher  der  Punkt  0  (ö  =  0)  in  den  Punkt  8  (d.  h.  <y) 
übergeht,  heiße  eine  Drehung  A  [co]  des  wahren  Kreises  x  in  sich  um  den 
Winkel  co. 

Hubert,  Grundlagen  der  Geometrie.  10 


146  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

§  19. 

Durch  diesen  Beweis  des  Satzes  in  §  17  haben  wir  die  Untersuchung 
der  Drehungen  des  wahren  Kreises  x  in  sich  beendet.  Wegen  §  11  und 
§  12  erkennen  wir,  daß  die  in  §  13 — §  18  für  den  wahren  Kreis  jc  an- 
gewandten Schlußweisen  und  bewiesenen  Tatsachen  auch  für  alle  wahren 
Kreise  um  M  gültig  sind,  die  innerhalb  ?c  liegen. 

Wir  wenden  uns  nun  zu  der  Gruppe  der  Transformationen  aller  Punkte 
bei  den  Drehungen  der  Ebene  um  den  festen  Punkt  M  und  beweisen  der 
Reihe  nach  folgende  Sätze: 

Es  sei  von  einem  wahren  Kreise  ft  um  M  bekannt,  daß  er  eine  ge- 
schlossene Jordansche  Kurve  ist,  in  deren  Innerem  M  liegt:  dann  gibt  es 
außer  der  Identität  keine  Drehung  der  Ebene  um  M,  welche  jeden  Punkt 
des  wahren  Kreises  [i  festläßt. 

Zum  Beweise  bezeichnen  wir  eine  Drehung  um  M,  die  jeden  Punkt 
auf  yu  festläßt,  mit  M  und  nehmen  dann  erstens  im  Gegensatz  zur  Be- 
hauptung an,  es  gäbe  auf  (i  einen  Punkt  A,  in  dessen  beliebiger  Nähe 
Punkte  liegen,  die  ihre  Lage  bei  einer  Drehung  M  verändern.  Um  A 
schlagen  wir,  was  nach  §  12  gewiß  möglich  ist,  einen  wahren  Kreis  a, 
der  durch  einen  gegenüber  M  veränderlichen  Punkt  gehe  und  hinreichend 
klein  ist,  so  daß  zufolge  der  obigen  Bemerkung  der  Satz  in  §  14  für  ihn 
zutrifft.  Es  sei  B  ein  Schnittpunkt  dieses  Kreises  mit  ju.;  dann  charakte- 
risiert sich  die  Bewegung  M  zugleich  als  eine  Drehung  des  Kreises  a  in  sich, 
bei  der  B  festbleibt.  Bei  einer  solchen  Drehung  bleiben  aber  nach  §  14 
alle  Punkte  auf  a  fest,  was  nicht  der  Fall  ist;  unsere  erstere  Annahme 
erweist  sich  demnach  als  unzulässig. 

Wir  konstruieren  nunmehr  ein  System  von  geschlossenen  Jordanschen 
Kurven  um  M,  zu  denen  [i  gehört  und  von  denen  jede  die  andere  ent- 
weder ganz  ein-  oder  ganz  umschließt,  so  daß  durch  jeden  Punkt  der 
Zahlenebene  eine  und  nur  eine  Kurve  des  Systems  hindurchgeht.  Dann 
nehmen  wir  zweitens  im  Gegensatz  zur  obigen  Behauptung  au,  es  sei  X 
eine  Kurve  dieses  Systems  innerhalb  [i  bez.  außerhalb  ^,,  so  daß  alle  Punkte 
in  dem  ringförmigen  Gebiete  zwischen  fi  und  X  bei  jeder  Drehung  M  fest- 
bleiben, während  in  beliebiger  Nähe  der  Kurve  X  solche  Punkte  vorhanden 
sind,  die  nicht  bei  jeder  Drehung  M  festbleiben. 

Es  sei  A  ein  Punkt  auf  X,  in  dessen  beliebiger  Nähe  bei  M  bewegliche 
Punkte  liegen;  dann  schlagen  wir  um  A  einen  wahren  Kreis,  der  durch 
einen  dieser  beweglichen  Punkte  läuft  und  hinreichend  klein  ist,  so  daß 
der  Satz  in  §  14  für  ihn  zutrifft.  Da  dieser  Kreis  bei  genügender  Klein- 
heit jedenfalls  durch  einen  Teil  des  ringförmigen  bei  den  Bewegungen  M 
festbleibenden    Gebietes    hindurchläuft,    so    charakterisiert    sich    die    Be- 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  147 

wegung  M  zugleich  als  eine  Drehung  des  Kreises  a  in  sich,  bei  welcher 
unendlich  viele  Punkte  von  a  festbleiben.  Bei  M  müßten  daher  nach  §  14 
alle  Punkte  von  a  festbleiben,  was  nicht  der  Fall  ist.  Damit  ist  gezeigt, 
daß  bei  den  Drehungen  M  alle  Punkte  der  Ebene  festbleiben. 

§  20. 

Wir  stellen  nun  folgende  wichtige  Behauptung  auf: 
Jeder  wahre  Kreis  ist  eine  geschlossene  Jordansche  Kurve:  das  System 
aller  wahren  Kreise  um  irgend  einen  Punkt  M  erfüllt  lückenlos  unsere 
Ebene,  so  daß  jeder  wahre  Kreis  um  M  jeden  anderen  solchen  Kreis  ein- 
oder  umschließt.  Die  sämtlichen  Drehungen  A  [eo]  unserer  Ebene  um  M 
werden  durch  Transformationsformeln  von  der  Gestalt 

x=f{x,y;<a),  y=g{x,y;co) 
ausgedrückt;  darin  bedeuten  x,  y  bez.  x,  y  die  Koordinaten  in  der  Zahlen- 
ebene und  f,  g  eindeutige  stetige  Funktionen  in  den  drei  Veränderlichen 
x,  y,  a.  Ferner  haben  für  jeden  Punkt  x,  y  die  Funktionen  f,  g  hinsichtlich 
des  Argumentes  co  die  Zahl  2%  zur  kleinsten  simultanen  Periode,  d.  h.  man 
erhält  jeden  Punkt  des  wahren  Kreises  durch  den  Punkt  (x,  y)  je  einmal 
und  nur  einmal,  wenn  man  a  die  Werte  von  0  bis  2  7t  durchlaufen  läßt. 
Endlich  gilt  für  die  Zusammensetzung  zweier  Drehungen  um  die  Winkel  a,  a' 

die  Formel 

A[a>]A[ß/]  =  A[(o  +  <l. 

§  21. 

Zum  Beweise  der  aufgestellten  Behauptungen  fassen  wir  wiederum  zu- 
nächst den  in  §  3 — §  18  untersuchten  wahren  Kreis  x  um  M  ins  Auge,  der 
eine  geschlossene  Jordansche  Kurve  ist,  und  betrachten  die  Drehungen 
dieses  wahren  Kreises  x  in  sich.  Nach  §  18  führen  wir  den  Winkel  co 
ein,  so  daß  durch  die  Angabe  eines  Wertes  von  co  zwischen  0  und  2  a 
eine  Bewegung  des  wahren  Kreises  x  in  sich  eindeutig  bestimmt  ist.  Nun 
entspricht  aber  einer  jeden  Drehung  des  wahren  Kreises  x  in  sich  nur 
eine  bestimmte  Drehung  der  Ebene  um  M,  da  ja  nach  §  19  bei  Fest- 
haltung aller  Punkte  auf  x  überhaupt  alle  Punkte  der  Ebene  festbleiben. 
Daraus  folgt,  daß  in  den  in  §  20  aufgestellten  Formeln  für  die  Drehung 
der  Ebene  um  M  die  Funktionen  f,  g  für  alle  x,y}a  eindeutige  Funktionen 
sind,  die  hinsichtlich  oo  die  Periode  2%  besitzen. 

Wir  beweisen  nun,  daß  /',  g  stetige  Funktionen  in  x,  y,  eo  sind.  Zu 
dem  Zwecke  sei  0  irgend  ein  Punkt  auf  x,  ferner  au  co2,  co3, . . .  eine 
unendliche  Reihe  von  Werten,  die  gegen  einen  bestimmten  Wert  co 
konvergieren,  und  Tlf  1\,  1\, .  .  .  eine  unendliche  Reihe  von  Punkten 
unserer  Ebene,  die  gegen  irgend  einen  Punkt  T  konvergieren.    Diejenigen 

10* 


148  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

Punkte,  die  aus  0  bez.  bei  Anwendung  der  Drehungen  um  den  Winkel 
<o1}  g>2,  «3,  .  .  .  hervorgehen,  bezeichnen  wir  mit  S1}  S2,  S3,  .  .  .  und  die 
Punkte,  die  aus  Tlf  Tt)  Tlt . .  .  bez.  bei  den  Drehungen  co1}  co2,  a3,  .  .  .  ent- 
stehen, mögen  Z17  Z2,  Z3)  .  .  .  heißen.  Endlich  mögen  die  Punkte,  die 
aus  0  bez.  T  durch  eine  Drehung  um  den  Winkel  co  hervorgehen,  bez. 
mit  8,  Z  bezeichnet  werden.  Es  kommt  darauf  an,  zu  zeigen,  daß  die 
Punkte  Z1}  Z2,  Z3,  .  .  .  gegen  Z  konvergieren. 

Da  die  Punkte  Tlf  Tit  T9J . . .  gegen  T  konvergieren,  so  können  wir 
ein  Jordansches  Gebiet  G  bestimmen,  in  dessen  Innerem  die  sämtlichen 
Punkte  M,  T,  T1}  T2,  T3,  .  .  .  liegen.  Auf  dieses  Jordansche  Gebiet  wenden 
wir  dann  diejenige  Drehung  um  M  an,  welche  0  nach  S  bewegt.  Das 
so  aus  G  entstehende  Jordansche  Gebiet  heiße  H;  dasselbe  enthält  gewiß 
die  Punkte  M  und  Z.  Endlich  konstruieren  wir  eine  geschlossene 
Jordansche  Kurve  a,  die  das  Gebiet  H  ganz  im  Inneren  enthält  d.  h. 
umschließt,  ohne  daß  ein  Punkt  auf  H  liegt. 

Wir  wollen  nun  beweisen,  daß  von  den  Punkten  Z1}  Z2,  Z3, .. .  gewiß 
nur  eine  endliche  Anzahl  außerhalb  der  Kurve  a  liegen.  In  der  Tat, 
würden  unendlich  viele  von  ihnen,  etwa  die  Punkte  Zi ,  Z{ ,  Z{ , .  .  .  außer- 
halb a  liegen,  so  denke  man  sich  allgemein  M  mit  Tih  durch  eine 
Jordansche  innerhalb  G  verlaufende  Kurve  yh  verbunden  und  dann  mit  yh 
die  Drehung  um  den  Winkel  aih  ausgeführt.  Die  so  entstehende  Kurve 
verbindet  M  mit  Zifi  und  schneidet  folglich  die  Kurve  a  gewiß  in  einem 
Punkte,  etwa  jBa;  es  sei  Ah  der  Punkt  auf  yh,  der  bei  der  Drehung  um 
den  Winkel  o,-A  in  Bh  übergeht.  Da  die  Punkte  A1}  A2,  Az, .  .  .  sämtlich 
innerhalb  G  und  die  Punkte  Blf  J82,  B3,  .  .  .  sämtlich  auf  a  bleiben,  so 
gibt  es  gewiß  eine  unendliche  Reihe  von  Indices  Äj,  \,  Ji3, . . .  von  der 
Art,  daß  Ah  ,  A^  ,  Ah  ,  .  .  .  gegen  einen  Punkt  A  innerhalb  G  oder  auf 
der  Grenze  von  G  und  zugleich  Bh  ,  BK,  Bh  ,  .  .  .  gegen  einen  Punkt  B 
auf  a  konvergieren.  Nun  wissen  wir,  daß  die  Punkte  S1}  S2,  S3,  .  .  .  gegen 
S  konvergieren;  mit  Rücksicht  auf  Axiom  III  müßte  es  demnach  eine 
Drehung  um  M  geben,  die  0  nach  8  und  zugleich  A  nach  B  bewegt; 
dies  ist  aber  nicht  möglich.  Denn  bei  dieser  Drehung  müßte  A  in  einen 
Punkt  innerhalb  H  oder  auf  der  Grenze  von  H  übergehen;  dagegen 
ist  B  ein  Punkt  auf  der  Kurve  a,  die  das  Gebiet  H  ganz  im  Inneren 
enthält. 

Damit  haben  wir  erkannt,  daß  das  Punktsystem  Zu  Z2,  Z3,  .  .  .  ganz 
innerhalb  eines  gewissen  Jordanschen  Gebietes  liegen  muß. 

Es  sei  nun  Z*  eine  Verdichtungsstelle  der  Punkte  Z1}  Z2>  Ztt . . . 
Da  die  Punkte  8lf  S2,  83, .  .  .  gegen  S  konvergieren,  so  gibt  es  nach 
Axiom  III  eine  Drehung  um  M,  bei  welcher  0  in  8  und  zugleich  T  in  Z* 
übergeht.     Da  aber  bei  derjenigen  Drehung  um  M,  welche  0  in  8  über- 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  149 

führt,  T  in  Z  übergehen  sollte,  so  folgt  wegen  der  vorhin  bewiesenen 
Eindeutigkeit  der  Funktionen  f,  g  notwendig  Z*  =  Z,  d.  h.  die  Punkte 
ZltZi}ZZf...  verdichten  sich  nur  an  einer  Stelle,  nämlich  an  der  Stelle  Z. 
Damit  ist  die  Stetigkeit  der  Funktionen  f,  g  in  x,  y,  eo  bewiesen. 

Wir  setzen  jetzt  in  f,  g  für  x,  y  die  Koordinaten  irgend  eines  Punktes  P 
unserer  Ebene  ein,  der  innerhalb  oder  außerhalb  des  Kreises  %  liegt.  Die 
dann  entstehenden  Funktionen  f(co),g(a)  in  der  Veränderlichen  co  allein 
dürfen  nicht  beliebig  kleine  simultane  Perioden  haben.  Denn  da  sie  stetige 
Funktionen  von  cd  sind,  so  wären  sie  in  diesem  Falle  Konstante;  dann 
aber  würde  der  Punkt  P  bei  allen  Drehungen  der  Ebene  um  M  fest- 
bleiben, was  Axiom  II  widerspräche.    Die  kleinste  simultane  Periode  jener 

beiden  Funktionen  f(a),g  (to)  muß  demnach  von  der  Form  -  -  sein,  wo  n 

eine  ganze  positive  Zahl  bedeutet.  Hieraus  folgt,  daß  der  durch  P  gehende 
wahre  Kreis  erhalten  wird,  wenn  man  in  den  Formeln 

2  7t 

den  Wert  co  von  0  bis  —  laufen  läßt.     Diese  Kurve  ist  geschlossen  und 

ohne  Doppelpunkte;  sie  stellt  daher  den  durch  P  gehenden  wahren 
Kreis  um  M  dar.    Wenden  wir  nunmehr  auf  die  Ebene  eine  Drehung  um 

2  7t 

den  Winkel  —  an,  so  bleiben  dabei  alle  Punkte  dieses  durch  P  gelegten 

wahren  Kreises  fest,  und  daher  müßten  nach  §  19  alle  Punkte  der  Ebene 
festbleiben;  die  Punkte  auf  dem  wahren  Kreise  x  bleiben  aber  bei  jener 
Drehung  nur  fest,  wenn  n  =  1  ist,  und  damit  haben  wir  die  Aussagen 
des  in  §  20  aufgestellten  Satzes  in  allen  Teilen  bewiesen. 

§  22. 

Wir  erkennen  jetzt  leicht  auch  die  Richtigkeit  der  folgenden  Tatsachen: 

Wenn  irgend  zwei  Punkte  bei  einer  Beivegung  der  Ebene  festbleiben, 
so  bleiben  alle  Punkte  fest,  d.  h.  die  Bewegung  ist  die  Identität. 

Jeder  Punkt  der  Ebene  läßt  sich  durch  eine  Bewegung  (d.  h.  zwei 
Drehungen)  gewiß  in  jeden  anderen  Punkt  der  Ebene  überführen. 

Die  erstere  Tatsache  folgt  sofort  mit  Rücksicht  auf  den  Satz  in  §  20; 
die  letztere,  wenn  wir  um  jeden  der  Punkte  den  wahren  Kreis  durch  den 
anderen  legen,  wobei  diese  Kreise  sich  notwendig  treffen  müssen. 

§  23. 

Unser  wichtigstes  weiteres  Ziel  besteht  darin,  den  Begriff  der  wahren 
Geraden  in  unserer  Geometrie  einzuführen  und  die  für  den  Aufbau  der 
Geometrie  notwendigen  Eigenschaften  dieses  Begriffes  zu  entwickeln. 


150  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

Zu  dem  Zwecke  setzen  wir  zunächst  folgende  Benennungen  fest:  Wenn 
A,  B  und  Ä,  B'  zwei  Paare  von  Bildpunkten  von  der  Art  sind,  daß  sich 
vermöge  einer  Bewegung  A  in  Ä  und  zugleich  B  in  B'  überführen  läßt, 
so  sagen  wir,  die  (wahre)  Strecke  AB  sei  kongruent  (in  Zeichen  =)  der 
(wahren)  Strecke  A'B ' .  Ferner  nennen  wir  zwei  wahre  Kreise  kongruent, 
wenn  es  eine  Bewegung  gibt,  welche  ihre  Mittelpunkte  und  zugleich  sie 
selbst  ineinander  überführt. 

Unter  einer  Halbdrehung  H  um  einen  Punkt  M  verstehen  wir  eine 
Drehung  um  den  Winkel  %,  d.  h.  eine  Drehung,  die  noch  einmal  aus- 
geführt die  Identität  ergibt.  Wenn  A,  B,  C  drei  Punkte  sind,  so  daß  A 
bei  einer  Halbdrehung  um  B  in  C  und  demnach  auch  zugleich  C  bei 
dieser  Halbdrehung  in  A  übergeht,  so  heiße  B  die  Mitte  der  Strecke  AC. 

Wenn  C  ein  Punkt  innerhalb  bez.  außerhalb  des  um  A  durch  B 
geschlagenen  wahren  Kreises  ist,  so  nennen  wir  die  Strecke  AC  kleiner 
bez.  größer  als  die  Strecke  AB.  Um  in  analoger  Weise  die  Begriffe 
„kleiner"  und  „größer"  für  beliebige  Strecken  bez.  für  beliebige  Kreise 
zu  definieren,  führe  man  Bewegungen  aus,  vermöge  welcher  die  Anfangs- 
punkte der  Strecken  bez.  die  Mittelpunkte  der  Kreise  in  den  nämlichen 
Punkt  fallen. 

§  24. 

Eine  wahre  Strecke  AC  hat  höchstens  eine  Mitte;  gäbe  es  nämlich 
für  AC  zwei  Mitten  und  bezeichnen  wir  die  Halbdrehungen  um  diese 
Mitten  mit  Hx  und  H2,  so  würde  die  zusammengesetzte  Substitution 
HxHt~l  eine  Bewegung  darstellen,  welche  jeden  der  Punkte  A  und  C 
festließe,  und  somit  entnehmen  wir  nach  §  22,  indem  wir  symbolisch  die 
Identität  mit  1  bezeichnen, 

B1jy2-1  =  l     d.h.     Ht^H2- 
mithin  stimmen  auch  die  Mitten  selbst  überein.    Insbesondere  folgern  wir 
hieraus  die  weitere  Tatsache: 

Wenn  zwei  Strecken  einander  kongruent  sind,  so  sind  auch  ihre 
Hälften  einander  kongruent. 

§  25. 

Für  die  weiteren  Entwicklungen  brauchen  wir  folgenden  Hilfssatz: 
Es  mögen  die  Punkte  Alf  A%,  A3,  .  .  .  gegen  den  Punkt  A  und  die 
Punkte  Mx,  M2,  M3,  .  .  .  gegen  den  Punkt  M  konvergieren;  wenn  dann 
allgemein  bei  Ausführung  der  Halbdrehung  um  M{  der  Punkt  A{  in  B{ 
übergeht,  so  konvergieren  die  Punkte  Blf  B2,  B3,  .  .  .  ebenfalls  und  zwar 
gegen  denjenigen  Punkt  B,  der  durch  die  Halbdrehung  um  M  aus  A 
entsteht. 


Anhang  IT:   Grundlagen  der  Geometrie.  151 

Zunächst  läßt  sieh  gewiß  ein  Jordansehes  Gebiet  finden,  innerhalb 
dessen  du  Punktsystem  2^,  i^,  B3, . . .  gelegen  ist  Davon  überzeugen 
wir  uns  durch  das  nämliche  SehlnßTerfahren,  welches  in  §  21  auf  das 
Punktsystem  Zx,  Z^,  Z%, . . .  angewandt  worden  ist 

Wir  bezeichnen  nun  mit  B*  eine  Yerdiehtungsstelle  der  Punkte 
B. .  Bi.  B>. . . .  Auf  Grund  des  Axioms  HE  muß  es  dann  eine  Bewegung 
geben,  welche  die  Punkte  A,  31,  B*  bez.  in  die  Punkte  B*,  M,  A  über- 
fuhrt; <L  h.  B*  gebt  ans  A  durch  die  Halbdrehung  um  31  herror.  Da 
aber  aneh  B  ans  A  durch  die  Halbdrehung  um  31  hervorgeht,  so  folgt 
B*  =  B  and  damit  ist  der  gewünschte  Nachweis  erbracht. 

§26. 

Es  sei  M  die  Mitte  einer  gewissen  Strecke  AB;  dann  wollen  wir 
sagen,  daß  jede  Streckt  AC,  die  Meiner  als  AB  ist,  ebenfalls  eine 
Wsn    v  kssH 

Zu  dem  Zwecke  ziehen  wir  irgend  eine  stetige  Eurre  y  Ton  Abis  31 
and  soeben  za  jedem  Punkte  3£  dieser  Eurre  y  den.  Punkt  B",  so  daß 
31'  die  Mitte  ron  AB'  wird;  dam  ist  der  Ort  der  Punkte  B',  wie  wir 
ans  dem  in  §  25  bewiesenem  Hflftwatre  schließen,  eine  stetige  Eurre  y. 
Diese  Eurre  y  mündet  gewiß  in  A,  wenn  der  Punkt  31'  auf  der 
Eurre  y  nach  A  hin  läuft  Denn  im  anderen  Falle  nehmen  wir  an,  es 
sei  311.  31t,  2£,, . . .  eine  unendliche  Reihe  ron  Punkten  auf  y,  die  gegen 

A  kontei gieren,  and  Blf  Br,  B$, die  entsprechenden  Punkte  auf  der 

Eurre  /.  Würden  nun  B1,  Bif  B.. . . .  eine  ron  A  verschiedene  Ter- 
dichtangssteDe  J*  besitzen,  so  entnehmen  wir  daraus,  daß  es  eine  Be- 
wegung gibt,  welche  gen  ist  Punkte  in  beliebiger  Nähe  ron  A  in  be- 
liebiger Nähe  ron  A*  läßt  und  zugleich  den  Punkt  A  in  beliebige  Sähe 
ron  A*  bringt.  Dann  müßte  also  auf  Grund  des  Axioms  HI  bei  einer 
gewissen  Bewegung  A  festbleiben  und  zugleich  in  J*  übergehen,  was 
-:-— '-'.-/..: l   .-: 

Da  nun  anserci  *-•■-■!■■■  zufolge  J.C  kleiner  als  AB  ist,  so  muß 
der  um  A  durch  C  geschlagene  wahre  Kreis  die  A  mit  B  verbindende 
stetige  Surre  7'  in  irgend  einem  Punkte  &  treffen.  Der  diesem  Punkte 
...i.r.,l»..u  Punkt  Jf '  auf  y  ist  die  Mitte  der  wahren  Strecke  AB' 
and  da  J^C  =  AB'  ist,  so  findet  man  durch  eine  geeignete  Drehung  um  A 
aas  JT  aneh  die  gesuchte  Mitte  JF  ron  AC. 

Da  die  Strecke  JLC  durch  ihre  Halbdrehung  am  ihre  Mitte  X  in 
die  Strecke  CA  übergeht,  so  folgt  aus  unserem  eben  bewiesenen  Satze: 

Die  Strecke  AC  ist  stets  der  Strecke  CA  kongruent  —  Torausgesetzt, 
daß  die  Strecke  AC  kleiner  ab  die  bestimmte  am  Anfange  dieses  §  26  zu 
Grande  gelegte  Strecke  AB  ist 


152 


Anhang  IY:    Grundlagen  der  Geometrie. 


Zugleich  erkennen  wir,  daß,  wenn  die  Punkte  ClfC2,Cs,...  gegen 
den  Punkt  A  konvergieren,  stets  auch  die  Mitten  Nlt  N2,  N3,  .  .  .  der 
Strecken  bez.  AC1}  AC2,  ACS,  .  .  .  gegen  A  konvergieren. 

§  27. 

Für  unsere  weiteren  Entwicklungen  haben  wir  einige  Sätze  über  sich 
berührende  wahre  Kreise  nötig  und  zwar  kommt  es  vor  allem  darauf  an, 
zwei  zueinander  kongruente  Kreise  zu  konstruieren,  die  sich  einander  von 
außen  in  einem  und  nur  in  einem  Punkte  oerühren. 

Zu  dem  Zwecke  wählen  wir  einen  Kreis  x  so  klein,  daß  innerhalb 
desselben   keine    Strecke    liegt,    die    der   bestimmten  in  §  26   zu   Grunde 

gelegten  Strecke  AB 
kongruent  wird;  der 
Satz  in  §  20  zeigt, 
daß  dies  gewiß  mög- 
lich ist,  da  sich 
sonst  die  Punkte  A 
und  B  gleichzeitig 
beliebig  nahe  an  M 
bewegen  ließen.  So- 
dann sei  x  ein  inner- 
halb x  liegender 
Kreis  um  denselben 
Mittelpunkt  wie  x . 
Wir  nehmen  nun  auf 
dem  Kreise  x  irgend 
zwei  Punkte  an  und 
schlagen  um  diese 
zueinander  kongru- 
ente Kreise  a  und  ß 
so  klein,  daß  irgend  zwei  Punkte  auf  x,  die  innerhalb  cc  liegen,  niemals 
von  irgend  zwei  Punkten  auf  x,  die  innerhalb  ß  liegen,  im  Sinne 
der  Anordnung  der  Punkte  auf  x  getrennt  liegen  können.  Außerdem 
seien  die  Kreise  cc,  ß  so  klein  gewählt,  daß  sie  ganz  innerhalb  des 
Kreises  x  liegen.  Dann  nehme  man  einen  Punkt  P'  an,  der  innerhalb  cc 
und  außerhalb  x  liegt,  und  einen  Punkt  R'  an,  der  innerhalb  ß  und 
innerhalb  x  liegt,  und  schlage  dann  um  P'  und  R'  zueinander  kongruente 
Kreise  %  und  q  so  klein,  daß  %  ganz  innerhalb  cc  und  außerhalb  x  und 
ferner  q  ganz  innerhalb  ß  und  innerhalb  x  fällt.  Nun  führe  man  eine 
Drehung  um  den  Mittelpunkt  von  a  aus,  so  daß  der  Kreis  %'  in  einen 
Kreis  %"  übergeht,  der  den  Kreis  x  von  außen  berührt:   die  Berührungs- 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  153 

punkte  bilden  ein  Punktsystem,  welches  mit  S  bezeichnet  werden  möge. 
Sodann  führe  man  eine  Drehung  um  den  Mittelpunkt  von  ß  aus,  so  daß 
der  Kreis  q'  in  einen  Kreis  q  übergeht,  der  den  Kreis  x  von  innen  be- 
rührt. Die  Berührungspunkte  bilden  ein  Punktsystem,  welches  mit  T 
bezeichnet  werden  möge. 

Da  wegen  der  Wahl  der  Kreise  a,  ß  keine  zwei  Punkte  des  Systems  S 
durch  ein  Punktepaar  des  Systems  T  auf  x  getrennt  werden,  so  ist  es 
gewiß  möglich,  durch  eine  Drehung  der  Ebene  um  den  Mittelpunkt  des 
Kreises  x  einen  der  äußersten  Punkte  von  8  auf  x  mit  einem  der  äußersten 
Punkte  von  T  auf  x  derartig  zur  Deckung  zu  bringen,  daß  die  übrigen 
Punkte  von  S  in  Punkte  übergehen,  die  von  den  Punkten  des  Systems  T 
durchweg  verschieden  sind.  Bei  dieser  Drehung  gelangt  der  Kreis  %"  mit 
dem  Kreise  q  in  Berührung  in  der  Weise,  daß  der  Punkt  G,  in  dem  das 
Zusammenfallen  stattfindet,  der  einzige  Berührungspunkt  wird.  Wir  be- 
zeichnen den  Kreis  7t"  in  seiner  neuen  Lage  mit  %  und  die  Mittelpunkte 
von  %  und  q  bez.  mit  P  und  B. 

Wir  wollen  nun  beweisen,  daß  der  Berührungspunkt  C  notwendig 
die  Mitte  zwischen  den  beiden  Mittelpunkten  P,  B  ist.  In  der  Tat, 
wegen  unserer  Wahl  von  x  ist  die  Strecke  PB  notwendig  kleiner  als 
die  bestimmte  Strecke  AB  und  besitzt  daher  nach  §  26  gewiß  eine 
Mitte;  dieselbe  heiße  0*.  Dann  geht  jeder  der  beiden  Kreise  7t,  q  durch 
eine  Halbdrehung  um  C*  in  den  anderen  über  und  daher  wird  aus  jedem 
Punkte  des  einen  Kreises  ein  Punkt  des  andern.  Da  der  Punkt  C  beiden 
Kreisen  7t,  q  gemeinsam  ist,  so  muß  er  bei  einer  solchen  Halbdrehung 
ebenfalls  in  einen  den  Kreisen  %,  q  gemeinsamen  Punkt  übergehen,  er 
muß  folglich  bei  dieser  Halbdrehung  ungeändert  bleiben  und  stimmt  mithin 
notwendig  mit  dem  Punkte  C*  überein,  um  welchen  die  Halbdrehung 
ausgeführt  wurde. 

Aus  dem  eben  bewiesenen  Satze  erkennen  wir  zugleich  folgende 
Tatsache : 

Aus  dem  Kreise  %  entsteht  durch  Halbdrehung  um  den  Punkt  C  auf  % 
der  Kreis  q  ,  der  %  in  C  von  außen'  berührt;  es  gibt  außer  q  keinen  anderen 
Kreis,  der  mit  dem  Kreise  %  kongruent  ist  und  ihn  im  Punkte  C  und  nur 
in  diesem  einen  Punkte  von  außen  berührt. 

§  28. 

Ferner  gilt  der  Satz: 

Wenn  irgend  ein  Kreis  v  von  dem  Kreise  7t  umschlossen  und  berührt 
wird,  so  findet  diese  Berührung  nur  in  einem  Punkte  statt. 

Zum  Beweise  nehmen  wir  an,  es  seien  Q,  Q'  zwei  voneinander  ver- 
schiedene Berührungspuukte  der  Kreise  t  und  %.     Dann  führen  wir  eine 


154 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 


Halbdrehung  um  Q'  aus;    durch    diese    geht    %   in    einen    Kreis   %'  über, 
der  %  nur  im  Punkte  Q'  berührt,  und  i  geht  in  einen  Kreis  i    über,  der 

innerhalb  ri  und  daher  gewiß  ganz  außerhalb  % 
verläuft,  beide  Kreise  n,  %  nur  in  Q'  berüh- 
rend. Führen  wir  jetzt  diejenige  Drehung 
um  den  Mittelpunkt  des  Kreises  %  aus,  durch 
welche  Q  in  Q'  übergeht,  so  entsteht  aus  i 
ein  Kreis  i",  welcher  ganz  innerhalb  it  und 
daher  gewiß  auch  außerhalb  i  liegt,  diesen 
nur  in  Q'  berührend  Damit  haben  wir 
zwei  Kreise  i,  i",  die  beide  den  kongruenten 
Kreis li  in  Q'  und  nur  in  diesem  Punkte  von 
außen  berühren,  und  dieser  Umstand  wider- 
spricht dem  Satze  in  §  27. 
Die  in  §  27  und  §  28  gefundenen  Tatsachen  bleiben  gültig,  wenn 
wir  statt  %}  q  kleinere  Kreise  nehmen. 


§  29. 
Es  sei  P  der  Mittelpunkt  des  in  §  27  konstruierten  Kreises  %  und  Q 
ein  Punkt  auf  %,  ferner  sei  0  ein  beliebiger  Punkt.  Dann  können  wir 
unter  Heranziehung  der  Bemerkung  am  Schluß  von  §  26  und  wie  in  §  27 
auf  Grund  des  Satzes  in  §  20  gewiß  einen  Punkt  E  in  solcher  Nähe 
von  0  angeben,  daß  innerhalb  des  Kreises  l,  der  um  die  Mitte  M  der 
Strecke  OE  durch  0  und  E  gelegt  wird,  keine  zu  PQ  kongruente  Strecke 
existiert  und  das  gleiche  auch  für  jeden  Punkt  E'  und  den  entsprechenden 
Kreis  t  gilt,  wenn  E'  noch  näher  als  E  an  dem  Punkte  0  gelegen  ist. 
Alsdann  gilt  der  Satz: 

Der  um  die  Mitte  M  {bez.  M')  von  OE  (bez.  OE')  durch  0  gelegte 
Kreis  i  (bez.  t)  wird  von  dem  Kreise  um  0  durch  E  (bez.  E')  ganz  um- 
schlossen und  nur  in  E  (bez.  E')  berührt. 

Zum  Beweise  konstruieren  wir  zunächst 
denjenigen  Kreis  co  um  0,  der  den  Kreis  i 
umschließt  und  zugleich  berührt.  Dieser  Kreis  co 
ist  notwendig  kleiner  als  der  Kreis  ?r;  denn 
im  anderen  Falle  würde  der  um  0  gelegte 
zu  7t  kongruente  Kreis  ins  Innere  des  Kreises  i 
eintreten  und  dann  müßte  innerhalb  i  eine  zu 
PQ  kongruente  Strecke  existieren,  was  nicht 
der  Fall  sein  sollte.  Nach  dem  in  §  28  bewiesenen 
Satze  kann  dieser  Kreis  co  mit  i  nur  einen  Berührungspunkt  haben;  derselbe 
sei  Ev    Wäre  nun  22,  verschieden  von  E,  so  führe  man  um  M  diejenige 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  155 

Drehung  aus,  durch  welche  E1  nach  0  gelangt;  bei  dieser  Drehung  ge- 
langt dann  0  in  einen  Punkt  E2  des  Kreises  i,  der  von  E1  verschieden 
sein  müßte.  Da  die  Strecke  OE1  der  Strecke  E20  und  also  auch  OE% 
kongruent  wird,  so  müßte  E2  ebenfalls  ein  Punkt  des  Kreises  a  sein, 
dies  widerspräche  dem  Umstände,  daß  E±  der  einzige  den  Kreisen  co  und  i 
gemeinsame  Punkt  sein  sollte;  d.  h.  der  Kreis  to  läuft  durch  E  und 
damit  ist  unsere  Behauptung  bewiesen. 

§  30. 

Bei  den  folgenden  Entwicklungen  legen  wir  die  zu  Beginn  des  §  29 
konstruierte  Strecke  OE  zu  Grunde  und  erteilen  den  Punkten  0,  E  die 
Zahlenwerte  0  bez.  1;  sodann  konstruieren  wir  die  Mitte  von  OE  und 
erteilen  dieser  Mitte  den  Zahlenwert  \,  ferner  erteilen  wir  den  Mitten 
der  Strecken  (0,  \)  bez.  (£,  1)  die  Werte  \  bez.  £  und  dann  den  Mitten 
der  Strecke  (0,  \)  bez.  (*,*),  %  £),  (f ,  1)  die  Werte  |  bez.  |,  f,  f; 
und  so  fort.  Ferner  führen  wir  mit  der  ganzen  Strecke  (0,  1)  um  den 
Punkt  0  eine  Halbdrehung  aus  und  erteilen  allgemein  demjenigen  Punkte, 
der  aus  dem  zur  Zahl  a  gehörigen  Punkte  hervorgeht,  den  Zahlen- 
wert —  a;  sodann  führen  wir  um  den  Punkt  1  eine  Halbdrehung  aus 
und  erteilen  allgemein  demjenigen  Punkte,  der  aus  dem  zur  Zahl  a  ge- 
hörigen Punkte  hervorgeht,  den  Zahlenwert  2  —  a  und  so  fort  denken 
wir  uns  abwechselnd  Halbdrehungen  um  0  und  um  E  ausgeführt  und 
die  neu  entstehenden  Punkte  entsprechend  benannt,  bis  schließlich  jede 
Zahl  a  einem  bestimmten  Punkte  zugeordnet  erscheint,  wenn  a  eine 
rationale  Zahl  bedeutet,  deren  Nenner  eine  Potenz  von  2  ist. 

§  31. 

Wir  erkennen  durch  diese  Zuordnung  leicht  folgendes  Gesetz: 
Durch   eine  Halbdrehung  um   den  zur  Zahl  a  gehörigen  Punkt  geht 
jeder  Punkt  X  in  den  Punkt  2  a  —  x   über.     Wenn  wir  mithin  erst  eine 
Halbdrehung  um  den  Punkt  0  =  0  und  dann  eine  solche  um  den  Punkt  a 
ausführen,  so  wird  jeder  Punkt  x  in  den  Punkt  x  -\-  2  a  verwandelt. 

§  32. 

Um  die  Punkte,  denen  Zahlen  zugehören,  untereinander  anzuordnen 
und  die  von  ihnen  begrenzten  Strecken  miteinander  zu  vergleichen,  be- 
nutzen wir  den  in  §  29  aufgestellten  Satz  über  sich  berührende  Kreise 
in  folgender  Weise: 

Der  Kreis  um  den  Punkt  0  durch  den  Punkt  £  umschließt  ganz  den 
Kreis  um  \  durch  £,    und  da  dieser  die  Kreise  um  •£  durch  f  =  \  und 


156 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 


um  |  durch  £  =  \  umschließt,    die  letzteren  wiederum    die  Kreise  um  ~ 
durch    ^  =  |,    um    x|    durch  ^  =  i,    um   x|  durch   jf  =  f,    um  ^  durch 

i|  =  4-,  u.  s.  f.,  so  erkennen  wir, 
daß  die  Strecke  (0,  |-)  größer 
als  alle  Strecken  (0,  a)  ist,  wenn 
a  eine  positive  rationale  Zahl 
bedeutet,  deren  Nenner  eine  Po- 
tenz von  2  ist  und  deren  Wert 
unterhalb  £  liegt. 

Ferner  umschließt  der  Kreis 
um  0  durch  \  den  Kreis  um  £ 
durch  |  ==  \-  Der  zweite  um- 
schlossene Kreis  umschließt  seiner- 
seits die  Kreise  um  ~  durch 
-Xg  und  um  -^  durch  ~,  diese 
umschließen  wiederum  die  klei- 
neren Kreise  um  ä|,  g|  bez.  3|,  ^  u.  s.  f.;  daraus  erkennen  wir,  daß  die 
Strecke  (0,  \)  größer  ist  als  alle  Strecken  (0,  a),  wenn  a  eine  positive 
rationale  Zahl  bedeutet,  deren  Nenner  eine  Potenz  von  2  ist  und  deren 
Wert  unterhalb  \  liegt. 

Weiter  betrachten  wir  den  Kreis  um  0  durch  £;  derselbe  umschließt 
den  Kreis  um  ~  durch  j|  =  £  und  dieser  wiederum  umschließt  die  kleineren 
Kreise  um  gj  durch  g|  u.  s.  f.;  daraus  erkennen  wir,  daß  die  Strecke  (0,  ^) 
größer  als  alle  Strecken  (0,  a)  ist,  wenn  a  eine  positive  rationale  Zahl 
bedeutet,  deren  Nenner  eine  Potenz  von  2  ist  und  deren  Wert  unter- 
halb -J  liegt.  Durch  Fortsetzung  dieses  Schlußverfahrens  finden  wir  das 
allgemeine  Resultat: 

Ist  a  eine  positive  rationale  Zahl,  deren  Nenner  eine  Potenz  von  2  ist 
und  deren  Wert  unterhalb  —  liegt,   so  ist  die  Strecke  (0,  a)   stets   Meiner 


als  die  Strecke 


(o,  £) 


§  33. 

Nunmehr  sind  wir  im  stände,  der  Reihe  nach  folgende  Hilfssätze 
zu  beweisen: 

Die  Punkte,  die  den  Zahlen  \,  \,  \,  x| . .  .  entsprechen,  konvergieren 
gegen  den  Punkt  0. 

Denn  im  entgegengesetzten  Falle  müßten,  da  die  Strecken  (0,  ^), 
(9)  i)>  (0>  i);  (0;  a)j  •  •  •  beständig  kleiner  werden,  die  Punkte  -£,  \,  \t  ^, . . . 
ihre  Verdichtungsstellen  auf  einem  bestimmten  wahren  Kreise  x  um  den 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  157 

Punkt  0  haben.    Es  sei  etwa  -=-,-=->—,•••  eine  Reihe  von  Punkten,  die 

2ni    2^     2  J 

gegen  einen  Punkt  K  auf  k  konvergieren:  dann  mögen  die  Puukte 


2«i  +  i '     2"1  +  i '     2Wa  +  * ' 
im  Punkte  ÜT*  eine  Verdichtungsstelle  haben.     Aus   dem  Satze  im  §  25 
geht  hervor,    daß   dann  K*  die  Mitte  der  Strecke  OK  sein   müßte;    dies 
widerspricht  unter  Hinzuziehung  der  am   Schlüsse  von   §  21   gefundenen 
Tatsache  dem  Umstände,  daß  K*  ebenfalls  auf  dem  Kreise  x  liegt. 

§  34. 

Es  mögen  at,  a2,  as, .  .  .  positive  rationale  Zahlen  bedeuten,  deren  Nenner 
Potenzen  von  2  sind.  Wenn  dann  die  unendliche  Zahlenreihe  alfa2,a3, .  .  . 
gegen  0  konvergiert,  so  konvergiert  auch  die  diesen  Zahlen  entsprechende 
Punktreihe  gegen  den  Punkt  0. 

Zum  Beweise  wählen  wir  die  ganzen  Exponenten  n1}  w2,  n3)  .  .  . 
derart,  daß 

1        2  l  2^  2n3 

wird,  und  die  Reihe  — ,  —,  —  ,•  •  •  ebenfalls  gegen  0  konvergiert.  Da 
zufolge  des  Satzes  in  §  32  allgemein  der  Punkt  a{  innerhalb  des  Kreises 
um  0  durch  —  liegt    und  nach   dem  in  §  33  bewiesenen   Hilfssatze   die 

Kreise  um  0  durch  — ,  — ,  — ,  •  •  •  gegen  0  konvergieren,  so  folgt  sofort 
auch  die  zu  beweisende  Behauptung. 

§  35. 

Endlich  gilt  der  folgende  Satz: 

Es  seien  ax,  a2,  a3)  .  .  .  eine  unendliche  Reihe  von  rationalen  Zahlen, 
deren  Nenner  Potenzen  von  2  sind  und  die  gegen  irgend  eine  reelle  Zahl  a 
konvergieren:  dann  konvergieren  die  entsprechenden  Punkte  a1}  «2,  a3, .  .  . 
ebenfalls  gegen  einen  bestimmten  Punkt. 

Zum  Beweise  nehmen  wir  das  Gegenteil  an:  es  seien  etwa  V  und  V" 
zwei  voneinander  verschiedene  Verdichtungsstellen  der  Punkte  at,  a2,  a3,  . . . 
und  zwar  mögen  die  Punkte  av,  av,  a3,,  .  .  .  gegen  V  und  av,,  a%„,  a3„,  . . . 
gegen  V"  konvergieren.  Nach  den  Bemerkungen  in  §  31  gibt  es  für 
jeden  Punkt  ak  eine  aus  zwei  Halbdrehungen  zusammengesetzte  Be- 
wegung, die  allgemein  den  Punkt  a{,  in  den  Punkt  a{.  —  ak  und  zugleich 
den  Punkt  ai„  in  den  Punkt  a{„  —  ak  überführt,  und  da  sowohl  die  Zahlen- 


158  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

werte  av  —  ak  als  auch  die  Zahlenwerte  a^,  —  ak  mit  wachsenden  Indices 
beliebig  nahe  an  0  kommen,  so  erkennen  wir  mit  Rücksicht  auf  den  Satz 
in  §  34,  daß  es  Bewegungen  gibt,  die  einen  Punkt  in  beliebiger  Nähe 
von  V  und  zugleich  einen  Punkt  in  beliebiger  Nähe  von  V"  in  beliebige 
Nähe  des  Punktes  0  bringen.  Dies  ist  im  Hinblick  auf  Axiom  III  einer 
oft  angewandten  Schlußweise  zufolge  nicht  möglich. 

§  36. 

Erteilen  wir  nun  dem  Punkte,  gegen  den  die  Punkte  a1}  a2,  a3,  .  .  . 
konvergieren,  den  Zahlen  wert  a,  so  ist  damit  überhaupt  jedem  reellen 
Zahlenwerte  ein  bestimmter  Punkt  unserer  Ebene  zugeordnet;  wir  nennen 
das  System  aller  dieser  Punkte  eine  wahre  Gerade,  so  daß  also  unter  dieser 
wahren  Geraden  dasjenige  System  von  Punkten  verstanden  wird,  die  aus  den 
Punkten  0,  E  entstehen,  wenn  man  fortgesetzt  die  Mitten  nimmt,  Halb- 
drehungen ausführt  und  die  Häufungsstellen  aller  erhaltenen  Punkte  hinzu- 
fügt. Sämtliche  durch  Bewegung  aus  dieser  wahren  Geraden  entstellenden 
Punktsysteme  heißen  wiederum  wahre  Gerade.  Die  wahre  Gerade  zerfällt 
von  jedem  ihrer  Punkte  aus  in  zwei  Halbgerade. 

§  37. 

Mit  Benutzung  des  Hilfssatzes  in  §  25  erkennen  wir  leicht,  daß  bei 
der  Halbdrehung  um  einen  beliebigen  Punkt  a  unserer  wahren  Geraden 
allgemein  der  Punkt  x  in  den  Punkt  2a  —  x  übergeht;  bei  der  Aus- 
führung zweier  Halbdrehungen  um  die  Punkte  0  und  a  geht  also  all- 
gemein x  in  x  -\-  2  a  über. 

Aus  dem  Satze  in  §  35  folgern  wir  leicht,  daß  auch  dann,  wenn 
ait  a2,  a3,  .  .  .  beliebige  gegen  a  konvergente  Zahlen  sind,  die  entsprechen- 
den Punkte  ax,a2,a3,  .  .  .  stets  gegen  den  entsprechenden  Punkt  a  kon- 
vergieren; d.  h.  die  wahre  Gerade  ist  eine  stetige  Kurve. 

§  38. 

Versuchen  wir  die  Annahme,  daß  es  zwei  Zahlenwerte  a  und  b  gäbe, 
die  auf  der  wahren  Geraden  den  nämlichen  Punkt  P  der  Ebene  darstellen. 

Der  Punkt  a~t  ist  die  Mitte  der  Strecke  («,&);  derselbe  müßte  daher 
mit  dem  Punkte  P  übereinstimmen.  Das  gleiche  müßte  dann  von  den 
Mitten  den  Strecken  (a,  a"Z~  J  und  V~Z,  f  b)  d.  h.  den  Punkten  — ^- 
und  — ^j —  gelten.  Indem  wir  fortgesetzt  die  Mitten  nehmen,  erkennen 
wir,  daß  sämtliche  Punkte  — — - — — ,  wo  An)  Bn  positive  ganze   Zahlen 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  159 

mit  der  Summe  2n  bedeuten,  mit  P  identisch  sein  müßten,  und  hieraus 
folgt  nach  §  37,  daß  überhaupt  allen  zwischen  a  und  b  gelegenen  reellen 
Zahlen  der  nämliche  Punkt  P  der  Geraden  entsprechen  müßte.  Dieser 
Widerspruch  zeigt,  daß  die  wahre  Gerade  keinen  Doppelpunkt  besitzt. 
Ebenso  erkennen  wir,  daß  die  wahre  Gerade  nicht  in  sich  selbst  zurück- 
laufen kann. 

§  39. 

Zwei  Gerade  haben  höchstens  einen  Punkt  gemein. 

In  der  Tat,  hätten  sie  die  zwei  Punkte  A  und  B  gemein  und  ent- 
sprächen diesen  Punkten  auf  der  einen  Geraden  die  Zahlenwerte  a,  b  und 
auf  der  andern  Geraden  die  Zahlenwerte  a,  b',  so  müßten  nach  §  24  auch 

die  Mitten  — —  und  — y—  miteinander  übereinstimmen.  Indem  wir  fort- 
gesetzt wie  in  §  38  die  Mitten  nehmen,  schließen  wir  in  ähnlicher  Weise, 
daß  sämtliche  zwischen  a  und  b  bez.  a  und  b'  gelegenen  Punkte  auf 
beiden  Geraden  und  mithin  diese  Geraden  selbst  miteinander  identisch  sind. 

§  40. 

Unsere  wahre  Gerade  schneidet  jeden  um  einen  ihrer  Punkte,  etwa  um 
den  Punkt  0  gelegten  Kreis. 

In  der  Tat,  bei  der  entgegengesetzten  Annahme  sind  nur  zwei  Fälle 
möglich:  entweder  es  gibt  einen  bestimmten  Kreis  x  um  den  Punkt  0, 
der  von  der  wahren  Geraden  g  noch  getroffen  wird,  während  die  den 
Kreis  x  umschließenden  Kreise  um  0  von  g  nicht  mehr  getroffen  werden; 
oder  es  gibt  einen  bestimmten  Kreis  x,  der  von  g  nicht  getroffen  wird, 
während  alle  innerhalb  x  verlaufenden  Kreise  um  den  Punkt  0  von  g 
getroffen  werden. 

Da  die  Gerade  g  ihrer  Konstruktion  gemäß  über  jeden  ihrer  Punkte 
hinaus  stets  fortgesetzt  werden  kann  und,  wie  in  §  38  gezeigt  worden  ist, 
keinen  Doppelpunkt  besitzen  darf,  so  müßte  es  im  ersteren  Falle  gewiß 
einen  innerhalb  x  verlaufenden  Kreis  um  den  Punkt  0  geben,  den  sie  auf 
derselben  Seite  von  0  an  zwei  Stellen  A,  B  träfe,  wobei  B  auf  der  Fort- 
setzung von  g  hinter  A  und  genügend  nahe  an  A  innerhalb  x  zu  nehmen 
ist.  Führt  man  nun  eine  Drehung  um  den  Punkt  0  aus,  durch  welche  A 
in  B  übergeht,  so  würde  dabei  unsere  Gerade  g  in  eine  andere  übergehen, 
welche  g  außer  in  0  noch  in  B  schnitte;  dies  ist  dem  in  §  39  be- 
wiesenen Satze  zufolge  unmöglich. 

Im  zweiten  Falle  bezeichne  K  einen  Punkt  des  Kreises  x,  in  dessen 
beliebige  Nähe  die  wahre  Gerade  g  gelangt.  Man  schlage  dann  um  K 
einen  wahren  Kreis  jr*,  der  kleiner  als  x  ist  und  g  etwa  im  Punkte  M 
treffe.     Sodann  schlage  man  um  M  einen  Kreis  %,  der  größer  als  tc*  und 


160  Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie. 

kleiner  als  %  ist.  Dieser  Kreis  n  enthält,  da  er  größer  als  n*  ist,  den 
Punkt  K  im  Inneren,  und  da  er  kleiner  als  %  ist,  so  ergibt  unsere  An- 
nahme in  Verbindung  mit  dem  vorhin  Bewiesenen,  daß  die  durch  M 
gehende  Gerade  g  stetig  innerhalb  %  verläuft,  nach  der  einen  oder  anderen 
Richtung  hin  verlängert  je  durch  einen  Punkt  auf  %  aus  dem  Kreise  it 
heraustritt  und  dann  nicht  mehr  in  den  Kreis  tc  zurückläuft.  Da  die 
Gerade  g  andererseits  dem  innerhalb  %  gelegenen  Punkte  K  beliebig  nahe 
kommen  soll,  so  enthält  sie  notwendig  den  Punkt  K  selbst;  hierin  liegt 
ein  Widerspruch  mit  unserer  gegenwärtigen  Annahme. 

Da  das  System  aller  Kreise  um  einen  Punkt  die  ganze  Ebene 
lückenlos  bedeckt,  so  folgt  zugleich  aus  dem  vorigen,  daß  irgend  zwei 
Punkte  in  unserer  ebenen  Geometrie  stets  durch  eine  wahre  Gerade  ver- 
bunden werden  können. 

§  41. 

Wir  haben  nun  zu  zeigen,  daß  die  Kongruenzaxiome  in  unserer  ebenen 
Geometrie  gültig  sind. 

Zu  dem  Zwecke  wählen  wir  einen  bestimmten  wahren  Kreis  x  aus 
und  führen  für  die  Punkte  desselben  nach  §  18  die  Parameterdarstellung 
durch  den  Winkel  o  ein:  dann  wird,  wenn  a  die  Werte  0  bis  2ic  erhält, 
der  wahre  Kreis  in  einem  bestimmten  Sinne  durchlaufen.  Aus  dieser 
Einführung  folgt  für  jeden  anderen  mit  %  kongruenten  Kreis  ebenfalls 
ein  bestimmter  Umlaufssinn,  nämlich  derjenige,  der  sich  ergibt,  wenn 
wir  den  Mittelpunkt  des  Kreises  ?c  nach  §  22  durch  zwei  hintereinander 
angewandte  Drehungen  mit  dem  Mittelpunkt  des  vorgelegten  Kreises  zur 
Deckung  bringen.  Da  es  im  Hinblick  auf  den  zu  Anfang  dieser  Ab- 
handlung definierten  Begriff  der  Bewegung  nicht  möglich  ist,  den  ur- 
sprünglichen Kreis  n  mit  sich  selbst  im  umgekehrten  Umlaufssinn  zur 
Deckung  zu  bringen,  so  existiert  in  der  Tat  für  jeden  Kreis  ein  be- 
stimmter Umlaufssinn. 

Jetzt  nehmen  wir  zwei  von  einem  Punkte  M  ausgehende  Halbgeraden, 
die  nicht  beide  zusammen  eine  wahre  Gerade  ausmachen,  schlagen  um  M 
einen  zu  %  kongruenten  Kreis  und  fixieren  dasjenige  von  den  Halbgeraden 
ausgeschnittene  Stück  dieses  Kreises,  welches  einem  unterhalb  der  Zahl  % 
liegenden  Parameterintervall  entspricht.  Der  festgesetzte  Umlaufssinn  führt 
dann  innerhalb  des  fixierten  Kreisbogenstückes  von  einer  der  beiden  Halb- 
geraden zu  der  anderen  Halbgeraden:  wir  bezeichnen  die  erstere  Halb- 
geraden als  den  rechten,  die  letztere  Halbgerade  als  den  linken  Schenkel 
des  Winkels  zwischen  beiden  Halbgeraden,  während  das  Parameterintervall 
(<  ■£)  selbst  das  Maß  für  diesen  Winkel  abgibt.     Aus  unserem  Begriffe 


Anhang  IV:    Grundlagen  der  Geometrie.  161 

der  Bewegung  folgt  dann  der   erste  Kongruenzsatz  für  zwei  Dreiecke  in 
folgender  Gestalt: 

Wenn  für  zwei  Dreiecke  ABC  und  ÄB'C  die  Kongruenzen 
AB  =  ÄB\  AC  =  ÄCr,      ^LBAC  =  ^B'ÄCr 
gelten,  ivenn  ferner  AB  bez.  AB'  die  rechten,   AC  bez.  A'C  die  linken 
Schenkel   der    Winkel   BAC  bez.   B'ÄC   sind,    so  gelten  stets  auch  die 
Kongruenzen 

^ABG  =  ^A'B'C'    und    ^AGB  =  ^iÄC'B'} 
BC^B'C. 

§  42. 

Nachdem  in  §§  30 — 40  die  wahre  Gerade  definiert  und  ihre  Eigen- 
schaften abgeleitet  worden  sind,   haben  wir  zwei  Fälle  zu  unterscheiden: 

Erstens  nehmen  wir  an,  daß  es  durch  einen  Punkt  nur  eine  Gerade 
gibt,  die  eine  gegebene  Gerade  nicht  schneidet  (Parallelenaxiom).  Für 
unsere  Ebene  gelten  dann  die  sämtlichen  ebenen  Axiome,  die  ich  in 
meiner  Festschrift  über  die  Grundlagen  der  Geometrie  (Kap.  I)  aufgestellt 
habe,  nur  daß  das  Kongruenzaxiom  IV,  6  dort  in  der  yorhin  in  §  41 
aufgestellten  engeren  Fassung  zu  nehmen  ist.  Auch  bei  dieser  engeren 
Fassung  des  letzten  Kongruenzaxioms  folgt  mit  Notwendigkeit  die 
Euklidische  ebene  Geometrie  (vgl.  Anhang  II  S.  92 — S.  95). 

Zweitens  nehmen  wir  an,  daß  es  durch  jeden  Punkt  A  zwei  Halb- 
gerade gibt,  die  nicht  zusammen  ein  und  dieselbe  Gerade  ausmachen, 
und  die  eine  gegebene  Gerade  g  nicht  schneiden,  während  jede  in  dem 
durch  sie  gebildeten  Winkelraum  gelegene  von  A  ausgehende  Halbgerade 
die  Gerade  g  schneidet;  dabei  liege  A  außerhalb  g. 

Mit  Hilfe  der  Stetigkeit  folgt  dann  leicht,  daß  auch  umgekehrt  zu 
irgend  zwei  von  einem  Punkte  A  ausgehenden  Halbgeraden,  die  nicht  zu- 
sammen ein  und  dieselbe  Gerade  ausmachen,  stets  eine  bestimmte  Gerade  g 
gehört,  die  jene  beiden  Halbgeraden  nicht  schneidet,  dagegen  von  jeder 
anderen  Halbgeraden  getroffen  wird,  die  von  A  ausgeht  und  in  dem 
Winkelraum  zwischen  den  beiden  gegebenen  Halbgeraden  verläuft.  Unter 
diesen  Umständen  folgt  dann  die  Bolyai-Lobatschefskysche  ebene  Geo- 
metrie, auch  wenn  wir  das  Kongruenzaxiom  IV,  6  in  der  vorhin  auf- 
gestellten engeren  Fassung  zu  Grunde  legen,  wie  sich  dies  mit  Hilfe 
meiner  „Enden"- Rechnung1)  zeigen  läßt. 

1)  Vgl.  meine  Abhandlung:  Neue  Begründung  der  Bolyai-Lobatschefskyschen 
Geometrie,  Anhang  ÖL  Das  dort  eingeschlagene  Beweisverfahren  ist  für  den  gegen- 
wärtigen Zweck  in  geeigneter  Weise  abzuändern,  so  daß  die  Stetigkeit  herangezogen, 
dagegen   die  Anwendung  des   Satzes  von  der  Gleichheit  der  Basiswinkel  im  gleich- 

Hilbert,  Grundlagen  der  Geometrie.  11 


162  Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung. 

Zum  Schlüsse  möchte  ich  auf  den  charakteristischen  Unterschied  hin- 
weisen, der  uns  entgegentritt,  wenn  wir  die  vorstehende  Begründung  der 
Geometrie  mit  derjenigen  vergleichen,  die  ich  in  meiner  Festschrift  „Grund- 
lagen der  Geometrie"  zu  geben  versucht  habe.  In  dieser  Festschrift  ist 
eine  solche  Anordnung  der  Axiome  befolgt  worden,  wobei  die  Stetigkeit 
hinter  allen  übrigen  Axiomen  an  letzter  Stelle  gefordert  wird,  so  daß 
dann  naturgemäß  die  Frage  in  den  Vordergrund  tritt,  inwieweit  die  be- 
kannten Sätze  und  Schlußweisen  der  elementaren  Geometrie  von  der 
Forderung  der  Stetigkeit  unabhängig  sind.  In  der  vorstehenden  Unter- 
suchung dagegen  wird  die  Stetigkeit  vor  allen  übrigen  Axiomen  an  erster 
Stelle  durch  die  Definition  der  Ebene  und  der  Bewegung  gefordert,  so  daß 
hier  vielmehr  die  wichtigste  Aufgabe  darin  bestand,  das  geringste  Maß 
von  Forderungen  zu  ermitteln,  um  aus  demselben  unter  weitester  Be- 
nutzung der  Stetigkeit  die  elementaren  Gebilde  der  Geometrie  (Kreis  und 
Gerade)  und  ihre  zum  Aufbau  der  Geometrie  notwendigen  Eigenschaften 
gewinnen  zu  können.  In  der  Tat  hat  die  vorstehende  Untersuchung  ge- 
zeigt, daß  hierzu  die  in  den  obigen  Axiomen  I — III  ausgesprochenen 
Forderungen  hinreichend  sind. 

Göttingen,  den  10.  Mai  1902. 


Anhang  V. 
Über  Flächen  von  konstanter  Granßscher  Krümmung1). 

Über  Flächen  von  negativer  konstanter  Krümmung. 

Nach  Beltrami2)  verwirklicht  eine  Fläche  von  negativer  konstanter 
Krümmung  ein  Stück  einer  L ob atschefsky sehen  (Nicht- Euklidischen) 
Ebene,  wenn  man  als  Geraden  der  Lob  atschefsky  sehen  Ebene  die  geodä- 
tischen Linien  der  Fläche  von  konstanter  Krümmung  betrachtet  und  als 
Längen  und  Winkel  in  der  Lobatschefskyschen  Ebene  die  wirklichen 
Längen  und  Winkel  auf  der  Fläche  nimmt.  Unter  den  bisher  unter- 
suchten Flächen  negativer  konstanter  Krümmung  finden  wir  keine,  die 
sich  stetig  und  mit  stetiger  Änderung  ihrer  Tangentialebene  in  der  Um- 
gebung jeder  Stelle  überallhin  ausdehnt;  vielmehr  besitzen  die  bekannten 


schenkligen  Dreiecke  vermieden  wird.  Um  die  Sätze  über  die  Addition  der  Enden 
(S.  115 — S.  117)  zu  gewinnen,  betrachten  wir  die  Addition  als  Grenzfall  einer  Drehung 
der  Ebene,  wenn  der  Drehpunkt  auf  einer  Geraden  ins  Unendliche  rückt. 

1)  Presented   to    the    Society,    October    27,    1900.      Received    for    publication 
October  9,  1900. 

2)  Giornale  di  Matematiche,  Bd.  6,  1868. 


Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung.  163 

Flächen  negativer  konstanter  Krümmung  singulare  Linien,  über  die  hinaus 
eine  stetige  Fortsetzung  mit  stetiger  Änderung  der  Tangentialebene  nicht 
möglich  ist.  Aus  diesem  Grunde  gelingt  es  mittels  keiner  der  bisher 
bekannten  Flächen  negativer  konstanter  Krümmung,  die  ganze  Loba- 
tschefskysche  Ebene  zu  verwirklichen,  und  es  erscheint  uns  die  Frage 
von  prinzipiellem  Interesse,  ob  die  ganze  Lobatschefskysche  Ebene 
überhaupt  nicht  durch  eine  analytische1)  Fläche  negativer  konstanter  Krüm- 
mung auf  die  Beltramische  Weise  zur  Darstellung  gebracht  werden  kann. 

Um  diese  Frage  zu  beantworten,  gehen  wir  von  der  Annahme  einer 
analytischen  Fläche  der  negativen  konstanten  Krümmung  —  1  aus,  die 
im  Endlichen  überall  sich  regulär  verhält  und  keine  singulären  Stellen 
aufweist;  wir  werden  dann  zeigen,  daß  diese  Annahme  auf  einen  Wider- 
spruch führt.  Eine  solche  Fläche,  wie  wir  sie  annehmen  wollen,  ist  durch 
folgende  Aussagen  vollständig  charakterisiert: 

Jede  im  Endlichen  gelegene  Verdichtungsstelle  von  Punkten 
der  Fläche  ist  ebenfalls  ein  Punkt  der  Fläche. 

Bedeutet  0  irgend  einen  Punkt  der  Fläche,  so  ist  es  stets 
möglich,  die  rechtwinkligen  Koordinatenaxen  x,y,z  so  zu  legen, 
daß  0  der  Anfangspunkt  des  Koordinatensystems  wird  und  die 
Gleichung  der  Fläche  in  der  Umgebung  dieses  Punktes  0  wie 
folgt  lautet: 

(1)  8  -  ax2  +  by2  +  ^  (x,  y), 

wo  die  Konstanten  a,  b  die  Relation 

4a&—  1 
befriedigen  und  die  Potenzreihe  ^  (x,  y)  nur  Glieder  dritter 
oder  höherer  Dimension  in  x,  y  enthält.  Offenbar  ist  dann  die 
0-Achse  die  Normale  der  Fläche  und  die  x-  und  «/-Achse  geben 
die  Richtungen  an,  die  durch  die  Hauptkrümmungen  der  Fläche 
bestimmt  sind. 

Die  Gleichung 

ax2  -f  by2  =  0 

bestimmt  die  beiden  Haupttangenten  der  Fläche  durch  den  Punkt  0  in 
der  xy- Ebene;  dieselben  sind  daher  stets  voneinander  getrennt  und  geben 


1)  Der  leichteren  Ausdrucksweise  wegen  setze  ich  hier  für  die  zu  betrachtende 
Fläche  analytischen  Charakter  voraus,  obwohl  die  Beweisführung  und  das  erlangte 
Resultat  (vgl.  S.  172)  gültig  bleiben,  wenn  in  Gleichung  (1)  ^(x,y)  eine  genügend 
oft  differentierbare  nicht  analytische  Funktion  von  x,y  bedeutet.  Daß  es  tatsächlich 
reguläre  und  nicht  analytische  Flächen  von  konstanter  negativer  Krümmung  gibt,  hat 
auf  meine  Anregung  hin  G.  Lütkemeyer  in  seiner  Inauguraldissertation:  Über  den 
analytischen  Charakter  der  Integrale  von  partiellen  Differentialgleichungen,  Göttingen 
1902,  bewiesen. 

11* 


164 


Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung. 


die  Richtungen  an,  in  denen  die  beiden  Asymptotenkurven  der  Fläche 
durch  den  beliebigen  Punkt  0  verlaufen.  Jede  dieser  Asymptotenkurven 
gehört  einer  einfachen  Schar  von  Asymptotenkurven  an,  die  die  ganze 
Umgebung  des  Punktes  0  auf  der  Fläche  regulär  und  lückenlos  über- 
decken. Verstehen  wir  daher  unter  u,  v  genügend  kleine  Werte,  so  können 
wir  gewiß  folgende  Konstruktion  ausführen.  Wir  tragen  auf  einer  der 
beiden  durch  0  gehenden  Asymptotenkurven  den  Parameterwert  u  von  0 
als  Länge  ab,  ziehen  durch  den  erhaltenen  Endpunkt  die  andere  mögliche 
Asymptotenkurve  und  tragen  auf  dieser  den  Parameterwert  v  als  Länge  ab: 
der  nun  erhaltene  Endpunkt  ist  ein  Punkt  der  Fläche,  der  durch  die 
Parameterwerte  u,  v  eindeutig  bestimmt  ist.  Fassen  wir  demgemäß  die 
rechtwinkligen  Koordinaten  x,  y,  z  der  Fläche  als  Funktionen  von  u,  v 
auf,  indem  wir  setzen: 

(1)  x  =  x(u,v),     y  =  y(u,v),     z  =  z(u,v), 

so  sind  diese  jedenfalls  für  genügend  kleine  Werte  von  u,  v  reguläre 
analytische  Funktionen  von  u,  v. 

Die  bekannte  Theorie  der  Flächen  von  der  konstanten  Krümmung  —  1 
liefert  uns  ferner  die  folgenden  Tatsachen: 

Bedeutet  <p  den  Winkel  zwischen  den  beiden  Asymptotenkurven  durch 

den    Punkt    u,  v,    so    erhalten    die    drei    Fundamentalgrößen    der   Fläche 

die  Werte:  ,~  ,,       /0  .  ,       ,*-, 

'dx\*  ,    fdy\    ,    /dzy 


r dx_dx       dy  dy    .   dz  dz 

'        du  dv        du  ov        dudv 


COS  €p 


fiy 


dz' 


f-tö>-®+®-i 


und  mithin  wird  das  Quadrat  der  Ableitung  der  Bogenlänge  einer  be- 
liebigen Kurve  auf  der  Fläche  nach  einem 
Parameter  t  von  der  Form: 


(2)  y ={dd+2cos<pdi-dt-+{di)  • 

Der  Winkel  <p  genügt  als  Funktion  von  u,  v 
der  partiellen  Differentialgleichung 

(3)  iürt,  =  *m<P 


dudv 
Die  Formeln  (2)  und  (3)  beweisen  den  bekannten  Satz:1) 

1)  Dini,  Annali  di  Mathematica,  Bd.  4,  1870,  S.  175.  Darboux,  Lecons  sur  la 
theorie  generale  des  surfaces,  Bd.  3,  Nr.  773.  Bianchi,  Lezioni  di  geometria  dif- 
ferenziale,  §  67. 


Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung.  165 

In  jedem  Vierecke,  das  von  vier  Asymptotenkurven  unserer 
Fläche  gebildet  wird,   sind  die  gegenüberliegenden  Bogen  ein- 
ander gleich. 
Die  Formel  (3)   gestattet  die  Berechnung  des  Flächeninhaltes   eines 
von    Asymptotenkurven     gebildeten    Viereckes     mittels     seiner    Winkel; 
Darboux1)  ist  auf  diesem  Wege  zu  dem  folgenden  Satze  gelangt: 

Der  Flächeninhalt  eines  aus  Asymptotenkurven  gebildeten 
Viereckes  auf  unserer  Fläche  ist  gleich  der  Summe  der  Winkel 
des  Viereckes  vermindert  um  2jr. 
Die   Formeln  (1)   liefern    eine   Parameterdarstellung   unserer   Fläche, 
bei  welcher  die  Koordinatenlinien 

u  =  const . ,     v  — ■  const . 

die  Asymptotenkurven  sind.  Nach  den  obigen  Ausführungen  erweisen 
sich  die  rechtwinkligen  Koordinaten  x,  y,  z  gewiß  für  genügend  kleine 
Werte  von  u,  v  als  umkehrbar  eindeutige  Funktionen  der  Variabein  u,  v 
d.  h.  die  Formeln  (1)  vermitteln  jedenfalls  die  umkehrbar  eindeutige  Ab- 
bildung eines  Stückes  der  wv-Ebene  in  der  Umgebung  des  Punktes  u  =  0, 
i)  =  0  auf  ein  Stück  unserer  Fläche  in  der  Umgebung  des  Punktes  0. 
Unsere  Aufgabe  besteht  darin,  die  gesamte  Abbildung  der  uv- Ebene  auf 
unsere  Fläche  zu  untersuchen,  welche  durch  die  analytische  Fortsetzung 
der  Formeln  (1)  erhalten  wird. 

Fassen  wir  irgend  eine  Asymptotenkurve  unserer  Fläche  ins  Auge, 
so  erkennen  wir  sofort,  daß  dieselbe  im  Endlichen  keinen  singulären 
Punkt  haben  und  daher  auch  nirgends  aufhören  darf;  denn  bei  Amiahme 
einer  solchen  singulären  Stelle  könnten  wir  in  dieselbe  den  Punkt  0  ver- 
legen und  dies  gäbe  einen  Widerspruch  mit  unseren  früheren  Aus- 
führungen, wonach  durch  0  stets  zwei  reguläre  Asymptotenkurven  hin- 
durchlaufen und  eine  genügend  kleine  Umgebung  des  Punktes  0  auf 
unserer  Fläche  durch  regulär  verlaufende  Asymptotenkurven  lückenlos 
erfüllt  wird. 

Aus  diesem  Umstände  entnehmen  wir  die  analytische  Tatsache,  daß 
die  Funktionen  x,  y,  z  für  alle  rellen  u,  v  eindeutig  und  unbegrenzt  fort- 
setzbar sind.  Um  dies  sicher  zu  erkennen,  tragen  wir  vom  Punkte  0 
aus  auf  der  Asymptotenkurve  v  =  0  die  Länge  u  nach  der  einen  oder 
anderen  Richtung,  jenachdem  u  positiv  oder  negativ  ist,  ab,  ziehen 
durch  den  erhaltenen  Endpunkt  die  andere  Asymptotenkurve,  tragen  dann 
auf  dieser  die  Länge  v  nach  der  einen   oder   anderen  Richtung   hin,  je- 


1)  loc.  cit.,  Bd.  3,  Nr.  773. 


166  Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung. 

nachdem  v  positiv  oder  negativ  ausfällt,  ab  und  erteilen  endlich  dem  so 
erhaltenen  Endpunkte,  der  die  rechtwinkligen  Koordinaten  x,  yy  g  haben 
möge,  die  Parameterwerte  u,  v.  Auf  diese  Weise  ist  jedem  Punkte  der 
uv- Ebene  jedenfalls  ein  bestimmter  Punkt  unserer  Fläche  zugeordnet 
und  die  Funktionen  x,y,z,  die  diese  Zuordnung  vermitteln,  sind  ein- 
deutige für  alle  reellen  Variabein  u,  v  definierte  und  reguläre  analytische 
Funktionen. 

Auch  zeigt  sich  sofort,  daß  umgekehrt  jedem  Punkte  unserer  Fläche 
mindestens  ein  Wertepaar  u,  v  entspricht.  Um  dies  einzusehen,  bezeichnen 
wir  diejenigen  Punkte,  deren  Koordinaten  durch  Funktionswerte 

x  (u,  v),     y(u,v),     z(u,v) 

dargestellt  werden,  mit  P,  dagegen  die  Punkte  der  Fläche,  die  durch 
unsere  Abbildung  nicht  betroffen  werden,  mit  Q.  Würden  nun  im 
Endlichen  ein  oder  mehrere  Punkte  Q  vorhanden  sein,  so  müßte  es  gewiß 
mindestens  einen  Punkt  A  auf  der  Fläche  geben,  in  dessen  beliebiger 
Nähe  sowohl  Punkte  P  als  auch  Punkte   Q  gelegen  sind. 

Nach  den  früheren  Ausführungen  existieren  nun  für  die  Umgebung 
des  Punktes  A  zwei  Scharen  von  Asymptotenkurven,  deren  jede  diese 
Umgebung  einfach  und  lückenlos  überdeckt.  Unter  diesen  Asymptoten- 
kurven muß  notwendig  mindestens  eine  solche  vorhanden  sein,  die  sowohl 
einen  Punkt  P  als  auch  einen  Punkt  Q  enthält.  In  der  Tat,  fassen  wir 
eine  der  beiden  durch  A  hindurchgehenden  Asymptotenkurven  ins  Auge 
und  nehmen  wir  an,  dieselbe  bestände  aus  lauter  Punkten  P  (bez.  Q), 
so  würden  die  Asymptotenkurven  derjenigen  Schar,  zu  welcher  jene  erstere 
Asymptotenkurve  nicht  gehört,  mindestens  je  einen  Punkt  P  (bez.  Q) 
nämlich  den  Schnittpunkt  mit  der  ersteren  Asymptotenkurve  enthalten. 
Die  sämtlichen  Kurven  dieser  Schar  können  aber  gewiß  nicht  aus  lauter 
Punkten  P  (bez.  Q)  bestehen,  da  sonst  die  ganze  Umgebung  von  A  nur 
Punkte  P  (bez.  Q)  enthielte. 

Es  sei  nun  l  die  Länge  eines  Stückes  einer  Asymptotenkurve,  deren 
Anfangspunkt  ein  Punkt  P  und  deren  Endpunkt  ein  Punkt  Q  sein  möge. 
Fassen  wir  die  beiden  durch  den  Anfangspunkt  P  laufenden  Asymptoten- 
kurven der  Fläche  ins  Auge,  so  ist  jenes  Stück  von  der  Länge  l  not- 
wendig die  Fortsetzung  einer  dieser  beiden  Asymptotenkurven,  und  wenn 
daher  u,  v  die  Koordinaten  des  Anfangspunktes  P  sind,  so  wird  der 
Endpunkt  jenes  Kurvenstückes  entweder  durch  die  Parameterwerte  u  +  l,  v 
oder  u,v  +  1  dargestellt  —  entgegen  unserer  Annahme,  derzufolge  der 
Endpunkt  Q  nicht  durch  die  Formeln  (1)  darstellbar  sein  sollte. 

Damit  ist  bewiesen  worden,  daß  durch  die  Formeln  (1)  die  ganze  Fläche 
zur  Darstellung  gebracht  wird,  wenn  u,  v  alle  reellen  Zahlenwerte  durchläuft. 


Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung.  167 

Endlich  ist  es  für  unsere  Untersuchung  notwendig,  einzusehen,  daß 
die  Formeln  (1)  jeden  Punkt  der  Fläche  nur  durch  ein  Wertepaar  u,  v 
darstellen,  d.  h.  daß  die  gefundene  Abbildung  unserer  Fläche  auf 
die  uv -Ebene  nicht  bloß  für  genügend  kleine  Gebiete,  sondern  im  ganzen 
genommen  eine  umkehrbar-eindeutige  sein  muß. 

Wir  beweisen  zu  dem  Zwecke  der  Reihe  nach  folgende  Sätze: 

1.  Es  gibt  auf  unserer  Fläche  Iceine  geschlossene,  d.  h.  in  sich  zurück- 
kehrende Asymptotenkurve. 

Zum  Beweise  nehmen  wir  im  Gegenteil  an,  es  sei  eine  solche 
Asymptotenkurve  auf  unserer  Fläche  vorhanden.  Wir  konstruieren  durch 
jeden  Punkt  derselben  die  andere  Asymptotenkurve  und  tragen  auf  diesen 
Kurven  stets  ein  Stück  s  nach  derselben 
Seite  ab.  Die  erhaltenen  Endpunkte 
werden  dann  entweder  eine  in  sich  zu- 
rücklaufende Asymptotenkurve  bilden, 
oder  die  Endpunkte  des  Stückes  s  be- 
schreiben erst  nach  zweimaligem  Durch- 
laufen der  Grundkurve  eine  in  sich  zu- 
rückkehrende Asymptotenkurve  —  ein 
Fall,  der  eintreten  könnte,  wenn  unsere  Fläche  eine  sogenannte  Doppel- 
fläche wäre.  Fassen  wir  nun  eine  derjenigen  Asymptotenkurven  von  der 
Länge  s  ins  Auge,  die  uns  vorhin  zur  Konstruktion  der  neuen  geschlossenen 
Asymptotenkurve  dienten,  so  bildet  dieselbe  doppelt  gerechnet  zusammen 
mit  den  beiden  geschlossenen  Asymptotenkurven  ein  Asymptotenviereck, 
dessen  Winkelsumme  offenbar  genau  gleich  2x  ist.  Diese  Tatsache  aber 
steht  im  Widerspruch  zu  dem  vorhin  angeführten  Satze^  wonach  der 
Inhalt  eines  Asymptotenkurvenvierecks  stets  gleich  dem  Überschuß  der 
Summe  seiner  Winkel  über  2n  ist  und  dieser  Überschuß  daher  notwendig 
positiv  sein  muß. 

2.  Irgend  zwei  durch  einen  Punkt  gehende  Asymptotenkurven  schneiden 
sich  in  keinem  anderen  Punkte  unserer  Fläche. 

Wir  denken  uns  eine  Asymptotenkurve  a  nach  beiden  Richtungen 
hin  ins  Unendliche  verlängert  und  dann  durch  einen  Punkt  P0  derselben 
nach  einer  Seite  die  andere  Asymptotenkurve  b  gezogen.  Nehmen  wir 
dann  im  Gegensatz  zu  unserer  Behauptung  an,  daß  diese  Asymptoten- 
kurve b  die  ursprüngliche  a  zum  erstenmal  im  Punkt  Pt  schnitte,  so 
sind  die  folgenden  zwei  Fälle  denkbar: 

Fastens:  die  Asymptotenkurve  b  könnte  so  verlaufen,  daß  sie  in  Px 
von  derselben  Seite  der  Asymptotenkurve  a  her  eintritt,    als  sie  dieselbe 

verlassen  hat; 

Zweitens:   die  Asymptotenkurve  b   könnte    derart  verlaufen,    daß  sie 


168  Anhang  V:   Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung. 

von  der  anderen  Seite  der  ursprünglichen  Asymptotenkurve  a  herkommt 
und  mithin  nach  Verlassen  des  Schnittpunktes  Px  nach  der  nämlichen 
Seite  der  Asymptotenkurve  a  gerichtet  ist,  wie  anfänglich,  als  sie  vom 
Punkte  P0  ausging. 

Wir  wollen  zeigen,  daß  beide  Fälle  unmöglich  sind.  Was  den  ersten 
Fall  betrifft,  so  bezeichnen  wir  die  Länge  der  Strecke  PQP1  auf  a  mit  l 
und  die  Mitte  dieser  Strecke  mit  Q.  Sodann  denken  wir  uns  durch  jeden 
Punkt  der  Asymptotenkurve  a  die  andere  Asymptotenkurve  gezogen  und 
nach  der  Seite,  nach  welcher  hin  die  fragliche  Strecke  P0P1  auf  b  liegt, 
die  Länge  \l  abgetragen.     Aus    den   Punkten    P0    und   Px    der   Kurve  a 

erhalten  wir  auf  diese 
Weise  den  nämlichen 
Punkt  Q  als  Endpunkt. 
Die  sämtlichen  erhaltenen 
Endpunkte  bilden  mithin 
eine  Asymptotenkurve, 
welche  durch  den  Punkt 
Q  geht  und  zu  demselben 
Punkte  Q  mit  der  näm- 
lichen Tangente  zurück- 
kehrt. Dies  ist  unmöglich,  da  es  nach  1.  auf  unserer  Fläche  keine  ge- 
schlossene Asymptotenkurve  gibt. 

Damit  ist  gezeigt,  daß  der  erste  Fall  nicht  stattfinden  kann.  Aber 
auch  der  zweite  Fall  ist  unmöglich.  Verliefe  nämlich  die  Asymptoten- 
kurve in  der  Weise,  daß  sie  nach  Überschreitung  des  Schnittpunktes  P± 
die  nämliche  Richtung  aufweist,  wie  früher  in  P0,  so  könnten  wir  die 
Fortsetzung  dieses  Stückes  P0Pt  der  Asymptotenkurve  b  über  Px  hinaus 
offenbar  dadurch  erhalten,  daß  wir  von  P0  ausgehend  durch  jeden  Punkt 
des  Stückes  P0Pt  von  b  die  andere  Asymptotenkurve  konstruieren  und 
auf  allen  diesen  Asymptotenkurven  nach  der  betreffenden  Seite  hin  das 
gleiche  Stück  P0P±  der  Asymptotenkurve  a  abtragen.  Die  erhaltenen  End- 
punkte bilden  die  Fortsetzung  der  Asymptotenkurve  b  von  Px  bis  zu  einem 
Punkte  P2  auf  a.  Aus  diesem  Stücke  Pt  P2  der  Asymptotenkurve  b  können 
wir  in  gleicher  Weise  ein  neues  Stück  der  Asymptotenkurve  b  konstruieren, 
welches  über  P2  hinausgeht  und  bis  zu  einem  Punkte  P3  auf  a  reicht  u.  s.  f. 
Auch  ist  klar,  wie  wir  die  Asymptotenkurve  b  nach  der  anderen  Richtung 
hin  über  P0  hinaus  durch  die  entsprechende  Konstruktion  fortsetzen  können 
und  so  der  Reihe  nach  zu  den  Kurvenstücken  P0P_1}  P_XP_2>  .  .  .  ge- 
langen. Die  Asymptotenkurve  b  schneidet  also  die  Asymptotenkurve  a  in 
den  unendlich  vielen  gleichweit  voneinander  entfernten  Punkten: 


Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung.  169 


P        P        P        V     V     V     V 

\ 


Die  Winkel,  die  die  Asymptotenkurve  b  mit  a  in  bestimmtem  Sinne  in 
jenen  Schnittpunkten  bildet,  bezeichnen  wir  bez.  mit 

•  •  •  a-3>  a-2>  a-D  aof  ai>  a%i  azt  •  •  • 
Wir    betrachten    nun    das    Asymptotenkurven viereck    P0  Pt  Pa  Pt  P0, 
welches  von  den   Stücken  PQPX  auf  a,    PtP2  auf  b,   P2PX  auf  a,   P^q 
auf  b  gebildet  wird.     Die  vier  Winkel  dieses  Vierecks  sind 

und  da  nach  dem  angeführten  Satze  über  das  Asymptotenkurvenviereck 
der  Inhalt  desselben  gleich  dem  Überschuß  der  Summe  seiner  Winkel 
über  2 n  ist  und  dieser  Überschuß  daher  positiv  sein  muß,  so  folgt 

a0  +  %  —  ax  +  a2  +  n  —  at  >  2n, 
d.  h. 

(4)  a0  —  ax  >  at  —  a2 . 
Ebenso  folgt  allgemein 

(5)  <h-ük+i><H+i-<h+i>     (*— 0,  ±1,  ±2,...). 

Wegen  der  obigen  Ungleichung  (4)  können  jedenfalls  ct0  —  at  und  ax  —  a2 
nicht  zugleich  0  sein;  wir  dürfen  die  Annahme 

a0  -  «j  4=  0 
treffen.     Aus  (5)  folgen  die  Ungleichungen: 


Op-1,2,3,...). 


(6)  a-p  -  a-p+i  >  %  ~  ai 
und  a0  —  ax  >  ap  —  ap+l 
oder 

(7)  ap+1  —  %      >a1-a0 

Bilden  wir  die  Ungleichungen  (6)  und  (7)  für  p  =  1,  2,  3  ... ,  n,  so  folgt 
durch  Addition  derselben  leicht 


170  Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung. 

Fällt  nun  a0  —  ax  >  0  aus,  so  ist  für  genügend  große  Werte  von  n  jeden- 
falls die  erstere  dieser  beiden  Gleichungen  unmöglich,  da  die  Winkel  ak 
sämtlich  kleiner  als  jz  sind;  fällt  dagegen  a1  —  a0  >  0  aus;  so  folgt  aus 
demselben  Grunde  für  genügend  große  Werte  von  n  die  Unmöglichkeit 
der  letzteren  Gleichung. 

Die  Asymptotenkurve  b  darf  daher  auf  keine  der  beiden  angenommenen 
Arten  verlaufen  und  mithin  ist  der  Beweis  für  2.  vollständig  erbracht. 

3.  Eine  Asymptotenkurve  unserer  Fläche  durchsetzt  sich  selbst  an  keiner 
Stelle,  d.  h.  sie  besitzt  keinen  Doppelpunkt. 

Zum  Beweise  nehmen  wir  im  Gegenteil  an,  es  existiere  eine  Asymp- 
totenkurve mit  einem  Doppelpunkt;  dann  verlegen  wir  den  Anfangspunkt 
der  krummlinigen  Koordinaten  u,  v  in  diesen  Doppelpunkt  und  wählen 
die  beiden  Zweige  der  Kurvenschleife  zu  Koordinatenlinien,  nach  der 
Schleife  hin  den  positiven  Sinn  gerechnet. 

Wir  ziehen  jetzt  vom  Punkte  (—  s,  0)  beginnend  auf  der  u- Koordinaten- 
linie durch  jeden  Punkt  derselben  die  andere  Asymptotenkurve  und  tragen 
auf  dieser  nach  der  positiven  Seite  hin  eine  Strecke  s  ab:  wählen  wir  diese 

Strecke  s  genügend  klein,  so 
werden  die  sämtlichen  erhalte- 
nen Endpunkte  nach  einem  oben 
j  /         yS  X  \      angeführten    Satze     über     das 

e  c  /  /        /  i  I      Asymptotenkurvenviereck  wie- 

derum    eine   Asymptotenkurve 

—8,0  «s,,^  *5Z  _     T*"""4 — " "^         J       bilden.  Diese  Asymptotenkurve 

W^V  ^s  geht  vom  Punkte  (—  s,  s)  aus, 

läuft  durch  den  Punkt  (s,  s) 
und  endigt  im  Punkte  (s,  0) 
bez.  (—  s,  0),  durchsetzt  sich  daher  selbst  in  (s,  s)  bez.  (—  s,  s).  Wir  sehen 
also,  daß  die  soeben  konstruierte  Asymptotenkurve  die  ursprüngliche 
Asymptotenkurve  in  zwei  verschiedenen  Punkten  (0,s)  und  (s,0)  bez.  (0,s) 
und  (—  s,  0)  schneidet;  dies  ist  nach  2.  unmöglich. 

4.  Wenn  wir  durch  jeden  Punkt  einer  Asymptotenkurve  a  die  andere 
Asymptotenkurve  ziehen  und  auf  dieser  nach  der  nämlichen  Seite  hin  eine 
bestimmte  Strecke  s  abtragen,  so  bilden  die  erhaltenen  Endpunkte  eine  neue 

Asymptotenkurve  b,  die  die  ursprüng- 
liche Asymptotenkurve  a  an  keiner 
Stelle  schneidet. 

Denn  wäre  P  ein  Schnittpunkt 
-2/\^  "*  J     der    Asymptotenkurve    b    mit    der 

ursprünglichen  a,  und  tragen  wir 
der   im    Satze    angegebenen    Kon- 


Anhang  V:   Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung.  171 

struktion  zufolge  von  P  aus  auf  der  Asymptotenkurve  b  die  Strecke  s 
nach  der  betreffenden  Seite  von  a  hin  ab,  so  bekommen  wir  einen  durch 
den  entstehenden  Endpunkt  Q  hindurchgehenden  Asymptotenkurvenzweig, 
der  ebenfalls  zur  Asymptotenkurve  b  gehören  müßte  und  andererseits  den 
anfangs  betrachteten  Zug  der  Kurve  b  in  Q  schneidet;  mithin  wäre  Q  ein 
Doppelpunkt  der  Asymptotenkurve  &;  das  Auftreten  eines  Doppelpunktes 
ist  aber  nach  3.  unmöglich. 

Aus  den  Sätzen  1.  bis  4.  können  wir  sofort  diese  Schlußfolgerungen  ziehen: 

Die  sämtlichen  Asymptotenkurven  unserer  Fläche  zerfallen  in  zivei 
Scharen.  Irgend  zwei  derselben  Schar  angehörende  Asymptotenkurven 
schneiden  sich  nicht;  dagegen  schneiden  sich  je  zwei  Asymptotenkurven,  die 
verschiedenen  Scharen  angehören,  stets  in  einem  und  nur  einem  Punkte 
der  Fläche. 

Die  Koordinatenlinien  u  =  0,  v  =  0  sind  zwei  Asymptotenkurven,  die 
verschiedenen  Scharen  angehören.  Wegen  der  Bedeutung  der  Koordi- 
naten u,  v  als  Längen  gewisser  Koordinatenabschnitte  entnehmen  wir  aus 
den  eben  ausgesprochenen  Tatsachen  zugleich,  daß  zu  bestimmt  ge- 
gebenen Werten  von  u,  v  stets  nur  ein  Punkt  unserer  Fläche  gehört 
d.  h.  die  zu  untersuchende  Abbildung  (1)  unserer  Fläche  auf  die  uv-Ebene 
ist  notwendig  eine  umkehrbar  eindeutige.  Insbesondere  folgt  hieraus,  daß 
unsere  Fläche  einen  einfachen  Zusammenhang  besitzt  und  keine  Doppel- 
fläche ist. 

Nachdem  wir  zu  dieser  wichtigen  Einsicht  gelangt  sind,  berechnen 
wir  den  gesamten  Inhalt  unserer  Fläche  auf  zwei  Wegen;  wir  werden 
dadurch  zu  einem  Widerspruch  gelangen. 

Der  erstere  Weg  ist  der  folgende.  Wir  betrachten  auf  unserer  Fläche 
dasjenige  aus  Asymptotenkurven  gebildete  Viereck,  dessen  Ecken  durch 
die  Koordinaten 

U,  V]      —  U,  V]      —  U,  —  V]      u,  —  v 

bestimmt  sind.  Da  jeder  Winkel  dieses  Vierecks  <  n  sein  muß,  so  ist 
die  Summe  der  Winkel  des  Vierecks  jedenfalls  <  4n  und  der  Inhalt  des 
Vierecks  d.  h.  der  Überschuß  der  Summe  seiner  Winkel  über  2n  ist 
mithin  notwendig  <C2ti.  Lassen  wir  nun  die  Werte  von  u,  v  unbegrenzt 
wachsen,  so  kommt  jeder  bestimmte  Punkt  der  Fläche  sicher  einmal  im 
Inneren  eines  Viereckes  zu  liegen  und  bleibt  dann  im  Inneren  aller 
weiteren  Vierecke,  so  daß  das  unbegrenzt  wachsende  Viereck  schließlich 
die  ganze  Oberfläche  umfaßt.  Wir  entnehmen  daraus,  daß  der  Gesamt- 
inhalt unserer  Fläche  <I  2  %  sein  muß. 

Andrerseits  betrachten  wir  die  geodätischen  Linien  auf  unserer  Fläche. 
Wegen    der   negativen   Krümmung   unserer   Fläche    ist    jede    geodätische 


172  Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung. 

Linie  zwischen  irgend  zweien  ihrer  Punkte  gewiß  kürzeste  Linie,  d.  h. 
von  kleinerer  Länge  als  jede  andere  Linie,  die  auf  der  Fläche  zwischen 
den  nämlichen  zwei  Punkten  verläuft  und  sich  durch  stetige  Änderung 
in  die  geodätische  Linie  überführen  läßt.  Wir  fassen  nun  irgend  zwei 
vom  Punkt  0  ausgehende  geodätische  Linien  auf  unserer  Fläche  ins  Auge 
und  nehmen  an,  dieselben  schnitten  sich  noch  in  einem  anderen  Punkt  P 
der  Fläche.  Da  nach  dem  oben  Bewiesenen  unsere  Fläche  einen  ein- 
fachen Zusammenhang  besitzt,  so  läßt  sich  jede  dieser  beiden  geodätischen 
Linien  OB  in  die  andere  durch  stetige  Veränderung  überführen;  es  müßte 
also  nach  dem  eben  Ausgeführten  jede  derselben  kürzer  sein  als  die  andere, 
was  nicht  möglich  ist.  Unsere  Annahme  der  Existenz  eines  Schnitt- 
punktes P  ist  also  zu  verwerfen.  Durch  die  nämlichen  Schlüsse  erkennen 
wir  auch,  daß  eine  geodätische  Linie  unserer  Fläche  weder  sich  durch- 
setzen noch  in  sich  selbst  zurücklaufen  darf. 

Denken  wir  uns  nun  auf  allen  von  0  ausgehenden  geodätischen 
Linien  die  gleiche  Länge  r  abgetragen,  so  bilden  die  erhaltenen  Endpunkte 
eine  geschlossene  doppelpunktslose  Kurve  auf  unserer  Fläche.  Das  von 
dieser  Kurve  umspannte  Gebiet  besitzt  nach  den  bekannten  Formeln  der 
Lobatschefskyschen  Geometrie  den  Flächeninhalt 


%  \e2  —  e  V 


Da  dieser  Ausdruck  für  unendlich  wachsende  Werte  von  r  selbst  über 
alle  Grenzen  wächst,  so  entnehmen  wir  hieraus,  daß  auch  der  Gesamt- 
inhalt unserer  Fläche  unendlich  groß  sein  müßte.  Diese  Folgerung  steht 
im  Widerspruch  mit  der  vorhin  bewiesenen  Tatsache,  wonach  jener  Inhalt 
stets  <[  2x  ausfallen  sollte.  Wir  sind  daher  gezwungen,  unsere  Grund- 
amiahme  zu  verwerfen,  d.  h.  wir  erkennen,  daß  es  eine  singularitätenfreie 
und  überall  regulär  analytische  Fläche  von  konstanter  negativer  Krümmung 
nicht  gibt.  Insbesondere  ist  daher  auch  die  zu  Anfang  aufgeworfene  Frage 
2U  verneinen,  ob  auf  die  Bei  tramische  Weise  die  ganze  hob  atschefsky  sehe 
Ebene  durch  eine  regulär  analytische1)  Fläche  im  Baume  sich  verwirk- 
lichen  läßt. 

Über  Flächen  von  positiver  konstanter  Krümmung1*). 

Wir  gingen  zu  Anfang  dieser  Untersuchung  aus  von  der  Frage  nach 
einer  Fläche  negativer  konstanten  Krümmung,  die  überall  im  End- 
lichen regulär  analytisch  verläuft,  und  gelangten  zu  dem  Resultate,    daß 


1)  Vgl.  die  Anmerkung  auf  S.  163. 

2)  Die  Frage   der  Verwirklichung   der   Nicht-Euklidischen    elliptischen   ebenen 
Geometrie  durch  die  Punkte  einer  überall  stetig  gekrümmten  Fläche  ist  auf  meine 


Anhang  V:  Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung.  173 

es  eine  solche  Fläche  nicht  gibt.  Wir  wollen  nunmehr  mittels  der  ent- 
sprechenden Methode  die  gleiche  Frage  für  positive  konstante  Krüm- 
mung behandeln.  Offenbar  ist  die  Kugel  eine  geschlossene  singularitäten- 
freie Fläche  positiver  konstanten  Krümmung,  und  nach  dem  von  H.  Lieb- 
mann1)  auf  meine  Anregung  hin  geführten  Beweise  gibt  es  auch  keine 
andere  geschlossene  Fläche  von  derselben  Eigenschaft.  Diese  Tatsache 
nun  wollen  wir  aus  einem  Satze  herleiten,  der  von  einem  beliebigen 
singularitätenfreien  Stücke  einer  Fläche  positiver  konstanten  Krümmung2) 
gilt  und  folgendermaßen  lautet: 

Auf  einer  Fläche  der  positiven  konstanten  Krümmung  -f  1  sei  ein 
singularitätenfreies  einfach  oder  mehrfach  zusammenhängendes  Gebiet  im 
Endlichen  abgegrenzt;  denken  wir  uns  dann  in  jedem  Punkte  dieses 
Gebietes  sowie  in  den  Randpunkten  desselben  die  beiden  Hauptkrümmungs- 
radien der  Fläche  konstruiert,  so  wird  das  Maximum  der  größeren  und 
folglich  auch  das  Minimum  der  kleineren  der  beiden  Hauptkrümmungs- 
radien  gewiß  in  keinem  Punkte  angenommen,  der  im  Inneren  des  Ge- 
bietes liegt  —  es  sei  denn  unsere  Fläche  ein  Stück  der  Kugel  mit  dem 
Radius  1. 

Zum  Beweise  bedenken  wir  zunächst,  daß  wegen  unserer  Voraus- 
setzung das  Produkt  der  beiden  Hauptkrümmungsradien  überall  =  1  und 
daher  der  größere  der  beiden  Hauptkrümmungsradien  stets  jj>  1  sein  muß. 
Aus  diesem  Grunde  ist  das  Maximum  der  größeren  Hauptkrümmungs- 
radien offenbar  nur  dann  =  1,  wenn  beide  Hauptkrümmungsradien  in 
jedem  Punkte  unseres  Flächenstückes  =  1  sind.  In  diesem  besonderen 
Falle  ist  jeder  Punkt  des  Flächenstückes  ein  Nabelpunkt,  und  man  schließt 
dann  leicht  in  der  bekannten  Weise,  daß  das  Flächenstück  ein  Stück  der 
Kugel  mit  dem  Radius  1  sein  muß. 

Nunmehr  sei  das  Maximum  der  größeren  der  beiden  Hauptkrümmungs- 
radien unserer  Fläche  >  1;  dann  nehmen  wir  im  Gegensatz  zu  der  Be- 
hauptung an,  es  gäbe  im  Inneren  des  Flächenstückes  einen  Punkt  0,  in 


Anregung  von  W.  Boy  untersucht  worden:  Über  die  Curvatura  integra  und  die 
Topologie  geschlossener  Flächen.  Inauguraldissertation,  Göttingen  1901  und  Math. 
Ann.  Bd.  57  1903.  W.  Boy  hat  in  dieser  Arbeit  eine  topologisch  sehr  interessante 
ganz  im  Endlichen  gelegene  einseitige  geschlossene  Fläche  angegeben,  die  abgesehen 
von  einer  geschlossenen  Doppelkurve  mit  dreifachem  Punkt,  in  welcher  sich  die 
Mäntel  der  Fläche  durchdringen,  keine  Singularität  aufweist  und  den  Zusammenhang 
der  Nicht-Euklidischen  elliptischen  Ebene  besitzt. 

1)  Göttinger  Nachrichten  1899,  S.  44.  Vgl.  ferner  die  interessanten  Arbeiten 
desselben  Yerfassars  in  Math.  Ann.  Bd.  53  und  Bd.  54. 

2)  Den  analytischen  Charakter  der  Flächen  konstanter  positiver  Krümmung 
nachzuweisen  ist  G.  Lütkemeyer  in  der  S.  163  genannten  Inauguraldissertation  und 
E.  Holmgren  in  den  Math.  Ann.  Bd.  57  gelungen. 


174  Anhang  V:   Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung. 

welchem  jenes  Maximum  stattfinde.  Da  dieser  Punkt  0  gewiß  kein 
Nabelpunkt  sein  kann  und  überdies  ein  regulärer  Punkt  unserer  Fläche 
ist,  so  wird  die  Umgebung  dieses  Punktes  lückenlos  und  einfach 
von  jeder  der  beiden  Scharen  von  Krümmungslinien  der  Fläche  be- 
deckt. Benutzen  wir  diese  Krümniungslinien  als  Koordinatenlinien  und 
den  Punkt  0  selbst  als  Anfangspunkt  des  krummlinigen  Koordinaten- 
systems, so  gelten  nach  der  bekannten  Theorie  der  Flächen  positiver  kon- 
stanter Krümmung  die  folgenden  Tatsachen1). 

Es  bedeute  rt  den  größeren  der  beiden  Hauptkrümmungsradien  für 
den  Punkt  (ti,  v)  in  der  Umgebung  des  Anfangspunktes  0  =  (0,  0);  es  ist 
in  dieser  Umgebung  rx  >  1.     Man  setze 

dann  genügt  die  positive  reelle  Größe  p  als  Funktion  von  u,  v  der 
partiellen  Differentialgleichung 

Da  bei  abnehmendem  t\  die  Funktion  p  notwendig  wächst,  so  muß  p 
als  Funktion  von  uf  v  an  der  Stelle  u  =  Q,  v  =  0  einen  Minimalwert 
aufweisen,  und  demnach  hat  die  Entwicklung  von  p  nach  Potenzen  der 
Variabein  u,  v  notwendig  die  Gestalt 

p  =  a  -f  «m2  +  2ßuv  +  yv2  -\ , 

wo  a,  a,  ß,  y  Konstante  bedeuten  und  dabei  die  quadratische  Form 

au2  +  2ßuv  -f  yv% 

für  reelle  u,  v  niemals  negative  Werte  annehmen  darf.  Aus  letzterem 
Umstände  folgen  für  die  Konstanten  a  und  y  notwendig  die  Un- 
gleichungen: 

(9)  «^0     und     y^O. 

Andererseits  wollen  wir  die  Entwicklung  für  p  in  die  Differential- 
gleichung (8)  einsetzen:  für  u  =  0,  v  =  0  erhalten  wir  dann 

-2<z_  Ja 


Da  die  Konstante  a  den  Wert  von  p  im  Punkte  0  =  (0,  0)  darstellt  und 
mithin  positiv  ausfällt,  so  ist  hier  der  Ausdruck  rechter  Hand  jeden- 
falls <  0;  die  letztere  Gleichung  führt  deshalb  zu  der  Ungleichung 

a  +  y<0, 

1)  Darboux,    Lecons    sur   la   theorie   generale   des    surfaces,    Bd.   3,    Nr.   776. 
Bianchi,  Lezioni  di  geometria  differenziale,  §  264. 


Anhang  V:   Flächen  von  konstanter  Gaußscher  Krümmung.  175 

welche  mit  den  Ungleichungen  (9)  in  Widerspruch  steht.  Damit  ist 
unsere  ursprüngliche  Annahme,  wonach  die  Stelle  des  Maximums  im 
Inneren  des  Flächen  Stückes  liege,  als  unzutreffend  und  mithin  der  oben 
aufgestellte  Satz  als  richtig  erkannt. 

Der  eben  bewiesene  Satz  lehrt  offenbar  folgende  Tatsache.  Wenn 
wir  aus  der  Kugeloberfläche  ein  beliebiges  Stück  ausgeschnitten  denken 
und  dann  dieses  Stück  beliebig  verbiegen,  so  findet  sich  das  Maximum 
aller  größeren  vorkommenden  Hauptkrümmungsradien  stets  auf  dem 
Rande  des  Flächenstückes.  Eine  geschlossene  Fläche  besitzt  keinen 
Rand  und  daraus  folgt,  wie  bereits  oben  bemerkt,  sofort  der  Satz,  daß 
eine  geschlossene  singularitätenfreie  FläcJie  mit  der  positiven  konstanten 
Krümmung  1  stets  die  Kugel  mit  dem  Radius  1  sein  muß.  Dieses 
Resultat  drückt  zugleich  aus,  daß  man  die  Kugel  als  Ganzes  nicht 
verbiegen  kann,  ohne  daß  auf  der  Fläche  irgendwo  eine  Singularität 
auftritt. 

Göttingen,  1900. 


Zum  Schlüsse  spreche  ich  meinem  Freunde  Hermann  Minkowski 
und  Dr.  Max  Dehn  für  ihre  Unterstützung  beim  Lesen  der  Korrektur 
und  die  empfangenen  mannigfachen  und  wertvollen  Ratschläge  meinen 
herzlichsten  Dank  aus. 

Göttingen,  August  1903. 


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